Der Trailer zum 35. Filmfest München: Don Quijote auf Koks

Durch die Luft fliegender Würfelzucker, optische Illusionen, Mushrooms, die in den Münchner Himmel wachsen und sich als gigantische Windräder entpuppen – der diesjährige Filmfesttrailer ist eine einzige Inszenierung von „Don Quijote auf Koks“. Wir freuen uns auf bewusstseinserweiternde, hypnotisierende und halluzinogene Filme. Notfalls setzten wir die Sonnenbrille auf und schauen uns die Welt schön.

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Das war die 2. Diagonale – Bildgewaltig

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Volle Kinosäle zu allen Uhrzeiten, für alle Genres, für konventionelle wie auch für sehr spezielle, selbst sperrige Filme. Ist es die spezielle Stimmung bei einem Festival, oder die Tatsache, dass die Filme höchstens zweimal gezeigt werden? Was zieht so viele Menschen in die Kinos, und wieso müssen, ausserhalb von Festivals, Kinos schliessen? Und zeigen die Zuschauerzahlen bei Festivals nicht auch, dass mehr Mut zu mehr Vielfalt in der Filmauswahl durchaus Aussicht auf Erfolg haben kann?

 

 

 

 

Eine sonnige, fröhliche Diagonale geht zu Ende, die Intendanten Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger, die man die gesamten Festivaltage hauptsächlich vorbeihuschen sieht, schlossen die Jubiläumsausgabe mit vielen Danksagungen und wurden unter stürmischem Applaus von der Bühne verabschiedet.

Ein bisschen unruhig geriet die Preisverleihung dann, weil ständig Zuschauer ihre Plätze verliessen um dann mit Getränken von der Bar zurückzukommen.Musikalisch wurden die einzelnen Preiskategorien angekündigt, und die Preise, neben Geldpreisen auch die goldene Diagonale Muskatnuss, verliehen.

In diesem Jahr gab es keinen „grossen Abräumer“ , die Preise in 17 Kategorien verteilten sich relativ gleichmässig über die Filme.

Sehr zu Recht wird „Die Liebhaberin“ von Lukas Valenta Rinner mit dem Grossen Preis Spielfilm ausgezeichnet, der Film erhielt ebenfalls den Preis für Bestes Sounddesign Spielfilm (Nahuel Palenque) . Dieser Preis ist umso erfreulicher, da es sich um keinen einfachen oder gefälligen Spielfilm handelt, statt dessen wirft der Regisseur einen scharfen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, und verpackt diesen in einen spannenden, schwarzhumorigen Film.

Allem Anschein nach hat Ivette Löckers Familienporträt „Was uns bindet“ viele Menschen und die Jury sehr bewegt; der Film ist handwerklich sauber und gut gemacht, er ist mutig insofern, dass er sehr private Einblicke in das Familienleben der Regisseurin gewährt, das alles führte zum Grossen Diagonale Preis Dokumentarfilm. Wen er wirklich berührt, bleibt, wie bei jedem Kunstwerk, Geschmackssache. Ein Teil des Preises, 2.000€ zur Filmdatensicherung, gestiftet von „Was uns bindet“ Produzent Ralph Wieser, wurde statt an sich selber, spontan an Bernhard Braunstein für den Film „Atelier de conversation“ weitergegeben; eine schöne Geste.

Die erfreulichsten und vermutlich auch unumstrittensten Entscheidungen sind die beiden Kamera Preise, an Wolfgang Thaler und Sebastian Thaler für „Ugly“ (Beste Bildgestaltung Spielfilm) und Attila Boa fürUNTITLED“ (Beste Bildgestaltung Dokumentarfilm). Wobei Wolfgang Thaler, wegen einer Knieverletzung, gar nicht gedreht hat, und somit der Film in Gänze von seinem Sohn Sebastian ins Bild gesetzt wurde, der Schönheit der Bilder hat das nicht geschadet. Attila Boa bedankte sich für die Möglichkeit, die ihm Dokumentarfilme bieten, nämlich nicht einen Protagonisten auszuwählen, um seine mehr oder weniger dramatische Geschichte zu bebildern, sondern Menschen die Freiheit zu geben ihre Geschichte zu erzählen, und das in Bildern einzufangen.

