Ende einer Ära

Über 10 Jahre „meine“ Viennale, fast 20 Jahre Hurch – über allmähliche Ermüdungserscheinungen

Um einem Missverständnis vorzukommen: die Viennale ist ein ganz großartiges Festival. Wenn jetzt im folgenden von Ermüdung & Müdigkeit die Rede sein wird, dann geschieht dies als Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Dennoch: in meinem 14. Viennale-Jahr kann ich sagen, dass Wien zwar schön ist, aber noch viel schöner sein könnte, wenn die Viennale nicht selbst allmählich in Müdigkeit erschlaffen würde. Am nahenden Ende der Ära Hurch ist dies auch legitim. Neu erfinden, oder gar der alten Dame eine Verjüngungskur verpassen, das wird ab 2019 die Nachfolge bewerkstelligen.

Die Viennale ist ein Lumpensammlerfestival, ein Kehrwagenfestival, und das ist ja auch sehr super für ein Publikumsfestival, für alle Wienerinnen und Wiener. Auch ich freue mich immer sehr auf die Viennale und darauf, endlich all diese Cannes-Filme zu sehen: die Rumänen, den neuen Assayas und die Filme aus Venedig. Das erspart mir andere Reisen. Aber das ist so etwas, wie den guilty pleasures frönen, wie blau machen, Ferien machen. Vielleicht lag es einfach an diesem Jahrgang, dass ich einfach schon unglaublich viele Filme des Programms kannte, es liegt auch ein wenig an Österreich, wo die großen Filme nochmals später als bei uns in Deutschland ins Kino kommen. Ich will jetzt gar nicht aufzählen, was wann und wo schon zu sehen war (viele Filme allerdings waren sogar aus dem letzten Frühjahr darunter, wie Beispielsweise der iranische HOMELAND von Abbas Fahdel, der in Nyon 2015 den Hauptpreis gewonnen hatte – wieso wurde der nicht im letzten Jahr gezeigt?). Das Programm machte insgesamt einen nicht mehr ganz frischen Eindruck.

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Sehr weh getan hat so manche Filmplatzierung. Klar kann nicht jeder Film am Nachmittag oder in der Prime Time laufen. Aber warum, bitte schön, so langsame Filme wie die algerische, äußerst poetische Schlachthofdokumentation DANS MA TÊTE UN ROND POINT von Hassen Ferhani, oder den italienischen Wildschwein-Film IL SOLENGO von Alessio Rigo de Righi und Matteo Zoppis auf 23:30 Uhr programmieren? Ich habe mich tapfer wachgehalten, nur der Regisseur tat mir leid. Oder der österreichische THE LOOKERS von Peter Miller, ein Film über das Sehen und Betrachten: der auch um 23:30 Uhr begann. Da bin ich dann nicht mehr hingegangen. Katy Grannans THE NINE über drogenabhängige Prostituierte im Hinterland der USA, eine Verlängerung von Andrea Arnolds AMERICAN HONEY in das dokumentierte Elend hinein, begann erstaunlicherweise schon um 21 Uhr.

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Und: Oh du, mein lieber kleiner Pleskow-Saal! Immer ausverkauft! Keine Chance, eine Karte zu bekommen! Wie gerne hätte ich den Douglas Gordon gesehen. Jetzt ist meine Fantasie gefragt und ich kann mir den Film ausmalen. Was in diesem Fall wohl nicht so schlimm ist. Denn I HAD NOWHERE TO GO liest sich einfach großartig folgendermaßen: „Ein Film für die Ohren. Die Bilder entstehen im Kopf. Meist bleibt die Leinwand schwarz, während Jonas Mekas schildert, wie er 1944 vor dem Vormarsch der Russen aus seiner Heimat Litauen flüchtete. Ein erschütternder Nichtfilm.“ Douglas Gorden, der visuelle Künstler, mit einem bilderlosen Nichtfilm! Selber schuld, wenn ich auf so ein Kino stehe… Kaum zu glauben, dass ich keine Karte mehr ergattern konnte. Das wiederum spricht natürlich fürs Viennale-Publikum.

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Und liebe Viennale, wieso denn gar so lieblos? Was für eine tolle Hommage du da im Programm hattest: Peter Hutton! !!! Und dann: Nichts. Keine Einführung, keine Würdigung, keine Filmerzählungen. Natürlich ist das nackte Kino, der nackte Film immer auch toll, für sich selbst sprechend. Peter Hutton aber war einer, der immer mit seinen Filmen mitgereist ist, sie nie allein gelassen hat. Und jetzt sind sie verwaist, werden sogar von denen sich selbst überlassen, die sie eigentlich pflegen wollten. Oder wurde das Cinema pur, das stumme Kino des Hutton als implizite Anweisung genommen, nicht darüber zu sprechen, kein Fremd-Wort über das pure Bild zu legen, über diese wundervollen Studien über das Meer und die Natur und das Sehen?

Und noch was. Wien, das ist doch der Dreh- und Angelpunkt zwischen West- und Osteuropa, oder nicht? Ehemals k.u.k., näher als die anderen Länder dran am Balkan, in direkter Tuchfühlung zu Tschechien, zur Slowakei, Ungarn, Slowenien und unwesentlich weiter entfernt von Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, ja auch Rumänien. Wo sind denn die Filme aus den Balkan-Ländern? Wo sind denn die Nicht-Cannes-Rumänen? Vielleicht war’s auch einfach nur ein mauer Jahrgang, das kann natürlich sein.

Nach Wien fahren ist natürlich immer super, und die Viennale auch. Die vielen netten Kollgen, die man so trifft, eine zweite Heimat ist das geworden, über die Jahre hinweg. Eine behutsame Restaurierung der eingetretenen Pfade könnte aber nicht schaden.

Die Revolution findet doch nicht statt

Zweiter Viennale-Tag: Betrand Bonellos NOCUTURAMA und Francesco Munzis ASSALTO AL CIELO

Wien pennt

Donnerstag Nacht, Viennale Zentrale. Okay, wir sind spät dran, es geht auf halb zwei zu. Für die Viennale aber doch keine Uhrzeit, oder? Als wir uns dem Eingangstor der alten Post in der Dominikanerbastei nähern, kommt ein junger Mann raus. „Geht da bloß nicht rein, da ist nix los!“ Wir stoßen die Tür auf. Ein nackter, unwirtlicher Saal, eine einsame DJane. An einem Tisch doch tatsächlich ein Pärchen. Grelle, viel zu laute Töne aus den Lautsprecherboxen. Ein Saalordner eilt auf uns zu: „Wir schließen gleich.“ Wir bekommen noch ein 0,3-Wegebier für 3 Euro 90.

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Das war’s wohl mit dem Festivalzentrum (es sei denn, Festivalleiter Hans Hurch legt wieder mal persönlich auf). Ein heikles Thema bei den größeren Festivals, kaum einer bekommt einen guten Treffpunkt hin. Oft wird dies auch falsch verstanden, wie bei der Viennale. Laute Musik, schummriges Licht und kaum Sitzgelegenheiten braucht man nicht nach einem Arbeitstag im Kino. Schön war’s einst im Badeschiff, mit heller Beleuchtung, großen Tischen fernab der Musik, an denen man sich zusammenrotten konnte, und jeder musste an einem vorbei. Die Jahre, da wir die meisten Filmemacher und neue Kollegen kennenlernten.

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Paris brennt

Muss Revolution eigentlich immer blutig sein? Müssen politische Kämpfe immer scheitern? Ist terroristischer Akt denn immer sinnlos? Was und wie dachte man doch gleich in den 70er Jahren darüber?

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Bertrand Bonello ist ein Liebling meiner Kritikerkollegen. Sie schätzen sein „ausgeprägtes Gespür für das Schöne“ und seine Bereitschaft zur Oberflächlichkeit (zuletzt: SAINT LAURENT). Jetzt hat er mit NOCUTRAMA einen Oberflächenfilm über eine Gruppe Jugendlicher gemacht, die einen konzertierten Bombenanschlag auf Paris ausführt (inklusive der zweifelhaften Zweitverbrennung der Jeanne d’Arc, der von allen möglichen Gruppierungen vereinnahmten Symbolfigur Frankreichs). Anschließend verstecken sie sich in einem Luxus-Kaufhaus, um am nächsten Tag wieder nach Hause gehen zu wollen, wenn sich die größte Aufregung gelegt hat. Hanebüchener Plot eines Films, der sich ziemlich gut anlässt, mit schnellen Schnitten, und einem Thrill, der aus raschen Blick- und Metrowechseln und Detailaufnahmen auf Hände und Handys à la Bresson erwächst. Ein diffuses Ensemble aus lose zusammenhängenden Figuren, die eine gemeinsame Sache machen. Soweit ist alles klar. Und tolles Genrekino.

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Eine völlig überflüssige Rückblende durchbricht dann den aus sich selbst heraus wachsenden Film: Wir erfahren, wer diese Jugendlichen sind, ihren sozialen Status, und wie sie sich kennengelernt haben. Motivation für den aufwendigen Bombenanschlag sollen Langeweile und soziale Randständigkeit sein, wird suggeriert. Oder vielleicht ist bei denen was im Kopf nicht in Ordnung? So lässt Bertrand Bonello zumindest denjenigen aus der Gruppe zweifeln, dem eine tolle Karriere bevorsteht, mit Studium an der französischen Elite-Uni ENS und Praktikum beim Innenminister. Letzteren haben sie jetzt in die Luft gejagt, und – oh Schreck – er wurde ernsthaft verletzt.

