Die Propagandafilme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen bringen…

Ursula Pürrers Montage: Wie montiert man Propagandafilme? Wie kann man dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen? – Springtime_with_Hitler_Folge_04; 25.02.17

Mehrfach wurde ich in diesen Tagen gefragt, wie wir denn im Schnitt von „Hitlers Hollywood“ gearbeitet haben. Dazu kann ich hier gern etwas erzählen. Für die Montage ist Ursula Pürrer verantwortlich. Bei „Von Caligari zu Hitler“ war es Katja Dringenberg gewesen. Sie hatte ich natürlich als erstes gefragt, aber sie hatte wegen eines anderen Projekts nicht gekonnt – und vielleicht auch ein kleines bisschen nicht gewollt. Zu stark der Widerwille gegenüber den Nazi-Filmen im Verhältnis zur Versuchung, mit dem Teufel tanzen zu gehen.

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Somit also Ursula Pürrer. Das war eine Super-Zusammenarbeit! Auf allen Ebenen. Sehr partnerschaftlich – sie hat natürlich einen großen, ganz eigenen Anteil am Ergebnis. Im Nachhinein ein Glückgriff und im Rückblick gar nicht anders vorstellbar. Die Montage war für diesen Film sehr bedeutend, weil ich wie schon bei „Von Caligari zu Hitler“ nicht mit einem fertigen Drehbuch gearbeitet habe. Das Bildmaterial sollte uns führen und inspirieren. Mein eigenes Vorgehen würde ich dabei eher mit dem eines DJ’s vergleichen.

Vorab gab es nur ein Treatment von ein paar Seiten, das war’s. Wenn man diesen Text heute liest, dann gibt es darin zwar einzelne Szenen, die „eins zu eins“ übernommen wurden, etwa der Anfang mit jener Szene aus „Der Mann der Sherlock Holmes war“, in der Hans Albers und Heinz Rühmann in einer gemeinsamen Hotelsuite jeweils in ihrer Badewanne sitzen und ein Lied von verräterischer Offenheit singen, und es gibt natürlich auch bestimmte Themenkomplexe, die schon relativ ausgearbeitet wurden – aber das meiste andere gar nicht. Ich glaube daran, dass die Arbeit einen führt, und man dem eigenen Instinkt und der Spontaneität des Augenblicks Raum geben sollte – erst recht, weil wir zu zweit einander ein Korrektiv waren, und auch andere, besonders meine Produzentin Martina Haubrich, sich einbringen konnten.

Für uns gab es einen Grundsatz von Anfang an: Wir wollten versuchen, die Filme – die ja komplett unter der Ägide und totalen Kontrolle von Goebbels und seinem Propagandaministerium entstanden und freigegeben worden sind – für sich selbst sprechen zu lassen, mit zeitgenössischem Dokumentarmaterial, aber ohne neugedrehte Szenen oder Schauplatzaufnahmen. Ich war immer überzeugt, dass dieses Verfahren, gewissermaßen den Blick der Nazis zu zeigen, und dadurch auch zu enthüllen, zu einem guten, auch politisch-moralisch tragbaren Ergebnis fuhren könnte.

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In der Montage eines solchen Dokumentarfilms gibt es aber zahlreiche Fallen, ästhetische wie moralische. Man muss den Propagandaton immer wieder brechen, dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen. Das kann man nicht immer nur über den Kommentar machen, es braucht auch gute, mitunter subtile Montage.

Natürlich haben wir uns immer wieder gefragt, wie wir vermeiden, dass im Ergebnis dann die NS-Propaganda einfach nur gefährlich verdoppelt werden würde. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die Filme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen kommen.

Ursula Pürrer hat einen unschätzbaren Anteil daran, dass das Ganze dramaturgisch in Form gebracht wurde. Es hat sich im Verlauf unserer Arbeit gezeigt, dass eine weitgehend chronologische Montage für das Verständnis des Films sehr hilfreich ist. Weil der Zuschauer immer weiß, wo er sich in der historischen Zeit gerade befindet, ist es möglich, bestimmte Filmbilder frei stehen zu lassen und historische Vorgänge extrem zu straffen. Es konnte und sollte ja keine Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus erzählt werden, sondern allenfalls eine Mentalitätsgeschichte.

Rüdiger Suchsland

Gute Anfänge sind die halbe Miete

Helle Nächte: Ein großartiger Auftakt zur Filmtour: Zu Gast im Tübinger Arsenal-Kino – – Springtime_with_Hitler_Folge_03; 24.02.17

Am Freitagmorgen erst ein bisschen Arbeit, dann drei Stunden Warten in der Mainzer SWR-Kantine: Ich lausche Gesprächen über Urlaub, Kinder, Hunde,und Fernseh-Rechte. Mittags gebe ich noch Scala auf WDR 5 ein Interview zum Filmstart. Wie unterschiedlich die Sender ihre Compliance-Regeln auslegen! Aber der Compliance-Wahn, das ist eh nochmal ein eigenes Kapitel.

Dann Mittagessen mit Martina und unserem Redakteur beim Italiener Incontro in der Mainzer Augustinergasse; danach geht es flugs nach Tübingen, der ersten Station der eigentlichen Filmtour, die mich mindestens bis zum Juni immer wieder in irgendwelche deutschen Städte führen wird, wo ich „Hitlers Hollywood“ vorstellen werde.

Ich freue mich auf das Arsenal, eines der bekanntesten Programmkinos der Republik – mit einem sehr guten Ruf. Der bestätigt sich dann auch an diesem Freitagabend.

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Dabei fing es ganz schrecklich an: Rechtzeitig in Tübingen angekommen, wollte ich zu Fuß zum Hotel. Auf google-maps sah alles ganz nahe aus. Fehler! Mit Rollkoffer auf Straßenpflaster, unübersichtliche Gassen. Vor allem aber scheint es in Tübingen keine Straßennahmen zu geben, keine Hausnummern und keine Tübinger. Denn ich frage vier Leute, offensichtlich Einheimische nacheinander und alle haben keine Ahnung. Inklusive des Bäckers in der Straße, in der angeblich das Hotel ist. Es stellte sich dann, als ich nach einer halben Stunde Rollkofferspaziergang das Hotel doch noch fand, heraus, dass das „Ibis Styles“ ganz neu gebaut ist, für Geschäftsleute. Was die wohl in Tübingen für Geschäfte machen? Das Zimmer ist gut und geräumig, allerdings gibt es keinen Schreibtisch. Komische Geschäftsleute.

Früher gab es hier auf dem alten Bahngelände den besten Club der Stadt, erzählte mir später Ella, die zwar in Berlin wohnt, aber aus Tübingen kommt, und an diesem Abend meine virtuelle Stadtführerin wird, mit Kneipentips per sms.

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Als ich nach schnellem Einchecken dann gerade durch die Stadt schlendern will, setzt Regen ein. Das wird den Kinobesuch auch nicht steigern. Mist!

Und dann nach zehn Minuten unterstellen an der Bushaltestelle auf der Brücke muss ich mich doch noch richtig beeilen, und ohne viel von Tübingen zu sehen, in die Hintere Grabenstraße zum Kino.

