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Die Leoparden sind verteilt

 

Selten haben Jury Entscheidungen so durchweg Zustimmung erfahren wie in dieser 69. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno. Neben guten, wenn auch konventionellen Filmen gab es dieses Jahr viele schräge, originelle, schwer zu fassende und künstlerische Filme im Programm; damit war die künstlerische Leitung sehr nah an dem was das Herz dieses Festivals ausmacht, dem kreativ-künstlerischem, intellektuellen Kino ein zu Hause zu geben. Und alle Jurys folgten diesem Gedanken und prämierten nicht die leicht konsumierbaren, sondern eigenwillige Filme mit Ecken und Kanten, ohne dabei in elitäre Cineasten Sphären zu verschwinden; Kreativität kann durchaus auch bodenständig sein.

 

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Erfreulich, wenn auch wirklich verblüffend sind Entscheidungen der Kurzfilmjury mit ihrem Präsidenten Edgar Reitz, Pardino d’oro international geht an den wunderbaren Experimentalfilm L’Immense retour (Romance) von Manon Coubia, Pardino d’oro national an den Animationsfim Die Brücke über den Fluss von Jadwiga Kowalska. Pardino d’argento gehen jeweils an sehr eigenwillige und experimentale Kurzdokumentarfilme, international an Cilaos von Camilo Restrepo und national an Genesis von Lucien Monot.

 

 

Interessant die Auswahl der Jugendjury, deren Hauptpreis ging an den Thailändisch-Japanischen Film Bangkog Nites von TOMITA Katsuya, einen episch langen Film über Prostituierte und deren, meist, ausländische, Freier. Ein Film über Macht- und Ohnmachtsverhältnisse. Einen weiteren Preis vergaben sie an die japinischen Softporno Komödie Kaze ni nureta onna (Wet Woman in the Wind) von SHIOTA Akihiko.

 

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Dario Argento (c) chderiaz

Für die Cineasti del presente gab Jury Präsident Dario Argento eine gleichermassen freche wie gute Begründung, der Pardo d’oro gehe vielleicht nicht an den besten Film der Sektion, aber an den, der dem Konzept dieses Wettbewerbs am besten entspricht; der Preis geht an den argentinischen Film El auge humano von Eduardo Williams, dessen schlängelnd-kreisförmig erzählerische Bewegung trotz einiger Schwächen, besonders bei der Kamera, sehr interessant war.

 

 

 

 

 

Im Hauptwettbewerb bekam der sehr schöne rumänische Film Inimi cicatrizate (Scarred Hearts) von Radu Jude, den Spezialpreis der Jury. Der pardo d’oro ging an die bulgarischen Regisseurin Ralitze Petrova für ihren bedrückend schönen Film Godless. Der Film bekam auch den Preis der ökumenischen Jury und die Hauptdarstellerin Irena Ivanova wurde als beste Schauspielerin mit einem Leoparden ausgezeichnet.

 

 

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Am Abschlussabend auf der Piazza herrschte gute Stimmung, teils fröhliches Chaos auf der Bühne, wenn Regisseure nicht wussten, ob sie nach der Übergabe des Leoparden bleiben oder gehen sollten, manchmal gab es Sprachverwirrung, alles in allem aber ein harmonisches Ende. Im kommenden Jahr, zur 70. Ausgabe des Festivals wird die Schweizer Post dem Festival eine Briefmarke widmen; etwas weniger glücklich dürfte das Wegfallen eines der Hauptsponsoren das Team um Marco Solari und Carlo Chatrian machen.

Als letzten Film gab es dann das monumentale indische Superhelden Epos Mohenjo Daro von Ashutosh Gowariker, 153 Minuten bunt, laut und kolossal übertrieben, sprich: ein lustiger Film.

Alle Preise auf www.pardo.ch

Nächstes Jahr am 2. August beginnt die Jubiläumsausgabe des Filmfestivals von Locarno

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Grau bis Tiefschwarz

 

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Die letzten Filme bis zur Preisvergabe, Carlo Chatrian verliert dann doch langsam seine Stimme, seiner guten Laune tut das keinen Abbruch, und wo man geht und steht in der Stadt: Leoparden.

Sommerlich blauer Himmel am Tag 8, perfekt erscheint also ein Film der in weiten Teilen an einem See in Argentinien spielt. La idea de un lago von Milagros Mumenthaler fängt gut an, eine hochschwangere Photographin möchte vor der Geburt ihres Kindes nicht nur ein Buch über den Urlaubsort ihrer Kindheit fertigstellen, sie versucht auch ihr Leben und ihre Vergangenheit zu sortieren, Problem zu lösen. Zeitlich springt der Film hin und her zwischen Kindheit, frühem Erwachsenenalter und heute. Die Familienferien am See, wo man entdeckt, dass sehr früh schon ihr Vater abwesend ist, einer der Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur, die bröckelnde Beziehung zum Vater ihres Kindes im Jetzt, der schwelende Konflikt mit ihrer Mutter, durch alle Zeitebenen, und letztlich der Wunsch wenigstens klären zu lassen, ob der Vater eines der aufgefunden Opfer sein könnte. Alle diese Fäden laufen wild durcheinander, aber ab der Hälfte des Films gibt es keine Entwicklung mehr, die Suche nach (Er)Lösung zieht sich wie ein Gummiband in die Länge, der Zuschauer geht dem Film unterwegs verloren. Das ist schade, denn etwas gerafft, hätte das eine schöne Geschichte ergeben.

Statt Leoparden von Morgen ein Film aus dem Hauptwettbewerb Godless von Ralitza Petrova. Eine gute Entscheidung! Trostloses Grau, erloschene Farben, triste Plattenbauten, müde Gesichter, der Kontrast zum Ambiente vor dem Kino könnte kaum grösser sein. Auch hier ist die Wahl des 4:3 Formats eine dramaturgisch fast zwingende, unterstreicht das Format doch die nervöse Kamera, die oft ganz dicht auf Gesichtern ist, sie umkreist, Details aus der Unschärfe in die Schärfe holt, die Unruhe und Trostlosigkeit der Figuren spiegelnd. Eine Geschichte von Gaunerei und Korruption bis in die höchsten Kreise von Polizei und Justiz, bei der die kleinen Fische, die Krankenschwester eines mobilen Pflegedienstes, die Personalausweise der alten Menschen klaut, und ihres Freundes, einem Automechaniker, der die Ausweise verkauft, nur verlieren können. Zu gross ist der Gewinn, den die wahren Drahtzieher mit den Ausweisen erzielen, in dem sie Scheinfirmen auf die Namen der Alten eröffnen, um Geld zu waschen. Das unausweichlich düstere Ende ist durch die trüben Bilder und die, zum Teil extrem lauten, harten Geräusche, physisch spürbar, man fröstelt im Kinosaal. Allein am Schluss, wo plötzlich gleissendes Licht Berge und Skipisten erstrahlen lässt und einer der korrupten Richter in grell orangenem Anzug auftaucht, wird die Hoffnung auf eine höhere Gerechtigkeit wenigsten denkbar.