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Gerne kann man die gute Portion Naivität als Portrait einer orientierungslosen Jugend betrachten, der Film insgesamt aber ist durchzogen von Gedankenlosigkeit. Unabhängig davon, dass erst nach dem Pariser Anschlag auf Charlie Hebdo (Januar 2015) mit den Dreharbeiten begonnen wurde und vor den konzertierten Anschlägen im November 2015 schon der Rohschnitt stand, wie Bonello erzählt (als hätten zu keinem Zeitpunkt diese Ereignisse Einfluss auf die Gestalt des Films haben können), gab es auch schon vor 2015 gewalttätige Sabotage- oder Terrorakte, die nicht (nur) negativ geprägt waren: FLN, RAF, IRA, ETA. Revolutionen, wo seid ihr geblieben? Und wirklich, keinerlei Anspielungen auf die Ängste und Wünsche der heutigen Jugend? Eigentlich wollte Bonello seinen Film PARIS EST UNE FÊTE nennen, zurückgehend auf Hemingways Erzählung „A Moveable Feast“. Da die Erzählung aber zum Symbol wurde, nach den Paris-Attentaten sich nicht das savoir vivre verderben zu lassen, nahm er davon Abstand. Das wäre dann doch zweifelhaft geworden: Paris als Stadt der abgefeierten Attentate zu inszenieren.

Die Oberfläche bei Bonello ist der Verzicht auf Erklärungen – und das ist ja erst mal gut. Mit der Wahl des äußerst seltsamen und unwahrscheinlichen Rückzugsort („ich liebe Unwahrscheinlichkeiten“, so Bonello), dem exponierten Luxus-Kaufhaus, wo erst einmal die vier Security-Leute erschossen werden, damit die jungen Erwachsenen ungestört im Kaufhaus Party machen können, macht die inszenierte Sinnlosigkeit von terroristischen Akten oder zumindest Aktionen einer leidlichen Didaktik Platz. Seht her, die Jugend, die mal was wollte, verfällt den bürgerlichen Luxus-Emblemen und den bourgeoisen Werten! Die fette Stereoanlage, die coolen Klamotten, der Hochzeitsanzug und Verlobungsring, die Badewanne, das bürgerliche Mahl mit Rotwein und Käse aus der Feinkostabteilung (ein Obdachlosenpaar wird, als Reminiszenz an Bunuels VIRIDIANA oder als leerer Charity-Akt, dazugeholt), alles wird jetzt groß ins Bild gerückt – als real existierender Warenfetisch. Nebenbei findet auch viel Product-Placement statt, bis das Kaufhaus gestürmt wird. Aber vielleicht geht es ja darum in Zukunft in den westlichen Gesellschaften: um den Konsum und die kapitalistischen Werte, ganz anders, als wir es bislang von der Revolte der Jugend kennen. Waren für alle! – Das ist am Ende denunziatorisch und zynisch gegenüber einer Jugend, die nicht nur in Frankreich bitter gegen den sozialen Abstieg und die Arbeitslosigkeit kämpft.

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Wir wollen alles, und zwar sofort

Erholung von der Oberfläche dann bei ASSALTO AL CIELO (dt. etwa: ANGRIFF AUF DEN HIMMEL). Francesco Munzi hat Archivmaterial zusammengetragen. Das Spannende ist das Material selbst, über Italien zwischen 1967 und 1976 (bis zur Wahl Giulio Andreottis zum Ministerpräsidenten), in denen sich Arbeiter, Studenten und Schüler zu einer revolutionären Bewegung zusammenschlossen, die das Ende der kapitalistischen Arbeiterausbeutung und die Gesellschaft aus ihrer behaglichen Konsumverfallenheit aufrütteln wollten. Symbol dafür ist das Fließband und die Unterwerfung des arbeitenden Menschen unter die unerbittlichen Mechanismen des Kapitals.“Wir wollen alles, und zwar subito!“, hieß damals, leicht selbstironisch, der Spontiruf.
anni-di-piombo-740x350Daneben formierten sich die Neofaschisten mit Bombenattentaten auf Rom und Bologna und linksradikale Gruppen wie die legale Lotta Continua oder die terroristische Brigate Rosse, die als Stadtguerilla agierten, Attentate verübten und Politiker entführten. Es wurde zu einem Kampf rechts gegen links, in dem Attentate der Rechten den Linken untergejubelt wurden. Es waren Anni di piombo, bleierne Jahre, in denen als Protestakte auch einfach mal Möbel aus den Büroräumen der Unternehmen geworfen wurden.assaltoalcielo-848x478Francesco Munzis Montage ist unerklärend, undidaktisch, zeigt die Vielfalt der politischen Ereignisse und revolutionären Aufstände. Er montiert paradigmatisch, also innerhalb vorgefundener Themen- oder Bildfelder, verdichtet die Ereignisse jenseits ihrer Chronologie. Ein verhalten analytischer Sprung erwächst daraus, verstärkt durch die Reduktion der Bilder auf ihren Materialwert, der durch unterlegte Musik emotionale Färbung bekommt. Vage erinnert mich das an Marta Popivodas YUGOSLAVIA – HOW IDEOLOGY MOVED OUR COLLECTIVE BODY.Wie die bleiernen Jahre ausgingen? Es kam heraus, dass der Kampf von rechts gegen links gezielt vom Staat gelenkt wurde, um die Kommuisten zu schwächen. Die Hippie-Ära mit Gras & Peace & Sex für alle (nach Meinung mancher Linken eine bewusst gesteuerte Depolitisierung und Zersetzung der 68er-Bewegung) setzte dem politischen Kampf ein jähes Ende. Man genügte sich selbst, außerdem ging es der Lira schlecht. Zurück zur Arbeit.Die Revolution machen wir dann später.

Bis die Nacht die Menschen verschluckt

Erster Viennale-Tag: THE WOMAN WHO LEFT

Intro

Vorgestern trafen wir uns im kleinen Kreis der Redaktion, um Details über den bevorstehenden Relaunch von artechock zu diskutieren (ja, liebe Leser, Ihr habt richtig gelesen). Wir wollen alle Texte leichter auffindbar und die Arbeit, die wir hier Woche für Woche leisten, dadurch „haltbarer“ machen. Zukünftig werden neben dem Kinoprogramm und den Kritiken auch unsere Essays, Kolumnen und Interviews direkt ansteuerbar sein, ebenso wie unsere Festival- und Kinospecials. Und der Blog: wird ebenfalls in die Seite integriert, so dass man sich dann nicht mehr in schizoider Weise entscheiden muss: artechock oder arteblog? Der Arbeitstitel für den Blog lautet übrigens: „schnelle Texte“. Und ebensolche schnell verfassten, ja geradezu hingerotzten Texte werden mein Kollege Rüdiger Suchsland und meine Wenigkeit in den nächsten Tagen von der Viennale schreiben.

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Zum Auftakt: Lav Diaz

Zugegeben: Es hatte mich schon ein wenig bis sehr geärgert, was mein Kollege über den Film von Lav Diaz geschrieben hatte, den er bereits in Venedig sehen konnte. Meine Replik jedoch blieb aus, gelinde gesagt: aus Zeitmangel, da ich mein eigenes Festival UNDERDOX vorbereitete. Dort zeigten wir zwar nicht den Gewinnerfilm des Goldenen Löwen, jedoch den Lav-Diaz-Alfred-Bauer-Preisträger der Berlinale 2016, das achtstündige, und wie ich finde, meisterlich epische und sogentwickelnde LULLABY TO THE SORROWFUL MYSTERY , der sich bei unserem Festival dann leider als Flop an der Kinokasse erwies. „Die Münchner sind anscheinend schwer zu mobilisieren“, sagte mir einer unserer internationalen Besucher. (Wieder mal: Der unheilvolle Ruf der Stadt …, der sich nun weiter verbreiten wird, in diesem Fall nach Paris. Siehe auch die derzeitige, hitzig geführte Debatte, die die Leute von Monokultur München losgestreten haben.) Oder hat Rüdiger mit seinem – in meinen Augen – pamphletartigen Pauschalverriss des Kinos von Lav Diaz („mit einfachsten Mitteln, zum Teil mit Laien gedreht und in Schwarzweiß“) das von artechock informierte Münchner Kinopublikum vom Besuch des Films abgehalten?

Das Wiener Publikum ist jedenfalls entdeckungsfreudiger als die eingeschlafenen Münchner (ah! vielleicht war’s auch der Matineentermin?), wie dieses Beweisfoto vor Beginn des Films THE WOMAN WHO LEFT zeigt:

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Und dann begann der Film

„ANG BABAENG HUMAYO“ ergießt sich der Titel in großen Lettern über die Leinwand, „THE WOMAN WHO LEFT“. Schwarzweiß, klar, von dieser etwas schlierigen Sorte, wie es das digitale Kino hervorbringt. Lav Diaz aber ist ein Spezialist dafür, die Weißtöne hell leuchten zu lassen, sich nicht zu scheuen, bisweilen ein wenig überzubelichten, das Schwarz dunkelschwarz die Figuren verschlucken und nur ihre Augen leuchten zu lassen, in dann sich ergebender unbändiger Konzentration, wie es auch Pedro Costa vermag. Eine Frauengruppe, aus der Distanz einer Totalen gefilmt. Es wird geredet, in diesem unvergleichlichen Singsang des Tagalog. Tableaux der Arbeit auf dem Feld, der Zusammenkünfte auf einer Terrasse, in einem Schlafsaal, mein Auge gleitet über die vielen Frauen, alte, junge, Mädchen, und sieht am Bildrand dann: Männer, die mit  Maschinengewehren das Tun der Frauen be- oder überwachen. Klar, Gefängnis, rufe ich mir in Erinnerung aus dem, was ich bislang über den Film gelesen hatte (aber wenige Zeit später wird dies der Film selbst explizit machen), die Bilder formulieren für das europäische Auge wenig „Typisches“. Alles erscheint eher idyllisch, nur langsam und allmählich, durch halbtotale Einstellungen, schält sich eine Figur aus der Gruppe, die zukünftige Protagonistin des Films.

