Locarno2014_Gewinner und Helden

Rutger Hauer (c) ch.dériaz

Rutger Hauer
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Die Jury Entscheidungen sind gefallen, 11 Uhr Pressekonferenz, Bekanntgabe der Gewinner. Zunächst die Jury der Leoparden von Morgen, mit einem zu Spässen aufgelegten Jurypräsidenten Rutger Hauer, gut gewählt hat sie diese Jury, mit einem guten Blick für vorhandenes Potenzial und Filmen deren Geschichten und Themen nahe gehen. Der Pardino d’oro international geht an: „Abandoned Goods“ von Pia Borg und Edward Lawrenson, filmisch vielleicht am schwächsten von allen Preisträgern, aber mit einem sehr interessanten und auch wichtigen Thema: der Kunst psychisch Kranker in einer Klinik in England zwischen 1946 und 1983, erschütternd wie zu dieser Zeit Psychiatrie Patienten behandelt, oder gehalten, wurden, beschämend wieviele dieser Werke einfach verschwunden sind, und gut, dass jetzt die gefundenen Kunstwerke katalogisiert und Ausgestellt werden. Pardino d’argento international für „Shipwreck“ von Morgan Knibbe (siehe Tag_2). Die Pardinos national gingen an „Totems“ – gold – Sarah Arnold (siehe Tag_ 2) und silber an Jean-Guillaume Sonnier für „Petite Homme“ der Geschichte einer Jockeyschule, Konkurrenzkampf und Loyalität in einem ziemlich befremdlichen Umfeld.

 

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Die Preise der Cineasti del presente, also erster oder zweiter Langfilm, zeigen dass unkonventionelle Erzählformen und Geschichten abseits der ausgetretene Pfade ankommen das machen Mut diesen Weg weiter zu gehen und Kino weiter zu denken. Pardo d’oro für „Navajazo“ von Ricardo Silva (siehe Tag_6), Preis für den besten Nachwuchsregisseur an Simone Rapisarda „La creazione del significado“ (siehe Tag_3) und auch die lobende Erwähnung für „Un jeune poète“ von Damien Manivel (siehe Tag_ 4) geht sehr in Ordnung.

 

Lav Diaz (c) ch.dériaz

Lav Diaz
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Der ganz gross Abräumer aus dem Concorso internationale – Pardo d’oro, Preis der internationalen Presse, Preis der Jugenjury und Preis Don Quichote – ist der 338 Minuten lange, für alle die nicht rechnen wollen, das sind 5 Stunden und achtunddreissig Minuten, „Mula Sa Kung Ano Ang Noon“ von Lav Diaz; leider nicht gesehen, von daher keine weiter Beschreibung möglich.

 

 

 

 

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Der Publikumspreis der Piazza Grande ging, wie vermutet an „Schweizer Helden“ (sieheTag_7), die Schauspieler des Film, die alle im Publikum sassen, wurden auch gestern Abend mit grossem Applaus begrüsst; der Film kommt im Herbst in die Schweizer Kinos, ob es zu einer Auswertung auch für deutsche Kinos kommt wird sich zeigen müssen.

 

Die Zeremonie auf der Piazza am Abend zog ich dann etwas in die Länge, hatte aber durchaus komische Momente, was dem Charakter der diesjährigen, 67ten, Ausgabe des Festivals entsprach. Noch einmal betonte Marco Solari die Freiheit und Unabhängigkeit des Festivals und verabschiedet sich bis zum 5. August 2015.