Auf der Piazza, läuft Cannes Gewinner I, Daniel Blake von Ken Loach, also statt dessen einen anderen Film nachholen, Viejo calavera von Kiro Russo. Schwer zu fassen ist der Film, zum Teil grossartige Bilder, fast monochrom Schwarz, das wenige natürliche Licht nutzend, um doch Konturen zu erfassen, Szenen die in ihrer Bild- und Tonmontage schwindlig machen vor Vergnügen. Aber dann unbegreifbare Dialoge zwischen bolivianischen Minenarbeitern, der Hauch einer Geschichte, der sich aber immer wieder entzieht. Man möchte so gerne verstehen, eben auch weil so viel Schönes in dem Film ist, aber worum es gegangen sein mag ist bis zum Ende nicht herauszufinden.

 

Familienbande

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Doppelte Dosis Leoparden von Morgen, das letzte internationale und das letzte nationale Programm und darin einige schöne Filme. Au loin, Baltimore von Lola Quivoron beginnt laut. Heulenden Zweitakt Motoren, eine Gruppe Jungs düst durch eine französische Vorstadt, waghalsig, ausgelassen drehen sie ihre Motoren auf, bis bei einer der Maschinen plötzlich der Motor aussetzt. Der Junge schleppt sein Motorrad die Treppe rauf in die elterliche Wohnung, wo sein Vater komatös schläft, und sein kleiner Bruder alleingelassen und gelangweilt spielt. Und plötzlich ändert ich der wilde Typ von eben, und es beginnt eine ganz zarte, leise Geschwister Beziehung. Präzise, schöne Kamera zwei tolle Darsteller und eine schöne Geschichte. Each to their own von Maria Ines Manchego, auch hier steht eine Familie im Mittelpunkt, der Mann/Vater ist gerade gestorben, die Stimmung der Trauer bei Mutter und Teenager Tochter ist aggressiv – verschlossen. Bis jede für sich einen Weg durch die Trauer findet, und sie damit auch wieder füreinander da sein können; ein kleiner, gut erzählter Film. Familie auch im Animationsfim Hold me (Ca Caw Ca Caw) von Rennee Zhan , allerdings sehr, sehr speziell. Ein Mann und ein grosser Vogel leben in einer Liebesbeziehung, rotzfrech und skurril die Sexszene, die Mahlzeiten bis der Vogel ein sehr grosses Ei legt, und das Brüten wichtiger als die Beziehung wird. Der Mann wird nicht mehr befriedigt, nicht mehr gefüttert, und schnappt sich schliesslich das Ei; bitterböses Ende inklusive.

Cabane von Simon Guélat ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Freundschaft, Loyalität und Liebe. Vier Jugendliche die heimlich zu einem Baumhaus im militärischen Sperrgebiet gehen, als sie schliesslich entdeckt und vertrieben werden, kehrt Abends zunächst einer, dann der zweite der Jungs zurück, doch die sexuelle Spannung des einen, wird vom anderen zurückgewiesen, als Kinderei abgetan, wütend schmeisst sein Freund ihn aus dem Baumhaus. In der Nacht, die er alleine im Wald verbringt vermischen sich Träume und Geschichten, alleine diese Sequenz ist es schon wert den Film zu sehen, geheimnisvoll und angenehm verwirrend. Am Ende der Nacht ist ein Stück Kindheit von dem Jungen abgefallen, so wie das Baumhaus neben ihm zusammenbricht. Digital immigrants von Norbert Kottmann und Dennis Staufer ist ein irre witzig konstruierter Dokumentarfilm, TV Filme über Computer und ihre Möglichkeiten, Auswirkungen und Gefahren aus den Jahren 1959 bis 1990 werden kombiniert mit Aufnahmen von Senioren heute, die in einer Art Selbsthilfegruppe sich gegenseitig helfen Computer zu bedienen und zu begreifen. Einfach nur klasse! In Les Dauphines von Juliette Klinke geht es wieder um Familie, eine Mutter reist mit zwei Töchtern, zu einem Talentwettbewerb. Eher punkig als glamourös,die drei üben auf einem Parkplatz, übernachten im Auto,die Kinder haben Spass. Beim Anblick der anderen Mütter und Kinder wird die Mutter allerdings nervös, alles droht zu kippen, aber die kleine Schwester, ein niedlicher kleiner Pummel, rettet, ganz unglamourös, aber sehr originell den Auftritt.

Letzter Ehrenleopard vor der morgigen Preisverleihung, diesmal an Alejandro Jodorowsky, der auf die Frage, warum er zwischen seinen Filmen immer wieder lange Pausen lagen: wenn er nichts zu erzählen hätte, dann würde er eben keinen Film machen.

Der Film des Abends hat etwas zu sagen, und das mit sehr viel Humor, Vincent von Christophe Van Rompaey. Und wieder Familie, eine recht durchgeknallte obendrein. Die Titelfigur, der 17 jährige Vincent ist überzeugt, mit seinem Selbstmord die Welt aus ökologischer Sicht besser zu machen, immerhin würde sein ökologischer Fussabdruck damit auf null sinken. Der Film beginnt mit völlig entfesselt wirkender Kamera, die sich als die Subjektive Sicht des Möchtegern – Selbstmörders entpuppt. Mutter, Stiefvater, hochschwangere Schwester, kleine punkige Schwester und dann kommt auch noch die Halbschwester der Mutter aus Paris zu Besuch! Lustig – freche Dialoge, familiäre Gemeinheiten, eine fast schwarze Komödie, deren 2 Stunden wie im Flug vergehen.

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Wege ohne Wiederkehr

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Fremde Welten, die man durch Filme entdecken kann, mal schön, mal spannend, manche verwirrend und einige nicht ganz verständlich, und doch mit einem gewissen Reiz, der nachwirkt. Am Tag 6 zum Beispiel Istirahatlah kata-kata (Solo, Solitude) von ANGGI NOEN Yosep. Vor dem Hintergrund der indonesischen Demokratiebewegung der späten 90ger Jahre erzählt der Film vom Dichter Wiji Thukul, der von der Regierung beschuldigt wurde Demonstrationen initiiert zu haben, die dem Umsturz dienen sollten. In sehr schönen, ruhigen Bildern, die oft spannende Perspektiven finden, wird der nach Borneo geflüchtet Dichter gezeigt, der nichts weiter tun kann, als sich versteckt und bedeckt zu halten, und parallel dazu seine auf Java geblieben Frau, die Polizeirepressionen und Schikanen durch Nachbarn ausgesetzt ist. Aber trotz der schönen Kamera und eines interessanten Konzepts bleibt das ganze etwas langweilig, möglicherweise einfach aus Mangel an Verständnis. Wiji Thukul verschwand übrigens kurz vor dem Umsturz der Regierung 1998 und bis heute gibt es keine Spur von ihm.

