Locarno: 5 Letzte Runde

Kurz vor Schluss noch einmal Filme, die thematisch Familie, Freundschaft und Mitgefühl, als zentralen Antrieb ihrer Figuren haben. Ein gutes, spannendes Drehbuch hat „Roxanne“ von Valentin Hotea. Aus Neugierde beantragt Tavi Einsicht in seine Securitate Akten, und entdeckt dabei nicht nur, dass er, anscheinend aus seinem engsten Kreis, bespitzelt wurde, sondern auch, dass er vermutlich Vater eines 20 jährigen Sohns ist. Sohn seiner Ex-Freundin und jetzt Ehefrau seines besten Freundes. Aus dieser Grundkonstellation ergeben sich ein Reihe interessanter Fragen über Loyalität, Freundschaft, aber auch Elternschaft; leider besteht die Umsetzung im Wesentlichen aus Dialogen in unoriginellen Schnitt- Gegenschnitt Sequenzen , sauber gemacht, aber visuell völlig uninspiriert. Die Geschichte hätte mehr verdient. „The special need“ von Carlo Zoratti, Koproduziert vom ZDF das kleine Fernsehspiel, hat visuell deutlich mehr Witz und Originalität, auch wenn viele Szenen den hässlichen Gelbstich einer falsch eingestellten Kamera haben. Ein Roadmovie, das eine Gruppe von Freunden, unter ihnen der Regisseur selbst,losziehen lässt auf der Suchen nach einer Frau, die mit ihrem autistischen Kumpel ins Bett gehen will. Nach erfolglosen Versuchen mit Huren in Udine fährt die Gruppe erst nach Graz in ein Bordell und schließlich nach Norddeutschland in ein psychologisch betreutes „Bordell“ für Menschen mit speziellen Bedürfnissen. Zum Sex kommt es allerdings auch dort nicht, weil eigentlich sucht Enea eine Freundin fürs Leben, und keinen schnellen Sex. Ein warmherziger, witziger Film.

Der letzte Ehrenleopard wurde an Werner Herzog vergeben, der mit zwei seiner Kameramänner auf die Bühne kam, und diesen Leoparden explizit allen seinen Kammerleuten widmet, ohne die seine Filme nie möglich gewesen wären. Dass Werner Herzog immer noch ein Publikum anzieht konnte man an der langen Schlange Wartender sehen, die gekommen waren  nach Mitternacht „Fitzcarraldo“ auf der Piazza anzusehen.

Im Wesentlichen preiswürdig

An den Entscheidungen von Carlo Chatrians Jurys ist nicht viel auszusetzen, ihre Begrünungen sind filmisch fundiert, auch da, wo sie nicht jedermanns Geschmack treffen, wie zum Beispiel beim Goldnen Leoparden der Reihe „Cineasti del presente“ wo sie sich für „Manakamana“ entschieden.

Der goldene Leopard für Albert Serra „Historia de meva mort“ ist gleichermassen mutig wie berechtigt, der Film ist weder einfach noch „mainstream“, sondern intellektuell fordern, märchenhaft und optisch sowohl fordernd als auch in seiner barocken Üppigkeit aussergewöhnlich. Wie zu erwarten war wählte das Publikum der Piazza Grande „Gabrielle“ zum besten Film.

Bei den Leoparden von Morgen ist die Entscheidung für den Goldenen Pardino sowohl national,“‚A iucata“ (Die Wette), als auch international „La strada di Rafael“, nicht ganz nachvollziehbar, wohingegen die jeweils silbernen Pardinos für: „Zima“ (Winter) und „Vigia“ (Biene) mehr als verdient sind.

Alle weiteren Preise sind auf der Homepage des Festivals nachzulesen: http://www.pardolive.ch/

In seinem ersten Jahr hat Carlo Chatrian mit seiner Ausstrahlung nicht nur sehr schnell die Zuschauer für sich eingenommen, er hat mit seiner Auswahl auch eine persönliche und schöne Note gesetzt und eine rundum gute Stimmung verbreitet. Eloquent und vielsprachig hat er, gemeinsam mit Sandra Sain, den Präsentationen auf der Piazza Grande wieder Spass und Leichtigkeit zurückgebracht.