Da merke ich schnell: Kein Grund zur Panik. Der Vorverkauf ist gut. Über Bildern und ausgehängten Pressetexten ist im Vorraum/Café das Wappen von „Arsenal London“ angepinnt. Das „Arsenal“, das man trotzdem deutsch ausspricht, ist aber natürlich nicht nur ein hervorragendes, auch sympathisch gemütliches Kino, sondern auch einer der wichtigsten deutschen Verleihfirmen für Autorenkino und sonstige gute Filme, für die sich bei uns die blöde Bezeichnung „Arthouse“ eingebürgert hat. Ein paar Minuten lang führt mich Käthe kurz in die nebenan liegenden Räume des Verleihs – es ist immer interessant die Vorstellung, die man so jahrelang hatte, mit der Realität abzugleichen.

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Ich war hier noch nie, bei meiner ersten Filmtour für „Von Caligari zu Hitler“ kam das Arsenal nicht vor. Dabei ist es das Schönste an dieser Regisseursexistenz, dass man auf einer solchen Filmtour neben mehr oder weniger spannenden Publikumsbegegnungen auch den Kinos selbst begegnet. Ihren Betreibern, die ja die Basisarbeiter dieses ganzen Phänomens „Kino“ sind. Sie pflegen unsere Kinokultur, da wo sie gut sind. Wo sie schlecht sind, können sie ganze Generationen für das Medium verderben.

Wie wichtig Kinos, ihre Kenntnis und die Pflege der individuellen Orte sind, das habe ich erst richtig verstanden, als ich irgendwann mal mit Stephan Hutter von „Prokino“ gemeinsam das Filmhaus in Saarbrücken besucht habe. Stephan kannte alle Mitarbeiter des Kinos, kannte die Zahlen die die verschiedenen Filme am Ort gemacht hatten – so stelle ich mir gute Verleiharbeit vor.

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Das Kino ist gut gefüllt, etwa 60 Leute. Viele sind älter, nur etwa zehn könnten Studenten sein. Schon in den ersten Minuten, wenn Rühmann und Albers auf der Leinwand erscheinen, wird getuschelt: „Hans Albers“. Gute Anfange bei einem Film sind die halbe Miete – und das ist ein guter Anfang!

Nach zehn Minuten gehe ich raus – etwa kurz nachdem O.E.Hasse in Karl Ritters „Stukas“ das schrecklich-schöne Hölderlin-Gedicht „Tod fürs Vaterland“ rezitiert. Passt ja zu Tübingen.

„…Umsonst zu sterben, lieb ich nicht/,

doch Lieb ich, zu fallen am Opferhügel. Fürs Vaterland/

zu bluten des Herzens Blut. Fürs Vaterland/

und bald ist’s geschehn! Zu euch, Ihr Teuern!

komm ich, die mich leben Lehrten und sterben,

zu euch hinunter!

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Ich muss erst noch austesten, wie laut man den Film abspielen dar. Ein paar Vorstellungen wird es noch dauern, bis ich dafür ein Gefühl habe. Während der Ton in meinem ersten Film tendenziell zu leise gemischt war, ist er diesmal vielleicht das etwas zu laut geworden. Besser als zu leise! Aber jedenfalls merke ich schon jetzt, dass es sehr stark auf den Raum ankommt, wie gut der Ton verständlich ist – jeder der alten Filme ist anders gemischt, unsere Musik und die anderen Tonspuren kommen dazu. Im schlimmsten Fall gibt es ziemliches Tongemansche.

Zwischendurch hab ich ein Interview mit Lilian und Magdalena, den zwei Praktikantinnen von „Wüste Welle“, dem Tübinger Lokal-Radio – sehr sympathisch. Beide studieren Soziologie, die eine kombiniert mit Erziehungswissenschaften, die andere mit Politik. Sie stellen gute Fragen, aber auch viele, und ihre Fragen erfordern ausführliche Antworten – und zwei Lagerbier vom Fass. Wie im Flug sind die 106 Minuten rum – ich komme gerade noch rechtzeitig zur Abspann-Musik ins Kino.

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Der Film wird gut aufgenommen. Moderieren darf ich mich selber weil Kino-Leiter Dieter Betz sich ums andere Kino kümmern muss. Aber alles wird ein Selbstläufer: Die Fragen geben Gelegenheit, den Mythos „Feuerzangenbowle“ zu dekonstruieren, zu erklären, warum dies ein faschistischer Film ist.

Auch sonst ist das Tübinger Publikum sehr interessiert, und das Gespräch dauert 40 Minuten. Danach interviewt mich noch das „Schwäbische Tageblatt“ mit jener gewissen Strenge, wie sie besonders Regionalzeitungen eigen ist.

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Dann noch ein paar Gespräche mit Übriggebliebenen des Publikums. Zu viert gehen wir noch durch die Altstadt, weitgehend synchron mit Ellas sms-Ratschlägen. Zuerst ins „X“, zum Essen. Großartiger Ort, sehr basic, das Bier nicht ein Viertel so gut, wie im Arsenal vorher. Aber dafür gibt es Pommes und einen XL Burger, der hält, was er verspricht.

Dann im „Ammerschlag“, einem Ort, den manche offenbar seit Jahren nicht verlassen haben. Ein Theologiestudent fragt mich um Rat, ob er das Vikariat tatsächlich antreten sollte. Im Zweifelsfall natürlich nicht, wenn er schon so fragt – aber die Kirche braucht jeden.

Weiter zum „Storchen“, auch Raucherkneipe, auch an der Ammer. Nicht rauchen darf man im „Chez Michel“, sehr (!) gemischtes Publikum, gute Musik, zwischen einsamen Sekretärinnen und coolen Rhetorikstudenten, in dem Ella als Bedienung angeblich eineinhalb Jahre ihres Lebens verbrachte. Aber vielleicht hab ich das falsch verstanden. Alles vier sind Orte, wo man Menschen kennenlernt.

Auf dem Nachhauseweg gebe ich der Versuchung nach, und esse um halb vier einen Döner, der glaub‘ ich, nicht nur wegen der Uhrzeit hervorragend war.

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Leicester City entlässt heute seinen Meister-Trainer Claudio Ranieri – Anlaß für einen tollen Text im Guardian.

Die Laune verderben schlechte Nachrichten aus der Kapitänsbrücke allenfalls kurz – und dass das erweiterte Presseheft aus München so unprofessionell ist, wie erwartet, macht die Laune da fast schon wieder besser. (Ja, stimmt, das ist ein Insiderwitz. Just google me!)

Das Fernsehen als Agendasetter

Weiberfastnacht: In Wiesbaden beginnt die Filmtour Vexierfilme im Nazi-Kino – Springtime_with_Hitler_02; 23.02.17

„Die Frage ‚Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit‘ muß erläutert werden. Sie geht von einer Formulierung aus, die sich während der letzten Jahre als Schlagwort höchst verdächtig gemacht hat. Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.“

Th.W.Adorno: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“

Am Donnerstag-Morgen, Weiberfastnacht, geht es nach Wiesbaden. Dort, im Kino der Murnau-Stiftung findet zum Tag des Bundes-Starts die zweite Premiere von „Hitlers Hollywood“ statt.