 

Und wieder gibt es nur (?) zwei Filme aus dem Programm der Leoparden von Morgen hervorzuheben: L’immense retour von Manon Coubia, ein Experimentalfilm über das Warten auf einen am Mont Blanc verschollenen Bergsteiger. Am Anfang lange, langsame, wie schwebende Bewegungen auf weissem Grund, der wie Schnee wirkt, essayartig die Gedanken der wartenden Frau, bis man begreift, dass das Weiss ein Laken ist. Eine schlafende Frau, das Verstreichen von Zeit, viel Zeit, dann eine surreale Kollage von brechendem Eis, von verschwimmenden Berggipfeln, Geräusche die unter die Haut gehen, bis der Berg am Ende, in einer sehr langen, aus dem Weiss kommenden, Blende etwas freigibt: einen verschollenen Bergsteiger. Auch in Valparaiso von Carlo Sironi wird gewartet; eine junge Chilenin wartet in einem italienischen Abschiebezentrum. Als sich herausstellt, dass sie schwanger ist, kommt sie dort raus, da Schwangere zunächst nicht abgeschoben werden können. Kompakt wird das erzählt, am Anfang die vielen Zäune und Gitter, die ein nahezu abstraktes Bild ergeben, Schwangerschaft, Geburt, das Abgeben des Säuglings in einer Babyklappe, alles in höchstens 5 kurzen Einstellungen, eliptisches Eiltempo. Dann eine kurze Phase der Ruhe vor einem Art Showdown im Krankenhaus, wo die Frau versucht ihr Kind doch wiederzubekommen.

Der traumhafte Weg von Angela Schanelec zieht eine sehr grosse Zuschauermenge an, das grosse Fevi ist fast voll, aber sehr viele Zuschauer verlassen, zum Teil unverschämt polternd, während dieses eigenwilligen Films den Saal wieder. Die Geschichte hat zwei Zeitebenen, einmal Ende der 80ger Jahre in Griechenland und England , und dann heute in Berlin, währen im ersten Teil nur das zwingend notwendige gesprochen wird, wird im zweiten Teil viel geredet und wenig gesagt. Das 4:3 Format der Bilder stilisiert und zelebriert das Weglassen, in dem immer wieder nur Teile der, vermeintlichen, Bildinformation zu sehen sind, das ist anstrengend aber auch ziemlich interessant, auch wenn man am Schluss nicht wirklich sicher sein kann den Film „verstanden“ zu haben. Wie sehr so ein Massenauszug des Publikums die Jury beeinflusst, und in welche Richtung wäre auch mal spannend zu wissen.

Auf der Piazza keine Ehrung, aber die sehr bunte Vorstellung der, seit 14 Jahren existierenden, Programschiene Open Doors, diese Jahr Südasien. Und erstmals bleibt diese Region auch in den kommenden beiden Jahren Fokus des Programms, um so eine Kontinuität auch in der Entwicklung dieser eher unbekannten Filmländer zeigen und begleiten zu können.

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Josef Hader (c) chderiaz

Überraschend besser als befürchtet ist dann der Film des Abends: Vor der Morgenröte von Maria Schrader. Die letzten Jahre Stefan Zweigs im Südamerikanischen Exil, erzählt in einzelnen Etappen, die schlaglichtartig das Leben aber auch die wachsende Entfremdung und Mutlosigkeit zeigen. Josef Haders Darstellung Zweigs ist eine mögliche und plausible Interpretation, die trotzdem noch Platz lässt, sich de Dichter auch ganz anders vorzustellen, das ist sehr angenehm. Schöne Kamera und ein historisches Thema, das definitiv aktuell ist. Das Publikum schien ziemlich begeistert, aber ob das schon ein Publikumspreis ist? Neben Le ciel attendra war das auf jeden Fall der Film mit dem meisten Beifall. Aber noch sind ein paar Festivaltage übrig.

 

Rohe Gewalt und ein langer Zug

Vom Frühstück direkt in einen japanischen Gewltrausch! Destruction Babies von MARIKO Tetsuya erzählt von roher, sinnentleerter Gewalt, und unternimmt auch nicht den leisesten Versuch eine Begründung für die Prügelorgien zu geben, und das ist auch gut so. Irgendwo in einem Ort am Meer, im ersten Bild sieht man zwei Brüder, getrennt durch einen Flussarm, während der eine fies von einer Gruppe vermöbelt wird, steht der andere, jüngere hilflos am anderen Ufer. Der Geprügelte ruft ihm noch zu, dass er verschwindet, und ist fortan auf einer absolut selbstzerstörerischen Gewalttour, er drischt wahllos auf Leute ein, egal, ob die grösser, stärker, oder in Überzahl sind, er drischt und kämpft, auch wenn er schon am Boden liegt, und: schweigt. Und immer wieder gibt es Zuschauer bei diesen Orgien, die im Wesentlichen ihre Handys dazu nutzen das Chaos zu filmen, um die kruden Aktionen ins Netz zu stellen. Als sich ein eitler, latent aggressiver Mann ihm anschliesst, und ständig schwatzend, kommentierend und filmend hinter ihm her rennt, läuft die Gewalt völlig aus dem Ruder, und steuert ihrem unvermeidlichen, selbstzerstörerischen Ende zu. Gewalt und ihre Rezeption in sozialen Netzwerken, zusammengefügt, nicht bewertet aber zur Bewertung freigegeben.

Aus Serbien kommt der Leopard von Morgen des Tages, Tranzicija von Milica Tomovic. Auch diese Geschichte zeigt wie wenig gesagt wird, auch wenn viel gesprochen wird; während fast alle Freunde und die Eltern glauben, dass die junge Musikerin in die USA zum studieren fährt, und zwischen Freude und Bedenken von ihr Abschied nehmen, bleibt sie nahezu allein mit der Wahrheit. Ein Abschied wohl für immer, in ein neues Leben mit einem neuen Geschlecht. Das Bedrückende der einsamen Entscheidung wird viel über Blicke und tastende Kamerabewegungen erzählt, oder in lauten Szenen, die zur Farce von Nähe geraten.

Eine archaische Geschichte, von Glauben, Aberglauben und handfesten Lügen, um ein dunkles Geheimnis zu wahren, erzählt Il nido von Klaudia Reynicke. In einem kleinen Tessiner Bergdorf tritt der „Fremde“ aus der Vergangenheit in die Gegenwart, und wirbelt solange Staub auf, bis das so heuchlerisch gut versteckte Geheimnis ans Licht kommt, und die Zukunft des Ortes, so wie er ist, alles andere als sicher ist. Extrem kurzweiliger Film, getaucht ins Grün und Braun eines feuchten Herbsttages.