Wenn er in dieser Art weitermacht, wünscht man ihm und allen Besuchern und Filmschaffenden viele weitere Jahre als künstlerischer Direktor von Locarno.

(c) chderiaz

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Locarno: 4 Grosse Fische und andere Monster

Auch wenn bei den diesjährigen Leoparden von Morgen manches nicht überzeugen kann, tauchen doch immer wieder Perlen auf. So zum Beispiel „6 stora fiskar“ (6 grosse Fische) von Stefan Constantinescu. Ein schwedische Künstlerpaar in Bukarest bekommt unerwartet eine Tüte voller lebender Karpfen geschenkt, und schwankt in Folge zwischen meucheln und in die Freiheit entlassen. Ihre Versuche die Fische zu töten, ohne sich die „Finger schmutzig“ zu machen scheitern kläglich, die Karpfen erweisen sich als erstaunlich zäh.Während sie alles mit ihrer Videokamera dokumentiert, versucht er einen Ort zu finden, an dem die Tiere zurück ins Wasser können. Absurde Momente, festgehalten mit der Kamera, Diskussionen darüber, ob das Töten oder eher das Freilassen der Fische als Kunst gilt, alles in flottem Tempo und -häufig – subjektiver Kamera gedreht: schön. Im selben Programm „Z1“ von Gabriel Gauchet. Eine subtile Geschichte, die zunächst klein anfängt. Ein Scheidungskind, das sich dem Streit seiner Eltern durch obsessives Videospielen oder Fernsehen entzieht, entpuppt sich im Verlauf der Geschichte als Zombie, der zunächst den Familienhund, dann den Liebhaber der Mutter beisst und „ansteckt“. Der Film ist so geschickt konstruiert, dass man keine der Wendungen wirklich kommen sieht und das bis zum allerletzten Bild. Ok, das ist nicht nett die Geschichte zu verraten, aber, nachdem Kurzfilme, leider, so selten ins Kino kommen, hoffentlich verzeihlich

Horror- und Sciencefictionfilm der ganz anderen Art „Real“ von Kiyoshi Kurosawa, weil seine Freundin im Koma in einem Hightech Krankenhaus liegt wird ihr Freund an eine Maschine geschlossen, über die er, in ihrem Unterbewusstsein, Kontakt mit ihr aufnehmen kann. Und so werden selbst die klaren Linien japanischer Räume zu Labyrinthen, in denen Unerwartetes auftaucht, und für reichlich Schrecken sorgt. Aber immer mehr verwischen die Ebenen, bis niemand mehr weiss, welcher Raum, welche Figur zur „echten“ Welt gehört, und welche nicht. Ziemlich spannend, schöne und auch originelle visuelle Effekte, Drehungen und Haken in der Geschichte, bis zu etwa 2/3 des Films, dann taucht neben einem Urzeitmonster, auch plötzlich der grosse Kitsch auf, und steuert, gnadenlos, auf ein enttäuschend süssliches Ende zu.

Apropos visuelle Effekte, der Ehrenleopard des Abends geht an Douglas Trumbull, dem zu Ehren auch einige seiner Filme laufen.

Ausser Konkurrenz, in der Reihe Appellation Suisse ein Dokumentarfilm über den phantastischen Harry Dean Stanton „Harry Dean Stanton: Partly fiction“ von Sophie Huber. Interviews mit Stanton und Weggefährten in kontrastreichem Schwarz-Weiss, Stanton unterwegs, Nachts in Los Angeles, in verwaschenen, zerfliessenden Farben, und viele Filmausschnitte, zeigen den Facettenreichtum dieses Schauspielers, der, selbst wenn er nur auf einem Stuhl sitzt und nichts sagt, jeden Film sehenswert macht.