Zum Abschluss wurde es noch mal laut, schnell und emotional auf der Piazza, Toni Gatlifs neuer Film „Geronimo“ ist ein Feuerwerk an Tempo und Musik. Die Sozialarbeiterin Geronimo , eine Kriegerin ohne Waffen, im ständigen Kampf gegen den immer grösser werden Hass zweier Gruppen am Stadtrand einer südfranzösischen Stadt. Sie renn, fleht, flucht, steckt ihre persönlichen Grenzen immer weiter zurück, um einen Bandenkrieg zu verhindern; ein Konflikt, der sich entzündet hat an einem „Romeo und Julia Thema“. Musik und Geräusche bilden eine beeindruckten akustische Kulisse, das sehr körperliche Spiel aller Darsteller, die bewegliche Kamera, rasende Schnitte, und eine starke Frauenfigur, eine Heldin, mit hohem Sympathiefaktor, ein Film, der die Piazza nochmal zum brodeln brachte. Carlo Chatrian hat in seinem zweiten Jahr die Erwartungen mehr als erfüllt, er ist sympathisch, freundlich, hat Humor und eine gute Hand in der Auswahl der Programme, denn selbst wenn man nicht jeden Film wirklich mag, findet sich trotzdem immer mindestens ein guter Grund, wieso dieser Film seine Platz im Festival verdient.

Alle Preise unter. http://www.pardolive.ch/en/Pardo-Live/today-at-the-festival

Carlo Chatrian (c) ch.dériaz

Carlo Chatrian
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Locarno2014_Vom Reisen

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Das war er also, der Abend, an dem Roman Polanski auf der Bühne der Piazza hätte stehen sollen. Chatrian fasste nur ganz kurz zusammen was alle wussten, „Polanski hat abgesagt, wir respektieren das“ und bat dann um einen Applaus für den nicht Anwesenden; ohne Pfiffe, ohne Buhs, ein heftiger, einmütiger Beifall. Herr Polanski, Sie wären in Locarno sehr willkommen gewesen!

Aber zurück zum Anfang von Tag 8, Syllas Tzoumerkas „A Blast“ ist ein verwirrender, konfuser Film. Die Handlung erstreckt sich über etwa 10 Jahre, die nicht linear, sondern wild durcheinander ablaufen, das wäre an sich kein Problem, aber irgendwo gehen dabei weite Teile der Motive der handelnden Figuren verloren – oder tauchen gar nicht erst auf. Zentrale Figur ist eine Frau, Mutter von 3 Kindern, verheiratet mit einem Seemann, Hintergrund das wirtschaftlich zerstörte Griechenland. Alle Zeitebenen zeigen Aspekte, die letztlich dazu führen, dass sie sich dem Druck nur noch durch den völligen Ausbruch aus ihren bisherigen Leben entziehen kann. Aber ausser dem wirtschaftlichen Druck, massive Schulden, erzählen sich die anderen Einflüsse nicht, und so bleibt ihr Handeln unverständlich, ihre Motive unklar.

Eine Freude für Augen und Hirn dagegen „The Iron Ministry“ von J.P. Sniadecki, eine drei Jahre dauernde Feldstudie in chinesischen Zügen verschmolzen zu 82 Minuten Film. Atmosphärisch so dicht, dass man sich im Zug zu befinden meint, man kann förmlich die Enge spüren, man riecht die Menschen, ihr Essen, ihre Ausdünstungen, hört im Vorbeigehen ihren Gesprächen zu, und schaukelt im Rhythmus des Zuges durch eine endlose Landschaft. Spannend ist das, auch voyeuristisch und auf angenehme Art auch anstrengend.

Los enemigos del dolor“ von Arauco Hernández, zeigt drei irgendwie aus dem Leben gefallene Gestalten, ein deutscher Schauspieler, ein uruguayischer Sicherheitsbeamte und ein alter Junkie, stolpernd durch die übelsten und verlassensten Gegenden von Montevideo. Eher zufällig bilden sie eine Art Bande von Helden, die, trotz Sprachbarrieren, im entscheidenden Moment gemeinsam einen Jungen aus den Händen eines pädophilen brasilianischen Pfingstlers retten und vorher noch die abgehauene Ehefrau des Deutschen aufspüren. Vorstellen muss man sich das allerdings nicht als Actionfilm, sonder eher als surrealen Alptraum in düsteren Bildern mit einer Prise lakonische-absurden Humors.

