Diagonale_ 3 Fieber, Maske und Tabubruch

Weiter mit dem Festival Triathlon – lange sitzen, schnell von einem Kino zum anderen rennen, zu Unzeiten, im Stehen, etwas essen – alles für die Kunst. Betrüblich, wenn einen die Kunst dann im Stich lässt.

Fieber“ von Elfi Mikesch hat, theoretisch, alles um ein toller Film zu sein: phantastische Kamera ( Jerzy Palacz), tolle Ausstattung (Christina Schaffer) und mit Eva Mattes und Martin Wuttke zwei wunderbare Schauspieler, dennoch lässt der Film einen kalt. Das Posttrauma des Ex Fremdenlegionär Vaters, das sich die Tochter schon als Kind als „Lebens-Trauma“ einverleibt, bleibt ebenso ungreifbar, wie das Leiden von Vater und Tochter an jenem Trauma. Gelitten wird allerdings in schönsten Bildern und Eva Mattes schönes Gesicht, sieht mit entrückter Leidensmiene, immer wunderschön aus. Die Frage, die sich die, erwachse, Tochter gegen Ende stellt, ob sie den (Alb-) Traumbildern ihres Vaters nachjagt, oder diese sie jagen, ist wohl das Wahrhaftigste an der ganzen Geschichte. Dazwischen, Hinweise, Anspielungen, Wahn-und Fiebervorstellungen, Zwiegespräche der Tochter mit den Geistern des Vaters, und auch noch ein letzter Schwenk fort von Nordafrika, wo der Vater Dienst tat, und ab nach Novi Sad, wo er, möglicherweise, als Jugendlicher gelebt hat. Nichts erschliesst sich, und nichts findet wirklich Eingang in das Herz des Zuschauers.

Das sich treiben lassen, welches bei Ruth Beckermann ( Diagonale_1) nicht recht funktionierte, gelingt in „Calle López“ von Lisa Tillinger und Gerardo Felipe Alcalá mühelos. Die Kamera erkundet einen Strasssenzug in Mexico Stadt, folgt mal dem, lässt sich treiben, folgt, wenn ihr Blick an etwas hängenbleibt einem anderen, und trifft, ganz organisch, wieder auf den Ersten. Das scheinbare Chaos der Klein-und Kleinsthändler, Budenbetreiber, Strassenverkäufer, entpuppt sich, über die Zeit, als wohl strukturierte Routine, der dennoch eine gewisse Anarchie innewohnt. Die schwarz-weiss Bilder „zähmen“ die mögliche Reizüberflutung, und erhöhen die Konzentration auf das Mäandern im, begrenzten, Raum und in begrenzter Zeit. Kein Kommentar, kaum Musik, eine Reise zu einem unbekannten Ort, und seinen Bewohnern, den man im Verlauf des Filmes kennenlernt.

Ein Meisterwerk des Experimentalfilms ist „A masque of Madness“ von Norbert Pfaffenbichler, aus Schnipseln aus Boris Karloff Filmen komponiert er ein furioses Feuerwerk aus Rhythmus, Schnitt und Dramaturgie, Bewegungen fliessen ineinander, Karloff interagiert mit sich selbst quer durch seine vielen Filme. Neben der reinen Freude am entstanden Kunstwerk, ist der Film auch noch ein Lehrstück in Filmschnitt und Filmaufbau. Einfach grossartig.
Ein, besonders für Österreich und seinen Umgang mit der näheren Vergangenheit, wichtiger Film ist „Und in der Mitte, da sind wir“ von Sebastian Brameshuber, richtig begeistert hat er dennoch nicht. Der kleine Ort Ebensee, in dem es nicht mal einen McDonalds gibt, aber dafür einen KZ-Gedenkstätte, und Jugendliche, denen der Ort nichts zu bieten hat, die sich langweilen. Möglicherweise aus dieser Langeweile heraus haben ein paar Jugendliche vor einiger Zeit, mit sogenannten Softguns und „heil Hitler“ Rufen, Teilnehmer an einer Gedenkveranstaltung angegriffen . Die Verantwortlichen wurden erkannt und angezeigt. Brameshuber nähert sich nicht diesen Tätern, sondern anderen Jugendlichen an: Wien stehen sie zu dieser Tat? wie ist ihre Haltung zur Vergangenheit? sind alle Jungen im Ort „rechts“? Gut ist, mit welcher Ruhe, Sachlichkeit und Gelassenheit er die Jugendlichen befragt und beobachtet, ihnen Raum gibt sich zu äussern, und Raum sich zu verändern; schwer zu sagen was dem Film fehlt, Inhalt und Methode sind auf jeden Fall stimmig, dennoch bleibt er, zumindest filmisch, etwas roh, unfertig. Aber, schön festzustellen, dass das insgesamt ziemlich junge Publikum begeistert war.

Noch einmal Tabubruch mit alter Dame. „Der letzte Tanz“ von Houchang Allahyari erzählt, zumindest vordergründig, von einem Zivildienstleistenden und einer alten, vielleicht dementen, Dame in einem Heim. Er erzählt aber auch von Beziehungen zwischen Mutter und Sohn, Sohn und Freundin, Krankenschwestern und pflegebedürftigen Patienten, und er erzählt, dass nicht immer alles so ist wie es scheint. Es gibt ein „nach dem Vorfall“, in schwarz-weiss Bildern, und die Zeit um den Vorfall, in Farbbildern. Lange weiss der Zuschauer nicht, was dem jungen Mann eigentlich vorgeworfen wird, warum er eines Morgens zu Hause verhaftet wird, und es gibt schöne, eindringliche Szenen zwischen der alten Dame und dem Pfleger (wunderbar Erni Mangold und Daniel Sträßer) . Es wäre nicht fair mehr zu erzählen, dieser Film gehört ins Kino, und da soll jeder dann selber entdecken können, was passiert.

Ein paar Vorstellungen wollen noch gesehen werden und dann bleibt eigentlich nur noch abzuwarten welche Filme den Jurys als preiswürdig aufgefallen sind.

(c) ch.dériaz

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