Erstaunlich viele Filme dieses Jahres haben Liebe, von romantisch über komödiantisch bis dramatisch, und Familie, biologische, erweiterte, fehlende, zum Thema, die meisten schaffen auf dieser Basis interessante, bewegende, starke Filme, aber manchmal gelingt das irgendwie nicht ganz so gut.  „Forty years from now yesterday“ (Gestern in 40 Jahren) von Robert Machoian und Rodrigo Ojeda-Beck zählt leider eher zur Rubrik „nicht ganz so gut“. Die Idee an sich ist nicht schlecht, eine, Familie, alles Laien, spielt die Situation unmittelbar nach dem plötzlichen Tod der Frau und Mutter. Der Schock beim Finden der Leiche, die Verzweiflung, das Gelähmtsein. Leider spielt eine – glücklicherweise – lebende Darstellerin, ihr totes Alterego, und das bis hin zum Waschen, anziehen und für en Sarg fertigmachen, und das funktioniert dann gar nicht mehr, und auch wenn die gesamte Situation wirklichkeitsnah wiedergegeben wird, wirkt alles falsch und unecht.

Auf der Piazza dann wieder ein Abend mit Doppelvorstellung, dafür ohne Ehrenleopard. Erster Film „Mr. Morgan’s last love“ von Sandra Nettelbeck. Familie, Liebe, Tod, Paris und ein tolles Darsteller Ensemble, Michael Caine, Clémence Poésy, Justin Kirk und Gillian Anderson, 116 Minuten, die einem nie lang werden, Dialoge, die auch dann nicht lähmen oder in Zuckerguss festkleben, wenn es um Gefühle geht. Rabiater mit Gefühlen und Familie geht es im zweiten Film des Abends zu.„Blue Ruin“ von Jeremy Saulnier ist eine wüste Geschichte um Rache, eigentlich schon fast Blutrache. Anfangs bringt ein relativ verwahrloster Mann den, gerade aus dem Knast entlassenen, Mörder seiner Eltern um, dieser Mord wiederum bringt dessen Familie auf den Plan, und so stolpert, der etwas naiv, verwirrte Antiheld durch eine wahre Blutorgie, bei der es keine Gewinner geben kann.

Gewinner in Locarno gibt es dann am Samstag Abend auf der Piazza Grande.

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Locarno: 3 Charmeoffensive

Soviele Dinge könnte man in Locarno tun, schwimmen im Lago Maggiore, durch die Altstadtgassen bummeln, in Ruhe Espresso trinken oder einfach nur in den Himmel schauen, alles, wirklich alles hätte mehr Spass gemacht als „Manakamana“ von Stephanie Spray und Pacho Velez anzusehen. Eine Stunde lang sieht man Menschen, mal 2, mal 3, mal redend, mal schweigend, in einer Gondel in Nepal den Berg zum Manakamana Tempel hoch fahren, abwechselnd in und gegen die Fahrtrichtung, danach eine knappe Stunde das gleiche Spektakel bergab. Weder sieht man je den Tempel, noch die Landschaft, über die einige Pilger, untereinander, reden, die Kamera steht und bleibt unbeweglich auf ihrer Position. Schwer zu sagen was das soll, eine Meditationsübung, eine Studie über das verhalten von Menschen, die auf engem Raum beobachtet werden, eine Metapher für den Kreislauf des Lebens? Zwei lange Stunden, aber auch das muss es wohl geben auf einem Festival, dessen Unabhängigkeit in den vergangen Tagen immer wieder gelobt und hervorgehoben wurde.

Sicherlich auch nicht für jeden Zuschauer verträglich, aber ein wahres Filmkunstwerk : „L’etrange couleur des larmes de ton corps“ ( Die seltsame Farbe der Tränen deines Körpers) von Hélène Cattet und Bruno Forzani. Ein labyrinthischer Film voller Getriebener, Obsessionen, Horrorelementen, Sex und Gewalt. Die Geschichte ist nicht erzählbar, spielt mit Assoziationen, Dinge, die möglicherweise stattgefunden haben, oder auch nicht, oder erst noch stattfinden werden, alles in einem Brüssler Jugendstilhaus voller Schnörkel, Buntglas und geheimer Ecken. Die Kamera, mal so nah, dass man fast nicht erfasst was sie abbildet, mal in schwindelerregenden Fahrten, Verzerrungen und Farb-und Schockeffekte, und alles verwebt mit einer Tonebene, die zum Teil an die Schmerzgrenze geht. Mit angehaltenem Atem sucht man mit den Figuren nach der Lösung des Rätsels, und kann doch nicht sicher sein, sie am Ende gefunden zu haben. Atemberaubend gut.