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Langsam und allmählich

Langsam und allmählich: das ist genau die Qualität des Kinos von Lav Diaz, neuerdings dann doch mit dem Label „Slow Cinema“ versehen. Aber was heißt das eigentlich: slow, außer, dass es der Zuschauer mit exorbitanten Spielfilmlängen zu tun bekommt – die by the way aber auch nicht länger sind als eine Binge-Session mit der persönlichen Lieblingsserie (das wäre dann schon gleich das nächste Stichwort: wie Lav Diaz die Dramaturgie anlegt, ähnlich einer groß angelegten Serie, in der sich die Erzählstränge abwechseln, ohne je abgeschlossen zu sein). Diaz entwickelt seine Geschichten langsam und allmählich, erzählt nicht explizit im „ich sage Euch jetzt mal, was hier abgeht“-Stil eines auktorialen Besserwissers, sondern implizit, durch die Beschreibung der Szenen durch ihre schiere Bildlichkeit, feine Texturen von Geschichtsmöglichkeiten webend, aus denen sich ein Faden löst, der sich zu einem Erzählstrang mit einer Hauptfigur ausbildet – oder ausbilden kann. Manche Fäden werden auch fallen gelassen. Tastendes Suchen eines wie in die Erzählung eingebetteten Beschreibers oder Chronisten, der in der präsentischen Gleichzeitigkeit formuliert, ohne zu wissen, wohin die Reise geht.

Das ist natürlich alles Bluff, selbstverständlich weiß Lav Diaz, wohin die Reise gehen soll. Er ist, so kann getrost gesagt werden, der Moralist unter den gegenwärtigen philippinischen Filmemachern (neben Khavn de la Cruz, Raya Martin und Brillante Mendoza), die sich auf den großen Volksregisseur Lino Brocka berufen. (Lino Brocka, kurze Skizze: machte immer auch sehr populäres Genrekinos, um Geld zu haben für seine Filme über die Ausgesonderten der philippinischen Gesellschaft, die in Slums leben, arm, aber aufrecht, die melodramatische Verzweiflung durchleben, an deren Ende oft der Tod steht. Aufwühlendes, mitnehmendes, aber auch hymnisches und von großer Aufrichtigkeit getragenes Kino.) (Noch eine Anmerkung: Lav Diaz spielt mit einigen anderen Filmemachern zusammen in einer Band: „The Brockas“. Einmal, in einer dokumentarisch gehaltenen Szene, die an den Vergüngungsstrand des Ortes hinführt, sind die Riffs einer elektrischen Gitarre zu vernehmen: Es spielt Lav „Lavrente“ (so seiner voller Name) Diaz.)

Lav Diaz ist überdies ein großer Verehrer der russischen Autoren. Dostojewski (sein letzter weniger langer Film und erster großer Erfolg NORTE – am Sonntag in der Retro im Österreichischen Filmmuseum um 16 Uhr zu sehen – ging auf dessen „Schuld und Sühne“ zurück), jetzt Tolstoi. Die Geschichte der Frau, unschuldig wegen Mordes verurteilt, die aus dem Gefängnis freikommt und auf sehr perfide Weise Rache nimmt am Anstifter der Bluttat (ein Riss, der durchs Land geht, wird hier inszeniert, zwischen den Ausgestoßenen, Hoffnungslosen und jenen, die zu Geld gekommen sind und die Nähe der Machthabenden genießen), diese Geschichte ist inspiriert von der Tolstoi’schen Volkserzählung: „Gott sieht die Wahrheit, auch wenn Er jahrelang schweigt“.

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Es ist das Jahr 1997. Über der Geschichte lagert ein diffuser historischer Kontext, der zu  Beginn und später immer wieder über das Radio verlautbart wird, nicht wirklich zu entschlüsseln für die, die mit den Ereignissen der Region nicht vertraut sind. Eine Entführungswelle verunsichert die Philippinen, Ziel sind vor allem die aus Hongkong zurückgekehrten chinesisch-philippinischen Bürger, nach der britischen Übergabe von Hongkong an China. Es waren die meisten Entführungen, die die Philippinen in einem Jahr registrierten, Manila bekam das Label „Asia’s kidnapping capital“ verpasst.

Vor diesem Hintergrund spielt diese Geschichte der Rache. Auf einer Insel des philippinischen Archipels vervielfältigt sich die aus dem Gefängnis entlassene Hauptfigur Horacia Somorostro zu drei Frauen: die eine betreibt eine Garküche, die andere treibt sich in der Kirche herum, die dritte erforscht im Schatten der Nacht an der Seite eines Straßenhändlers die kleine Stadt – und das Objekt ihrer Rache, ihren Ex-Lover Rodrigo Trinidad, der den Mord angestiftet hatte, um sich an ihrer Untreue zu rächen, heute zu Geld und Ansehen gekommen.

thewomanwholeft-still4Horacia ist wie ein vielgestaltiger Rächer, der, so heißt es einmal im Film, stets plötzlich wie Batman in der Nacht auftauchen kann. Mit jeder der drei Figuren, die Horacia einnimmt, die Köchin, die Fromme, die Harte mit der Baseball-Kappe, verbindet sich eine andere Tonalität und die Begegnung mit weiteren Figuren, die wie Allegorien der philippinischen Armut erscheinen: die Humpelnde (in der Garküche), die Obdachlose (in der Kirche), die Transvestitin (auf der Straße). Besonders schön ist das Groteske und Queere, die den Gestaltenwandel narrativierende Episode, die sich in der Nacht an der Seite des Balut-Straßenhändlers entfaltet, in der Horacia der Transvestitin Hollanda begegnet. Und die am Ende die Rache für sie vollziehen wird.

Horacia ist aber auch eine Retterin. Sie gibt den Verlorenen Beistand in Form von Arbeit, Essen oder Pflege. Schon im Gefängnis hat sie die Kinder unterrichtet, in Tagalog, mit ihnen die Verben konjugiert. Die Vergangenheitsformen, das ging leicht, die Formen für die Zukunft konnten die Kinder nicht finden: zu schwierig. – Das ist natürlich alles andere als unschuldig gesetzt. Die Rache, die schließlich ausgeführt wird, hat etwas zutiefst Doppelbödiges, Ambivalentes und Unmoralisches, das alles ausgelöst durch die gute Horacia: Es zeigt das Ende moralischer Eindeutigkeit, im Jahr 1997. Aus dem Radio ist der Tod von Mutter Teresa zu vernehmen.

Gebettet ins Zirpen der Grillen der Nacht entfaltet sich so ein höchst unmoralischer Raum, in dem verzweifelt versucht wird, Gutes zu tun und die Bevölkerung oder allgemeiner: la gente, das Volk, zu retten. Über ihn legt sich das Dunkel der Nacht, die die Menschen verschluckt, bis nur noch das Bellen eines Hundes zu vernehmen ist.

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Noch eine schnelle Anmerkung: zu Charo Santos, die die Hauptfigur Horacia spielt. Sie ist so etwas wie das Gesicht des philippinischen Fernsehens, Moderatorin und Gelegenheitsschauspielerin, Harvard-Absolventin, einflussreiche TV-Produzentin und Mega-Geschäftsfrau der philippinischen Filmindustrie. Ihre Besetzung lässt natürlich viel Raum für Interpretation: Kuschelt Lav Diaz mit der kommerziellen Auswertung? Ist seine Nähe zu den Media-Mächtigen nicht genau das, was er bei seinen Figuren anprangert? Verdankt sich am Ende sein internationaler Erfolg auf den Festivals einer Strategie, die geschult ist an populären und leicht konsumierbaren TV-Formaten? Oder ist er ein phillippinischer Fassbinder, der Leuten neue Rollen, ein neues Gesicht gibt? Und am Ende von höchster Ebene aus die Filmproduktion seines Landes beeinflussen kann? Vielleicht gar sein Land verändern kann, auch im Jahr 1 von Rodrigo Duterte?

Lav Diaz‘ Filme jedenfalls sind seit den zehn Jahren, in denen ich sein Schaffen verfolge, ungebrochen kompromisslos. Und ungebrochen katholisch-synkretistisch-historisch und hoffnungsvoll.

Bob Dylan und das Kino

Verschlingungen eines Nobelpreisträgers – Fragmente_zum_Film; 13.10.16

„What do you want?“ – „Staying alive“ – „That is a fine ambition Pat, I guess.“

aus: „Pat Garret and Billy the Kid“

Ein Songwriter, der den Literaturnobelpreis verliehen bekommt – diese Verschlingung ist schon interessant genug. Sie erzählt, scheint mir, bereits eine Menge über die geistige Signatur der Gegenwart, ihre Sehnsucht nach Helden, oder nennen wir es besser Identifikationsfiguren, und ihr Unbehagen an den Kategorisierungen, den Institutionen, dem Schubladendenken unserer Kultur – zugleich aber auch die Ratlosigkeit, was das denn ersetzen könnte.

Dylan ist scheinbar für alles zu gebrauchen und zuständig, eine Projektionsfläche, und insofern unbedingt ein Star des Show- und Medienbetriebs, auch wenn er natürlich „etwas vorzuweisen“ hat. Er erscheint plötzlich auch denen, die sich heute um 13 Uhr für Sekunden gewundert haben, wie eines der wenigen Universalgenies, eine „eierlegene Wollmilchsau“ der Kultur, Klasszist und Rebell, Kanon und Gegenkultur in einem. Könnte es einen besseren Preisträger geben.