Die Preisträger Innovatives Kino Pferdebusen“ von Katrina Daschne, Bester KurzspielfilmMathias“ von Clara Stern und Bester Kurzdokumentarfilm
Spielfeld“ von Kristina Schranz, sehen in den kurzen Ausschnitten, die bei der Preisverleihung gezeigt wurden, sehr schön und spannend aus, passten aber leider nicht in mein Programm.

Der Schnittpreis an Ulrike Kofler, Monika Willi und Christoph Brunner für „Wilde Maus“ ist ein wenig schade, weil der Film, wenn auch recht lustig und wirklich gut gemacht, eher nicht durch aussergewöhnlichen Schnitt auffällt; ein Film wie „die Liebhaberin“, der sehr vom Rhythmus, und von der Auswahl ungewöhnlicher Perspektiven und Schnittfolgen lebt, hatte da mehr zu bieten. Beste künstlerische Montage Dokumentar ging an Christin Veith (auch Regie) und Cordula Thym für „Relativ Eigenständig“, leider nicht gesehen.

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Zum Ausklang noch mal Musik und Party, und bis zur Diagonale 2018.

 

 

 

Erst Sonntag bekanntgegeben: der diesjährige Publikumspreis geht an „Die beste aller Welten“ von Adrian Goiginger.

Alle Preise auf http://www.diagonale.at/festival/preise/

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Tag_3 und 4_Elektrozäune und „Kosmopiloten“

Irgendwie waren in meinem Programm bisher wenig Spielfilme, das gilt es jetzt nachzuholen. Warum jemand zur 11.30 Vorstellung zu spät kommt, dann im Kino erst sein Handy ruhigstellt, um dann in aller Ruhe aus einer raschelnden Tüte eine Pappschachtel mit asiatischem Nudelgericht zu fischen, und zu essen bleibt rätselhaft.

Aber nichts davon ist Thema in: „Die Liebhaberin“ von Lukas Valenta Rinner. Eine umzäunte, bewachte Luxuswohnanlage, ruhig, kalt, mit manikürtem Rasen und blasiert, gelangweilten Bewohnern, und ein hippieskes Nudistencamp, mit wild wucherndem Grün, verschlungenen Pfaden, mit der Freiheit und freier Liebe frönenden Nackten, getrennt durch einen bösen Elektrozaun, verbunden durch eine verhuschte, irgendwie gebeugten Hausangestellte. Der Film entwickelt sich langsam, sehr langsam, die Hausangestellte Belén, schweigt, verrichtet ihre Arbeit, hat eine vage Beziehung zu einem Wachmann, bis sie das Nudistnecamp entdeckt. Und auch hier, Langsamkeit, wie bei einer Blume, die zu wenig Wasser hatte, kann man zusehe wie Belén sich langsam aufrichtet, aufblüht, bis ein hässlicher Unfall mit dem Elektrozaun zur Schliessung des Camps führt. Dann geht alles rasend schnell auf ein blutiges Ende zu. Sehr schön.

Eher blutleer eines der Kurzdokumentarfilm-Programme, vier Filme die architektonische Utopien zum Inhalt haben, aber weder gewollt asynchron „sprechend Köpfe“ wie in „Venus & Peripherie“ von Josephine Ahnelt, noch die Kombination -analog aufgenommener- Photos und mit dem Handy aufgenommener O-Töne in „Du, meine konkrete Utopie“ von Zara Pfeifer, schaffen wirklich zu überzeugen. „A tropical house“ von Karl-Heinz Klopf hat zwar schöne, perspektivisch interessante Bilder, aber man wünscht sich schon das Haus des indonesischen Architekten Andra Matin, wenigstens ab und zu in Totalen zu sehen.

Wann immer in Graz ein Film der Riahi Brüder gezeigt wird, wird es voll, sehr voll. Wären sie aus Graz statt aus Wien, man würde es ein Heimspiel nennen. Arman T. Riahis „Die Migrantigen“ fängt wegen der Publikumsmassen und des begleitenden ORF Kamerateams mit einer Verspätung von mehr als 30 Minuten an, was aber nach den ersten Minuten des Films schon wieder vergessen und vergeben ist. Eine überdrehte Komödie, die mit den gängigsten und dämlichsten Vorurteilen jongliert, sie neu sortiert, umdreht, durch den Wolf dreht, und als Feel-Good- Movie mit viel Humor wieder ausspuckt. Riahis beiden Co-Autoren Faris Rahoma und Aleksandar Petrović, die auch die Hauptrollen in diesem Filmspass übernehmen, zeigen Spielfreude und einen erfreulichen Mangel an Angst vor Peinlichkeit, Johlen, Klatschen Freude und am Ende das gesamte (!) Filmteam auf der Bühne. „Die Migrantigen“ dürfte problemlos auch nach der Diagonale viel Publikum ins Kino ziehen.