El futuro perfecto von Nele Wohlatz ist ein perfekter Spass; über die Übungen ihres Spanischkurs wird die Geschichte eine junge Chinesin, neu in Buenos Aires,erzählt, und je mehr sie lernt, um so wilder vermischen sich erzählte und gezeigte Geschichte. Anfangs stehen Sprachkurs und „das reale“ Leben nacheinander, je weiter die Sprachkenntnisse aber gehen, desto komplexer werden die Vermischungen von Übung und „Reaität“, bis hin zu verschiedenen möglichen Zukunftsvisionen, die in raschem Tempo hintereinander durchgespielt werden. Ein wunderbarer Film über Fremdsein, Lernen und die Kraft der Worte.

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Roger Corman auf der Piazza, mit Ehrenleopard und dem Wunsch nach Mut für das Kino der Zukunft, und ein Film aus Mosambik, der von einer langen Zugfahrt im Bürgerkriegsjahr 1989 erzählt. Comboio de sal e açucar von Lucino Azevedo, Figuren und Typen wie aus einem Western, archaisch, bekannt, immer wieder gesehen: der Brutale, der Gute, der Mysteriöse, die Frau, ein Weg voller Gefahren, ein Ziel, das alle zunächst eint, und kaum dass es erreicht ist, auseinanderfallen zu lassen. All das in weiter Afrikanischer Landschaft, und auf einem alten, fauchenden Zug, schön!

 

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Ungezähmt und zahm

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Bei der Präsentation vor ihrem Film, wünschte Caroline Deruas dem Publikum möglichst noch verschlafen oder verkatert zu sein, weil genau diese Stimmung, noch nicht ganz hier, aber auch nicht mehr dort, für sie ihren Film L’indomptée beherrscht. Aber auch, relativ, ausgeschlafen ist der Film eine wunderbare Entdeckung, surreal, verspielt, versponnen, mysteriös und manchmal albtraumhaft. Eine Gruppe Künstler zieht für ein Jahr in die Villa Medici in Rom, zwischen einer jungen Photografin und einer Schriftstellerin, die mit Kind und Schriftsteller-Mann anreist, entsteht eine merkwürdige Beziehung, ein Vertrauensverhältnis, und während die eine fast obsessiv Bilder macht, und sich der historische Ort mit seinen Geistern in ihr Lebe – oder nur in ihre Träume? – schleicht, leidet die andere an Schreibblokade und an ihrem erfolgreichen und dominanten Ehemann. Immer wilder und wirrer fliessen Träume, Visionen und Realität ineinander, vermischen sich mit der Architektur des Orts, verweben sich in den Alleen des Gartens und verknoten sich mit den Skulpturen. Die wunderbare Kamera und die Farbgestaltung tuen ein weiteres einen in diesem Film versinken zu lassen. Erstaunt verlässt man das Kino, nicht mehr ganz dort, aber noch nicht ganz da.

Auch die nächsten Leoparden von Morgen begeistern nicht wahnsinnig, aber zwei Filme sollten erwähnt werden. Kommittén von Gunhild Enger und Jenni Toivoniemi ist eine bitter komische Farce zum Thema Zusammenarbeiten in Europa; je ein Vertreter aus Norwegen, Finnland und Schweden sollen versuchen den Grenzstein der drei Länder künstlerisch zu gestalten, die Arbeit im Komitee ist geprägt von unsinnigen Diskussionen, albernen Vorschlägen, aber alles mit grossem Ernst vorgetragen, und in bester Europa Manier, werden Entschlüsse vertagt, wenn Einigung zu schwierig erscheint. Alepou von Jacqueline Lentzou erzählt von drei Geschwistern, einer schon fast erwachsen, zwei noch recht klein, die, anders als der Zuschauer, noch nicht wissen, dass ihre Mutter tödlich verunglückt sind, und einen freien, unbeschwerten Tag leben. Auch das ständige läuten des Handys stört sie in ihrem Spass nicht, bis am nächsten morgen der grosse Bruder doch endlich abhebt, und nichts mehr so ist wie es war. Liebevoll erzählt, und obwohl die Tragik klar ist, schafft der Film Spannung zu erzeugen.

Lose inspiriert von der Biographie und den Texten Max Blechers ist Inimi cicatrizate von Radu Jude. Die Geschichte des an Knochentuberkulose erkrankten jungen Mannes im Rumänien der 30ger Jahre ist in unendlich schöne Bilder gegossen. Zwar sind die Szenen immer statisch, die Aktion kommt alleine aus der Handlung und dem Spiel der Schauspieler, aber durch die Motive, Ausstattung, Kostüme, Spielfreude und nicht zuletzt durch die tolle Kamera – gedreht auf 35mm und im 4:3 Format – ist dieser künstlerische Ansatz nie langweilig. Es wird viel mehr sehr direkt das (Über)Leben und Leiden der Figuren, die sich in ihrer Krankheit und im sehr luxuriösen Krankenhaus eine Welt geschaffen haben, die sie mit Sinnlichkeit und absurder Philosophie füllen, vermittelt.

 

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Mario Adorf und  Dario Argento (c) chderiaz

Am Abend wieder eine Ehrung, Dario Argento überreicht Mario Adorf den Ehrenleopraden, fröhlich geht das zu und mit grosser Begeisterung hüpfen die beiden nicht mehr so jungen Herren von der Bühne, und machen Platz für das Team von Paula von Christian Schwochow. Die Lebensgeschichte der Malerin Paula Becker-Modersohn, die an sich von einer Rebellion, einem Kampf, nämlich dem als Frau um die Jahrhundertwende als Künstlerin nicht nur anerkannt, sondern auch zugelassen zu werden, verflacht auf Kosten von Beziehungsgeflechten und schönen Bildern. Die Darstellung des rebellischen Charakters endet in albernem Kichern und Schmollmund ziehen der Darstellerin, ob das dem Charakter Paula Becker-Modersohns wirklich gerecht wird darf bezweifelt werden. So bleibt der Film hübsch anzusehen aber zahm; das ist umso trauriger, als es an der Zeit ist mehr Geschichten von starken und rebellischen Frauen zu erzählen.