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Die Verschlingungen von Dylans Künstlerbiographie werden geradezu rhizomatisch wuchernd, wenn wir uns daran erinnern, dass Bob Dylan auch zum Film eine enge und komplexe Beziehung hat, die auf mindestens vier Ebenen stattfindet.

Da wäre zum einen die offensichtlichste: Die Verwendung von Dylans Musik in zahlreichen Filmen. Von Anti-Vietnam-Stücken, wie „Coming Home“ angefangen, bis hin zu Hippie-Remineszenzen wie The Big Lebowski“ der Coen-Brüder.

Daneben gibt es die nicht weniger wichtigen Dokumentarfilme über Dylan. Sie sind zum Teil sehr früh entstanden. Der bedeutendste ist „Don’t look back“ von 1967 vom Kennedy-Film-Biografen Donn Alan Pennebaker, selbst ein Revolutionär des Dokumentarfilms (und bereits vor 21 Jahren beim Filmfest-München mit einer Retrospektive gewürdigt). „Don’t look back“ hat das öffentliche Bild des frühen Dylan als Rebell, politischer und musikalischer Revolutionär, als Heiliger der Gegenkultur, mit geprägt. „Eat the Document“ von 1972, auch von Pennebaker, knüpft daran an, und ist vor allem legendär, weil er selten zu sehen ist, angeblich Bilder eines Dylan im Drogenrausch enthält und diverse Dylan-Kritiker zu Wort kommen lässt.

„No direction home“ von Martin Scorsese – in dessen wunderbarem Musikfilm „The Last Waltz“ Dylan bereits einen halbstündigen Auftritt hatte – trägt großartige Dokumente zusammen, ist aber gegenüber Pennebakers Werk eher ein bürgerlich-beflissener Film, der Dylan zum Klassizisten macht – wie jetzt auch der Nobel-Preis?

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Dann gibt es drittens die Ebene von Dylan als fiktionale Figur im Spielfilm. Zu nennen ist hier prototypisch „Inside Llewelyn Davis“ von 2013 von den Coen-Brüdern, der im Greenwich Village 1960/61 spielt, einen erfolglosen Musiker der Folkszene ironisch portraitiert, in dessen Freundeskreis von Dylan die Rede ist, der noch nicht entdeckt ist. Die Schlüsselszene des Films ist jene am Ende wiederholte und entscheidend weitergeführte Auftaktszequenz, in der die Hauptfigur aus purer Schlamperei einen der ersten Konzert-Auftritt Dylans verpasst.

Viel wichtiger noch ist aber Todd Haynes‘ fiktionale Dylan-Biographie „I’m not there“, in der sechs Schauspieler Dylan spielen, unter anderem auch Cate Blanchett und Richard Gere, und so die Facetten, die Multiperspektivität seiner Künstlerpersönlichkeit einen auch formalen Ausdruck bekommen.

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Schließlich die vierte und am wenigsten bekannte Seite Dylan: Er ist auch Schauspieler. Vor allem in Peckinpahs „Pat Garrett and Billy the Kid“ (mit seinem Song „Knockin‘ on Heavens Door“ als Filmmusik), dann auch in Dennis Hoppers Spielfilm „Catchfire“ und paar andere…

Aber Peckinpahs allemal unterschätzter und lange nur verstümmelt zu sehender Film ist zentral für Dylans Star-Persona. Der Film macht genau das, was Dylan selber tat: Er verankert die Gegenkultur von ’68 im Herzen Amerikas, die Hippies im Western, die hedonistische Feier des Lebens im Morbiden.

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Und er ist Filmregisseur. Einmal, so gut versteckt, dass es selbst im deutschen Wkipedia-Eintrag nur wenig Spuren hinterlässt, führte Dylan tatsächlich sogar Regie. Ich habe „Renaldo & Clara“ nicht gesehen, muss mich hier also aufs Hörensagen verlassen. Dieser Film ist in der ursprünglichen Fassung annährend vier Stunden lang, wurde bereits 1974 fertiggestellt, kam im Januar 1975 kurz in New York heraus, dann nach verheerenden Kritiken, aber erst wieder 1978 in einer Zweistunden-Fassung. Er mischt Dokumente von Dylans Tournee mit einer erzählenden fiktionalen Handlung. Allein der Cast ist Grund genug, ihn anzusehen: Dylan und seine Frau Sara spielen die Hauptrollen, Joan Baez eine weitere, Harry Dean Stanton, Bob Neuwirth, Allen Ginsberg haben Nebenrollen, weitere bekannte Musiker Auftritte. Einen auftritt hat auch Sam Shepard der gemeinsam mit Dylan das Drehbuch schrieb.

Die englische Wikipedia formuliert dazu: „The style, structure, and thematic elements of Renaldo and Clara were heavily influenced by the French film Les Enfants du Paradis. Similarities between the two films include the use of whiteface (Dylan), the recurring flower, the woman in white (Baez), the on-stage and backstage scenes, and the dialogue of both films‘ climactic scenes. Also evident is the Cubist approach of the two films, allowing us to see the main characters from the different perspectives of various lovers. Running time is also relatively similar.“

Eine extrensive Zusammenfassung des aufd DVD konsequent nicht erhältlichen Films findet man hier.

Und wenn man das alles gelesen hat, hält man es, den Film nicht kennend, für möglich, dass Janet Maslins ungnädiger Verriß in der New York Times vollkommen angemessen sein könnte.

Rüdiger Suchsland

Der Schaum der Frage

Die Bedeutung der Autonomie: Basken, Deutsche und Japaner – San Sebastian-Tagebuch_2016_09

Von Rüdiger Suchsland

„Gibt es in Deutschland heute noch Nazis?“
„Ja natürlich gibt es noch Nazis. Wo sollen die denn auch alle hingegangen sein.“
Heinrich Böll in einem Interview 1960

Nach den Berliner Stadt-Wahlen vom Sonntag werde ich hier ziemlich oft sinngemäß gefragt, ob jetzt in Deutschland bald wieder die Nazis an die Macht kommen? Für feinere Unterscheidungen zu plädieren, macht da nicht mehr Sinn, als wenn ein Amerikaner uns zu erklären versucht, warum wir vor Donald Trump keine Angst haben müssen.

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Jetzt sitze ich wieder mal im „Cafe Artess“ auf der Terasse, und das Festival von San Sebastian neigt sich dem Ende zu, und ich lasse das Festival Revue passieren, dass bei uns in Deutschland immer noch stark unterschätzt wird.
Wer hier alles in diesem Jahr da war! Sigourney Weaver, Isabelle Huppert, Jennifer Connelly, Ewan McGregor, Ethan Hawke, Oliver Stone, Francois Ozon, Hugh Grant, Gael Garcia Bernal.

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Am Morgen hatte ich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Amat Escalante. Der Mexikaner hatte in Venedig vor ein paar Wochen den Regiepreis gewonnen, für „La Region Salvaje“, für mich der beste Film des Wettbewerbs. Escalante ist sehr sympathisch, ruhig und klug.

+++

An diesem Sonntag sind im Baskenland Regional-Wahlen. Die Regierung wird wiedergewählt, das Baskenland ist eine der reichsten Regionen Spaniens, ähnlich wie Bayern dank Hilfe der Zentralregierung. Auch ähnlich wie in Bayern reagieren die Regionalisten undankbar.
Zur Zeit allerdings verliert das Baskenland gerade wirtschaftlich an Boden. In der hiesigen Zeitung dem „Diario Vasco“ las ich diese Woche eine detaillierte Aufstellung. Wichtigste Folge der Wahl könnte die Zerschlagung der linken Volkspartei sein, der PSOE, die durch die Linkspopulisten der PODEMOS in Schwierigkeuten gebracht werden. Im deutschlandfunk höre ich dazu eine Formulierung, die ich als politisch recht tendenziös empfinde: Die PSOE würde die Wiederwahl des die in Madrid regierenden Konservativen Rajoy und seiner PP „verhindern“. „Verhindern“ – das klingt so destruktiv, als handle es sich um eine Blockadehaltung. Hat man vergessen, dass die PP der politische Gegner der PSOE ist? Um jetzt mal nicht von den politischen Skandalen der PP, von der himmelschreienden PP-Korruption in Valencia zu reden (wer mehr wissen will, kann ja mal diese Namen googeln: Rita Barberá, Marcos Benavent, Maria Jose Alcon), und davon, dass die PP bis heute in weiten Teilen die politische Nachfolgepartei der Falange ist. der spanischen Faschisten. Aber seit wann ist die Opposition der Steigbügelhalter der Regierung, wenn die die Mehrheit verloren hat?

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Ein spannender PODEMOS-Film war vorhin zu sehen. „Politica, manual de instrucciones“ („Politik, eine Gebrauchsanleitung“)[Die Bedeutung der Autonomie: Basken, Deutsche und Japaner – San Sebastian-Tagebuch_2016_09

Von Rüdiger Suchsland

„Gibt es in Deutschland heute noch Nazis?“
„Ja natürlich gibt es noch Nazis. Wo sollen die denn auch alle hingegangen sein.“
Heinrich Böll in einem Interview 1960

Nach den Berliner Stadt-Wahlen vom Sonntag werde ich hier ziemlich oft sinngemäß gefragt, ob jetzt in Deutschland bald wieder die Nazis an die Macht kommen? Für feinere Unterscheidungen zu plädieren, macht da nicht mehr Sinn, als wenn ein Amerikaner uns zu erklären versucht, warum wir vor Donald Trump keine Angst haben müssen.

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Jetzt sitze ich wieder mal im „Cafe Artess“ auf der Terasse, und das Festival von San Sebastian neigt sich dem Ende zu, und ich lasse das Festival Revue passieren, dass bei uns in Deutschland immer noch stark unterschätzt wird.
Wer hier alles in diesem Jahr da war! Sigourney Weaver, Isabelle Huppert, Jennifer Connelly, Ewan McGregor, Ethan Hawke, Oliver Stone, Francois Ozon, Hugh Grant, Gael Garcia Bernal.

