Solothurn_2018_Preise

Der Schweizer Film in der Krise?

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Die Krise, mitsamt Niedergang, des Schweizerfilms wird seit Jahrzehnten herbeigeredet, dennoch wird weiter produziert, die Auswahl, die bei den 53. Filmtagen zu sehen war, braucht sich keineswegs zu verstecken oder zu schämen. Was also ist das Problem des Schweizer Films? Das Land ist klein, wodurch die rein rechnerische Menge an möglichen Zuschauern schon nicht sehr gross ist, will man eine Kinoauswertung für das ganze Land müssen die Filme alle mit Untertiteln wenigstens eine der anderen Landessprachen versehen werden. Das kostet Geld. Die inländische Akzeptanz über die Sprachgrenzen hinweg ist nicht immer gegeben, das zu verbessern wäre sicher den Aufwand wert.

Ein weiteres Problem ist der internationale Markt, Filme auf Schweizerdeutsch sind auf dem grossen Deutschen Markt, naja, schwer vermittelbar. Auch hier würde der Aufwand einer flächendeckenden Untertitelung mit Hochdeutschen Untertiteln sicher Gutes bewirken. Wenn Zuschauer bereit sind spanische, koreanische oder amerikanische Filme in untertitelten Originalversionen anzuschauen, sollte doch Schweizerdeutsch oder Rätoromanisch auch kein Problem sein. Es ist einfach zu schade, wenn all diese Filme für Filmbegeisterte verloren bleiben. Die Bandbreite dessen was produziert wird ist gross, von politische Dokumentarfilmen über leichte Unterhaltung bis zu Abendfüllenden Experimental- und Animationsfilmen, das alles ist europäisches Kino, und gehört genau dort hin, in die (Programm)Kinos in Europa.

Der Prix de Soleure mit 60.000 Schweizerfranken dotiert ging an den Lausanner Regisseur Karim Sayad für „Des moutons et des hommes“ (siehe Tag 6), der Publikumspreis, dotiert mit 20.000 Schweizerfranken an den Dokumentarfilm „Der Klang der Stimme“ von Bernhard Weber, leider nicht gesehen, aber es ist immer wieder faszinierend, wenn gerade Publikumspreise an Dokumentarfilme gehen. Und der Nachwuchspreis aus der Rubrik Talente ging an Lora Mure-Ravaud für „Valet noir“ (siehe Tag 1).

Laut erster Schätzung der Festivalleitung kamen etwa 63.000 Zuschauer in die Kinos, ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, aber immer noch eine gute Zahl.

Die Krise wird also womöglich noch ein wenig weiter herbeigeredet werden, auch wenn de Schweizer Film sehr viel und Vielfältiges zu bieten hat.

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Die 54. Solothurner Filmtage finden vom 24. bis 31. Januar 2019 statt.

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Solothurn_2018_Tag 6

Bilderreisen

Schafbockkämpfe in Algier gibt es in „Des moutons et des hommes“ von Karim Sayad. Junge Männer in ärmeren Vierteln Algiers kaufen sich Schafböcke pflegen sie liebevoll, gehen mit ihnen spazieren, füttern und waschen sie, alles um sie bei den, eigentlich verbotenen, Schafbockkämpfen gegen einander antreten zu lassen. Auch der 16 jährige Habib hat sich einen Bock gekauft, allerdings fehlen Mann und Tier die Erfahrung und das Training, wie ein Damoklesschwert droht dem Bock die Schlachtung zum Opferfest, zumindest wenn er nicht bei Kämpfen gewinnt. Mit viel Liebe zum Detail gedrehter Dokumentarfilm über ein unbekanntes Algerien, eine sehr genaue Beobachtung der Verhältnisse zwischen Jungs und Tieren, zwischen den Menschen im Viertel, aber auch eine Metapher für die politischen Verhältnisse im Land, der Titel liest sich doppeldeutig, Schafe und Männer oder Schafe und Menschen. Habib im leeren Schafquartier, traurig und unterlegt von Bachs Agnus Dei das ist mehr als nur ein guter Regieeinfall, und nicht jedes Schaf taugt zum Kämpfer.