Auf der Piazza Grande dann ein Film, der, dem grossen Jubel nach zu urteilen, gute Chancen auf den Publikumspreis hat: „Gabrielle“ von Louise Archambault. Wieder eine Geschichte, die mit Charme und Witz direkt ins Herz geht. Zwei junge Menschen mit Behinderung, aber besonderen künstlerischen Fähigkeiten, setzen mit fast kindlichem Trotz, aber auch Mut, ihr Recht auf Liebe und Gefühle durch, ohne dass die Mitleidskeule geschwungen wird.Die Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard- mit Williams-Beuren Syndrom – versprüht ansteckende Lebensfreude, ist aber auch in den stillen, schweren Momenten des Films absolute Klasse.

Für „Short term 12“ von Destin Cretton muss viel Mundpropaganda gemacht worden sein, um 10 Uhr morgens bildet sich vor dem Kino bereits eine lange Schlange, als der Film um 11 beginnt ist das Kino ausverkauft, und sicher haben viele draussen bleiben müssen.

Erzählt wird von Grace, einer Aufseherin in einem Aufnahmeheim für schwererziehbare Jugendliche, wie sie mit Engagement und Einfühlungsvermögen, aber auch Durchsetzungskraft um das Vertrauen der Jugendlichen kämpft. Bis eine Jugendliche eingewiesen wird, die ihre eigene, nicht verarbeitet Kindheit mit Schlägen und Missbrauch, an die Oberfläche bringt. Starke Szenen mit nervöser Kamera, wenn es die Geschichte erfordert, und Szenen, in denen Kamera und Figuren zur Ruhe kommen ergeben einen -auch dank der Schauspieler – glaubwürdigen und spannenden Film.

Sehr schräg der katalanische Film „Historia de meva mort“ (Die Geschichte meines Todes) von Albert Serra. Casanovas letzte Reise, bei der er, in den Südkarpaten, auf Dracula stösst. Extrem stilisierte Bilder, düster wie Gemälde holländischer Meister, jede Szene mit viel Zeit gespielt, viel Zeit auch zum Erfassen der üppigen Dekoration, der absurd anmutenden Dialoge. Casanovas Freude über einen gelungenen Stuhlgang, mit anschliessender Beschnupperung seiner Finger, sein Spass an barocken Exzessen erinnert kurz an „Feuchtgebiete“. Sehr eigen, interessant und auch befremdlich.

Und noch ein Skandal, der ausblieb: Vor der Weltpremiere des Films „ L’expérience Blocher“ (Das Experiment Blocher) von Jean-Stéphane Bron hatte es in der Schweiz jede Menge Diskussionen gegeben, obwohl niemand den Film gesehen hatte, von möglichen Krawallen der Blocher Freunde, oder Gegener, war im Vorfeld die Rede, mindestens Ausbuhen würde man den, zur Premiere erscheinenden, SVP Mann, aber nichts geschah. Blocher selbst kam unauffällig auf die, sehr volle, Piazza Grande, der Film lief ungestört. Und gut ist das, denn es ist eine sehr gut und mit Fingerspitzengefühl gemachte Dokumentation über einen umstrittenen Politiker. Der Kommentar ist in Ich-Form gehalten, und stellt gleich zu Anfang klar, dass der Regisseur nichts mit Blochers Partei und Gedankengut gemeinsam hat. So wahrt er sachliche Distanz, schaut zu und lässt agieren, fasst zusammen, was es an Fakten zu vermittelt gibt, aber wertet nie, stellt keine Fallen sondern beobachtet einen, ihm unverständlichen, Politiker mit wissenschaftlicher Neugier; ein geglücktes Experiment, ein starker Dokumentarfilm.