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Am Morgen hatte ich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Amat Escalante. Der Mexikaner hatte in Venedig vor ein paar Wochen den Regiepreis gewonnen, für „La Region Salvaje“, für mich der beste Film des Wettbewerbs. Escalante ist sehr sympathisch, ruhig und klug.

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An diesem Sonntag sind im Baskenland Regional-Wahlen. Die Regierung wird wiedergewählt, das Baskenland ist eine der reichsten Regionen Spaniens, ähnlich wie Bayern dank Hilfe der Zentralregierung. Auch ähnlich wie in Bayern reagieren die Regionalisten undankbar.
Zur Zeit allerdings verliert das Baskenland gerade wirtschaftlich an Boden. In der hiesigen Zeitung dem „Diario Vasco“ las ich diese Woche eine detaillierte Aufstellung. Wichtigste Folge der Wahl könnte die Zerschlagung der linken Volkspartei sein, der PSOE, die durch die Linkspopulisten der PODEMOS in Schwierigkeuten gebracht werden. Im deutschlandfunk höre ich dazu eine Formulierung, die ich als politisch recht tendenziös empfinde: Die PSOE würde die Wiederwahl des die in Madrid regierenden Konservativen Rajoy und seiner PP „verhindern“. „Verhindern“ – das klingt so destruktiv, als handle es sich um eine Blockadehaltung. Hat man vergessen, dass die PP der politische Gegner der PSOE ist? Um jetzt mal nicht von den politischen Skandalen der PP, von der himmelschreienden PP-Korruption in Valencia zu reden (wer mehr wissen will, kann ja mal diese Namen googeln: Rita Barberá, Marcos Benavent, Maria Jose Alcon), und davon, dass die PP bis heute in weiten Teilen die politische Nachfolgepartei der Falange ist. der spanischen Faschisten. Aber seit wann ist die Opposition der Steigbügelhalter der Regierung, wenn die die Mehrheit verloren hat?

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Ein spannender PODEMOS-Film war vorhin zu sehen. „Politica, manual de instrucciones“ („Politik, eine Gebrauchsanleitung„). Fernando León de Aranoa, einer der politisch engagiertesten Filmemacher Spaniens, der 2002 für „Los lunes al sol“ („Mondays in the Sun“) die Goldene Muschel gewann, hat den Aufstieg der Bewegung mit der Kamera begleitet und die 400 Stunden Material jetzt in Form eines Langzeitdokumentarfilms auf die Leinwand gebracht. Innenansichten des Marschs in die Institutionen.

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Im Baskenland, so ist zu lesen, haben sie jetzt eine eigene Bank mit einem speziellen Angebot: 1 % Kreditzinsen für die Kreativindustrie. Mikel Garcia-Prieto vom regionalen Kulturinstitut erklärt: „culturalize the economy instead of financing the culture.“ Klingt gut. Trotzdem fehlt hier sonderbarerweise ein Angebot der Filmförderung für europäische Koproduktionen. Dabei könnten die Basken die Südtiroler Spaniens sein, zumal die Katalanen mit ähnlich günstigen Voraussetzungen den Bereich Film bisher völlig verschlafen haben.

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Was auch ein Stück des Charmes von San Sebastian ausmacht: Man lernt hier gut Leute kennen. In diesem Jahr Inaki, der sich irgendwann einfach freundlich und neugierig an meinen Tisch gesetzt hat, und sich als ein Mitarbeiter des Festivals entpuppte. Er macht Einführungen zu Filmen und Regisseursvorstellungen. Seitdem sind wir uns ein paarmal über den Weg gelaufen. Inaki ist ein echter Baske und erzählt immer in den kurzen Gesprächen irgendetwas Hintergründiges, Kontextualisierendes, von dem er glaubt, es könne für mich interessant sein. Morgen wählt er PODEMOS, obwohl er sagt er sei eher konservativ. Aber er will die Opposition stärken. Heute hat er von seiner Einführung für einen baskischen Film und der anschließenden Diskussion erzählt, die natürlich auf Baskisch geführt wurde. In den ersten Reihen: Lauter baskische Funktionäre und Politiker, die im Rudel drin sitzen, nur in baskische Filme gehen, und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen für ihr künstlerisches Engagement. Einer von ihnen habe ihn, den Basken, dann danach an die Seite genommen, um ihm zu sagen, das Baskisch sei ja schon recht gut gewesen. Aber das eine Wort, das habe er nicht richtig ausgesprochen. „Da gibt es eine richtige Sprachpolizei.“

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Eine Einführung von Inaki habe ich gesehen. Sie galt dem Franzosen Jean-Gabriel Periot, den man in Deutschland als Dokumentarfilmer kennt. Sein „Une Jeunesse Allemande“ war vor einem Jahr der Geheimfavorit vieler Berlinale-Besucher, als er im Panorama Premiere hatte. Jetzt lief „Lumieres d’ete“ („Lichter des Sommers“), sein erster Spielfilm.
Der beginnt allerdings in den ersten zwanzig Minuten wie ein Dokumentarfilm, obwohl hier offenkundig inszeniert wurde: Eine alte Japanerin wird von einem jungen japanischen Regisseur namens Akihiro interviewt, sie ist eine Zeitzeugin des 6.8.45 in Hiroschima, und erzählt ihr Erleben: Ein heißer Sommer, der Eindruck, der Krieg würde zu seinem Ende kommen, „In the spark of a moment, the world had changed. … But even here, life goes on.“

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Danach lernt der Regisseur im Park am Fluß von Hiroshima im Gespräch eine junge Frau kennen. Sie kommen ins Gespräch, die junge Frau ist charmant, aufgeweckt und milde flirtend, zugleich sehr ernsthaft und auf unaufdringliche Weise etwas altmodisch. Sie weiß viel über das Hiroshima unmittelbar nach dem Bombenabwurf der Amerikaner, erzählt Akihiro davon, und man verbringt den Nachmittag zusammen, fährt zur Küste, lernt dort einen alten Fischer und seinen Enkel kennen. Eine sehr bewegliche Kamera folgt den Figuren sehr nahe, während die vier einen Abend mit Grill, Spielen, Musik und Gesprächen verbringen. Wir sehen ein Feuerwerk, das Meer, Landleben, alles, was man so toll findet an Japan, und ab und an kann man sich in einen Naomi-Kawase-Film versetzt fühlen.
Irgendwann wird dann der Schleier über der Pointe gelüftet: Die junge rätselhafte Frau ist ein Geist, der Geist von Michiko, jener Schwester der interviewten Augenzeugin des Anfangs, die den Atomblitz scheinbar unversehrt überstanden hatte, Tage später aber an der Strahlenkrankheit grausam gestorben war. Das alles ist unaufdringlich, beiläufig mit großer Selbstverständlichkeit erzählt. Ein unerwarteter Film von Periot, dem man zwar die Melancholie des Films, nicht aber dessen Sentimentalität zugetraut hätte.

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Schließlich eine überaus positive Überraschung: Der japanische Animationsfilm „Kimi No Na Wa“ von Makoto Shinkai. In den ersten Bilder prasselt ein Kometenhagel auf die Erde. Doch es war wohl nur ein Traum: „Once in a while I wake up“ sagt eine Stimme aus dem Off, „und habe das Gefühl, ich hätte etwas verloren.“
Pubertät: Mitsuha, ein junges unglückliches Mädchen mit kleiner Schwester in einer Provinzstadt, sattes Grün, Sonne, Pastellfarben, Wahlkampf für die Bürgermeisterwahlen. Zwei Freundinnen, ihre Väter konkurrieren um Bürgermeisteramt. Der Film legt geschickt falsche Spuren. Den später erinnere ich mich daran, dass ich überlegte, wer wohl die Wahl gewinnt? „Who are you?“ – die Frage wird wiederkehren, und in der Pubertät ist es keine Überraschung, wenn Identitäten ins Wanken geraten.
„Gestern…“ – alle reden mit ihr von Gestern – „Gestern warst Du ganz anders, irgendwie abwesend, gestern war es als littest Du unter Amnesie.“ In dieser Kleinstadt, so heißt es, gäbe es keinen Buchladen, kein Krankenhaus, keine Jobs. „I hate this town! I hate this life! I want to be a boy in Tokio.“ Und dann träumt sie genau das: Ein Junge in Tokio, Taki. Und bald verstehen wir: Das Girl auf dem Land und Junge in Tokio switchen unfreiwillig Identitäten – „Kimi No Na Wa“ ist nur zu Anfang ein scheinbar konventionelles Teenagerpubertätsdrama. Doch bald ist erkennbar, dass es um ganz anderes und viel Anspruchsvolleres geht; Zeitreisen, Identitätstausch, ein Meteoreinschlag und eine Naturkatastrophe.

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Zuerst scheinbar humorvolle Teenagerkomödie, in dem Mitsusha Taki Tips fürs Date gibt, obwohl wir wissen, dass nicht nur im „Seishun Eiga“ (Teenie-Liebesgeschichte) beide füreinander bestimmt sind, und es ein Lacher ist, wenn das  Date-Girl ihm sagt „You are like a different person today.“
Dann in der zweiten Hälfte einer ziemlich komplizierten Erzählstruktur begibt sich „Kimi No Na Wa“ auf die Spuren großer Vorbilder: der Science-Fiction-Filme „Blade Runner“ und „ghost in the Shell“. Futurismus trifft Melancholie in dieser philosophischen Geschichte, in der zwei Schüler in die Zeit zurückreisen, um Menschenleben zu retten. Existentialistisch, romantisch, nostalgisch japanische Traumfabrik.]. Fernando León de Aranoa, einer der politisch engagiertesten Filmemacher Spaniens, der 2002 für „Los lunes al sol“ („Mondays in the Sun“) die Goldene Muschel gewann, hat den Aufstieg der Bewegung mit der Kamera begleitet und die 400 Stunden Material jetzt in Form eines Langzeitdokumentarfilms auf die Leinwand gebracht. Innenansichten des Marschs in die Institutionen.