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„Die Migrantigen“ auf der Bühne (c) chderiaz

Wer Spielfilme bevorzugt, in denen geradlinig von A nach Z erzählt wird, der wird mit „Ugly“ von Juri Rechinsky nicht glücklich werden. Für alle, die kein Problem damit haben, wenn die Chronologie aufgehoben wird, es zwar eindeutig ein Vorher und ein weniger eindeutiges Nachher, aber definitiv kein festzulegendes Jetzt gibt, die traumschöne Bilder, in denen die Unschärfe die Schärfe aufzusaugen scheint, mögen, werden eine grosse Freude an diesem Film haben. Der Inhalt lässt sich, selbstredend nach dieser Einleitung, nicht nacherzählen, nur das Gefühl, dass wenn die Liebe aufhört alle Wunden zu heilen, die Verzweiflung malerisch das Zepter übernimmt und einen verwirrend schönen Film gebiert.

Es bleibt jetzt nur noch das Warten auf die Bekanntgabe der Preise, in der Hoffnung, dass die Neugierde auch in den Jurys dominiert hat.

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Tag_2_Grenzen, Tiere und ausserirdische Kartographinnen

Der Tag beginnt mit einem, dieses Jahr, allgegenwärtigen Thema, das der Grenzen.

Im Dokumentarfilm „Beyond bounderies- brezmejno“ fährt Regisseur Peter Zach die slowenische Aussengrenze ab, oder besser, er tastet sie ab, fühlt nach, hört zu. Unterlegt mit poetischen Texten von Aleš Šteger begibt er sich auf eine lange und langsame Reise, mäandert mal diesseits mal jenseits der heutigen Staatsgrenze, lässt Einheimische zu Wort kommen. Was sowohl die Reise, als auch die Protagonisten zeigen, Grenzen wechseln, Hoheitsgebiete fallen mal hier, mal dort hin, aber die Grenzverläufe trennen dort Lebenden immer von Nachbarn und Familie. Kaum einer der Grenzen bejubelt, im Gegenteil, am besten fasst das der bekennende Jugo-Nostalgiker Branko in drastischen aber einfachen Worten zusammen. „es gibt nur zwei Nationalitäten: Menschen und Arschlöcher“. Der unter dem Abspann liegende Radionachrichtentext über den Bau neuer Grenzzäune wirkt wie eine kalte Dusche nach dieser poetischen Annäherung an die Grenzenlosigkeit.

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Bady Minck (c) chderiaz

 

Auch der neue Film von Bady Minck „Mappa Mundi“ handelt von Grenzen. In ihrem Stoppmotion-Annimations-Sciencefiction Spektakel lässt sie ausserirdische Kartographinnen die Erde entdecken und deren Entstehung, aus Sicht frühzeitlicher bis heutiger Weltkarten, erzählen. Das ist spannend, skurril, kurzweilig und am Ende auch deprimierend, wenn die Erde sich wehrt, gegen den Schmutz der sie in All umgibt, gegen die Explosionen die auf ihr stattfinden, und eben auch gegen die Grenzen, die auf ihr gezogen werden. „Meine Haut hat keinen Linien/Grenzen“ seufzt die geplagte Erde ehe sie in einem schwarzen Loch auf immer verschwindet. Im gleichen Programm noch zwei weitere, kurze Experimentalfilme, „Vivien.Liebe“ von Stefan-Manuel Eggenweber ist eine blutig- verrückte Dreiecksliebesgeschichte, bunt, schrill und überdreht. „Museumswärter“ von Alexander Gratzer ist ein liebevoll-schöner Animationsfilm, der die Frage beantwortet, was tut ein Museumswärter, wenn niemand im Raum ist? Minimalistisch, und einfach wunderbar. Ach so, ja, die Antwort: er singt, erst leise, verhalten, dann lauthals und fröhlich, in die Leere des Raums.