Auf der Piazza gibt es am Abend dann aber doch noch eine- vorgesehene- Ehrung, nämlich für „Mr.Steadycam“ Garrett Brown, ein Leopard und eine Verbeugung vor der Technik. Der Film des Abends „Pause“ des Schweizer Matthieu Urfer ist eine hübsche, kleine Liebesgeschichte, nicht wahnsinnig originell, aber durchaus mit Humor.

 

Tag_9 der Wettbewerb geht zu Ende

Gyeongju“ von ZHANG Lu, ist einer der südkoreanischen Filme aus dem Wettbewerb. Lange, ruhige, fast leere Einstellungen, wenig Schnitte innerhalb der Szenen, was Anfangs etwas statisch wirkt, entwickelt mit der Zeit einen Erzählfluss, dem man folgt, auch wenn sich vielleicht nicht alle Chiffren und Metaphern erschliessen. Ein in Peking lehrender junger Professor kommt nach Korea zu einer Beerdigung und fährt in die historische Stadt Gyeongju, wo er Jahre vorher mit seinem verstorbene Freund war. Es ist eine Reise in eine Vergangenheit, die er nicht mehr wiederfindet, so sucht er nach einem Teehaus in dem damals ein erotischen Wandbild hing, was er dort jetzt findet ist die neue, junge Besitzerin , aber keine Spur mehr von dem Bild. Auf der einen Seite scheint ihn der Ort zu verwirren, auf der anderen erweckt er bei den Freunden und Bekannten der Frau Argwohn; Raum und Zeit der einzelnen handelnden Figuren scheinen sich nicht so recht synchronisieren zu lassen. Der Mann reist wieder ab, ohne zu erfahren, dass das Bild die ganze Zeit im Teehaus hinter einer Verkleidung hing.

Im letzten internationalen Programm der Leoparden von Morgen begeistern, ein italienischer und ein Kanadischer Film. „La baracca“ von Federico Di Corato und Alessandro De Leo besticht vor allem durch den Wechsel von Stil und Material, die meiste Zeit sieht man kollagenartig Bilder einer Hi8 Kamera, eine „subjektive“ Kamera von zwei Jungs, ein Kindersommer, vorbeirauschende Landschaft, kurze Blicke in andere Autos, Tonfragmente, und dann plötzlich, ein ruhiges „professionelles“ Bild, das Haus der Grossmutter, und wieder die Subjektiven. Durch dieses Stilmittel vermitteln sich auch die zum Teil grausamen Handlungen und Erlebnisse der Kinder ohne viele Worte aber mit grosse Intensität. „Hole“ von Martin Edralin behandelt ein Thema, das gerne ignoriert wird: Sexualität bei Menschen mit Behinderung. Kurz, direkt und eindringlich wird die Geschichte erzählt, von der Frustration in einer Pornokinokabine zwar an den durch ein Loch geschobenen Schwanz eines anderen zu kommen, es aber selbst nicht aus dem Rollstuhl zu schaffen, um sich den „Gefallen“ zurückzuholen. Bis er auf die Idee kommt, seinen Pfleger zu bitten mitzukommen, um ihn aus dem Stuhl zu heben. Gedreht fast wie ein Dokumtarfilm, wodurch eine grosse Klarheit und Objektivität für das Problem entsteht.

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Der vorletzte Abend auf der Piazza bringt einen Ehrenleoparden für Juliette Binoche, den sie Gepard nennt, aber auch Armin Müller-Stahl hatte ein zoologisches Problem und hielt seinen Leoparden für einen Löwen.Es folgt „Sils Maria“ von Olivier Assayas, mit Juliette Binoche in einer der Hauptrollen. Hervorragende Schauspieler in toller Landschaft. Leider kommt die nicht wirklich zur Geltung, zu kurz und eigentlich nur wie „establishing shots“ eingesetzt fragt man sich wozu die Geschichte überhaupt im Engadin angesiedelt ist. Insgesamt bleibt der Film schwach, das Gefühl bleibt Schauspiel, die Schwierigkeiten der Figuren bleiben einfache Dialogzeilen, gut gesprochen, aber ohne allzu viel Leben; lustigerweise ist genau das im Film ein Text von Juliette Binoche „die Gefühle sind unecht, das kann ich so nicht spielen“.