Festival Direktor Carlo Chatrian verliert mehr und mehr seine anfängliche Nervosität, und punktet mit Kompetenz und bubenhaftem Charme. Der von den Zuschauern seit dem ersten Tag ausgepfiffene neue Festivaltrailer, aus Tonkollagen und Regisseurnamen aber ohne Filmbilder, wurde übrigens seit mindestens zwei Tage nicht mehr gezeigt! Locarno, das sind die Filme, die Filmemacher, aber auch das Publikum.

Locarno: 2 Familienbande

Weltpremieren und Weltstars auf der Piazza Grande;

Faye Dunaway, Victoria Abril und Jacqueline Bisset, 3 Abende, 3 grosse Schauspielerinnen, die Ehrenleoparden in ihre Arme schliessen dürfen. Eine Zeremonie, die jeden Abend den Anfang des oder der Piazza-Filme verzögert, bei zwei Filmen ergibt das schnell einen ziemlich langen Abend auf den unbequemen, und weiterhin mit einem lauten Scheppern zerbrechenden, Stühlen. Aber das ist jammern auf hohem Niveau; zum Beispiel wenn man gleich zwei Weltpremieren zu sehen bekommt: „La variable umana“ von Bruno Oliviero. Älterer, grimmiger Mailänder Mordermittler, alleinerziehender Witwer, soll einen Mord an einem Unternehmer aufklären, der, allem Anschein nach, eine Schwäche für junge Mädchen hatte. Gleichzeitig droht die Beziehung zu seiner Teenager-Tochter in Streit und Gefühllosigkeit zu verschwinden. Solide gemachter Thriller, erzählt im langsamen Tempo, das das Innenleben seiner Hauptfigur widerspiegelt; nicht unspannend.

Wesentlich rasanter der politisch völlig unkorrekte, schräge, neue Film von Quentin Dupieux „Wrong Cops“, in dem vom Drogen dealenden Bullen, der seine Ware in toten Ratten versteckt, seinem busenfixierten Kollegen, bis zum, quer durch die Gegend und den Film geschleppten, Schwerverletzten, ist alles dabei, was man sich vorstellen kann; keine Geschmacklosigkeit, die nicht ausprobiert wird, und schon hat man auch weit nach Mitternacht noch ein hellwaches Publikum auf seiner Seite. Empfehlenswert, aber nichts für Zartbesaitete.

Humor der eher konventionellen, wenn auch grellen Sorte, am Abend darauf: „We are the Millers“ von Rawson Marshall Thurber. Kleindealer David lässt sich seine Drogen klauen, wird, um seinem Boss zu entschädigen, auf eine Schmuggeltour nach Mexiko geschickt. Um dort nicht aufzufallen, schart er, seine strippende Nachbarin, einen Nachbarsjungen und eine junge Obdachlose, als „Familie“ um sich, mietet einen Riesencamper, und die Reise beginnt, und mit ihr jeder zu erwartende Ärger. Viele abstruse Situationen werden mit klamaukhafter Action und witzigen Dialogen gelöst, aber am Schluss ist es doch hauptsächlich eine typische romantische Komödie. Ganz unromantisch: „The keeper of lost causes. Jussi Adler-Olsen“ von Mikkel Nørgaard, spannender, gut gemachter Thriller, der die grosse Leinwand zwar füllt, aber seinen Platz doch eher im Fernsehen hat. Jede weitere Wort würde die Spannung verderben.

(c) chderiaz

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Aber Locarno, das sind nicht nur die grossen, lauten Filme der Piazza, das sind auch die kleinen Filme, die es zu entdecken gibt, zum Beispiel Kurzfilme junger Regisseure in der Reihe „Leoparden von Morgen“.

Mit einem ernsten Thema einen wunderbar witzigen Animationsfilm zu machen gelingt mit „Vigia“ von Marcel Barelli. Die Geschichte der Biene, die genug von Umweltgiften und Verschmutzung hat, und sich eine saubere Blumenwelt suchen will. Strichmännchenhafte Bienen, mit grotesk grossen Zähnen, kotzen und verenden an Pestiziden, und selbst die Flucht in die Berge bringt keine Rettung, sieht aus wie ein lustiger Kinderfilm, ist aber traurige Realität.

