Locarno: 3 Charmeoffensive

Soviele Dinge könnte man in Locarno tun, schwimmen im Lago Maggiore, durch die Altstadtgassen bummeln, in Ruhe Espresso trinken oder einfach nur in den Himmel schauen, alles, wirklich alles hätte mehr Spass gemacht als „Manakamana“ von Stephanie Spray und Pacho Velez anzusehen. Eine Stunde lang sieht man Menschen, mal 2, mal 3, mal redend, mal schweigend, in einer Gondel in Nepal den Berg zum Manakamana Tempel hoch fahren, abwechselnd in und gegen die Fahrtrichtung, danach eine knappe Stunde das gleiche Spektakel bergab. Weder sieht man je den Tempel, noch die Landschaft, über die einige Pilger, untereinander, reden, die Kamera steht und bleibt unbeweglich auf ihrer Position. Schwer zu sagen was das soll, eine Meditationsübung, eine Studie über das verhalten von Menschen, die auf engem Raum beobachtet werden, eine Metapher für den Kreislauf des Lebens? Zwei lange Stunden, aber auch das muss es wohl geben auf einem Festival, dessen Unabhängigkeit in den vergangen Tagen immer wieder gelobt und hervorgehoben wurde.

Sicherlich auch nicht für jeden Zuschauer verträglich, aber ein wahres Filmkunstwerk : „L’etrange couleur des larmes de ton corps“ ( Die seltsame Farbe der Tränen deines Körpers) von Hélène Cattet und Bruno Forzani. Ein labyrinthischer Film voller Getriebener, Obsessionen, Horrorelementen, Sex und Gewalt. Die Geschichte ist nicht erzählbar, spielt mit Assoziationen, Dinge, die möglicherweise stattgefunden haben, oder auch nicht, oder erst noch stattfinden werden, alles in einem Brüssler Jugendstilhaus voller Schnörkel, Buntglas und geheimer Ecken. Die Kamera, mal so nah, dass man fast nicht erfasst was sie abbildet, mal in schwindelerregenden Fahrten, Verzerrungen und Farb-und Schockeffekte, und alles verwebt mit einer Tonebene, die zum Teil an die Schmerzgrenze geht. Mit angehaltenem Atem sucht man mit den Figuren nach der Lösung des Rätsels, und kann doch nicht sicher sein, sie am Ende gefunden zu haben. Atemberaubend gut.

Auf der Piazza Grande dann ein Film, der, dem grossen Jubel nach zu urteilen, gute Chancen auf den Publikumspreis hat: „Gabrielle“ von Louise Archambault. Wieder eine Geschichte, die mit Charme und Witz direkt ins Herz geht. Zwei junge Menschen mit Behinderung, aber besonderen künstlerischen Fähigkeiten, setzen mit fast kindlichem Trotz, aber auch Mut, ihr Recht auf Liebe und Gefühle durch, ohne dass die Mitleidskeule geschwungen wird.Die Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard- mit Williams-Beuren Syndrom – versprüht ansteckende Lebensfreude, ist aber auch in den stillen, schweren Momenten des Films absolute Klasse.

Für „Short term 12“ von Destin Cretton muss viel Mundpropaganda gemacht worden sein, um 10 Uhr morgens bildet sich vor dem Kino bereits eine lange Schlange, als der Film um 11 beginnt ist das Kino ausverkauft, und sicher haben viele draussen bleiben müssen.

Erzählt wird von Grace, einer Aufseherin in einem Aufnahmeheim für schwererziehbare Jugendliche, wie sie mit Engagement und Einfühlungsvermögen, aber auch Durchsetzungskraft um das Vertrauen der Jugendlichen kämpft. Bis eine Jugendliche eingewiesen wird, die ihre eigene, nicht verarbeitet Kindheit mit Schlägen und Missbrauch, an die Oberfläche bringt. Starke Szenen mit nervöser Kamera, wenn es die Geschichte erfordert, und Szenen, in denen Kamera und Figuren zur Ruhe kommen ergeben einen -auch dank der Schauspieler – glaubwürdigen und spannenden Film.

Sehr schräg der katalanische Film „Historia de meva mort“ (Die Geschichte meines Todes) von Albert Serra. Casanovas letzte Reise, bei der er, in den Südkarpaten, auf Dracula stösst. Extrem stilisierte Bilder, düster wie Gemälde holländischer Meister, jede Szene mit viel Zeit gespielt, viel Zeit auch zum Erfassen der üppigen Dekoration, der absurd anmutenden Dialoge. Casanovas Freude über einen gelungenen Stuhlgang, mit anschliessender Beschnupperung seiner Finger, sein Spass an barocken Exzessen erinnert kurz an „Feuchtgebiete“. Sehr eigen, interessant und auch befremdlich.

Und noch ein Skandal, der ausblieb: Vor der Weltpremiere des Films „ L’expérience Blocher“ (Das Experiment Blocher) von Jean-Stéphane Bron hatte es in der Schweiz jede Menge Diskussionen gegeben, obwohl niemand den Film gesehen hatte, von möglichen Krawallen der Blocher Freunde, oder Gegener, war im Vorfeld die Rede, mindestens Ausbuhen würde man den, zur Premiere erscheinenden, SVP Mann, aber nichts geschah. Blocher selbst kam unauffällig auf die, sehr volle, Piazza Grande, der Film lief ungestört. Und gut ist das, denn es ist eine sehr gut und mit Fingerspitzengefühl gemachte Dokumentation über einen umstrittenen Politiker. Der Kommentar ist in Ich-Form gehalten, und stellt gleich zu Anfang klar, dass der Regisseur nichts mit Blochers Partei und Gedankengut gemeinsam hat. So wahrt er sachliche Distanz, schaut zu und lässt agieren, fasst zusammen, was es an Fakten zu vermittelt gibt, aber wertet nie, stellt keine Fallen sondern beobachtet einen, ihm unverständlichen, Politiker mit wissenschaftlicher Neugier; ein geglücktes Experiment, ein starker Dokumentarfilm.

Festival Direktor Carlo Chatrian verliert mehr und mehr seine anfängliche Nervosität, und punktet mit Kompetenz und bubenhaftem Charme. Der von den Zuschauern seit dem ersten Tag ausgepfiffene neue Festivaltrailer, aus Tonkollagen und Regisseurnamen aber ohne Filmbilder, wurde übrigens seit mindestens zwei Tage nicht mehr gezeigt! Locarno, das sind die Filme, die Filmemacher, aber auch das Publikum.

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