Locarno2014_ Die Freiheit (nicht) nutzen ?

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Eigentlich war doch alles klar, die Rufe der Polanski-Gegner konnten nichts bewirken , die Einladung blieb Sache der künstlerischen Leitung, und somit bestehen, und dann das: Roman Polanski zieht es vor nicht nach Locarno zu kommen, in einer E-Mail kündigt er an, auf Grund der Proteste nicht kommen zu wollen, um niemandem „zu Nahe zu treten“. Aber genau das tut er, er fällt denen in den Rücken, die seine Einladung gegen Proteste und versuchte Einflussnahmen durchgesetzt hatten. Das ist schade und das ist nicht gut.

Das Festival nähert sich langsam seinem Ende, Tag 6 beginnt mit zwei enttäuschenden Pardi di domani Programmen, im nationalen Programm ist nur ein Film von fünf erwähnenswert, der Animationsfilm „Aubade“ von Mauro Carraro. Wunderbar zarte Zeichnungen vom Genfer See in der Morgendämmerung, zarte Möwen schwimmen, fliegen, einzelne Schwimmer, die Uferpromenade, die Berge, und aus dem See steigt langsam ein Cello auf, mit jedem Ton wird es heller und mit der letzten Cellonote geht die Sonnen auf. Im internationalen Programm ist es der letzte von vier FIlmen, der allerdings belohnt für das Aushalten im Saal. „San Siro“ von Yuri Ancarini zeigt wie das Mailänder Fussballstadion für ein Spiel vorbereitet wird. Kein Zentimeter Rasen ist zu sehen, dafür, noch im Morgengrauen und bei Regen, das Aufstellen der Drängelgitter, Kabelverlegen, Polizei die in jedem Klo nach Gefährlichem sucht, alles in spannenden Bildern, interessante Perspektiven, zügig geschnitten, die Arbeiten wie die Stadionarchitektur werden zelebriert, ohne dass das dabei Selbstzweck ist.

Dann gleich zwei sehr aussergewöhnliche und spannende Filme aus dem Programm cineasti del presente. Der malaysische Film „Lelaki Harapan Dunia“ von Liew Seng Tat ist in weiten Teilen eine freche Komödie, bei der einem dennoch das Lachen immer wieder im Hals stecken bleibt. Ein Holzhaus soll aus dem Dschungel zurück ins Dorf getragen werden, dafür müssen alle mit anpacken, ein schwieriges Unterfangen, das Tage dauern wird und bei dem die meisten Dorfbewohner zunächst mit Enthusiasmus mitmachen. Bis sie eines Nachts einen schwarzen Schatten im Haus sehen, ein afrikanischer Immigrant versteckt sich dort vor der Polizei, ab diesem Zeitpunkt herrschen Aberglaube und Missgunst im Dorf. Die Geschichte wird weiterhin leicht und locker erzählt, aber die Entwicklung von scherzenden, singenden Nachbarn zu einer neidischen, abergläubischen und letztlich gewaltbereiten Truppe ist erschreckend, und erschreckend universell.