Vorher fahre ich noch nach Mainz, um dort auch eine weitere neue Erfahrung zu machen, eine Erfahrung von der Art, wie ich sie nicht alle Tage mache, und die darum besonders reizvoll sind an diesem Move in den Regiestuhl, den viele Kollegen immer noch gern als „Seitenwechsel“ bezeichnen: Ich bin zu Gast bei 3sat Kulturzeit.

Fahrt mit dem Taxi raus zum Lärchesberg, ein seltsam provinzieller Ort, der zwar von hübscher Mittelgebirgslandschaft geprägt ist, die mich an meine Kindheit im Taunus erinnert, aber eben ein Ort der Antiurbanität. Hier sind eben auch die Mainzelmännchen zuhause.

Die Anlage selbst ist eine kleine Stadt für sich. Statt an das wahre Leben erinnert sie aber eher an einen dystopischen Science-Fiction-Film früherer Zeiten: Die Seventies-Architektur und vor allem die Menschenleere. Auch drinnen: Große leere Hallen, nur einzelne Menschen.

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Nach dem Schminken gibt es Kaffee und Schnittchen. Mit Teresa Corceiro, der Redakteurin, sprechen wir nochmal über die Berlinale, die nicht nur mich enttäuscht hat. Kein Vorgespräch zu Sendung, keine Vorbereitung auf die Fragen, was ich aus irgendeinem Grund erwartet hatte – vielleicht weil man das im Radio meist so macht.

Dann geht es im Sendestudio ziemlich schnell. Das Gespräch wird zwar voraufgezeichnet, aber quasi eins zu eins geführt. Cécilie Schortmann fragt mich nach der Entwicklung des NS-Kinos, nach Kritik, die sich in den Filmen versteckt, und danach, wie man heute mit ihnen umgehen soll? Kritik gibt es nicht, so wie es im ganzen NS-Kino eigentlich keine Unschuld gibt. Aber es gibt Distanzbewegungen. Zum Teil, weil die Distanz schon immer da ist, wie bei Käutner, zum Teil aus blankem Opportunismus. Vor allem bei den klügsten unter des Teufels Filmemachern.

Man könnte von einer Gattung der „Vexierfilme“ sprechen, von Filmen, die man aus zwei entgegengesetzten Richtungen anschauen kann: Es sind Propagandafilme, aber in sie sind Widerhaken eingebaut, sodass man in sie auch indirekte Kritik und subtile Distanzierung gegenüber Idealen des Regimes hineininterpretieren kann.

Etwa bei „Großstadtmelodie“ von Wolfgang Liebeneiner ist das so. Und bei Veit Harlans „Opfergang“ – das ist ein morbider Film. Das Kino nimmt darin den kommenden Untergang vorweg, und dekonstruiert die NS-Vorstellungen der „Gesundheit“.

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Ich selbst fühlte mich befangen. Während ich bei Radioauftritten vergesse, dass eventuell Hunderttausende zuhören, führt die Kamera dazu, dass ich meine Körperhaltung kontrolliere und auch wieder stärker damit beschäftigt bin, mich grammatikalisch nicht zu verhaspeln. Sie zu vergessen, muss man auch wieder erst lernen.

Die acht Minuten sind sauschnell vorbei. Ich habe das Gefühl, eigentlich gar nichts zu sagen. Aber immerhin kommt heraus, dass das NS-Kino eine Welt des bewußten Illusionismus darstellt. Es sind Filme, die aufs Irrationale zielen, die ganz bewusst das Unterbewusste des Zuschauers manipulieren wollen. Das Interessante ist, dass diese Propaganda für diese Manipulation nicht lügt, oder jedenfalls weniger lügt, als man es denkt. Im Grunde sprechen die Nazis erstaunlich viel aus in diesen Filmen.

Schortmanns Frage nach erkennbaren Entwicklungen im NS-Film kann man damit beantworten, dass das Kino mit der Zeit immer stärker in phantastische Welten abdriftet. Viele Hauptfiguren träumen – tagsüber als „Idealisten“ oder des Nachts.

Es geht den Filmen ganz bewusst darum, die Grenze zwischen beidem einzuebnen.

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Das Leben ist eben voller Überraschungen. Was so ein Auftritt bewirken kann! Bemerkenswerterweise sprechen mich gleich mehrere Redakteure auf den Auftritt an. Sie vor allem scheinen „Kulturzeit“ regelmäßig zu sehen. Das Fernsehen als Agendasetter. „Herr Suchsland, da macht man einmal 3sat an und prompt sitzen Sie im studio! Werde Ihren Film definitiv ansehen. Schönes Interview! Viele Grüße“

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Die ersten Kritiken sind erschienen. In der SZ hat gestern zur Premiere Susanne Hermanski mit einem besonders schönen, auch besonders schön bebilderten und aufgemachten, halbseitigen Text vorgelegt: „Komm, süßer Tod“ – in dieser treffenden Überschrift ist schon alles drin, die Todessehnsucht und der Kitsch.

Die Autorin beschreibt treffend, dass es mir um den „genaueren Blick auf das Kino der Nationalsozialisten“ geht, und um die Überraschungen, die man erlebt, wenn man diesen Blick wagt. Es geht mir darum, nicht weg zu sehen, in den Abgrund zu schauen, „dem gängigen Reflex“ zu widerstehen, nach dem man die Werke des NS-Propaganda-Apparates lieber grundsätzlich meidet.

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Am Abend dann ist das Kino der Murnau-Stiftung voll. Schöne Überraschung: Christiane von Wahlert ist da. Morgen Abend werde ich im Kino ihres Mannes des Tübinger „Arsenal“ mit „Hitlers Hollywood“ zu Gast sein.

Auch Reno Koppe von meinem Verleih „Farbfilm“ ist da, und wir machen das „Foto des Tages“. Sogar der „Wiesbadener Kurier“ kommt, sein Photograph braucht zehn Minuten, bis alles im Kasten ist – aber es ist bestimmt ein großartiges Foto geworden.

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Nach der Vorstellung gibt es ein wohlwollendes Publikumsgespräch, das nicht allzu lang dauert – dann Premierenstimmung. Im Prinzip. Denn immer wieder gibt es in diesen Tagen auch andere Gespräche, für die man sich Zeit nehmen muss, die mir noch wichtiger sind: Ein älterer Herr aus dem Publikum spricht mich an, erzählt, er sei „Jahrgang 31“. Wie er es erlebt habe, die Ausschnitte zu sehen? „Das kann man gar nicht beschreiben.“ Es dauert nur wenige Sätze, dann sind wir beim ganz Elementaren: Der Selbstmordwelle unter den Deutschen in den letzten Kriegsmonate. Wie kann man sie verstehen? Das sei nicht mitteilbar. Als „Pimpf“ sei er „in der Festung Breslau“ gewesen. Ein besonders fürchterlicher Ort, aus dem nur besonders wenige lebens rauskamen. Er habe selber Kameraden gehabt, die sich umbrachten, und für fast jeden sei dies eine Option gewesen.

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Wolfgang Bergmann von ZDF/ARTE lobt zum Abschied „ganz großartiger Film! … wir sollten mal reden.“ Für die Vorstellung hatte er ein paar kanadische Filmemacher mitgebracht, auch die wirken angetan.