Dokumentarisch: „Zima“ (Winter) von Cristina Picchi, eine Winterreise durch Nordrussland und Sibirien. Wunderschöne Bilder von Landschaften, Schneegestöber, Orten, unterlegt mit kurzen Off-Texten von Menschen, die diese Landschaften und Orte bewohnen, so entsteht ein spannendes Gesamtbild einer spröde-schönen Gegend.

Sehenswert: „Zinneke“ von Rémi Allier; ein kleiner Junge treibt sich auf dem Flohmarkt rum, geht einem Brüderpaar zur Hand, und läuft, einem jungen Hund gleich,den beiden hinterher, bis sie einwilligen ihn auf eine nächtliche Raubtour mitzunehmen. Was an dem Film berührt, ist die Beharrlichkeit mit der das Kind versucht sich Wärme zu holen, wo man eigentlich keine vermuten würde.

Mit Spannung und grossem „Bahnhof“ wurde die Weltpremiere von „Feuchtgebiete“ erwartet, RTL hatte tatsächlichen einen Ü-Wagen vor dem Kino, jede Menge Kameras schwirrten herum, eine riesige Warteschlange vor dem Kino, Zuschauerbefragung vorher und nachher…. Wie der Film im Verhältnis zum Buch ist, müssen die beurteilen, die es gelesen haben. Aber er ist weder ein Skandal, noch wirklich jugendgefährdend und Sex wurde in vielen Filmen schon deutlich expliziter gezeigt. Eine verzogene,sexuell experimentierfreudige Teenagerin, mit überbordender Phantasie und, wie es am Schluss aussieht, einem grossen Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit, räkelt, flucht, fummelt und albert sich durch den Film, das ist manchmal saukomisch, manchmal eher blöd, selten peinlich, und in der heutigen Zeit wahrscheinlich für Jugendliche ein „alter Hut“. Tolle Schauspieler, allen voran Carla Juri und Meret Becker, schöne Kamera und einige recht lustige Animationen.

Der bisher schönste Film des Festivals kommt aus Mexiko, Los insólitos peces gato“ (Die unglaublichen Katzenfische) von Claudia Sainte-Luce. Der Film ist lustig, traurig, grell, warmherzig und wunderbar gespielt, und, er schafft das, was hier in den letzten Tagen immer wieder beschworen wird, er hat die Magie, die es braucht, damit all diese Emotionen von der Leinwand zum Publikum überspringen. Es geht um eine an HIV sterbende Mutter mit ihren 4 Kindern von 4 verschiedenen, abwesenden, Vätern, und um eine jungen Frau, die plötzlich mittendrin ist, in dieser manchmal entnervend lauten, chaotischen Familie, die im Lauf des Films zu ihrer Familie wird. Aber es ist nicht so sehr die Geschichte an sich die berührt, sondern die Gesamtheit der Darsteller, der Kamera, des Rhythmus in dem man ganz selbstverständlich mitschwimmt. Am Ende gab es minutenlangen Applaus von einem Publikum, das glücklich und mit etwas verweinten Augen aus dem Kino in den Sommernachmittag schwebte.

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Locarno:1 Wachstum und Freiheit

Mit flammenden Worten über die Freiheit der Kunst hat Festivalpräsident Marco Solari die 66.internationalen Filmfestspiele von Locarno eröffnet. Bei allem Wunsch nach Wachstum, auch um als Festival konkurrenzfähig zu bleiben, darf diese Freiheit nicht Sachzwängen geopfert werden. Möglich, dass diese Worte nicht ausschließlich die Identität des Festivals, als Ort, nicht nur künstlerischen, sondern auch intellektuellen Austauschs, betonen sollten, eventuell sollen sie erwarteter Kritik schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen. Immerhin beinhaltet die Auswahl des neuen künstlerischen Direktors Carlo Chatrian ein paar Filme, die Kleingeistern missfallen könnten.