 

Vernetzungen

Tag 5 beginnt mit einem verwirrenden, aber auch interessantem Film: El auge del humano von Eduardo Williams. Die Kamera folgt einem Jungen in Argentinien, zur Arbeit, zu Freunden, es wirkt, als würde der Zuschauer ihn verfolgen, die Dialoge sind an sich nur Fragmente, nichtig. Einzig das immer wiederkehrenden Thema Netzabdeckung, Internetzugang, die Kommunikationsmedien, verbindet die Gruppe, und führt schliesslich über ein Youtube Video zu einer Gruppe Jugendlicher in Mosambik. Das Video fungiert als Tür, eben noch auf dem Bildschirm in Argentinien, findet sich der Zuschauer bei dem Jungs in Afrika wieder, und auch hier die Kamera als Verfolger, auch hier ist das zentrale, erfassbare Zentrum ihrer Unterhaltungen, ihres Antriebs, Handynetz, Inernet, die Suche nach Computern. Der dritte Teil verlässt kurz die Verbindung via Netzwerk, und verbindet Afrika mit den Philippinen durch einen Ameisenhaufen, Ameisen krabbeln auf der einen Seite in Makroaufnahmen herum, um auf der anderen auf einem Finger, der gerade eine Nachricht tippt „anzukommen“. So könnte die Geschichte ewig im Kreis gehen, wieder folget der Zuschauer jungen Menschen, diesmal durch den Dschungel, wieder dreht sich alles um Kommunikationsmedien, um am Ende in einer Art Schleife, bei der Fertigstellung von Tabletts, hängen zu bleiben. Schöne neue Welt.

Das wieder nationale Programm der Leoparden von Morgen bietet einen experimentellen Kurzdokumentarfilm, Genesis von Lucien Monot, in dem ein Statist portraitiert wird. 30 Jahre schon peppt Daniel seinen Alltag mit Komparserie auf, eine etwas schräge Figur, unkonventionell gezeigt in Teils etwas wackeligen 16mm Bildern, die Interview Teile im Off, Dialoge während der Szenen, bei denen er begleitet wird, als Kollagen, in denen Bild und Ton leicht verschoben werden; durchaus spannend. Iceberg von Matthieu Z’Graggen erzählt vom Anfang einer Freundschaft zwischen einem grimmigen älteren Eisstadionwart und einem Mädchen, das gerne Eishockey spielen würde, aber er erzählt auch vom Überwinden von Missverständnissen und davon dass man Träume manchmal auch Leben kann, sofern man sich aus seiner „Komfortzone“ begibt.

Und noch ein eigenwilliger Film über Beziehungen dann am Nachmittag: Afterlov von Stargios Paschos. In Art von Woody Allen Filmen wird hier eine zerbrochene Beziehung verhandelt, die Idee des Mannes, seine Exfreundin einzuladen auf eine gemütliches Wochenende im luxuriösen Haus von Freunden, und sie dort, bei allem Luxus, und in aller Freundschaft, festzuhalten, bis sie ihm erklärt hat weshalb sie ihn verlassen hat. Der Film arbeitet mit allerlei filmischen Spässen, der Mann wendet sich Anfangs direkt in die Kamera und erklärt nervös sein Vorhaben, Situationen springen in der Zeit vor und zurück, Dialoge werden aus scheinbar nicht linearen Fragmenten zusammengesetzt, und es wird viel und schnell gebrüllt, geflucht und argumentiert, wobei sich die Gespräche konstant im Kreis drehen. Klingt anstrengend ist aber ziemlich lustig.

Auf der Piazza heute keine Ehrungen, dafür ein Film über den man auf Grund seines Themas sicher wird nachdenken müssen Le ciel attendra von Marie-Castille Mention-Schaar. Es geht um zwei Mädchen, die vom IS rekrutiert werden, beides Französinnen, nur eine mit einem Vater, dessen Familie aus dem Maghreb kommt. Die Geschichten werden parallel aber in gegensätzlicher Richtung erzählt, während die eine von einer Antiterroreinheit zu Hause überwältigt wird, weil sie einen Anschlag plant, und in Folge eine an Drogenentzug erinnernde Rückkehr zu ihrem alten Leben durchläuft, wird die andere erst frisch rekrutiert. Ihre Geschichte wird in Rückblenden erzählt, denn sie ist unauffindbar nach Syrien verschwunden. Die beiden jungen Schauspielerinnen sind einfach umwerfend, der Film spannend, auch wenn einige Szenen in einer Eltern Gruppe mit einer -echten- muslimischen Sozialpädagogin etwas aufgepfropft sind. Die Stärke des Films ist, dass er nicht wertet, aber er zeigt nachdrücklich die Mechanismen der Verführung.Auch wenn man sich am fünften Festivaltag daran gewöhnt hat vor jedem Kino seine Tasche zu öffnen, nicht gewöhnen mag man sich an den Anblick der bewaffneten Polizei. Und vielleicht ist es auch deshalb wichtig, dass Rekrutierung für den IS zum Filmthema wird, vielleicht kann man ihn vom Sockel auf die Erde holen, den Nimbus des mysteriösen nehmen? Vielleicht muss auch das ein Filmplot werden können, aus den geheimnisvollen Ecken raus ins Licht von Filmleinwänden?

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Nackt und laut

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Der zweite Tag beginnt wie der erste geendet hat, im Regen; aber die Wege in Locarno sind kurz, und die Rettung vor schlechtem Wetter heisst Kino.

Mañana a esta hora von Lina Rodriguez kommt erst mit der Zeit in Schwung, zunächst wirkt der Film wie eine etwas konventionelle Familiengeschichte: Vater, Mutter, nervige Teenagertochter. Es wird gestritten, geredet, ausgegangen, grundsätzlich ein gutes Verhältnis mit Tagen wo Streit zwischen Eltern und Tochter die Stimmung trotzdem versauen. Die Bilder, in denen erzählt wird, sind dicht, die Menschen nah beieinander, egal ob beim Fernsehen, oder beim Treffen mit Freunden, mit einer langen Blende ins Schwarz, beginnt der Film dann fast von neuem, die Bildkomposition wechselt. Die Menschen sind eher am Rand, um sie herum Raum, zu viel Raum, visueller Ausdruck des Verlusts, der Entfremdung und Sprachlosigkeit nach dem plötzlichen Tod der Mutter. Eine Bilddramaturgie, die sich erst nach und nach erschliesst, die aber dafür um so eindrücklicher wirkt und die zeigt wie mit kleinen Mitteln einen grosse Wirkung erzielt wird.

Der Regen hat aufgehört, trotzdem kein Grund nicht weiter ins Kino zu gehen.