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In „La fureur de voir“ von Manuel von Stürler, stellt der Regisseur die Frage: was sieht man, wenn man nicht alles sieht? Und findet die erstaunliche, wie wohl auch offensichtliche Antwort: man sieht nicht, das man etwas nicht sieht. Ein Gendefekt, der zu Degeneration von Netzhaut und Stäbchen führt, beeinflusst das Sehen des Regisseurs seit seiner Kindheit, Heilung gibt es keine, aber eventuell neue Massnahmen mit Hilfe von Gentherapien. Erzählt wird mit einer streng subjektiven Kamera, egal ob zu Hause, im Gespräch mit Ärzten, im MRT, oder beim Tischtennisspielen, die Kamera suggeriert den Blick des Ich-Erzähler, ist dabei aber von keinerlei visueller Einschränkung betroffen, im Gegenteil, die Bilder sind organisch, fliessend aber immer scharf. Die Bildsprache und der gesprochene Text divergieren dabei scheinbar, nur um zu zeigen, dass das sehen in verschiedenen Bereichen entsteht, was man sieht, was man vermeint zu sehen, was das Hirn korrigiert, interpoliert, man folgt im Film der Ergründung der Frage was das Sehen ist, was seine Essenz ist, und unternimmt die Recherchereise eines Dokumentaristen, der dabei auch neue medizinische Möglichkeiten – für sich – auslotet.

In „Retour au palais“ von Yamina Zoutat kehrt die Regisseurin in den Pariser Justizpalast zurück, in dem sie 12 Jahre als Gerichtsreporterin gearbeitet hat. Sie tastet das altehrwürdige, aber auch sehr in die Jahre gekommene, Gebäude von innen und aussen mit neugierigem Kamerablick ab, prunkvolle Details, vergoldete Decken, Holzschnitzereien oder die Hermelin besetzten roten Richterroben kontrastieren mit Prozessakten, die per Sackkarre mühsam über die Treppen geschleppt werden,  stockfleckigen Wänden, einem Kellersystem, in dem mittelalterlich anmutende Zellen für Angeklagte des 21. Jahrhundert bereitstehen. Prunksäle und Kellerverliese, enge, volle Räume für Sozialarbeiter, und weitgeschswungene Treppen, all dies hat gleichzeitig Charme und lässt einen erschauern bei der Idee, dass dort Recht gesprochen wird. Von der Anfrage für Drehgenehmigungen, bis zur letzten erteilten Genehmigung sind insgesamt 7 Jahre vergangen, der Film entstand dadurch in Etappen, und es war bis zum Ende nicht sicher, ob er in dieser Form überhaupt fertig werden könnte. Zum Glück wurden wohl alle Papiere irgendwann erteilt, und dieses Dokument einer – bald – vergangen Zeit ist auf Kinoleinwänden zu sehen. Im Frühjahr zieht der Justizpalast in einen neu erbauten Palast, und ab Frühjahr ist der Film in Frankreich und in der Schweiz in Kinos zu sehen.

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Zum Abschluss dann die Komödie „Flitzer“ von Peter Luisi, ein lieber, lustiger Gaunereienfilm. Ein Lehrer verwettet erst das Geld seiner Schule für einen neuen Sportplatz und kommt dann auf die Idee mittels Wetten auf Flitzer bei Fussballspielen den Betrag zurückzugewinnen. Klingt skurril – ist es auch. Er rekrutiert, organisiert und trainiert Helfer, die er Samstags zu Ligaspielen schickt, gewettet wird auf die Dauer des Nacktrennens. Ein Haufen Sachen gehen dabei natürlich nicht wie geplant, und auch dass die Polizei eine Sondereinheit bildet, um dem Spuk ein Ende zu setzen, ist im Konzept nicht vorgesehen, hinzugemischt noch eine Romanze, und fertig ist der Familienfilm, naja, für Familien mit grösseren Kindern vielleicht. Fröhliche Unterhaltung, bei der man keine Sekunde zweifelt, dass alles gut ausgehen wird.

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Preise, die morgen Abend vergeben werden.

Solothurn_2018_Tag 5

Kunst? Politisch?

Ideenaustausch, Kennenlernen andere Ideen, andere Zugänge, über den Tellerrand schauen, das Shanghai Film Lab macht das möglich, und war mit fünf Schweizer Regisseurinnen und Regisseuren, Cutterinnen und Kameraleuten fünf Wochen in Shanghai, um vor Ort mit lokalen Kollegen, Themen zu erarbeiten, Filme zu drehen und vor Ort fertig zustellen, aus diesem Projekt entstand „Chen Chen“ von Franziska Schlienger. Der Kurzfilm portraitiert einen wunderbar schrägen „bunten Vogel“, einen jungen Künstler, der selber in seiner Erscheinung einem Gesamtkunstwerk gleicht. Doch bei aller Farben-und Lebensfreude schwingt auch bei ihm die düstere Vergangenheit der chinesischen Einkindpolitik mit, er,der als drittes Kind einer Familie seine Kindheit oft versteckt verbracht hat. Auch der zweite Film des Frühprogramms ist im Kunstumfeld in China angesiedelt. „The long way home“ von Luc Schaedler zeigt fünf Künstler, Maler, Tänzerin, Animationsfilmer, Dichter, alle sind sie in Chinas restriktiver -nicht so entfernter- Vergangenheit aufgewachsen, die Kulturpolitik Maos hat sie geprägt, und prägt heute ihr künstlerisches Werk. Extrem spannende, klarsichtige Künstler, die mit ihren verschieden Mitteln versuchen das Beste aus einem, immer noch sich selbst abschottenden, Land zu machen, und die sich weiterhin damit der Gefahr aussetzen verhaftet und eingesperrt zu werden. Die zum Teil radikale Kunst, die sie erzeugen, zeigt ihre Furchtlosigkeit und den unbedingten Willen zur Kunst.