„Toller Film!“ sagt auch Nina Goslar zum Abschied, Redakteurin bei ARTE, der „Hitlers Hollywood“ besonders viel zu verdanken hat: „aber das nächste Mal kürzen wir Dir noch mehr aus dem Text.“ Wird gemacht – in jedem Fall schön zu hören, dass es ein nächstes Mal gibt.

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Versäumt habe ich dafür eines der Fußballspiele des Jahres. Gladbach liegt im ehemaligen UEFA-Cup gegen den AC Florenz im Rückspiel zur Halbzeit 0-3 zurück, gewinnt das Spiel aber noch 4-3.

Premiere im Babylon Mitte!

Lachen als Abwehrzauber, kristallene Gedanken: Heute hat „Hitlers Hollywood“ Premiere – Springtime_with_Hitler_01; 22.02.17

Kaum zu glauben, aber heute geht es tatsächlich los! Von mir und allen Beteiligten lang erwartet, unerwartet verzögert und dann doch alles in allem ziemlich schnell hat mein zweiter Dokumentar-Film, „Hitlers Hollywood“ an diesem Mittwoch Premiere. Der „Farbfilm Verleih“ bringt ihn mit der doch beachtlichen Zahl von 20 Kopien und auch sonst überaus engagiert in die Kinos – und das obwohl das Medienboard Berlin-Brandenburg, das den Film in der Produktionsphase noch gefördert hatte, jetzt bei der Verleihförderung überraschend gekniffen hat.

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Aber heute ist kein Tag zum Meckern. Premiere ist im „Babylon Mitte“ – kein schlechter Ort gerade für diesen Film. Denn auch, wenn dieses Kino in der Berliner Kinoszene nicht unumstritten ist, arbeiten hier viele engagierte Leute. Die Lage am Rosa-Luxemburg-Platz gegenüber der Volksbühne ist prächtig, und vor allem stammt der Bau von keinem anderen, als Hans Poelzig. Dies war ein Ort der Moderne und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Es ist sogar die Weltpremiere – auch wenn es nicht ganz so aussieht, wie man sich das vielleicht vorstellt, bin ich zufrieden.

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Am Abend kamen dann über 300 Freunde, Bekannte und zahlende Gäste. Kurz davor hatte mich noch Knut Elstermann getroffen und für seine Sendung „12 Uhr mittags“ interviewt. Hier der Link.

Zum ersten Mal mit Publikum also. Ob ich aufgeregt sei, werde ich gefragt. Eigentlich nicht, alles andere wäre gelogen. Als wir den Film im Sommer zum ersten Mal zur Abnahme gezeigt haben, war ich aufgeregter. Beim zweiten Mal ging es dann schon.

Ich bin eher gespannt, wie das wohl funktionieren mag, was ich mir so gedacht habe, was es so für Kritikpunkte geben wird. Ob dort die Wirkung einsetzt wo ich es mir erhoffe. Ob ich in den Augen des Publikums bei diesem komplizierten Thema zu weit gehe. Oder nicht weit genug.

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Im Saal während der Vorstellung reagiert das Publikum dann schön. Die Leute gehen mit, trauen sich zu lachen – und sei es auch nur aus Sarkasmus. Lachen als Abwehrzauber, warum nicht?

Der Altersschnitt des Publikums ist hier jünger, als ich es für die nächsten Tage erwarte. Auf einige Reaktionen sehr bestimmter Menschen bin ich besonders gespannt. Nicht nur ästhetisch, auch politisch und moralisch ist dieser Film eine Gradwanderung.

Am Ende gibt es dann Applaus, der nicht nur respektvoll ist. Schon in den Abspann hinein.

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Den Abend moderierte Toby Ashraf so professionell, wie charmant. Ähnlich wie ich selbst macht Toby alle möglichen, nur scheinbar unvereinbaren Dinge. Er ist Filmkritiker, macht ein eigenes Festival, und hat schon bei ziemlich vielen guten Filmen in unterschiedlichster Funktion mitgearbeitet.

Auf der Bühne stelle ich einige enge Mitarbeiter vor. Von Martina, meiner Lebensgefährtin und Produzentin mal ganz abgesehen, sind es vor allem Sarah Schmidt, die als Producerin und Rechercheurin zu Recht zwei Credits im Abspann bekam, und Ursula Pürrer, die diesmal für die Montage verantwortlich war. Im Publikum sitzt auch Katja Dringenberg, die seinerzeit „Von Caligari zu Hitler“ geschnitten hatte. Sie hatte mir für „Hitlers Hollywood“ abgesagt, wegen eines anderen Schnitt-Jobs, und wohl doch auch ein bisschen, weil sie sich einen ähnlichen Essay-Film über das NS-Kino nicht so recht hatte vorstellen können. Mein Fehler. Ursulas Glück.

Zu den unverzichtbaren und sehr angenehmen Komplizen, die bei diesem Film zum rechten Zeitpunkt an der rechten Stelle waren, gehört auch Lorenz Dangel, der eine exzellente Filmmusik geschrieben hat, deren Hauptthema genau die Mitte zwischen Hoffnung und Tragik, Drama und Kitsch, Sehnsucht und Melancholie trifft, die diesem Film hilft, weil sie dem Publikum signalisiert, dass weder Didaktik noch Revisionismus drohen.

Des weiteren Karin Meissner, die eine tolle Sprachregisseurin war. Sie musste vor allem mich dirigieren und in bewährter Manier mit sanften Korrekturen durch die langen Textpassagen führen. Dass das nicht selbstverständlich ist, und weniger mit Professionalität, als mit menschlichem Taktgefühl zu tun hat, zeigt vor allem der Vergleich mit ihrer Vorgängerin. Die Sprachaufnahme bei „Von Caligari zu Hitler“ ist für mich ein nachhaltig wirkender Negativhöhepunkt. Und das Ergebnis gibt Karin recht ´- jeder, der beide Filme kennt, lobt bisher, wie sehr viel besser es diesmal gelungen ist.

Aber was wäre eine Sprachregie ohne Sprecher? Rike Schmid, die es verdient hätte, auch öfter auf der Kinoleinwand sichtbar zu sein, und die in ihrer wunderbaren Mischung aus scheinbarer, äußerlicher Kühle und innerer Wärme, verbunden mit unleugbarer Intelligenz, offenbar so sehr ins Schwarze der deutschen Kinoseele trifft, dass diese sich um die geschlagene Wunde nur durch Ignoranz hinwegtäuschen kann, diese Rike Schmid, der Stunde noch kommen wird, spricht in „Hitlers Hollywood“ gleich Susan Sontag (von 1975) und Hannah Arendt (von 1949) zusammen: Spitz, scharf, kristallen – zwei junge Frauen, die noch eher am Anfang stehen, deren Gedanken aber schon fertig sind.

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Natürlich sind dann doch nicht alle gekommen, die sich angekündigt hatten. Schade! Manche drehen, viele sind krank. Post-Berlinale-Grippe und Stress-Syndrom. Auch mich hat das Mammut-Festival geschlaucht. „Die Berlinale macht krank“ könnte man jetzt titeln. Aber das wäre wieder garstig.