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Nach dem schwachen ersten Programm Leoparden von Morgen ist das zweite, diesmal nationale, eine wahre Freude. Timo von Guntens La femme et le TGV ist eine wunderbar warmherzige, toll gedrehte, von Jane Birkin gut gespielte Geschichte einer Frau, die Jahre hinweg zwei mal täglich, dem direkt an ihrem Haus vorbei rauschenden TGV mit einem Schweizerfähnchen zuwinkt. Eines Tages findet sie in ihrem Garten einen Zettel vom Zugführer , der sich bedankt, für das Winken, das ihm trotz seiner Geschwindigkeit aufgefallen ist, auf das er sich in seinem rasenden Alltag freut. Ein Briefwechsel der beiden beginnt, und verwandelt das Leben der eher mürrischen Dame. Tosender Beifall im Publikum. Die Brücke über den Fluss von Jadwiga Kowalska ist ein subtiler und schöner Animationsfilm, Liebe, Verlust, Verzweiflung, Freude, in holzschnittartigen Bildern und surrealen Geräuschen erzählt. Lost Exile von Fisnik Maxhuni erzählt in düsteren Bildern von einem Schlepper, der eine junge Frau aus dem Kosovo nach Ungarn bringen soll. Warum genau die Frau weg will wird ebenso wenig erzählt, wie die Hintergründe des Schleppers, der selber bedroht und erpresst wird, einzig die direkte Konfrontation der beiden Figuren zählt. Bringt er sie wie vereinbart nach Ungarn, oder übergibt er sie in einem Motel an obskure Mädchenhändler? Ein Kreislauf von Druck, Gewalt und Abhängigkeiten, bedrückend und sehr gut gemacht.

Am Nachmittag zwei Filme, die ein wahres Kontrastprogramm bieten, zunächst: La prunelle de mes yeux von Axelle Ropert, eine niedliche aber auch etwas alberne romantische Komödie. Erst wird sich angezickt, angelogen, intrigiert, dann wird sich verliebt, ein kurzer Sturz von Wolke 7, bevor dann zum grossen Happy End gerufen wird. Nicht aufregend, aber durchaus nett. Mit dem Warnhinweis an empfindliche Gemüter versehen ist der zweite Film: Kaze ni nureta onna (Wet woman in the wind) von SHIOTA Akihiko, ein filmgewordener japanischer 70ger Jahre Softporno. Humor, Gewalt, und Sex, wollte der Regisseur zusammenfügen, und genau das bekommt man. Ein Künstler hat sich in die Provinz zurückgezogen, lebt mitten im Wald in einer Baracke, wo er eines Tages von einer Jungen Frau entdeckt wird, die ihm Sex anbietet. Aus seinem Nichtwollen und ihrem Wollen entsteht eine aggressive, ruppige Komik, in die immer mehr Leute einbezogen werden, und am Ende wird im gar nicht mehr einsamen Wald ziemlich viel gestöhnt und geschrien, werden Brüste und Popos geknetet und sogar ein Ehering übergestreift. Lustig.

Gestöhnt wird am Abend auf der Piazza auch, allerdings nicht aus Lust. Jason Bourne von Peter Greengrass hat alles was man erwartet: epische Verfolgungsjagden mit Autos, Motorräder, Helikoptern, wüste Prügeleien, Computernerds, undurchsichtige Intrigen, und ein durch die Welt gehetzter Matt Damon, 123 ziemlich atemlose Minuten.

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Harvey Keitel ist in Locarno, aber wo?

Der dritte Tag beginnt mit dem bisher schönsten, eindrücklichsten Film, Gorge Cœur Ventre von Maud Alpi. Ein punkiger junger Mann und sein Hund, und Nächte auf dem Schlachthof, dort wo die Tier noch leben, aber dem unausweichlichen Bolzenschuss zugetrieben werden. In den dunklen, engen Gängen aus Beton und Stahl drängeln sich Kühe, Schweine und Schafe, die Kamera fängt die Blicke, die Gesichter, die Fellstrukturen ein, der Ort wirkt aus der Zeit gefallen, schweigsam aber nicht stimmlos. Im Kontrast zum dunklen Schlachthof, erscheint das Abbruchhaus, in dem der Junge mit seinem Hund lebt, hell, licht und freundlich. Der Hund, anfangs nur Begleiter bekommt im Verlauf der Geschichte einen eigenen Handlungsstrang, interagiert mir den Kühen und Schweinen, stromert durch lichtlose Gänge, ein mysteriöses, traumgleiches Abdriften entsteht. Ein fiktionaler Film in einem dokumentarischen Rahmen, der wiederum nicht den Ablauf des Tötens dokumentiert, sondern durch die Auswahl der Bilder, der Perspektiven, der Töne und des Spiels eine Transzendenz erzeugt.

Auch das heutige Programm der Leoparden von Morgen lässt gutes für die Zukunft des Kinos erwarten. Cilaos von Camilo Restrepo ist ein hoch rhythmischer kurzer Film über die Suche nach dem unbekannten Vater, gedreht in 4:3 Format, das die oft sehr nahen Gesichter der Figuren optimal in Szene setzt. Sredi cheornyh voln (Among the black waves) von Anna Budanova ist ein weiterer zauberhafter Animationsfilm, der in starken, dunklen Bildern von Liebe und Verlust erzählt. Nuestra amiga la luna von Velasco Broca ist schlicht ein surreales Kunstwerk in bester Buñuel Tradition; auch hier sind nicht nur Geschichte, sondern auch Bildformat und Kamera ein integraler Teil der Dramaturgie, und nicht bloss ein Mittel bewegte Bilder auf eine Leinwand zu bringen. Etage X von Francy Fabritz ist ein rabiat lustiger Film, über zwei Frauen, die in einem Fahrstuhl stecken bleiben, und zeigt wozu eine grosse Handtasche in solch einem Fall dienen kann. Trotz der Enge des Raums gibt es immer gute und interessante Kameraperspektiven, die der Geschichte zusätzlich Stärke geben. Intelligenter, künstlerischer Spass.

Eine klassische Heldenreise erzählen Tizza Covi und Rainer Frimmel mit Mister Universo. Nachdem der junge Raubtierdompteuer einen Talisman verloren hat, ohne den er sich weigert aufzutreten, begibt er sich quer durch Italien auf die Suche nach dem Mann, von dem er den Talisman als Kind bekommen hat. Auch hier vermischen sich reale Zirkuswelt und fiktive Geschichte, was am Anfang der Geschichte noch etwas langatmig ausfällt, wird mit Verlauf der Suche dichter, sympathischer, der Zuschauer wir mehr und mehr auf die Seite des suchenden Dompteuers gezogen, und selbst beiläufige Situationen schaffen es die Spannung aufzubauen. Und wie in jeder Heldengeschichte bekommt der Held am Schluss nicht nur den Schatz, sondern auch die Prinzessin. Nach Szenenapplaus gab es am Ende enthusiastischen Beifall.

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Harvey Keitel (c) chderiaz

Grosses Staraufgebot auf der Piazza, erst darf Isabelle Huppert, über ihre Arbeit mit dem kürzlich verstorbenen, Michael Cimino erzählen, dann darf Abel Ferrara Harvey Keitel den Ehrenleoparden überreichen. Keitels Aufruf an alle, die Filme machen wollen: geht raus und macht sie, besorgt euch das Geld, notfalls klaut es, aber macht eure Filme!