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Persönlich aber nicht privat, nennt Anka Schmid ihren 52 Minuten langen Kurzfilm „Haarig“. Frech und witzig, mit genauem Blick erzählt sie von unseren Haaren, als Merkmal der Unterscheidung, als Ausdruck unserer Individualität, als politisches Statement, als Zeichen der Zugehörigkeit oder auch der Nichtzugehörigkeit, als Mittel zur Verführung, als Störenfriede, Haare überall. Als visuelles Erzählmittel wählt sie einen Hybrid aus Stoppmotion Animation mit haarigem, wolligen und allem das sich in Haarform bringen lässt, fügt Collagen aus dem Kunst-Kulturkontext dazu, inszeniert haarige Szenen in fast abstrakter Verfremdung und gibt, für noch mehr Glaubwürdigkeit, Nachrichtenbilder hinzu, zusammengehalten von ihrer Stimme, ihrem persönlichen, aber nicht privaten Kommentar. Auch dieses Schmuckstück Schweizer Filmkunst, wurde vom Schweizer Fernsehen mitproduziert, wie es überhaupt kaum Filme gibt, in denen nicht in irgendeiner Form das Fernsehen beteiligt ist, erwähnenswert bleibt es aber vor allem bei den schrägen, den aussergewöhnlichen, den vielleicht nicht Massengeschmack treffenden. So könne auch diese Filme  gemacht werden, und werden letztlich auch auf ein „Sofapublikum“ treffen.

Zur Abwechslung wieder ein Kurzfilmprogramm, aber, oh weh, zwei der vier Filme sind bereits in Locarno gelaufen, und besprochen worden. Bleiben zwei, die nicht wirklich überzeugen, „Hypertable – un essai sur l’amitié“ von Filippo Filliger und „Drummer – loud and alone“ von Felix Hergert. Der erste, ein Essay über die Freundschaft, ein Versuch, der sich schwierig gestaltet, auch wenn die Ideen an sich gut sind, aber das Materil, allem Anschein nach 8mm, ist konstant unscharf und wackelig, und beides erschliesst sich nicht als künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern eher als „Unfall“. Texte und Gedanken verschiedener Freunde und Freundinnen, Erinnerungen und Erinnerungsstücke, die die Freundschaft symbolisieren, Experimental hin, Essay her, es bleibt unscharf, obwohl die Gedanken durchaus scharf wären. Die 5 Schlagzeuger im zweiten Film, werden in ihrem Probenalltag beobachtet, jeder für sich, jeder mit seiner, oder ihrer Methoden sich an ihrem Instrument abzuarbeiten, was aber fehlt ist ein Zusammenhang zwischen den Schlagzeugern, oder besser zwischen den verwendeten Bildern, es fehlt ein Rhythmus, und das obwohl doch die Instrumente permanent genau den bieten.

 

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Die zweite Vorstellung der Uraufführung von „Die vierte Gewalt“ von Dieter Fahrer ist am späten Nachmittag ausverkauft. Wie so viele Filme, und vor allem wie so viele Dokumentarfilme. Gezeigt werden die diversen Versuche, Ansätze den Schweizer Journalismus zu retten, in die – nicht mehr so neuen- Technologien einzugliedern, exemplarisch an einer Traditionszeitung, einem werbefinaziertem Onlinemedium, einer über Abonnenten finanzierten, und daher werbefreien Onlinezeitung und der Redaktion des Schweizer Radios. Was man vor allem versteht, die Aussichten sind schlecht, Kürzungen bedrohen die Eigenständigkeit und Sorgfalt in der Arbeit, schnelllebige und klickreiche Schnipsel versuchen rechercheintensive Hintergrundgeschichten zu ersetzen, Katzenvideos statt Kommentaren. Dass die Verantwortung für das Überleben von Journalismus als vierter Säule der Demokratie auch beim Nutzer/Leser liegt versteht sich eigentlich von selbst, wird aber gerne ignoriert. Wenn die Zeitungen dann gestorben sind werden sie fehlen, nicht nur um darin schwarz auf weiss Todesanzeigen lesen zu können, oder Küchenabfälle drin einzuwickeln. Ein Film der nachdenklich macht.