Weitaus mehr Filmemacher sind da, als Kritikerkollegen. Über die, die da waren, egal ob sie noch blieben wie Carolin Weidner, Lukas Stern und Frédéric Jaeger, oder recht schnell gingen, wie Verena Lueken oder Bert Rebhandl, habe ich mich natürlich besonders gefreut. Auch Anne von Keller war da, die ich als Bedienung des Haliflor kenne, die sich aber neulich in Saarbrücken als Schauspielerin entpuppte, und die hoffentlich bald viele kennen.

Als die Diskussion und der anschließende Umtrunk zuende sind, ging es gegen Mitternacht mit einem harten Kern noch in die „Bar 3“. Bei den Freunden kam der Film gut an, und ich bekam einige sehr ermunternde Reaktionen. Aber so sind Premieren. Wie der Film wirklich ankommt, wird sich erst die nächsten Tage zeigen.

In den nächsten Wochen werde ich hier in diesem Blog regelmäßig von meiner Filmtour, von dem Film selbst und dem Drumherum erzählen.

Ende einer Ära

Über 10 Jahre „meine“ Viennale, fast 20 Jahre Hurch – über allmähliche Ermüdungserscheinungen

Um einem Missverständnis vorzukommen: die Viennale ist ein ganz großartiges Festival. Wenn jetzt im folgenden von Ermüdung & Müdigkeit die Rede sein wird, dann geschieht dies als Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Dennoch: in meinem 14. Viennale-Jahr kann ich sagen, dass Wien zwar schön ist, aber noch viel schöner sein könnte, wenn die Viennale nicht selbst allmählich in Müdigkeit erschlaffen würde. Am nahenden Ende der Ära Hurch ist dies auch legitim. Neu erfinden, oder gar der alten Dame eine Verjüngungskur verpassen, das wird ab 2019 die Nachfolge bewerkstelligen.

Die Viennale ist ein Lumpensammlerfestival, ein Kehrwagenfestival, und das ist ja auch sehr super für ein Publikumsfestival, für alle Wienerinnen und Wiener. Auch ich freue mich immer sehr auf die Viennale und darauf, endlich all diese Cannes-Filme zu sehen: die Rumänen, den neuen Assayas und die Filme aus Venedig. Das erspart mir andere Reisen. Aber das ist so etwas, wie den guilty pleasures frönen, wie blau machen, Ferien machen. Vielleicht lag es einfach an diesem Jahrgang, dass ich einfach schon unglaublich viele Filme des Programms kannte, es liegt auch ein wenig an Österreich, wo die großen Filme nochmals später als bei uns in Deutschland ins Kino kommen. Ich will jetzt gar nicht aufzählen, was wann und wo schon zu sehen war (viele Filme allerdings waren sogar aus dem letzten Frühjahr darunter, wie Beispielsweise der iranische HOMELAND von Abbas Fahdel, der in Nyon 2015 den Hauptpreis gewonnen hatte – wieso wurde der nicht im letzten Jahr gezeigt?). Das Programm machte insgesamt einen nicht mehr ganz frischen Eindruck.

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Sehr weh getan hat so manche Filmplatzierung. Klar kann nicht jeder Film am Nachmittag oder in der Prime Time laufen. Aber warum, bitte schön, so langsame Filme wie die algerische, äußerst poetische Schlachthofdokumentation DANS MA TÊTE UN ROND POINT von Hassen Ferhani, oder den italienischen Wildschwein-Film IL SOLENGO von Alessio Rigo de Righi und Matteo Zoppis auf 23:30 Uhr programmieren? Ich habe mich tapfer wachgehalten, nur der Regisseur tat mir leid. Oder der österreichische THE LOOKERS von Peter Miller, ein Film über das Sehen und Betrachten: der auch um 23:30 Uhr begann. Da bin ich dann nicht mehr hingegangen. Katy Grannans THE NINE über drogenabhängige Prostituierte im Hinterland der USA, eine Verlängerung von Andrea Arnolds AMERICAN HONEY in das dokumentierte Elend hinein, begann erstaunlicherweise schon um 21 Uhr.

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Und: Oh du, mein lieber kleiner Pleskow-Saal! Immer ausverkauft! Keine Chance, eine Karte zu bekommen! Wie gerne hätte ich den Douglas Gordon gesehen. Jetzt ist meine Fantasie gefragt und ich kann mir den Film ausmalen. Was in diesem Fall wohl nicht so schlimm ist. Denn I HAD NOWHERE TO GO liest sich einfach großartig folgendermaßen: „Ein Film für die Ohren. Die Bilder entstehen im Kopf. Meist bleibt die Leinwand schwarz, während Jonas Mekas schildert, wie er 1944 vor dem Vormarsch der Russen aus seiner Heimat Litauen flüchtete. Ein erschütternder Nichtfilm.“ Douglas Gorden, der visuelle Künstler, mit einem bilderlosen Nichtfilm! Selber schuld, wenn ich auf so ein Kino stehe… Kaum zu glauben, dass ich keine Karte mehr ergattern konnte. Das wiederum spricht natürlich fürs Viennale-Publikum.

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Und liebe Viennale, wieso denn gar so lieblos? Was für eine tolle Hommage du da im Programm hattest: Peter Hutton! !!! Und dann: Nichts. Keine Einführung, keine Würdigung, keine Filmerzählungen. Natürlich ist das nackte Kino, der nackte Film immer auch toll, für sich selbst sprechend. Peter Hutton aber war einer, der immer mit seinen Filmen mitgereist ist, sie nie allein gelassen hat. Und jetzt sind sie verwaist, werden sogar von denen sich selbst überlassen, die sie eigentlich pflegen wollten. Oder wurde das Cinema pur, das stumme Kino des Hutton als implizite Anweisung genommen, nicht darüber zu sprechen, kein Fremd-Wort über das pure Bild zu legen, über diese wundervollen Studien über das Meer und die Natur und das Sehen?

Und noch was. Wien, das ist doch der Dreh- und Angelpunkt zwischen West- und Osteuropa, oder nicht? Ehemals k.u.k., näher als die anderen Länder dran am Balkan, in direkter Tuchfühlung zu Tschechien, zur Slowakei, Ungarn, Slowenien und unwesentlich weiter entfernt von Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, ja auch Rumänien. Wo sind denn die Filme aus den Balkan-Ländern? Wo sind denn die Nicht-Cannes-Rumänen? Vielleicht war’s auch einfach nur ein mauer Jahrgang, das kann natürlich sein.

Nach Wien fahren ist natürlich immer super, und die Viennale auch. Die vielen netten Kollgen, die man so trifft, eine zweite Heimat ist das geworden, über die Jahre hinweg. Eine behutsame Restaurierung der eingetretenen Pfade könnte aber nicht schaden.

Die Revolution findet doch nicht statt

Zweiter Viennale-Tag: Betrand Bonellos NOCUTURAMA und Francesco Munzis ASSALTO AL CIELO

Wien pennt

Donnerstag Nacht, Viennale Zentrale. Okay, wir sind spät dran, es geht auf halb zwei zu. Für die Viennale aber doch keine Uhrzeit, oder? Als wir uns dem Eingangstor der alten Post in der Dominikanerbastei nähern, kommt ein junger Mann raus. „Geht da bloß nicht rein, da ist nix los!“ Wir stoßen die Tür auf. Ein nackter, unwirtlicher Saal, eine einsame DJane. An einem Tisch doch tatsächlich ein Pärchen. Grelle, viel zu laute Töne aus den Lautsprecherboxen. Ein Saalordner eilt auf uns zu: „Wir schließen gleich.“ Wir bekommen noch ein 0,3-Wegebier für 3 Euro 90.