Navajazo“ von Ricardo Silva ist ein Mosaik des Untergangs, der Anfang vom Ende, ein schon etwas fortgeschrittener Anfang, wenn man es recht betrachtet. Menschen, die am Rand von Tijuana leben, in aus Spielsachen gebastelten Hütten, in Zelten in einem betoniertem Flussbett, Drogen nehmen, billige, aber in ihrem Umfeld bekannte Filme produzieren, Pornofilmer, Actionfilmer, Menschen, die irgendwie überleben. Sie alle präsentieren sich, wie es scheint, in aller Offenheit, reden über ihre Träume, Wünsche, ihren Alltag, konsumieren vor laufender Kamera Drogen, oder spielen ihre Pornoszenen; Strukturiert wird der Film durch Kapitel, die wie eine Variante der Apokalypse klingen. Drastisch, manchmal hart an der Grenze dessen was man Lust hat anzusehen, vor allem weil der FIlm beides ist: vorgefundene Realität und Eingriff in die Realität, durch Präsenz,durch die Kamera, aber auch durch Konzept und Schnitt.

Der Film auf der Piazza ist dagegen wohl als seicht zu bezeichnen. Nichts desto trotz, gute Unterhaltung von Lasse Hallström „The Hundred-Foot Journey“. An sich weiss man nach 10 Minuten nicht nur wie der Film ausgeht, sondern auch ziemlich genau wie die Schritte dazwischen aussehen, tut der Sache aber keinen Abbruch. Also: indische Familie verlässt Indien, einer der Söhne ein Kochtalent, der Zufall lässt sie in einem französischen Nest stranden, wo sie ein ehemaliges Restaurant kaufen. Leider gibt es genau gegenüber schon ein Restaurant, geführt von einer zickigen, hochnäsigen Dame (wunderbar: Helen Mirren), und natürlich kocht dort auch eine hübsche junge Köchin…     Bitte umrühren: voilà – fertig

Tag_7 Antihelden

Christmas, Again“ ist Charles Poekels erster Film, eine Geschichte übers doch-nicht-Verzweifeln. An einem Stand irgendwo mitten in New York verkauft ein junger Mann Weihnachtsbäume, seine Schicht dauert von 21 bis 9 Uhr, aufwärmen, schlafen, Lichterketten lagern, das alles findet in einem kleinen Wohnwagen direkt beim Stand statt. An sich passiert nicht viel in dem FIlm, dafür ist er stilistisch interessant, viele Nahaufnahmen, immer wieder fast wie Actionszenen geschnitten, obwohl nichts weiter passiert, als das Bäume angepriesen, verkauft, oder bloss umgestellt werden. Eines Nachts trifft er auf einer Bank eine bewusstlose Frau, und trägt sie in seinen Wohnwagen. Die sich daraus ergebenden Missverständnisse unterbrechen sanft die Routine, auch die Routine des Selbstmitleids, in die der schweigsame Protagonist zu stürzen droht. Ein kleiner Film, der mit sehr wenigen Mitteln eine starke Empathie für seine Figuren schafft.

They Chased Me Trough Arizona“ von Matthias Huser funktioniert ähnlich. Ein Roadmovie, in dem ein wortkarger Mann den Auftrag bekommt Telephone aus Telphonzellen abzumontieren. Da er keinen Führerschein hat sucht er sich einen Fahrer, zusammen fahren sie durchs ländliche Polen, zwei schweigende Aussenseiter, umgeben von Landschaft. Das billige Cowboyheftchen, das beide lesen gibt den Rhythmus des einsamen Wolf vor, die Bilder erinnern an Bilder aus Western; der Abbau der Telephonzellen und der Western, Metaphern für eine vergangene Welt, an der die Figuren eigensinnig festhalten.