Der bilderreichste, verschrobenste und mysteriöseste Film kommt dann am Abend: „Rätisches Triptychon“ von Fred von der Kooij. Der Film, der drei historische Bündner Figuren – den Maler Hans Ardüser, die Malerin Angelika Kauffmann und den Jäger Gian Marchet – nachzeichnet ist ein surrealer Zauberzirkus, ein radikales Kunstwerk und ein Schaugenuss. In drei Episoden, zwei davon bereits Ende der 90ger Jahre gedreht, spielt er mit den historischen Figuren, stellt sie nach, stellt sie dar, wirbelt Überblendungen und Doppelbelichtungen dazu, und spielt mit allem was die filmische Trickkiste drauf hat, wobei das Spielerische und die Geschichte den Ton angeben, keineswegs Spielereien um der technischen Machbarkeit willen. Die drei Episoden,  wurden für die kleinste Anstalt des SRG gemacht, fürs rätoromanische Fernsehen, wo die Filme auch bereits gelaufen sind. Hoffentlich findet sich irgendein mutiger ausländischer Verleiher, der dieses Wunderwerk in andere Kinosäle trägt.

Solothurn_2018_Tag 4

Wenn das Tier erwacht

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Konzertsaal (c) ch.dériaz

 

 

Die Wege sind kurz, die Stadt ist übersichtlich und hübsch und die Kinos, oder in dem Fall eher Spielstätten, haben so klangvolle Namen wie Landhaus, Konzertsaal, Reithalle oder Uferbau. Ein Wohlfühlfestival mit angenehmer Stimmung, wo man auch einfach auf der Strasse mit Filmemachern ins Gespräch kommen kann.

 

 

Unter dem Titel „Ondes de choc“ hat das französischsprachige Schweizer Fernsehen vier Filme in Auftrag gegeben, zum Beispiel „Journal de ma tête“ von Ursula Meier. Ein Abiturient beschreibt in einer Art literarischem Tagebuch, die Vorbereitung und den Morde an seinen Eltern. Ein verwirrter Junge, den möglicherweise die Schreibübungen seiner Französischlehrerin, wenn nicht zur Idee, aber doch möglicherweise zum Umsetzen der Tat gebracht haben. Der Film findet ungewöhnliche Kameraperspektiven, schleicht sich an die Figuren an, arbeitet viel mit sehr nahen Detailaufnahmen, womit einen eigentümlich fragmentierte Stimmung erzeugt wird. Schuld und Verantwortung der Tat, der Umgang mit den Folgen, das Weiterleben, alles bleibt in einem merkwürdigen, festgefrorenen Schwebezustand; kann Literatur einen Jugendlichen zum Mörder machen? Hätte man das absehen können? Ein toller Film, ein toller Auftrag vom Fernsehen, der Mut verlangt, und der mit Vertrauen honoriert werden sollte. Als Vorfilm lief „Premier amour“ von Jules Carrin erzählt wird eine, auf Grund der sozialen Verhältnisse, unmögliche, oder verbotene Liebe, in schönen, warmen Bildern. Ruhig und warm wie ein Herbsttag, was die Tragödie umso herzzereissender macht. Wann kommen eigentlich die Vorfilme wieder zurück in die Kinos?

Weiter geht es mit Jugendlichen, in „Blue my mind“ von Lisa Brühlmann geht es um die vielfältigen Veränderung im Leben der 16 jährigen Mia. Neue Schule, neue Mitschüler, aber von Anfang an scheint ihre Welt aus dem Gleichgewicht zu sein. Sie tut vieles mit einer enormen Aggressivität, der sie selbst wie ratlos gegenübersteht. Mit dem Einsetzen ihrer ersten Periode tauchen seltsame körperliche Phänomene auf, zusätzlich scheint sie in allem exzessiver zu werden als ihre Freundinnen, mehr Drogen, mehr saufen, mehr Sex, und dann gibt es noch ein unerklärliches Bedürfnis sich die Zierfische ihrer Mutter in den Mund zu stopfen. Mia, verwandelt sich, mehr sollte man nicht sagen. In seiner Bildsprache überwiegt das titelgebende Blau, an Wänden, Kleidung, oder Licht, und erzeugt eine visuelle Blase, die alles zusätzlich umhüllt. Der Film hat gerade in Saarbrücken den Max Ophüls Preis gewonnen, und wenn so ein Film schon als Abschlussarbeit herauskommt, kann man gespannt sein wie es in Lisa Brühlmanns Karriere weiter geht. Auch die junge Sarah in „Sarah joue un loup-garou“ von Katharina Wyss sucht nach ihrem Weg ins Erwachsenwerden, auch sie scheint eine verwirrte, einsame Seele zu sein. Unverstanden von ihrer Umwelt, verstrickt sie sich in immer andere Lügengeschichten. Die Theatergruppe in der sie spielt scheint zunächst ein Ort zu sein, in dem sie mit ihrer Phantasie kreativ und auch konstruktiv umgehen kann, aber auch dort glaubt sie mehr Ablehnung zu spüren. Der – mindestens – emotionale Missbrauch durch den Vater, die überforderte Mutter tun ein Übriges um den labilen, autoaggressiven Zustand zu verstärken; Auswege gibt es keine mehr, auch keine Lichtblicke.