Tierfilme ziehen Publikum ins Kino, und auch wenn bei der Diagonale die Kinosäle meistens sehr voll sind, ist doch der Andrang bei „Tiere und andere Menschen“ von Flavio Marchetti besonders gross. Wer fürchtet sentimentale Geschichten von armen Tieren zu sehen, wird enttäuscht, für alle anderen ist der Film in seiner ruhigen, beobachtenden Dramaturgie einen grosse Freude. Die Effizienz mit der Tierheimmitarbeiter und Tierärzte ihren Alltag bewältigen, dabei aber immer ein Herz für „ihre“ Tiere haben ist gerade wegen des Mangels an Rührseligkeit besonders sehenswert.

Zum Abschluss des Tages dann noch einige Kurzspielfilme, auch dieses Programm ist so gut wie ausverkauft. „Neujohr“ von Felix Kalaivanan entstand aus dem Wunsch des Regisseurs, doch auch mal auf gutem altem 16mm Material drehen zu dürfen. Entstanden ist ein Film in einer monochromen Schneelandschaft, in der zwei alte Freunde nicht mehr wirklich schaffen an ihre frühere Freundschaft anzuknüpfen. Die Rauheit des Licht, mit der leichten Körnigkeit des Materials ergeben, zusammen mit der dokumentarischen Kameraführung, einen spannenden 10 Minuten Film. Nicht im Wettbewerb, aber unbedingt erwähnenswert, ist „Sevince“ von Süheyla Schwenk.Die Geschichte einer jungen türkischen Mutter, eingesperrt in ihren 4 Wänden oder unter einer schwarzen Burka, ihr Modus: huschend, schutzsuchend. Und auch wenn ihr Mann liebevoll und umsorgend wirkt, ist er doch in erster Linie ihr Gefängniswärter, dem sie nur in kurzen Momenten entkommt, wenn sie Spätabends am Fenster raucht, oder zu einer Freundin geht, mit der sie eine Liebesbeziehung hat. Eindringlich, Fragen aufwerfend und schön ist dieser Film. „Der Sieg der Barmherzigkeit“ von Albert Meisl ist hauptsächlich ein grosser Spass; zwei ehemalige Kollegen, Musikwissenschaftler, der Ältere ein schräger Messi, der Jüngere ein verhuschter Kerl, auf dem Weg die Karriereleiter hoch, die die Umstände zusammenbringen in eine lange Nacht und einen langen Tag aus slapstickhaftem Chaos, rund und lustig.

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Tag_1: Neugier und Empathie

Es ist jedes Jahr aufs neue verblüffend, wieviele Zuschauer sich an einem sehr sonnigen Morgen im Kino einfinden, um einen Dokumentarfilm mit scheinbar sperrigem Thema anzuschauen. Mit „Hinter dem Schneesturm“ belohnt Levin Peter das Publikum mit seinem ganz speziellen Interesse an der Geschichte seines Grossvaters. Egal wie stumm oder gar wütend der Grossvater wird, der Enkel stellt beharrlich, neugierig aber immer extrem liebevoll Fragen nach der Zeit, die der Grossvater als deutscher Soldat in der Ukraine verbracht hat. Die Fragen sind nie Anschuldigungen, sondern sind der Wunsch das Unbegreifliche irgendwie doch zu begreifen, und auch wenn der Grossvater behauptet damals nichts gefühlt, nichts gedacht zu haben, meint man in seinem Gesicht uneingestandene Scham zu lesen. Levin Peter begnügt sich nicht damit auf familiärer Ebene nachzuhaken, er fährt, mit alten Photos im Gepäck, selber in die Ukraine, schaut sich um, trifft sich mit Veteranen. Zum Teil ist der Film etwas holperig geschnitten, aber die Herzlichkeit und das Interesse wiegen das insgesamt auf. Auch Yvette Löcker geht bei ihrer Familie auf Spurensuche, „Was uns bindet“ hat aber weder Dichte, noch spürt man Anteilnahme oder Neugier, vielleicht ist sie selbst zu stark in die familiären Reibereien involviert, es fehlt Distanz, um die Fragen nach Liebe und Lebenskonzepten auch für Fremde interessant werden zu lassen; eher fühlt man sich wie ein ungebetener Gast bei einem Familienstreit, der einen einfach nichts angeht.