Sicher nicht geklaut, aber ebenso sicher teuer war Cessez-le-feu von Emmanuel Courcol. Der Film erzählt von den Traumata des Krieges, in diesem Fall des ersten Weltkrieges. Nach einem fulminaten Einstieg im Schützengraben folgt die scheinbare Ruhe nach dem Krieg, erst nach und nach zeigt sich, wie tief die Spuren des Krieges in allen Betroffenen festsitzen, in manchen sofort sichtbar, in anderen subtiler, aber nicht weniger dramatisch. Viel Detailtreue in Kostümen und Dekoration, tolle Kamera und gute Darsteller, ein Film der auf der riesigen Leinwand glänzt.

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Zombies auf der Piazza

Film als die Kunstform, die am besten geeignet ist Emotionen zu vermitteln, so ein Tessiner Kulturpolitiker bei der Eröffnung und doch beginnt die 69.Ausgabe des Filmfestivals von Locarno etwas anders als in den vergangenen Jahren. Festival Präsident Marco Solari klingt versöhnlicher, beschwört weniger die unbedingte Freiheit der Kunst, betont viel mehr, dass die Schweizer (Kultur)Politik mittlerweile freiwillig und mit Herzblut zum Festival steht und jene Unterstützung bietet, die sowohl Kunst als auch deren Freiheit garantieren; Die flammenden Aufrufe der vergangenen Jahre scheinen gewirkt zu haben, eine wünschenswerte Entwicklung. Dafür nimmt er dieses Jahr in der Eröffnungsrede Bezug auf die aktuelle Lage in Europa, Weltpolitik statt Kulturpolitik. Ein ausdrücklicher Dank geht an die Polizei und Sicherheitskräfte, erstmals werden dieses Jahr Taschen und Rucksäcke kontrolliert, und die, auch bisher immer anwesenden, Polizisten sind sichtbar bewaffnet; verständlich und doch befremdlich.

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Carlo Chatrian (c) chderiaz

In seinem 4. Jahr als künstlerischer Direktor ist Carlo Chatrian zuverlässig sympathisch- mitreissend und hat alle Schüchternheiten überwunden, und so präsentiert er aufgeräumt einen Eröffnungsfilm, der im Katalog einen Warnhinweis für empfindliche Gemüter enthält. The Girl with all the gifts von Colm McCarthy, ein Zombiefilm, der Fans des Genres zu wenig blutig sein dürfte, der aber dennoch Zuschauer innerhalb der ersten halben Stunden die Piazza -fluchtartig- verlassen liess. Aber eigentlich ist der Film viel weniger Horror Schocker und Blutgemetzel, als die Auslotung grundsätzlicher Fragen nach dem Sein, dem Selbstverständnis, nach Empathiefähigkeit und Verantwortung. Spannend und unterhaltsam ist er auf alle Fälle. Während eine Welt „draussen“ von stumpfen, dahinvegetierenden Zombies bevölkert wird, sind in einem Art Militärgefängnis Kinder unter Hochsicherheit eingesperrt. Eine zweite Generation Zombies, eine Mutation, Variante, Adaptation, sind sie doch nicht dumpf sonder denkend, (mit)fühlend, fragend, auch wenn sie trotzdem blutgierig über Mensch oder Tier herfallen. Aber genau diese, menschlichen, Eigenschaften spricht eine Wissenschaftlerin – wunderbar Glenn Close mit raspelkurzen Haaren, ungeschminkt und martialisch böse – ihnen ab, für sie sind die Kinder, und besonders die hochintelligente Melanie, nur Wesen, die nach Beobachtung mehr oder weniger gut und geschickt nachahmen, weshalb sie auch nicht zögert die jungen Zombies zu opfern, um einen möglichen Impfstoff gegen die Zombie-Sporen zu entwickeln. Das dystopische Szenario dient als Hintergrund dieser gegensätzlichen Pole, Melanie, die verstehen will was oder wer sie ist, die sich ihr Recht auf (gesellschaftliche) Anerkennung erstreitet, und der Welt, wie sie bisher war, in der Zombies keinen Platz haben dürfen, und die Bedrohung unter allen Umständen bekämpft werden muss. An manchen Stellen mag die Idee etwas didaktisch ausfallen, grundsätzlich funktioniert aber sowohl die Geschichte, als auch die darin enthaltenen Grundsatzfrage gut. Der Film wird sich ein Publikum suchen müssen, dass sowohl das Gemetzel als auch den sozialen Hintergrund aushält; schwierig aber machbar.

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Mario Adorf reitet auf dem Tiger

Ehrengäste, Retrospektiven, Altes, Neues und Unbekanntes, viele Möglichkeiten den ersten Festivaltag zu beginnen. Warum also nicht mit einem Film von 1961?

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Mario Adorf (c)chderiaz

 

A cavallo della trigre von Luigi Comencini, eine rasante Gaunerkomödie mit Mario Adorf, der den Zuschauern vor dem Film, in flüssigem Italienisch, launige Anekdoten erzählt. So zum Beispiel, dass er damals telephonisch gebucht worden war, und als er dann in Person erschien, dem Regisseur klar wurde, dass er eigentlich Gerd Fröbe gemeint hatte. Bereut hat Comencini seinen Irrtum sicher nicht.

 

Das erste Programm der Leoparden von Morgen fällt enttäuschend aus, geschwätzige Filme, deren Bilder nichts weiter bieten, als Untergrund für lähmendes Palaver. Einzig Rhapsody von Constance Meyer ist ein Lichtblick, ein älterer, dicker Eigenbrötler in einem Hochhaus, dem eine, nie sichtbare, Nachbarin täglich ihr Baby zum Betreuen vorbeibringt. Ganz wunderbar Gérard Depardieu mit all seiner überbordenden physischen Präsenz, der ganz zart und liebevoll mit einem Säugling spielt, dessen Betreuung das einzige ist, das seine einsame Zurückgezogenheit unterbricht; still und schön.

Der erste Langfilm von Michele Pennetta, Pescatori di corpi , enttäuscht, die parallelen Welten eines Syrischen Flüchtlings in Sizilien, der mehr schlecht als recht in einem verlassenen Boot am Hafen lebt, und einer Gruppe Sizilianischer Fischer, die illegal vor der Küste fischen, hört sich in der Theorie gut an, ist aber in der filmischen Umsetzung nicht wieder zu finden. Bilder ruhig und lang zu lassen kann wunderbar Spannung und Gefühl vermitteln, aber eine Garantie ist es keine, und so dümpelt der Film vor sich hin, ohne das irgendein Funke zum Zuschauer überspringen kann, von Empathie ganz zu schweigen.