Die jungen Fussballer in Marcel Gislers Film „Mario“ sind ein wenig älter, aber auch hier müssen die beiden Jungs ihren Weg erst noch suchen. Kein leichtes Unterfangen, schwule Profifussballer haben es im Alltag immer noch extrem schwer, und die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen Mario und Leon anbahnt wird ein Opfer der Umstände, in denen sie wählen müssen, ob sie sich verstecken, und spielen können, oder ihre Sexualität offen leben, und dem Profifussball den Rücken kehren müssen. Der Film ist schön gedreht, hat super Schauspieler, ein intelligentes Drehbuch, dass nicht auf Sentimentalität baut, gute Unterhaltung, nicht nur als Nischenfilm.

 

Solothurn_2018_Tag 3

Bekenntnisse und Intimitäten

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Schlange stehen am Morgen (c) ch.dériaz

Filme, besonders Dokumentarfilme, die sehr Privates, sehr Persönliches erzählen sind im Trend, nicht immer gelingt es dabei Peinlichkeiten zu vermeiden oder den Zuschauer wirklich zu packen, am 3. Festivaltag gab es gleich 3 Dokumentarfilme, die schafften zu faszinieren, Einblicke in fremde Leben zu gewähren und das alles ohne unangenehmen Voyeurismus.

Zum Beispiel „Die Gentrifizierung bin ich – Beichte eines Finsterlings“ von Thomas Haemmerli, so schräg wie der Titel schon daher kommt ist auch der ganze Film. Schonungslos mit sich selbst, offen, witzig, ein Rundschlag ums eigene -politische- Leben. Vom Hausbesetzer der frühen 80ger Jahre zum Besitzer mehrerer Wohnungen in verschiedenen Ländern, vom Bewahrer alter urbaner Strukturen zum Kämpfer für andere, neuere, in dem Fall vertikale, Strukturen städtischen Lebens. Was bleibt ist die Grundhaltung des sozial und politisch denkenden Menschen Haemmerli, was sich ändert sind die anzuwendenden Methoden, zur Verbesserung der Welt. Vom Duktus her angelehnt an TV-Reportagen der 80ger Jahre und mit viel Schalk in Nacken mäandert der Film durch die persönlich Weltsicht des Regisseurs. Unbedingt empfehlenswert.

Private Banking“ (Teil1&2) von Bettina Oberli, ist ein grosser TV Mehrteiler, sauber gemacht, super Schauspieler – die auch den Schweizer Fernsehpreis geholt haben – und ansonsten mit allen, bekannten, Komponenten des TV Familiendramas ausgestattet. Der sieche Patriarch, die uneheliche, ehemals drogensüchtige, Tochter, den intriganten Sohn, die schmallippige, betrogene Ehefrau, den Emporkömmling aus einfachsten Verhältnissen… alle, einfach alle, die man sich zum Thema Familienbetrieb, in dem Fall Privatbank, vorstellen kann, kommen vor, und agieren ihren wohlbekannten Positionen entsprechend. Gut gemachte Hausmannskost. Nach drei Stunden TV im Kino, gibt es nicht nur frische Luft und Bewegung, sondern endlich etwas Sonnenschein, Solothurn in sonntäglich- freundlichem Licht. Statt zu flanieren dann doch schnell wieder in einen dunklen Kinosaal.