Das Fremde betrachten, in Ruhe und vorurteilsfrei, das kann man in „Seeing voices“ von Dariusz Kowalski. Immer noch sind gehörlose Menschen im Alltag meistens unsichtbar, die Protagonisten dieses Films zeigen nicht nur, dass das dringend zu ändern ist, sondern machen auf sehr sympathische und einfühlsame Art klar, dass gehörlos zwar zur Identität gehört, aber keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal ist. Der Film bewegt sich zwischen den verschiedenen Personen und Gruppen, lässt Teilhaben an leben, feiern, politischer Arbeit, aufwachsen und erwachsen werden, und das alles ohne zu schulmeistern, dafür oft mit Humor.

Zum Abschluss dann doch noch ein Spielfilm, „Siebzehn“ von Monja Art, es wird viel geredet, gelitten, geliebt oder zumindest das getan was Siebzehnjährige für lieben halten mögen. Man glaubt – oder hofft – die ganze Zeit, dass der Film eine Wende zum Drama, zur Tragödie nehmen wird, dass irgendeine der Figuren unter der Last der verschmähten Liebe ausrasten oder zusammenbrechen wird, doch am Ende leiden sie einfach an einer sich selbst heilenden Krankheit, die da heisst: siebzehn sein. Ob sich Jugendliche von dem Film angesprochen fühlen werden ist schwer zu sagen, als nicht mehr jugendlicher Zuschauer aber freut man sich dieses Alter hinter sich zu haben.

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Keine Angst

Zum 20 Mal findet die Diagonale in Graz statt, zum zweiten Mal eröffnen Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger unter begeistertem Applaus das Festival des österreichischen Films.

Wie auch im ersten Jahr ihrer Intendanz halten sie eine politische, aber auch launige Rede, fordern eine Raus aus der Gemütlichkeit der eingetretenen Pfade, ein Mehr an Mut und Neugierde. Neugierde, die zu mehr Verständnis für Fremdes, Neues führt und den Weg öffnet für Empathie. „Keine Angst“ fordern sie, einen Austropop Hit aus den 80ger Jahren zitierend, keine Angst, nur so lässt sich eine bequem gewordene (Film) Welt aufwecken.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen fordert Neugierde und fragt zum Abschluss seiner kurzen Rede, „nationales Festival ja, aber was ist schon national?“, und trifft damit einen der grossen Pluspunkte des österreichischen Filmschaffens: die bunte Mischung aus gebürtigen und eingelebten Österreichern, Fremden, die hier arbeiten, Einheimischen, die im Ausland arbeiten, die alle ihre filmischen Blicke längst nicht mehr ausschliesslich auf den eignen, nationalen Nabel werfen, sondern die Welt und ihre Facetten ausleuchten gehen.

Ein solcher Ausleuchter, Erforscher war Michael Glawogger, einer dem man nicht erst nahelegen musste neugierig zu sein. Als er 2014 während des Drehs zu seinem Dokumentarfilm „untitled“ starb hinterliess er nicht nur ein grosses Loch in der Filmwelt, sondern auch etwa 70 Stunden Filmmaterial, und das Konzept für einen Film ohne Thema, eines Sichtreibenlassens. Aus diesen Komponenten hat Monika Willi einen phantastischen Film geschnitten. Die wunderbaren Bilder von Attila Boa, der den Mut hat mit der Kamera unaufdringlich aber bestimmt auf Situationen zu bleiben, zuzuschauen, ohne dem flüchtigen Kick nachzugeben näher an die Situation zu gehen, um eventuell mehr Drama einfangen zu können, und der damit das Drama, die Freude oder Trauer wahrhaftig einfängt, abbildet, dem Zuschauer nahebringt. Der Film entsteht, mehr noch als sonst, im Kopf jeden Zuschauers, und vermutlich sieht er sogar bei mehrmaligem Sehen jedesmal anders aus. Die Schnitte erfolgen nach bildlichen, graphischen Analogien und lassen so Assoziationen entstehen, man folgt nicht Glawogger/Boa auf deren Reise, man hat er den Eindruck in eigenen Erinnerungen sprunghaft, assoziativ spazieren zu gehen, ohne Eile, ohne Ziel, alles ist schon da, und erfindet sich trotzdem beim Betrachten neu. Ein wunderbarer Film, der vom Publikum mit grosser Begeisterung aufgenommen wurde.