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Das war’s wohl mit dem Festivalzentrum (es sei denn, Festivalleiter Hans Hurch legt wieder mal persönlich auf). Ein heikles Thema bei den größeren Festivals, kaum einer bekommt einen guten Treffpunkt hin. Oft wird dies auch falsch verstanden, wie bei der Viennale. Laute Musik, schummriges Licht und kaum Sitzgelegenheiten braucht man nicht nach einem Arbeitstag im Kino. Schön war’s einst im Badeschiff, mit heller Beleuchtung, großen Tischen fernab der Musik, an denen man sich zusammenrotten konnte, und jeder musste an einem vorbei. Die Jahre, da wir die meisten Filmemacher und neue Kollegen kennenlernten.

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Paris brennt

Muss Revolution eigentlich immer blutig sein? Müssen politische Kämpfe immer scheitern? Ist terroristischer Akt denn immer sinnlos? Was und wie dachte man doch gleich in den 70er Jahren darüber?

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Bertrand Bonello ist ein Liebling meiner Kritikerkollegen. Sie schätzen sein „ausgeprägtes Gespür für das Schöne“ und seine Bereitschaft zur Oberflächlichkeit (zuletzt: SAINT LAURENT). Jetzt hat er mit NOCUTRAMA einen Oberflächenfilm über eine Gruppe Jugendlicher gemacht, die einen konzertierten Bombenanschlag auf Paris ausführt (inklusive der zweifelhaften Zweitverbrennung der Jeanne d’Arc, der von allen möglichen Gruppierungen vereinnahmten Symbolfigur Frankreichs). Anschließend verstecken sie sich in einem Luxus-Kaufhaus, um am nächsten Tag wieder nach Hause gehen zu wollen, wenn sich die größte Aufregung gelegt hat. Hanebüchener Plot eines Films, der sich ziemlich gut anlässt, mit schnellen Schnitten, und einem Thrill, der aus raschen Blick- und Metrowechseln und Detailaufnahmen auf Hände und Handys à la Bresson erwächst. Ein diffuses Ensemble aus lose zusammenhängenden Figuren, die eine gemeinsame Sache machen. Soweit ist alles klar. Und tolles Genrekino.

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Eine völlig überflüssige Rückblende durchbricht dann den aus sich selbst heraus wachsenden Film: Wir erfahren, wer diese Jugendlichen sind, ihren sozialen Status, und wie sie sich kennengelernt haben. Motivation für den aufwendigen Bombenanschlag sollen Langeweile und soziale Randständigkeit sein, wird suggeriert. Oder vielleicht ist bei denen was im Kopf nicht in Ordnung? So lässt Bertrand Bonello zumindest denjenigen aus der Gruppe zweifeln, dem eine tolle Karriere bevorsteht, mit Studium an der französischen Elite-Uni ENS und Praktikum beim Innenminister. Letzteren haben sie jetzt in die Luft gejagt, und – oh Schreck – er wurde ernsthaft verletzt.

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Gerne kann man die gute Portion Naivität als Portrait einer orientierungslosen Jugend betrachten, der Film insgesamt aber ist durchzogen von Gedankenlosigkeit. Unabhängig davon, dass erst nach dem Pariser Anschlag auf Charlie Hebdo (Januar 2015) mit den Dreharbeiten begonnen wurde und vor den konzertierten Anschlägen im November 2015 schon der Rohschnitt stand, wie Bonello erzählt (als hätten zu keinem Zeitpunkt diese Ereignisse Einfluss auf die Gestalt des Films haben können), gab es auch schon vor 2015 gewalttätige Sabotage- oder Terrorakte, die nicht (nur) negativ geprägt waren: FLN, RAF, IRA, ETA. Revolutionen, wo seid ihr geblieben? Und wirklich, keinerlei Anspielungen auf die Ängste und Wünsche der heutigen Jugend? Eigentlich wollte Bonello seinen Film PARIS EST UNE FÊTE nennen, zurückgehend auf Hemingways Erzählung „A Moveable Feast“. Da die Erzählung aber zum Symbol wurde, nach den Paris-Attentaten sich nicht das savoir vivre verderben zu lassen, nahm er davon Abstand. Das wäre dann doch zweifelhaft geworden: Paris als Stadt der abgefeierten Attentate zu inszenieren.

Die Oberfläche bei Bonello ist der Verzicht auf Erklärungen – und das ist ja erst mal gut. Mit der Wahl des äußerst seltsamen und unwahrscheinlichen Rückzugsort („ich liebe Unwahrscheinlichkeiten“, so Bonello), dem exponierten Luxus-Kaufhaus, wo erst einmal die vier Security-Leute erschossen werden, damit die jungen Erwachsenen ungestört im Kaufhaus Party machen können, macht die inszenierte Sinnlosigkeit von terroristischen Akten oder zumindest Aktionen einer leidlichen Didaktik Platz. Seht her, die Jugend, die mal was wollte, verfällt den bürgerlichen Luxus-Emblemen und den bourgeoisen Werten! Die fette Stereoanlage, die coolen Klamotten, der Hochzeitsanzug und Verlobungsring, die Badewanne, das bürgerliche Mahl mit Rotwein und Käse aus der Feinkostabteilung (ein Obdachlosenpaar wird, als Reminiszenz an Bunuels VIRIDIANA oder als leerer Charity-Akt, dazugeholt), alles wird jetzt groß ins Bild gerückt – als real existierender Warenfetisch. Nebenbei findet auch viel Product-Placement statt, bis das Kaufhaus gestürmt wird. Aber vielleicht geht es ja darum in Zukunft in den westlichen Gesellschaften: um den Konsum und die kapitalistischen Werte, ganz anders, als wir es bislang von der Revolte der Jugend kennen. Waren für alle! – Das ist am Ende denunziatorisch und zynisch gegenüber einer Jugend, die nicht nur in Frankreich bitter gegen den sozialen Abstieg und die Arbeitslosigkeit kämpft.