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Das Erste und das Letzte“ von Kaspar Kasics zeigt mit sehr viel Einfühlungsvermögen die Geschichte einer an Krebs sterbenden Frau, Thema sind nicht etwa Tod und Krankheit, sondern die Kindheit. Interviews, die durch die Nahaufnahme der Sprechenden eine enorme Intimität haben, wechseln sich mit zarten Aquarellen ab, die Teile ihrer Geschichte aufnehmen, Photos aus der Vergangenheit, die Antagonisten des Gesagten sind, ein (Schnitt-)Rhythmus, der dem eines Gesprächs entspricht. Das Erzählte erschüttert, geht es doch um eine Frau, die erst unmittelbar vor ihrem Tod von Schlägen, Demütigungen und Grausamkeit durch ihre Eltern spricht, die auch erst im Angesicht des nahen Todes erkennt, oder sich eingesteht, wie sehr dies sie und ihre Geschwister zerstört hat.

Und auch im letzten Film des Abends „Fell in love with a girl“ von Kaleo La Belle geht der Regisseur schonungslos mit der Kamera auf sich und seine Umgebung los. Mit seiner Ex-Frau, den drei Kindern und der neuen Freundin lebt Regisseur La Belle in räumlicher Nähe in Luzern, ein Familiengebilde, das recht gut funktioniert, die Kinder haben Zugang zu allen Erwachsenen, die emotionale Lage scheint stabil und freundlich. Mit dem Beschluss, für ein Jahr, in die USA zu gehen, mit Kind und Kegel sozusagen, beginnt auch das filmische Tagebuch. Manchmal aufdringlich bis zur Schmerzgrenze, wird jeder Schritt, jede Emotion und jede Niederlage in Bildern festgehalten. Die Perspektive ist fast immer die des Ich-Erzählers, die Bilder, mal 8mm, mal 16mm, dann wieder mit digitaler Kamera gedreht gehen weit über ein „Homemovie“ hinaus, selbst da wo sie etwas wackelig werden, sind sie immer noch gut, wird ihr scheinbarerer Fehler in ein künstlerisches Konzept integriert. Die Offenheit mit der in dem Film erzählt wird geht nah, manchmal möchte man wegsehen, die Menschen einfach alleine wissen mit ihren Problemen, trotzdem fühlt man sich nicht als Eindringling. Der Versuch eine, für alle, lebbare, gute Form des Miteinanders zu finden ist spannend bis zum Schluss, oder eigentlich darüber hinaus, ist am Ende zwar das Jahr in den USA abgelaufen, die Suche nach der richtigen Familienform aber nicht wirklich abgeschlossen.

Fazit nach der Halbzeit: viele gute, sehenswerte Schweizer Filme.

Solothurn_2018_Tag 2

Wir haben kein Geld, aber wir haben Kohle

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Solothurn zeigt sich grau, kalt und mit Nieselregen, allerbestes Kinowetter also.

 

„Köhlernächte“ von Robert Müller ist ein wunderbarer Auftakt für so einen Morgen. In fast mystisch anmutender Berglandschaft begleite er 3 Generationen von Köhlern, vom Aufbau ihrer Meiler bis zur zum Abpacken der fertigen Holzkohle. Die Freude, die alle dabei haben, Holz zu hacken, aufzuschichten, mit Kohlebrei abzudichten, und zu „kokeln“ ist, auch auf Grund der phantastischen Bilder, ansteckend. Gleichzeitig erzählt der Film von einem aussterbenden Handwerk, das mittlerweile zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wurde. Für den deutschen Markt bräuchte dieser Film allerdings dringend Untertitel, da das Schweizerdeutsch eines Innerschweizer Dorfs wirklich schwer verständlich ist.

Neben der Programmschiene Talente, gibt es auch eine eigene Kurzfilm Programmierung, Zeit also zu schauen was dort geboten wird. Florine Leoni beobachtet die drei Teenager, „Aysha Kevin Michele“, sie folgt ihnen beim Laufen in einer Turnhalle, Computerspielen, Backen, fragt sie nach ihren Träumen, nach ihren Wünschen für ihr Leben, und obwohl alle drei ziemlich offen sind, kommt man den Personen nicht wirklich nah. Es fehlt der Hintergrund um sie zu verorten, selbst das Heim, in dem sie wohl untergebracht sind scheint leer und verlassen; ein interessanter Ansatz, der aber nicht wirklich aufgeht, die Personen bleiben frei in einem abstrakten Raum schweben. Wesentlich näher kommt man der jugendlichen Strassenbande in „Sacrilège“ Christophe M. Saber, gockelndes Gehabe, pseudo Rangkämpfe, und doch versteht man, dass das ganze Gebilde extrem labil ist, und sich die Bande bei der ersten Gelegenheit gegen den selbsternannten „Paten“ wenden wird. Als das Gerücht gestreut wird, er habe Geld aus der Moschee gestohlen zerbricht seine Position schlagartig. Wunderbar gespielt und in konstant unruhiger Stimmung gehalten, strebt der Film auf die Demontage des Anführers zu. „Salade russe“ von Eileen Hofer, erzählt ein Trink- und Essgelage von mittelalten Russen, Toasts werden ausgesprochen, auf die Frauen, auf die Männer, auf die Heimat. Aber bei Heimat erhitzen sich plötzlich die Gemüter, nicht alle sind einverstanden mit den verklärenden Reminiszenzen auf die Sowjetunion, die Stimmung am Tisch kippt. Erst als es zum Nachtisch Eis gibt, das alle einhellig mit ihrer Kindheit verbinden, kehrt Frieden ein in der mittlerweile recht betrunkenen Gruppe. Die Schwarzweissbilder sind interessant, trotz des statischen Settings, der Schnitt ist flüssig und rhythmisch, trotzdem ist der Film zeitweilig zäh. „In a Nutshell“ von Fabio Friedli ist ein wunderbarere Stoppmotionfilm, der in rasender Abfolge, die Welt, den Krieg, die Liebe, das Leben und den Tod erzählt, toll!