Zur Eröffnung im schönsten Freiluftkino, der Piazza Grande, gab es zunächst einen Ehrenleoparden für den grossen Christopher Lee, der das Publikum mit einer anekdotenreichen Dankesrede auf Italienisch und Englisch bezauberte. Mit „2 Guns“ von Baltasar Kotmákur gab es satirische Schüsse gegen die Allmacht der diversen amerikanischen Geheimdienste; Drogenfahnder gegen Geheimdienst der Armee, gegen Drogenbaron, gegen CIA, irgendwann jeder gegen jeden, die Betrüger betrügen sich gegenseitig, und die Helden werden von ihren Dienstherren abserviert als billiges Bauernopfer. Temporeich, witzig, nicht immer „politisch korrekt“, aber dennoch bleibt der Film an Ende konventioneller als er sich selbst darstellt. Er bleibt ein gutes altes „Buddie-Movie“, und am Ende kann man sich „nur auf den Typen, der direkt neben dir kämpft“ verlassen. Trotzdem, Spass hat es gemacht, und trotz eines mächtigen Gewitters ab der Hälfte des Films, ein gelungener erster Abend in Locarno.

Und dann beginnt der „Ernst“ des Festival-Alltags: rein ins Kino, raus, nächstes Kino, schneller Kaffe, rein ins Kino…

Zum Beispiel in die Weltpremiere des peruanischen Films „El mudo“ (Der Stumme) von Daniel und Diego Vega. Ein Richter wird angeschossen, und versucht, obwohl die Polizei alles nur für eine Zufall hält, den Täter ausfindig zu machen. Das ist die eine Seite der Geschichte, die andere ist eher eine Milieustudie: Vater Richter, Mutter Richterin, die erschossen wurde, halbwüchsige Tochter, die nicht Jura studieren mag, politische Intrigen auf alltäglichem Niveau, viel Schweigen und Langsamkeit; ein bisschen verwirrend und doch fesselnd.

Reden und Geschrei, streiten und versöhnen dagegen in „Le sens de l’humour“ (Sinn für Humor) von Marilyne Canto, die auch die Hauptrolle spielt. Eine verwitwete junge Mutter beginnt eine Beziehung, von der sie immer wieder, in recht drastischen Worten, behauptet, dass sie sie gar nicht will. Wegstossen und zurückholen bestimmen die Beziehung, mittendrin ihr kleiner Sohn, der sich nicht sehnlicher wünscht, als eine Familie und einen kleinen Bruder. Klingt nach „Wohlfühlkino“ hat aber sehr sympathische Ecken und Kanten, die den Film aus der Masse herausheben. Eher ein Reinfall der thailändische Film „Sai nam tid shoer“ (Am Fluss) von Nontawat Numbenchapol. In sehr schönen Bilder wird ein thailändisches Dorf an einem Fluss gezeigt, statisch nicht nur die Bilder, sondern auch das Dorfleben, das eine Aneinanderreihung von trägen, zähen Stunden zu sein scheint. An sich will der Film ein Umweltproblem und seine Konsequenzen zeigen, der Fluss ist seit Jahren durch Blei verseucht, es gibt kaum mehr Fische, die Bevölkerung wurde nie entschädigt. Aber es fällt schwer dem Thema zu folgen, irgendwie bleiben nur die schönen Bilder, aber es fehlt das filmische, erzählerische Konzept.

Statt mit 8000 Zuschauern auf der Piazza Grande, ausweichen, wegen Regen, ins „nur“ 3000 Zuschauer fassende Fevi. Carlo Chatrian verteilt charmant weitere Ehrenleoparden, diesmal an Anna Karina- die ihren Leoparden küsst! Also doch!- und an Sergio Castellitto, bevor er Regie und Darsteller von „Vijay and I“ von Sam Garbarski auf die Bühne holt. Diese belgisch-luxemburgisch-deutsche Koproduktion ist ein Riesenspass, mit einem kleinen, nachdenklich stimmenden Einschlag und einem toll spielenden Moritz Bleibtreu, in der Rolle eines Schauspielers, von dem Freunde und Familie glauben er sein tödlich verunglückt, und der, verkleidet als indischer Freund des „Verstorbenen“, endlich zu dem wird, der er, bisher, nie geschafft hat zu sein. Tosender Beifall im Saal, trommelnder Regen draussen.