 

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(c) chderiaz

Pünktlich, wie vorhergesagt, entlädt sich die Schwüle in einem heftigen Gewitter. Rechtzeitig zum Beginn der Ehrenpreisverleihung des heutigen Abends scheint alles gut zu sein, Jane Birkin erhält einen Ehrenleoparden, ebenso wie der Produzent David Linde, auch die Vorstellung des Teams von Moka von Frédéric Mermoud geht noch trocken über die Bühne, den Film selbst begleiten dann allerdings die meteorologische Spezialeffekte: Regen, Blitz und Donner. Die Geschichte erzähl von einer Mutter, deren Sohn bei einem Autounfall stirbt, und die sich auf die Suche nach dem Unfallfahrer macht. Schwankend zwischen Rachegedanken und Trauerbewältigung lässt sie eine persönliche Beziehung zur vermeintlichen Fahrerin zu, kommt damit aber lange Zeit weder ihrem Gefühl noch der Wahrheit wirklich auf den Grund. Der Film ist keine Sensation, aber solides Handwerk, fürs Fernsehen produziert, wo er sicher gefallen wird.

Das Gewitter tobt weiter über Locarno, erfrischt die Luft und die Gedanken, das Festival hat ja gerade erst begonnen.

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Tag_4   ein bisschen Querelle und Urlaub bei den Peshmergas

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(c) ch.dériaz

Die letzten drei Filme für für dieses Mal; Samstag vor 11 im Multiplexkino, ein trostloser Anblick, Popkornreste, Schnipsel und Krümle, also, nichts wie rein in den Kinosaal für: „Brüder der Nacht“ von Patrik Chiha. Schwülstig-schöne Bilder, gleich am Anfang Bilder die wie aus Fassbinders Querelle entlaufen zu sein scheinen. Protagonisten sind bulgarische Rom, die sich in Wiener Schwulenkneipen verkaufen. Die jungen Männer, Testosteron aus jeder Pore ausatmend, eitel, manchmal aggressiv, und dann immer wieder fast kindlich, zerbrechlich; Schwul sind sie alle eher nicht, viele sind in Bulgarien verheiratet, haben Kinder, hatten mal die Illusion in Wien irgendeine Arbeit zu finden, und landen doch in Kaschemmen, Klos und Kabinen. Dokumentation und Stilisierung, fabelhafte Kamerarbeit, ein manchmal atemloser, dann wieder hektisch-böser Rhythmus, die Sympathien, die man den Protagonisten gegenüber hat, wechseln, mal Mitgefühl, mal Ärger, zum Beispiel wenn sie ihr Geld eher versaufen und zu Huren tragen, als damit ihr Leben und das ihrer Familien zu verbessern.Eine spannende, künstlerische Arbeit.

Ein Film mit programmatischem Titel: „Agonie“ von David Clay Diaz, allerdings leidet hauptsächlich der Zuschauer. Zwei junge Männer, einer Sohn eines Streifenpolizisten, der andere Sohn von Akademikern, beide leben bei ihren Eltern, in beiden Familien herrscht Druck, schlechte Stimmung, Mangel an Zuwendung. Sexuell frustriert der eine, der andere eher – nicht nur sexuell – verklemmt, sie leiden an sich, an der Welt am jung sein, am Mann sein, und vor allem daran so gar nichts wirklich selber in die Hand zu nehmen. Die Geschichten werden parallel erzählt, eine Überschneidung gibt es nicht. Am Ende wird der eine seine Freundin umbringen und zerstückeln und der andere begeht, vermutlich, Selbstmord, dazwischen viel langsames Leiden, wenig Empathie, auch nicht vom Zuschauer. Warum es beide Figuren braucht für die Geschichte bleibt unklar, eventuell, um, da man weiss, dass einer die Freundin morden wird, eine Spannung im Sinne eines „whodunit“ zu erzeugen? Nicht schlüssig das alles.

Ein Familienfilm oder ein Reisefilm oder die Suche nach einer Identität? Von allem ein bisschen und insgesamt sehr vergnüglich, die Dokumentation „Paradies!Paradies!“ von Kurdwin Ayub. Die Wiener Studentin fährt mit ihrem Vater, der in Wien eine Arztpraxis hat, in den Nordirak, oder Kurdistan, von wo die Familie in den 90ger Jahren geflohen ist. Sie dokumentiert mit ihrer Kamera und ist selbst Protagonistin, wenn auch meistens nur mittels Spiegeln sichtbar. Für den Vater ist Kurdistan das titelgebende Paradies, der Sehnsuchtsort, an dem er auch gern eine Wohnung kaufen würde, für später, wie er der besorgten Tochter versichert. Für sie ist es eine Reise an einen Ort, mit anderen Regeln als im heimischen Wien, als Lichtblick in der fremden Heimat, die Cousins, die ihrerseits in Deutschland aufgewachsen sind. Während für den Vater die Traumwohnung dann doch an Glanz verliert, da noch en völliger Rohbau, nimmt, auf eine fast kindliche Art, seine politische Verbundenheit, immer mehr Raum ein, bis hin zu einer Fahrt mit Peshmergatruppen an etwas wie die Frontlinie, Heimaturlaub mit Kampfanzug, Photos mit Waffen und Kämpfern inklusive. Aber auch hier bleibt der Film in seiner lockeren Diktion, die Kamera ein nervöser, aber dramaturgisch gut eingesetzter Begleiter, manchmal etwas lästig, manchmal etwas aufdringlich, immer neugierig.

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Die Preisverleihungszeremonie

Auch hier ist alles ein wenig anders als in den vergangenen Jahren, kleine Tischchen für Ehrengäste und Preisträger, DSC06820.JPGdie meisten anderen wurden auf die Ränge im Grazer Orpheum „verbannt“. Es wird eine lange Preisverleihung, immerhin sind 18 Preise zu vergeben. Wie so oft, viele der Gewinnerfilme sind nicht in meinem dichten Programm gewesen, haben nicht mehr rein gepasst, wurden zu Gunsten anderer verworfen; Chance verpasst…..

 

 

Der Grosse Diagonalepreis – Spielfilm geht an Ruth Beckermann für „Die Geträumten“

Der Grosse Diagonalepreis – Dokumentation an Siegmund Steiner für „Holz Erde Fleisch“

Der Preis für den besten Schnitt geht an Dieter Pichler für „Die Geträumten“ und Andreas Horvath für „Helmut Berger, actor“

Die Kamerapreise gehen an Gerald Kerkletz für „WINWIN“ und an Kurdwin Ayub für „Paradies!Paradies“.

Den Publikumspreis bekamen die Brüder Riahi für „Kinders“!

Alle weiteren Preisträger sind auf der Diagonale Seite www.diagonale.at zu finden.

Am häufigsten und am frenetischsten wurden heute Abend allerdings die beiden Intendanten beklatscht, Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger, sie haben eine tolle erste Diagonale zustande gebracht, und so nebenbei eine Menge Sympathien erworben.