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Das Leben vor dem Tod“ von Gregor Frei macht es dem Zuschauer am Anfang etwas schwer, gewinnt aber im Verlauf enorm und wurde am Ende mit langem und frenetischen Applaus bedacht. Der Dokumentarfilm begleitet über 4 Jahre den Vater des Regisseurs und dessen Nachbarn in einem kleinen Tessiner Dorf; anfangs ist es die Idee des Vaters, der sich nicht damit abfinden kann und will, dass sein Nachbar seinen Freitod vorbereitet, und deshalb einen Film darüber machen will; zur Unterstützung des Projekts bittet er seinen Sohn um Hilfe. Die Idee ist wohl eine Gesprächssituation zu filmen, und mit den Gesprächen, das Thema auszuloten. Und dieser Anfang, an dem der Film noch keinen eindeutigen geistigen und künstlerischen „Vater“ hat, in dem es geschwätzig aber nicht interessant zugeht, gilt es zu überstehen, danach läuft der fast experimentelle Film über die ganz grossen Fragen des Lebens wunderbar, und lässt die Zuschauer nachdenken, lachen und mitfühlen, ohne ins Trostlose zu kippen.Der beeindruckendste Film heute ist „Chris the Swiss“ von Anja Kofmel, sie kombiniert Dokumentation mit Animation, verwebt mit Archivmaterial und führt als Ich-Erzählerin durch ihre sehr persönliche Suche nach dem wahren Schicksal ihres Cousins, der im Krieg in Kroatien ermordet wurde. Entstanden ist ein gewaltiges Werk, dass nicht nur die Hintergründe dieses Todes zeigt, sondern in seiner Komplexität ein allgemeingültiges Statement gegen Krieg und Gewalt ergibt. Man erfährt nicht nur, dass ihr Cousin als Journalist in Kroatien vom Krieg berichtete, sondern, dass er irgendwann die neutrale Objektivität verlassen hat, sich einer kämpfenden Freiwilligentruppe obskurer Art angeschlossen hat, und dort wohl Leuten „auf die Füsse getreten“ ist, was zu seinem, nach wie vor nicht restlos geklärtem, Tod geführt hat. Unterwegs mit seinen Aufzeichnungen aus der Zeit, fährt sie seine letzten Wege nach, spricht mit Journalisten, die ihn kannten, mit ehemaligen Kämpfern, mit der Familie, und immer wieder, abstrahiert und verdichtet die Animation das, wofür es keine dokumentierbaren Bilder (mehr) gibt. 6 Jahre Arbeit stecken in diesem Film, den man gar nicht genug empfehlen kann.

 

Solothurn_2018_Tag 1

Filme auch für Frühaufsteher

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Allem Anschein nach wurde im vergangen Jahr viel produziert in der Schweiz, das Programm ist dicht, und die ersten Vorführungen beginnen zwischen 9:15 und 9:30. Dem Besucherandrang tut das keinen Abbruch, das Kino ist voll, festivaltypisches Gedrängel am Eingang inklusive, und schon die erste Vorstellung beginnt mit Verspätung.