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Die Propagandafilme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen bringen…

Ursula Pürrers Montage: Wie montiert man Propagandafilme? Wie kann man dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen? – Springtime_with_Hitler_Folge_04; 25.02.17

Mehrfach wurde ich in diesen Tagen gefragt, wie wir denn im Schnitt von „Hitlers Hollywood“ gearbeitet haben. Dazu kann ich hier gern etwas erzählen. Für die Montage ist Ursula Pürrer verantwortlich. Bei „Von Caligari zu Hitler“ war es Katja Dringenberg gewesen. Sie hatte ich natürlich als erstes gefragt, aber sie hatte wegen eines anderen Projekts nicht gekonnt – und vielleicht auch ein kleines bisschen nicht gewollt. Zu stark der Widerwille gegenüber den Nazi-Filmen im Verhältnis zur Versuchung, mit dem Teufel tanzen zu gehen.

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Somit also Ursula Pürrer. Das war eine Super-Zusammenarbeit! Auf allen Ebenen. Sehr partnerschaftlich – sie hat natürlich einen großen, ganz eigenen Anteil am Ergebnis. Im Nachhinein ein Glückgriff und im Rückblick gar nicht anders vorstellbar. Die Montage war für diesen Film sehr bedeutend, weil ich wie schon bei „Von Caligari zu Hitler“ nicht mit einem fertigen Drehbuch gearbeitet habe. Das Bildmaterial sollte uns führen und inspirieren. Mein eigenes Vorgehen würde ich dabei eher mit dem eines DJ’s vergleichen.

Vorab gab es nur ein Treatment von ein paar Seiten, das war’s. Wenn man diesen Text heute liest, dann gibt es darin zwar einzelne Szenen, die „eins zu eins“ übernommen wurden, etwa der Anfang mit jener Szene aus „Der Mann der Sherlock Holmes war“, in der Hans Albers und Heinz Rühmann in einer gemeinsamen Hotelsuite jeweils in ihrer Badewanne sitzen und ein Lied von verräterischer Offenheit singen, und es gibt natürlich auch bestimmte Themenkomplexe, die schon relativ ausgearbeitet wurden – aber das meiste andere gar nicht. Ich glaube daran, dass die Arbeit einen führt, und man dem eigenen Instinkt und der Spontaneität des Augenblicks Raum geben sollte – erst recht, weil wir zu zweit einander ein Korrektiv waren, und auch andere, besonders meine Produzentin Martina Haubrich, sich einbringen konnten.

Für uns gab es einen Grundsatz von Anfang an: Wir wollten versuchen, die Filme – die ja komplett unter der Ägide und totalen Kontrolle von Goebbels und seinem Propagandaministerium entstanden und freigegeben worden sind – für sich selbst sprechen zu lassen, mit zeitgenössischem Dokumentarmaterial, aber ohne neugedrehte Szenen oder Schauplatzaufnahmen. Ich war immer überzeugt, dass dieses Verfahren, gewissermaßen den Blick der Nazis zu zeigen, und dadurch auch zu enthüllen, zu einem guten, auch politisch-moralisch tragbaren Ergebnis fuhren könnte.

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In der Montage eines solchen Dokumentarfilms gibt es aber zahlreiche Fallen, ästhetische wie moralische. Man muss den Propagandaton immer wieder brechen, dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen. Das kann man nicht immer nur über den Kommentar machen, es braucht auch gute, mitunter subtile Montage.

Natürlich haben wir uns immer wieder gefragt, wie wir vermeiden, dass im Ergebnis dann die NS-Propaganda einfach nur gefährlich verdoppelt werden würde. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die Filme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen kommen.

Ursula Pürrer hat einen unschätzbaren Anteil daran, dass das Ganze dramaturgisch in Form gebracht wurde. Es hat sich im Verlauf unserer Arbeit gezeigt, dass eine weitgehend chronologische Montage für das Verständnis des Films sehr hilfreich ist. Weil der Zuschauer immer weiß, wo er sich in der historischen Zeit gerade befindet, ist es möglich, bestimmte Filmbilder frei stehen zu lassen und historische Vorgänge extrem zu straffen. Es konnte und sollte ja keine Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus erzählt werden, sondern allenfalls eine Mentalitätsgeschichte.

Rüdiger Suchsland