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Im Baskenland, so ist zu lesen, haben sie jetzt eine eigene Bank mit einem speziellen Angebot: 1 % Kreditzinsen für die Kreativindustrie. Mikel Garcia-Prieto vom regionalen Kulturinstitut erklärt: „culturalize the economy instead of financing the culture.“ Klingt gut. Trotzdem fehlt hier sonderbarerweise ein Angebot der Filmförderung für europäische Koproduktionen. Dabei könnten die Basken die Südtiroler Spaniens sein, zumal die Katalanen mit ähnlich günstigen Voraussetzungen den Bereich Film bisher völlig verschlafen haben.

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Was auch ein Stück des Charmes von San Sebastian ausmacht: Man lernt hier gut Leute kennen. In diesem Jahr Inaki, der sich irgendwann einfach freundlich und neugierig an meinen Tisch gesetzt hat, und sich als ein Mitarbeiter des Festivals entpuppte. Er macht Einführungen zu Filmen und Regisseursvorstellungen. Seitdem sind wir uns ein paarmal über den Weg gelaufen. Inaki ist ein echter Baske und erzählt immer in den kurzen Gesprächen irgendetwas Hintergründiges, Kontextualisierendes, von dem er glaubt, es könne für mich interessant sein. Morgen wählt er PODEMOS, obwohl er sagt er sei eher konservativ. Aber er will die Opposition stärken. Heute hat er von seiner Einführung für einen baskischen Film und der anschließenden Diskussion erzählt, die natürlich auf Baskisch geführt wurde. In den ersten Reihen: Lauter baskische Funktionäre und Politiker, die im Rudel drin sitzen, nur in baskische Filme gehen, und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen für ihr künstlerisches Engagement. Einer von ihnen habe ihn, den Basken, dann danach an die Seite genommen, um ihm zu sagen, das Baskisch sei ja schon recht gut gewesen. Aber das eine Wort, das habe er nicht richtig ausgesprochen. „Da gibt es eine richtige Sprachpolizei.“

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Eine Einführung von Inaki habe ich gesehen. Sie galt dem Franzosen Jean-Gabriel Periot, den man in Deutschland als Dokumentarfilmer kennt. Sein „Une Jeunesse Allemande“ war vor einem Jahr der Geheimfavorit vieler Berlinale-Besucher, als er im Panorama Premiere hatte. Jetzt lief „Lumieres d’ete“ („Lichter des Sommers“), sein erster Spielfilm.
Der beginnt allerdings in den ersten zwanzig Minuten wie ein Dokumentarfilm, obwohl hier offenkundig inszeniert wurde: Eine alte Japanerin wird von einem jungen japanischen Regisseur namens Akihiro interviewt, sie ist eine Zeitzeugin des 6.8.45 in Hiroschima, und erzählt ihr Erleben: Ein heißer Sommer, der Eindruck, der Krieg würde zu seinem Ende kommen, „In the spark of a moment, the world had changed. … But even here, life goes on.“

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Danach lernt der Regisseur im Park am Fluß von Hiroshima im Gespräch eine junge Frau kennen. Sie kommen ins Gespräch, die junge Frau ist charmant, aufgeweckt und milde flirtend, zugleich sehr ernsthaft und auf unaufdringliche Weise etwas altmodisch. Sie weiß viel über das Hiroshima unmittelbar nach dem Bombenabwurf der Amerikaner, erzählt Akihiro davon, und man verbringt den Nachmittag zusammen, fährt zur Küste, lernt dort einen alten Fischer und seinen Enkel kennen. Eine sehr bewegliche Kamera folgt den Figuren sehr nahe, während die vier einen Abend mit Grill, Spielen, Musik und Gesprächen verbringen. Wir sehen ein Feuerwerk, das Meer, Landleben, alles, was man so toll findet an Japan, und ab und an kann man sich in einen Naomi-Kawase-Film versetzt fühlen.
Irgendwann wird dann der Schleier über der Pointe gelüftet: Die junge rätselhafte Frau ist ein Geist, der Geist von Michiko, jener Schwester der interviewten Augenzeugin des Anfangs, die den Atomblitz scheinbar unversehrt überstanden hatte, Tage später aber an der Strahlenkrankheit grausam gestorben war. Das alles ist unaufdringlich, beiläufig mit großer Selbstverständlichkeit erzählt. Ein unerwarteter Film von Periot, dem man zwar die Melancholie des Films, nicht aber dessen Sentimentalität zugetraut hätte.

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Schließlich eine überaus positive Überraschung: Der japanische Animationsfilm „Kimi No Na Wa“ von Makoto Shinkai. In den ersten Bilder prasselt ein Kometenhagel auf die Erde. Doch es war wohl nur ein Traum: „Once in a while I wake up“ sagt eine Stimme aus dem Off, „und habe das Gefühl, ich hätte etwas verloren.“
Pubertät: Mitsuha, ein junges unglückliches Mädchen mit kleiner Schwester in einer Provinzstadt, sattes Grün, Sonne, Pastellfarben, Wahlkampf für die Bürgermeisterwahlen. Zwei Freundinnen, ihre Väter konkurrieren um Bürgermeisteramt. Der Film legt geschickt falsche Spuren. Den später erinnere ich mich daran, dass ich überlegte, wer wohl die Wahl gewinnt? „Who are you?“ – die Frage wird wiederkehren, und in der Pubertät ist es keine Überraschung, wenn Identitäten ins Wanken geraten.
„Gestern…“ – alle reden mit ihr von Gestern – „Gestern warst Du ganz anders, irgendwie abwesend, gestern war es als littest Du unter Amnesie.“ In dieser Kleinstadt, so heißt es, gäbe es keinen Buchladen, kein Krankenhaus, keine Jobs. „I hate this town! I hate this life! I want to be a boy in Tokio.“ Und dann träumt sie genau das: Ein Junge in Tokio, Taki. Und bald verstehen wir: Das Girl auf dem Land und Junge in Tokio switchen unfreiwillig Identitäten – „Kimi No Na Wa“ ist nur zu Anfang ein scheinbar konventionelles Teenagerpubertätsdrama. Doch bald ist erkennbar, dass es um ganz anderes und viel Anspruchsvolleres geht; Zeitreisen, Identitätstausch, ein Meteoreinschlag und eine Naturkatastrophe.

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Zuerst scheinbar humorvolle Teenagerkomödie, in dem Mitsusha Taki Tips fürs Date gibt, obwohl wir wissen, dass nicht nur im „Seishun Eiga“ (Teenie-Liebesgeschichte) beide füreinander bestimmt sind, und es ein Lacher ist, wenn das  Date-Girl ihm sagt „You are like a different person today.“
Dann in der zweiten Hälfte einer ziemlich komplizierten Erzählstruktur begibt sich „Kimi No Na Wa“ auf die Spuren großer Vorbilder: der Science-Fiction-Filme „Blade Runner“ und „ghost in the Shell“. Futurismus trifft Melancholie in dieser philosophischen Geschichte, in der zwei Schüler in die Zeit zurückreisen, um Menschenleben zu retten. Existentialistisch, romantisch, nostalgisch japanische Traumfabrik.

Stasi made in USA

Ghosts in the Shell: America unplugged, Oliver Stones Heldenlied für den berühmtesten Whistleblower der Welt und Ewan McGregors Abgesang – San Sebastian-Tagebuch_2016_08

„This is not about terrorism. Terrorism is the excuse. It is about economic and social control, and supremacy of our government.“

(aus: „Snowden“ von Oliver Stone)

Der erste Impuls nach diesem Film ist zuerst mal, die Kameras meines Ultrabooks zuzukleben. Ein einfaches Heftpflaster genügt. Ich bin zwar gerade nicht online, aber bin ich es wirklich nicht?

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Paranoia hat immer eine Rolle gespielt im Werk von Oliver Stone, aber das macht seine Filme besser, nicht schlechter; es macht sie intensiver, subjektiver, parteiischer. Bei Stone gilt die Weisheit des bekannten Witzes: Die Tatsache, das einer paranoid ist, bedeutet noch lange nicht, dass er nicht verfolgt wird.

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Heute mal um 9 Uhr im Kino, es ist noch dunkel beim Aufstehen. Die Fahrradfahrt an der Concha entlang bis zum Kino dauert etwa zehn Minuten, wenn ich mich nicht beeile, auch 15. Ein seltener meditativer Moment in diesem Festival. Manchmal denke ich da an das was ich vorhabe, was ich sehen will, wen ich anrufen muss. Aber oft schaue ich mir die anderen Radfahrer an, die Passanten, das Meer.

Der Anlass, ausnahmsweise früh aufzustehen ist, dass ich Olver Stones „Snowden“ in der ersten Pressevorführung sehen will. Stone ist hier vor Ort, und später würde es eine Pressekonferenz geben (über die ich schon geschrieben habe).