Im Dokumentarfilm „Willkommen in der Schweiz“ von Sabine Gisiger gelingt der Spagat einen unterhaltsamen, schafsinnigen und über die Grenzen der Schweiz gültigen politischen Film zum Thema Abschottung und Zuwanderung zu machen. Dabei bleibt der Film sachlich, lässt alle Seiten zu Wort kommen, montiert die, nur zu bekannten, Standpunkte der SVP Politiker und Wähler zum Beispiel mit friedlich im Frühnebel grasenden Kühen in einem verschlafenen Dorf, und findet immer wieder ruhige Bilder, deren Symbolhaftigkeit oft erst durch den Kontrast zum Gesagten entstehen. Gesang, zweier multiethnischen Chöre und historisches Nachrichtenmaterial unterbricht und strukturiert, und zeigt ganz nebenbei, wie Einheit aussehen kann, und wie alt und immer wiederkehrend mit der Angst vor Fremden und Fremdem gespielt wurde und wird.

Eine Programmschiene widmet sich Nachwuchstalenten, und zumindest die heutige Auswahl war vielversprechend. Den vier Filmen gemeinsam war die Auseinandersetzung mit Einsamkeit, ob in der Landschaft, in der Gruppe oder in sich selber.

Zwei Aussenseiter, die kurzzeitig zueinander finden in „Le valet noir“ von Laura Mure-Ravaud. Mit spärlichen Dialogen und reduzierten Gesten wird die mögliche Annäherung einer sehr androgynen Croupière und einem Taschendieb erzählt, liebevoll, zart trotz eher widriger Umgebung. Raue winterliche Landschaft, ein alter Bauernhof, ein rübezahlhafter Bauer, das sind die Komponenten in „La saison du silence“ von Tizian Büchi. Was er daraus macht mutet zunächst fast dokumentarisch an, und verschiebt sich im Verlauf ganz langsam ins geisterhaft Märchenhafte, auch in diesem Film wird weniger auf Dialog denn auf Bild und Geräusche gebaut, und regt so die Phantasie der Zuschauer aufs beste an. „Travelogue Tel Aviv“ von Samuel Patthey, fällt zunächst deshalb aus dem Rahmen, weil es ein Animationsfilm ist. Die leicht krakeligen Zeichnungen aus einem Reisetagebuch und eine spannenden Tonkollage zeigen Eindrücke eines Israel Aufenthalt, und machen das Erlebte mit einfachen Mitteln auf der Leinwand erfahrbar. Einsamkeit, Verlust und Abschied in „Fast alles“ von Lisa Gertsch, ein Paar um die 40, versucht dem Unausweichlichen zu entfliehen, aber die Fortschreitenden Alzheimer Erkrankung des Mannes schiebt sich immer unerbittlich in den Vordergrund; vor allem auf Grund der beiden Darsteller ein toller Film.

Der Dokumentarfilm „Hafis und Mara“ von Mano Khalil erzählt vom libanesisch-schweizerischen Maler Hafis und seiner rheinländischen Frau Mara, so weit so einfach. Zunächst scheinen die Rollen und Positionen klar abgesteckt, hier der quirlige, extrovertierte, fleissig malende Künstler, dort seinen ruhige, um-und versorgende Ehefrau, ein eingespieltes Team seit Jahrzehnten. Stück für Stück verschiebt sich die Sicht, Hafis ist nicht nur extrovertiert, er ist auch egozentrisch und irgendwie rücksichtslos, Mara ist nicht nur die Ehefrau, die durch ihr Geld diese Künstlerleben erst möglich macht, sie ist sich mit den Jahren abhanden gekommen, eine Diskussion hat in den vielen Ehejahre anscheinend nie stattgefunden; aber vor der Kamera tauchen langsam und zögerlich Risse auf. Die Stärke des Films ist, diese Risse zu dokumentieren, ohne sie zu werten, und ganz langsam ergeben sich dadurch neue Perspektiven auf, aber auch für das Paar.

Letzter Film dieses ersten Tages „Tranquillo“ von Jonathan Jäggi. Nachdem bei einem jungen DJ ein Tinnitus festgestellt wird, fängt er an sein bisheriges Leben, mit Freundin, Kumpeln und relativ klaren, eher konventionellen Bahnen, umzukrempeln, immer auch in der Hoffnung das Rauschen und Pfeifen in seinem Kopf wieder loszuwerden. Schön und spannend ist der Film vor allem, weil er nicht in langweiligen Dialogszenen aus Schnitt-Gegenschnitt erzählt wird, sondern viel mit ruhigen, statischen, aber interessanten Bildern arbeitet, dazu kommen extrem beängstigende Toneffekte, die den Tinnitus fast erfahrbar machen. Mit dem Wechsel der Lebensweise, wechselt auch die Bilddramaturgie, Einstellungen werden dichter, die Kamera bewegter, wilder, ohne den vorherigen Rahmen komplett zu verlassen, so wenig wie der Protagonist wirklich eine Änderung seines Lebens und eine echte Verbesserung seines Gesundheitszustands erreicht. Ein sehr gelungener Erstlingsfilm.

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