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Wir wollen alles, und zwar sofort

Erholung von der Oberfläche dann bei ASSALTO AL CIELO (dt. etwa: ANGRIFF AUF DEN HIMMEL). Francesco Munzi hat Archivmaterial zusammengetragen. Das Spannende ist das Material selbst, über Italien zwischen 1967 und 1976 (bis zur Wahl Giulio Andreottis zum Ministerpräsidenten), in denen sich Arbeiter, Studenten und Schüler zu einer revolutionären Bewegung zusammenschlossen, die das Ende der kapitalistischen Arbeiterausbeutung und die Gesellschaft aus ihrer behaglichen Konsumverfallenheit aufrütteln wollten. Symbol dafür ist das Fließband und die Unterwerfung des arbeitenden Menschen unter die unerbittlichen Mechanismen des Kapitals.“Wir wollen alles, und zwar subito!“, hieß damals, leicht selbstironisch, der Spontiruf.
anni-di-piombo-740x350Daneben formierten sich die Neofaschisten mit Bombenattentaten auf Rom und Bologna und linksradikale Gruppen wie die legale Lotta Continua oder die terroristische Brigate Rosse, die als Stadtguerilla agierten, Attentate verübten und Politiker entführten. Es wurde zu einem Kampf rechts gegen links, in dem Attentate der Rechten den Linken untergejubelt wurden. Es waren Anni di piombo, bleierne Jahre, in denen als Protestakte auch einfach mal Möbel aus den Büroräumen der Unternehmen geworfen wurden.assaltoalcielo-848x478Francesco Munzis Montage ist unerklärend, undidaktisch, zeigt die Vielfalt der politischen Ereignisse und revolutionären Aufstände. Er montiert paradigmatisch, also innerhalb vorgefundener Themen- oder Bildfelder, verdichtet die Ereignisse jenseits ihrer Chronologie. Ein verhalten analytischer Sprung erwächst daraus, verstärkt durch die Reduktion der Bilder auf ihren Materialwert, der durch unterlegte Musik emotionale Färbung bekommt. Vage erinnert mich das an Marta Popivodas YUGOSLAVIA – HOW IDEOLOGY MOVED OUR COLLECTIVE BODY.Wie die bleiernen Jahre ausgingen? Es kam heraus, dass der Kampf von rechts gegen links gezielt vom Staat gelenkt wurde, um die Kommuisten zu schwächen. Die Hippie-Ära mit Gras & Peace & Sex für alle (nach Meinung mancher Linken eine bewusst gesteuerte Depolitisierung und Zersetzung der 68er-Bewegung) setzte dem politischen Kampf ein jähes Ende. Man genügte sich selbst, außerdem ging es der Lira schlecht. Zurück zur Arbeit.Die Revolution machen wir dann später.

Bis die Nacht die Menschen verschluckt

Erster Viennale-Tag: THE WOMAN WHO LEFT

Intro

Vorgestern trafen wir uns im kleinen Kreis der Redaktion, um Details über den bevorstehenden Relaunch von artechock zu diskutieren (ja, liebe Leser, Ihr habt richtig gelesen). Wir wollen alle Texte leichter auffindbar und die Arbeit, die wir hier Woche für Woche leisten, dadurch „haltbarer“ machen. Zukünftig werden neben dem Kinoprogramm und den Kritiken auch unsere Essays, Kolumnen und Interviews direkt ansteuerbar sein, ebenso wie unsere Festival- und Kinospecials. Und der Blog: wird ebenfalls in die Seite integriert, so dass man sich dann nicht mehr in schizoider Weise entscheiden muss: artechock oder arteblog? Der Arbeitstitel für den Blog lautet übrigens: „schnelle Texte“. Und ebensolche schnell verfassten, ja geradezu hingerotzten Texte werden mein Kollege Rüdiger Suchsland und meine Wenigkeit in den nächsten Tagen von der Viennale schreiben.

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Zum Auftakt: Lav Diaz

Zugegeben: Es hatte mich schon ein wenig bis sehr geärgert, was mein Kollege über den Film von Lav Diaz geschrieben hatte, den er bereits in Venedig sehen konnte. Meine Replik jedoch blieb aus, gelinde gesagt: aus Zeitmangel, da ich mein eigenes Festival UNDERDOX vorbereitete. Dort zeigten wir zwar nicht den Gewinnerfilm des Goldenen Löwen, jedoch den Lav-Diaz-Alfred-Bauer-Preisträger der Berlinale 2016, das achtstündige, und wie ich finde, meisterlich epische und sogentwickelnde LULLABY TO THE SORROWFUL MYSTERY , der sich bei unserem Festival dann leider als Flop an der Kinokasse erwies. „Die Münchner sind anscheinend schwer zu mobilisieren“, sagte mir einer unserer internationalen Besucher. (Wieder mal: Der unheilvolle Ruf der Stadt …, der sich nun weiter verbreiten wird, in diesem Fall nach Paris. Siehe auch die derzeitige, hitzig geführte Debatte, die die Leute von Monokultur München losgestreten haben.) Oder hat Rüdiger mit seinem – in meinen Augen – pamphletartigen Pauschalverriss des Kinos von Lav Diaz („mit einfachsten Mitteln, zum Teil mit Laien gedreht und in Schwarzweiß“) das von artechock informierte Münchner Kinopublikum vom Besuch des Films abgehalten?

Das Wiener Publikum ist jedenfalls entdeckungsfreudiger als die eingeschlafenen Münchner (ah! vielleicht war’s auch der Matineentermin?), wie dieses Beweisfoto vor Beginn des Films THE WOMAN WHO LEFT zeigt:

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Und dann begann der Film

„ANG BABAENG HUMAYO“ ergießt sich der Titel in großen Lettern über die Leinwand, „THE WOMAN WHO LEFT“. Schwarzweiß, klar, von dieser etwas schlierigen Sorte, wie es das digitale Kino hervorbringt. Lav Diaz aber ist ein Spezialist dafür, die Weißtöne hell leuchten zu lassen, sich nicht zu scheuen, bisweilen ein wenig überzubelichten, das Schwarz dunkelschwarz die Figuren verschlucken und nur ihre Augen leuchten zu lassen, in dann sich ergebender unbändiger Konzentration, wie es auch Pedro Costa vermag. Eine Frauengruppe, aus der Distanz einer Totalen gefilmt. Es wird geredet, in diesem unvergleichlichen Singsang des Tagalog. Tableaux der Arbeit auf dem Feld, der Zusammenkünfte auf einer Terrasse, in einem Schlafsaal, mein Auge gleitet über die vielen Frauen, alte, junge, Mädchen, und sieht am Bildrand dann: Männer, die mit  Maschinengewehren das Tun der Frauen be- oder überwachen. Klar, Gefängnis, rufe ich mir in Erinnerung aus dem, was ich bislang über den Film gelesen hatte (aber wenige Zeit später wird dies der Film selbst explizit machen), die Bilder formulieren für das europäische Auge wenig „Typisches“. Alles erscheint eher idyllisch, nur langsam und allmählich, durch halbtotale Einstellungen, schält sich eine Figur aus der Gruppe, die zukünftige Protagonistin des Films.

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Langsam und allmählich

Langsam und allmählich: das ist genau die Qualität des Kinos von Lav Diaz, neuerdings dann doch mit dem Label „Slow Cinema“ versehen. Aber was heißt das eigentlich: slow, außer, dass es der Zuschauer mit exorbitanten Spielfilmlängen zu tun bekommt – die by the way aber auch nicht länger sind als eine Binge-Session mit der persönlichen Lieblingsserie (das wäre dann schon gleich das nächste Stichwort: wie Lav Diaz die Dramaturgie anlegt, ähnlich einer groß angelegten Serie, in der sich die Erzählstränge abwechseln, ohne je abgeschlossen zu sein). Diaz entwickelt seine Geschichten langsam und allmählich, erzählt nicht explizit im „ich sage Euch jetzt mal, was hier abgeht“-Stil eines auktorialen Besserwissers, sondern implizit, durch die Beschreibung der Szenen durch ihre schiere Bildlichkeit, feine Texturen von Geschichtsmöglichkeiten webend, aus denen sich ein Faden löst, der sich zu einem Erzählstrang mit einer Hauptfigur ausbildet – oder ausbilden kann. Manche Fäden werden auch fallen gelassen. Tastendes Suchen eines wie in die Erzählung eingebetteten Beschreibers oder Chronisten, der in der präsentischen Gleichzeitigkeit formuliert, ohne zu wissen, wohin die Reise geht.