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Ein Insert behauptet: „The following is a dramatization of events … that occured between 2004 und 2013“. Zwei Menschen in Hongkong, vor einem Hotel. Der „Rubiks Cube“ in der rechten Hand ist das Erkennungszeichen. Auf dem immer landet als erstes das Handy in der Mikrowelle. Dann beginnt Edward Snowden zu erzählen. In Rückblicken präsentiert der Film ihn als guten Amerikaner, „born on the 4th of July“. Soldat in irgendeiner Einheit, typische Stone-Momente einer Scheißarmee-Verklärung: blödsinniger Drill, durch Anschreien zum Mann werden: „Where is your fucking heart?“ – „Sir, right here Sir?“

Dann ein schwerer Beinbruch, der für Smowden zum Glücksfall wurde. „There are other ways to serve your country.“

Beim CIA-Eignungs-Test nach seinen Vorbildern neben seinen Eltern gefragt, antwortet der Film-Snowden: „Joseph Campell, ‚Star Wars‘, Thoreau, Ayn Rand“. Oh jemineh.

Kurz darauf ist er aufgenommen, tauscht sich mit einem abgeschobenem Genie über alte Codierungstechniken aus: „SIGABA“, „CRAY 1„, auch sonst entpuppt er sich früh als Genie, gerade weil er unabhängig denkt.

Kleine Dialogsätze wie „Questioning my government is democratic“ oder „You dont have to agree with your government to be a patriot.“ sind Botschaften ans US-Publikum und legen zugleich den Keim fürs Folgende. Wir erfahren, ohne dass wir davon im Einzelnen eine wirklich genaue Vorstellung hätten, von FISA (foreign intelligence surveillance act), xkey score, epic shelter, der üblen Rolle der Firma Verizon, von SIGNET und Prism.

Wir erfahren, dass in den USA doppelt soviel emails überwacht werden, wie in Russland. Und was die amerikanischen Geheimdienste sonst so tun, und tun können – nicht wirklich überraschend, aber schön formuliert: „Of course we tapped the entire country. The idea was, that if Japan was no longer an alley – lights out. Same for Mexiko, Germany, Austria.“

Wir erfahren nichts Neues, aber visualisiert entfaltet es neue Kraft. Es wird eindeutiger: Sie können durch unsere Computer und unsere Smartphones in unser Leben gucken, uns kontrollieren.

Snowdens CIA-Vorgesetzte träumen vom Cyberwar – „terrorism is a short term threat.“ – und sagen ihren Untergebenen: „If there was no WWIII in the last 70 Years – why? Because we use our power generally in a good way. Most americans don’t want freedom. They want security. It’s a safe bargain. If there is another 9/11 it will be your fault.“

Seine Freundin, die er Online kennengelernt hat, gerade noch eine kleine unangepasste linke Studentin, macht nun auf Dame und trägt ein kleines Schwarzes und Haare hinten geknotet

Am Ende bedient dieser Film ein sehr altmodisches, und konservatives, vielleicht aber (einstweilen) doch nicht komplett falsches Frauenbild, nach dem Frauen mehrheitlich die geschickteren, geschmeidigeren, aber mit weitaus weniger Ehrgeiz ausgestatteten Menschenwesen sind, die mehr Ruhe wollen und weniger Stress. Im alltäglichen Gender-Trouble einer Partnerschaft ist es auch für Snowden immer das Gleiche: Er kommt nach Haus, und die Frau jammert, dass der Typ zuviel arbeitet, und ja eh nie Zeit hat.

Das hat sich dann ja geändert. Jetzt ist Snowden ein Held, der eher nie in die USA zurückkehrt, selbst wenn er begnadigt werden sollte – denn was heißt das schon wirklich in den USA? Wer könnte garantieren, dass er nicht doch in irgendeinem Loch verschwindet? Oder einen „Unfall“ hat? -, sondern wie ein 30 Jahre zu spät gekommener Veteran des Kalten Kriegs sein Gnadenbrot erhält. Ein lebendes Denkmal der Grenzen des Amerikanischen Traums. Er ist jetzt viel zu Hause, und seine Frau, die inzwischen auch in Moskau lebt, hat keinen Grund mehr zu klagen.

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„Snowden“ ist sattes Mainstream-Kino. Das erkennt man daran, dass er eine schwarze CIA-Agent, der im Film vorkommt, dann natürlich auch eine schwarze Freundin hat, so wie die Weißen eine weiße. Agentinnen hat die CIA offenbar sowieso nicht.

Man erkennt es auch daran, dass der Heldenstatus des Helden dadurch abgesichert werden muss, dass er nie als „intellektuell“, nie als Outsider, nie als irgendwie nicht „all american“ erscheinen darf. Er muss als Patriot und all-american beglaubigt werden, bevor er Held sein darf: Soldat, nur aus Verletzung ausgeschieden, und ein kleiner Spießer im Leben.

Ich habe den Film gern gesehen, er ist gut gemacht, und politisch ehrenwert. Engagiertes Hollywood. Aber es wird mir auf die Dauer nichts bleiben von diesem Film – kein hochästhetischer Exzess und Überschreitungslust wie in „Natural Born Killers“ oder „U-Turn“ oder „Any Given Sunday“, keine Gravitas, wie in „Nixon“, kein Sarkasmus wie in „Wall Street“ und auch keine Wut wie in „JFK“.

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Der echte Snowden kommt am Schluß zu Wort: „I lost that life. But I gained a new one. No need to worry about tomorrow.“

Es gelang ihm, zu bewirken, dass die bisherigen NSA-Programme gestoppt wurden, nicht aber Rechtgarantien fest zu verankern. Wir wissen, dass in den USA weder gewählte Volksvertreter noch die Medien wirklich die Macht haben, sondern Banken, Industrie und Militär. Wer weiß schon, welche Programme die inzwischen in die wege geleitet haben…

„He’s gonna die in Moscow“ sagt am Ende Ex-CIA-Direktor Michael Hayden.

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Am Abend des gleichen Tages saß ich auf der Terrasse meines Lieblingscafes, und konnte nicht anders als der überlauten Stimme jenes älteren Mannes am Nebentisch zuzuhören: Der war ein grauhaariger weißer Vollidiot, ein amerikanischer Wutbürger und ein weiteres Paradebeispiel jener rabiaten, unbekehrbaren Alten, die vor fünf Jahren noch grummelnd und still in ihren Ecken saßen, heute aber aus jeder Ecke der Welt große Worte schwingen: „Obama destroyed economic growth in the last three years … the states have become a place of crazy regulation.“ Der alte Ami saß neben einem Mann, den er offenbar nicht gut kannte, einem mindestens 30 Jahre jüngeren Europäer, der ihn offenbar nach den kommen Präsidentschaftswahlen gefragt hatte. Seine Antworten muss man unplugged wiedergeben, so wie ich sie spontan in einer Mischung aus Faszination und Ekel mitgeschrieben hatte: „Trump is an asshole. He is not a racist, just an impulsive arrogant asshole.

But Clinton is a liar. She will do nothing right. Look how Obama developed, he disapointed all. It is reality: If you are a pussycat, peope just eat your pussy and fuck you to death … no experience … reality is reality … the banks – if you fuck them like crazy. Bernie Sanders – his balls are bursting, but his brain…he nows as much of economy like a 20 year old, he is a stupid socialist who wants stupid labour regulations.

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„I love Portugiese 20th century poetry, but it does not help you beat the Chinese. We should have a strategy like the Germans, but today all our kids have to study lesbian poetry. They have no connection with the economy, they offer nothing to the economy, the professors have no idea what ecxonomy means, they are virgins, studying Baudelaire and all this shit. We basically became repeatedly destroyed by the Obama-administration, they attack the banks, especially they persecute the banks, i tell you, if the government is crazy: don’t take risks, don’t invest – this is exactely why the goldrate came down a third since 2008. Why is the interest rate zero – the government is so crazy, nobidy wants to take any risk.

We decided to globalize the economy. If government and business work together… thats why Clinton I was succesfull. 2008 was all about the collapse of housing. But regulation is crazy, it’s bringing demage to the US. If the US would grow, the rest of the world would grow. You cant fuck employers without fuckiung employees.

Now, whenever you do something, you have these lawyers around you, these guys are better educated than you and I, these guys went to the best schools.

Trump is crazy, he is not a Hitlers and all this crap, this redicoulus journalistic indulgence, but let there just be a little pressure on the islamic community to turn these idiots in. It is just a shame. Trump is so crazy that Hilary will win and then she will die in four years. Republicans are much more democratic as the democrats.“

Die hässliche, dumme, aber ehrliche Fratze Amerikas.

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Wie eine Ergänzung, eine Antwort und eine zugleich Relativierung zu Stones Film wirkte dann einer der späten Filme des Festivals: „American Pastorale„. Diese Verfilmung des Philip-Roth-Romans – „die schlimmste Roth-Verfilmung aller Zeiten, und das will was heißen“ nannte es ein Redakteur in Deutschland – ist formal bieder, aber fehlerfrei, komplett inhaltistisch motiviert. Sie stammt von Ewan McGregor, dem britischen Schauspieler („Trainspotting“, „Velvet Goldmine“, „Star Wars“), der mit inzwischen auch schon 45 Jahren zum ersten Mal Regie geführt hat. McGregor spielt auch die Hauptrolle in diesem traurigen Film, der getränkt ist in der Nostalgie für die verblassten Träume noch mehr als in der für die verblasste Jugend, die Farben der Erinnerung. Wieder ein Beispiel für den Historismus, der im Kino gerade grassiert, aber einmal mehr auch mit einem gewissen Sinn:

Die Geschichte kreist um eine fast idealtypische – allerdings jüdisch-katholische – Familie im Nordamerika der Fünfziger und Sechziger Jahre. Seymour Levov, ein Football-Held und Unternehmer, der mit einer Miss New Jersey verheiratet ist. „He was our hero, our Kennedy“ schwärmt der Ich-Erzähler. Sie sind liberal, offen gegenüber Schwarzen, und haben eine Tochter, die sie vergöttern. Diese Tochter, Merry, ist niedlich und hochintelligent. Sie hat nur einen Makel: Sie stottert.

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Kleine Ereignisse: Die Therapeutin weiß nicht recht ein Mittel, um die Tochter zu heilen. Im Fernsehen sieht Merry, wie sich ein Mönch in Vietnam selbst verbrennt. Unruhen, die von der Polizei unangemessen blutig niedergeschlagen werden. Und irgendwann, wie auf einer ganz sanft nach unten schiefen Ebene, entfremden sich Eltern und Tochter immer mehr, wird die stotternde Tochter auch ungerecht, kalt und böse den Eltern gegenüber. Sie radikalisiert sich, schließt sich einer Untergrundorganisation an, sprengt eine Tankstelle in die Luft, ist beteiligt an vier Tötungen. Es gab ja offenbar in den Sechziger, Siebziger Jahren solche Gruppen in den USA, die „den Krieg nach Hause“ brachten. Von 4330 Explosionen ist im Film die Rede, und man fragt sich wo die heute alle hin sind, wo es doch, möchte man meinen, nicht weniger Anlässe gäbe.

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Der Film sympathisiert mit dem Vater, seinem guten Willen und seiner Ohnmacht – gegenüber der Tochter, die unansprechbar wird, aber auch gegenüber dem Anti-Terror der Polizei. Wie die das Haus der Familie auseinandernehmen, ist Grund genug zum Widerstand.

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What a difference a day makes… Eine Entscheidung enthält ein ganzes Leben. Das zeigt dieser Film, dessen Thema der amerikanische Traum ist, und sein Verschwinden in einer Selbstzerstörung, die Anfang der Sechziger einsetzt, nicht erst mit 9/11.

Sein Thema ist der Hass und die Wut der 68er gegen ihre Eltern. Eine erstaunliche, heute kaum vorstellbare Härte, die eine ungerechte, überharte, ja faschistoide Komponente hat. Von deren Konsequenz und Mut aber heutige Generationen auch etwas lernen können (und sollten). Wollen Roth und McGregor dies verstehen? Sie sehen vor allem die Leiden der Elterngeneration.

McGregor aber fragt: Wo ist der Moment, in dem der Schalter umgelegt wird? Die Psychiaterin, die die Schuld am Stottern auf die Eltern schiebt? Der Mönch der sich verbrennt? Der Besuch bei den „falschen Freunden“ in New York? Gibt es diesen Moment überhaupt? Oder ist da eher eine schiefe Ebene?

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Der Film ist geschickt und klug darin, zu zeigen, was der Weg der Tochter in Untergrund und Terror mit Familien macht. Ein für mich erstaunlich guter, tiefer und ernster Film, gesättigt in Sentiment – nicht zu verwechseln mit Sentimentalität.

Der Erzähler fasst zusammen: „What Merry blew up that day was nothing less than his life. Just got them wrong. That’s how we know, we are alive: By beeing wrong.“

Rüdiger Suchsland

Die Verklärung des Gewöhnlichen

Zwei Filme aus Lateinamerika im Wettbewerb – San Sebastian-Tagebuch_2016_07

Maixabel ist blond, und sieht auch wegen ihrer hellen Haut eher wie eine Dänin aus. Sie ist aber baskische Spanierin, und sitzt hinter dem Schalter an dem man sich jeden Tag die Karten für Akkreditierte besorgen muss, und im Gegensatz zu ihrer Kollegin, nach deren Namen ich auch noch nicht gefragt habe, unterhalte ich mich mit ihr immer ein bisschen, über Filme, über die Stimmung, über Journalisten an und für sich und so weiter… Sie hat mir neulich auch „pastelloso“ beigebracht, das spanische Wort für kitschig, das es sehr gut trifft, weil es an einen süßen Kuchen erinnert.

Heute habe ich ihr erzählt, wie schön ich es hier finde, und dass ich jedes Mal beim Festival denke, dass ich gern einmal länger hierherkäme, mindestens mal eine Woche vor oder nach dem Festival da wäre. „Aber wenn Du dann herkommst, regnet es sicher.“ meinte sie dazu, „Aber das ist auch nicht schlimm. Wir sind dann ja auch da und sitzen alle in der Bar und finden es cool. So sind wir.“ Maixabel will mir tatsächlich weismachen, dass das Wetter hier immer schlecht sei. „Wir Basken sind keine richtigen Spanier, die sind braun und haben dunkle Haare – schau mich an.“ Und wo soll man hinziehen? Sie schlägt Sevilla vor: „Sevilla! Sevilla ist großartig. Andalusien ist super.“

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Im Wettbewerb derweil zwei Filme aus Lateinamerika: „Jesus“ aus Chile, von Fernando Guzzoni ist bereits im Vorfeld seltsam gehyped worden – was vermutlich auch damit zu tun hat, dass der Film satt mit Fördergeldern aus Frankreich, Deutschland und Griechenland (!?) ausgestattet ist.

Der Film erzählt von einem etwa zwanzigjährigen Taugenichts. Er trägt diverse Tatoos, Piercings und Ringe in den ausgestanzten Ohrläppchen, schaut sich Enthauptungen auf „mundonarco.com“ an, und belügt seinen Vater um von ihm Geld zu bekommen. Die ersten 40 Minuten schauen wir ihm im Prinzip dabei zu, wie er permanent mit schmutzigen Drogen und billigem Schaps zugedröhnt in der Gegend herumschlurft, lallt, sabbert und kotzt und im Delirium alles lustig findet. Vermutlich möchte der Filmemacher, dass man Jesus bemitleidet, dass man ihn mag oder anders Anteil nimmt. Mir geht es eher so, dass mich der Film schon deshalb schnell genervt hat, wer mich zwingt minutenlang Sachen zu sehen, die ich gar nicht sehen will, und unendlich viel Zeit mit einem Vollidioten zu verbringen, mit einem Typen, den ich, wenn er mich in einer Kneipe anquatschen und um Geld betteln würde, sofort wegschicken würde.

Irgendwann hat Jesus – neben einem Grab, drunter geht’s nicht in diesem wichtigtuerischen Film – Sex mit einem Mädchen, das am ganzen Körper tätowiert ist und gepiercte Brustwarzen hat. Später hat er dann Sex mit einem seiner Nichtsnutz-Freunde, und natürlich könnte man jetzt lange über Einsamkeit und Sehnsucht nach Wärme, nach Geborgenheit schwadronieren. Diese unklare sexuelle Orientierung, die bei einem Typ, der auch sonst ziemlich orientierungslos ist, wenn er nicht gerade seinen Vater belügt, nicht weiter überrascht, führte aber vor allem zu langen weitschweifigen Debatten bei der Pressekonferenz nach dem Film, weil es offenbar in der Machoregion Lateinamerika immer noch das größte Problem ist, wenn Jungs nicht auf Mädchen. was sie sonst tun, ist offenbar vergleichsweise ziemlich wurscht.

Das müsste nicht so sein, denn etwa in der Mitte des Films laufen diese armen geborgenheitbedürftigen Jungens, als sie mal wieder nachts vollgedröhnt durch den Park stolpern einem anderen Jugendlichen über den Weg, cder das Pech hat, allein zu sein. Nachdem sie ihn zu Brei geschlagen und getreten und bepisst haben, bringen sie ihn um. Das alles tritt der Regisseur minutenlang breit, malt es gewissermaßen genüsslich und explizit aus – was er natürlich m,it den Sexszenen nicht tut. Daran, an dem Unterschied zwischen der Darstellung von Sex- und Gewalt erkennt man diese Art von Arthouse-Exploitation.

Das war der Moment, wo die Zuschauer gruppenweise den Saal verließen. Ich blieb drin, aus Berichterstatterethos, und habe es schon in dem Augenblick bereut. Was folgt ist, dass der Vater als er begreift, was sein Sohn getan hat, diesen verrät. Daraus macht der Film dann eine große Affaire. Wie prätentiös das alles ist, zeugt der Titel den man jetzt erst versteht: „Vater, warum hast Du mich verlassen!“ Ohgottohgott.

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Was für ein Unterschied zu dem Blick auf die Jugend in Jacques Beckers „Rendez-vous en Juillet“. Die Verklärung des Gewöhnlichen, die Bestandsaufnahme des Hässlichen. Utopielosigkeit, und, ja, auch Lieblosigkeit.

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Der zweite Latino, „El Invierno“ vom Argentinier Emiliano Torres ist ein Schweigefilm und die argentinische Version eines Western: Alles spielt auf einer Ranch in Patagonien: Pferde und Schafe werden hier gehalten, die Landschaft ist toll anzusehen, und zum Leben schwer zu ertragen. Ein alter Mann wird von den Eignern gezwungen, seine Arbeit als Vorarbeiter dort aufzugeben. Ein junger Typ wird sein Nachfolger. Es gibt Spannungen und Konflikte, und zuerst sympathisiert der Film ganz mit dem Alten. Dann kommt der Winter… Ein schwieriges Leben, in Einsamkeit, der Kampf um die Vorherrschaft tritt zurück hinter den Ka,mpf gegen die Natur, ums Überleben. Beide müssen sich zusammenraufen. Aber dann stirbt der Alte. Der Junge beerdigt ihn. Am Ende aber hat nicht etwa er gesiegt, sondern das System. So versteckt sich hinter dem Thema des Generationenkonflikts und der Darstellung des Abschieds, des Abgesangs von einer Lebensform auch die Kapitalismuskritik. Trotz der Landschaftsbilder, und einer starken, intensiven Atmosphäre finde ich das alles so richtig gut aber auch nicht. Es ist nur eine andere, vielleicht wenigstens aufrichtigere Art, sich dem bürgerlichen Arthousepublikum anzubiedern.

Rüdiger Suchsland