Das ist natürlich alles Bluff, selbstverständlich weiß Lav Diaz, wohin die Reise gehen soll. Er ist, so kann getrost gesagt werden, der Moralist unter den gegenwärtigen philippinischen Filmemachern (neben Khavn de la Cruz, Raya Martin und Brillante Mendoza), die sich auf den großen Volksregisseur Lino Brocka berufen. (Lino Brocka, kurze Skizze: machte immer auch sehr populäres Genrekinos, um Geld zu haben für seine Filme über die Ausgesonderten der philippinischen Gesellschaft, die in Slums leben, arm, aber aufrecht, die melodramatische Verzweiflung durchleben, an deren Ende oft der Tod steht. Aufwühlendes, mitnehmendes, aber auch hymnisches und von großer Aufrichtigkeit getragenes Kino.) (Noch eine Anmerkung: Lav Diaz spielt mit einigen anderen Filmemachern zusammen in einer Band: „The Brockas“. Einmal, in einer dokumentarisch gehaltenen Szene, die an den Vergüngungsstrand des Ortes hinführt, sind die Riffs einer elektrischen Gitarre zu vernehmen: Es spielt Lav „Lavrente“ (so seiner voller Name) Diaz.)

Lav Diaz ist überdies ein großer Verehrer der russischen Autoren. Dostojewski (sein letzter weniger langer Film und erster großer Erfolg NORTE – am Sonntag in der Retro im Österreichischen Filmmuseum um 16 Uhr zu sehen – ging auf dessen „Schuld und Sühne“ zurück), jetzt Tolstoi. Die Geschichte der Frau, unschuldig wegen Mordes verurteilt, die aus dem Gefängnis freikommt und auf sehr perfide Weise Rache nimmt am Anstifter der Bluttat (ein Riss, der durchs Land geht, wird hier inszeniert, zwischen den Ausgestoßenen, Hoffnungslosen und jenen, die zu Geld gekommen sind und die Nähe der Machthabenden genießen), diese Geschichte ist inspiriert von der Tolstoi’schen Volkserzählung: „Gott sieht die Wahrheit, auch wenn Er jahrelang schweigt“.

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Es ist das Jahr 1997. Über der Geschichte lagert ein diffuser historischer Kontext, der zu  Beginn und später immer wieder über das Radio verlautbart wird, nicht wirklich zu entschlüsseln für die, die mit den Ereignissen der Region nicht vertraut sind. Eine Entführungswelle verunsichert die Philippinen, Ziel sind vor allem die aus Hongkong zurückgekehrten chinesisch-philippinischen Bürger, nach der britischen Übergabe von Hongkong an China. Es waren die meisten Entführungen, die die Philippinen in einem Jahr registrierten, Manila bekam das Label „Asia’s kidnapping capital“ verpasst.

Vor diesem Hintergrund spielt diese Geschichte der Rache. Auf einer Insel des philippinischen Archipels vervielfältigt sich die aus dem Gefängnis entlassene Hauptfigur Horacia Somorostro zu drei Frauen: die eine betreibt eine Garküche, die andere treibt sich in der Kirche herum, die dritte erforscht im Schatten der Nacht an der Seite eines Straßenhändlers die kleine Stadt – und das Objekt ihrer Rache, ihren Ex-Lover Rodrigo Trinidad, der den Mord angestiftet hatte, um sich an ihrer Untreue zu rächen, heute zu Geld und Ansehen gekommen.

thewomanwholeft-still4Horacia ist wie ein vielgestaltiger Rächer, der, so heißt es einmal im Film, stets plötzlich wie Batman in der Nacht auftauchen kann. Mit jeder der drei Figuren, die Horacia einnimmt, die Köchin, die Fromme, die Harte mit der Baseball-Kappe, verbindet sich eine andere Tonalität und die Begegnung mit weiteren Figuren, die wie Allegorien der philippinischen Armut erscheinen: die Humpelnde (in der Garküche), die Obdachlose (in der Kirche), die Transvestitin (auf der Straße). Besonders schön ist das Groteske und Queere, die den Gestaltenwandel narrativierende Episode, die sich in der Nacht an der Seite des Balut-Straßenhändlers entfaltet, in der Horacia der Transvestitin Hollanda begegnet. Und die am Ende die Rache für sie vollziehen wird.

Horacia ist aber auch eine Retterin. Sie gibt den Verlorenen Beistand in Form von Arbeit, Essen oder Pflege. Schon im Gefängnis hat sie die Kinder unterrichtet, in Tagalog, mit ihnen die Verben konjugiert. Die Vergangenheitsformen, das ging leicht, die Formen für die Zukunft konnten die Kinder nicht finden: zu schwierig. – Das ist natürlich alles andere als unschuldig gesetzt. Die Rache, die schließlich ausgeführt wird, hat etwas zutiefst Doppelbödiges, Ambivalentes und Unmoralisches, das alles ausgelöst durch die gute Horacia: Es zeigt das Ende moralischer Eindeutigkeit, im Jahr 1997. Aus dem Radio ist der Tod von Mutter Teresa zu vernehmen.

Gebettet ins Zirpen der Grillen der Nacht entfaltet sich so ein höchst unmoralischer Raum, in dem verzweifelt versucht wird, Gutes zu tun und die Bevölkerung oder allgemeiner: la gente, das Volk, zu retten. Über ihn legt sich das Dunkel der Nacht, die die Menschen verschluckt, bis nur noch das Bellen eines Hundes zu vernehmen ist.

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Noch eine schnelle Anmerkung: zu Charo Santos, die die Hauptfigur Horacia spielt. Sie ist so etwas wie das Gesicht des philippinischen Fernsehens, Moderatorin und Gelegenheitsschauspielerin, Harvard-Absolventin, einflussreiche TV-Produzentin und Mega-Geschäftsfrau der philippinischen Filmindustrie. Ihre Besetzung lässt natürlich viel Raum für Interpretation: Kuschelt Lav Diaz mit der kommerziellen Auswertung? Ist seine Nähe zu den Media-Mächtigen nicht genau das, was er bei seinen Figuren anprangert? Verdankt sich am Ende sein internationaler Erfolg auf den Festivals einer Strategie, die geschult ist an populären und leicht konsumierbaren TV-Formaten? Oder ist er ein phillippinischer Fassbinder, der Leuten neue Rollen, ein neues Gesicht gibt? Und am Ende von höchster Ebene aus die Filmproduktion seines Landes beeinflussen kann? Vielleicht gar sein Land verändern kann, auch im Jahr 1 von Rodrigo Duterte?

Lav Diaz‘ Filme jedenfalls sind seit den zehn Jahren, in denen ich sein Schaffen verfolge, ungebrochen kompromisslos. Und ungebrochen katholisch-synkretistisch-historisch und hoffnungsvoll.