Den bisher grössten Applaus auf der Piazza bekam „Schweizer Helden“ von Peter Luisi. Ein Durchgangzentrum für Asylbewerber in den Bergen, an sich eine Endstation kurz vor der Abschiebung, dass man vor diesem Hintergrund eine Komödie machen kann, die weder idiotisch wird, noch sich über die Asylbewerber lustig macht klingt unwahrscheinlich. Funktioniert aber. Kurz vor Weihnachten soll es in dem Heim eine Art buntes Beschäftigungsprogramm geben, die dafür vorgesehen Leiterin fällt aus, es springt eine naive, aber engagierte Hausfrau ein. Ihr Versuch von den Gruppenmitglieder, zur Auflockerung, Helden aus deren Herkunftsländern darzustellen zu lassen scheitert, keiner versteht was sie eigentlich will. Was allerdings alle verstehen ist eine Kurzfassung der Willhelm Tell Geschichte,die sie ihnen erzählt. Das kennen sie, Unterrdrückung, Gewalt, Willkür, Flucht, Aufbegehren, und so entscheidet die Gruppe Willhelm Tell spielen zu wollen. Die eher inhomogene Gruppe wächst mit dem Stück zusammen, äussere Widerstände werden, meistens, fröhlich übergangen. Natürlich scheitert das Unterfangen nicht, der Film blendet trotzdem die Realität und die Probleme der Asylbewerber nicht aus, es bleibt auch klar, dass ein Theaterstück und guter Wille keine Problem lösen. Immer wieder Szenenapplaus und grosser Beifall am Schluss, das könnte gut ein Kandidat für den Publikumspreis gewesen sein.

 

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Locarno2014_ Schalk im Nacken einer grossen, alten Dame

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Tag 4 erweist sich, trotz strömenden Regens als Tag der Filmperlen.

11 Uhr Vorstellung, eher mit mässiger Begeisterung ausgesucht ist, die erste wunderbare Überraschung. Der erste Langfilm von Damien Manivel „Un jeune poète“ ist eine Geschichte vom Suchen, vom Erwachsenwerden. Ein 18 jähriger Junge, schlaksig, irgendwie ungelenk, tappt durch sommerliche Sète, sucht Inspiration für seine zu schreibenden Gedichte. Am Grab Paul Valérys, am Meer, in leeren Gässchen der Stadt, aber die Muse scheint ihn zu ignorieren, dabei ist jedes Szene, jede Situation in sich ein Gedicht, von tragisch-romantisch über impressionistisch, surreal bis zu punkig. Sehr schöne Bilder, wobei die Kamerafrau von sich sagt, sie sei eigentlich gar keine Kamerafrau, ein junger Darsteller, der gerade erst das Abitur gemacht hat, und dennoch überzeugend selbst in ganz kleine Gesten, ist rührend zerbrechlich oder linkisch; sein Spiel zeugt entweder von ganz grossem Talent, oder von sehr grossem Vertrauen in den Regisseur. Am Ende findet er nicht die Inspiration für DAS Gedicht, aber immerhin den Anfang seines Weges zu dem was man so gemeinhin das Leben nennt.

Auch „Perfidia“ von Bonifacio Angius ist eine angenehme Überraschung, eine triste Vater-Sohn Geschichte, in einer tristen sardischen Vorstadt, Bilder wie permanentes Regenwetter. Der Sohn, 35, anscheinend nicht nur ohne Arbeite, sondern auch ohne jegliche Ausbildung, hängt mit Kumpels rum die wie er nichts weiter zu tun haben im Leben, ein alter, despotischer Vater, mit der Attitüde des Machers, der plötzlich entdeckt, dass sein Sohn keine Ziele, keine Perspektive hat und versucht ihn, reichlich spät, auf eine bürgerliche Bahn zu bringen. Es passiert nicht viel, die Dialoge sind eher kurz, lakonisch, deprimierend, und doch, ein Film mit dem sich wohl fühlt.

Von Fernand Melgars Filmen weiss man, dass sie politisch sind, und sie ziehen immer das Publikum ins Kino; kein Wunder also, dass Melgar vor der Premiere seines neuen Films „L’abri“ seiner Wut und seiner Scham angesichts der Missstände im Umgang mit Migranten, Staaten-und Obdachlosen und der kontraproduktiven Haltung einiger schweizer Politiker, in einer starken Rede Ausdruck verleiht. Doppelt stark wirkt diese Rede, da Carlo Chatrian sie in englischer Übersetzung vorliest; Kunst ist nicht unpolitisch. Der Film ist der Anschluss der Trilogie über Migranten in der Schweiz, gezeigt werden Menschen, die den Winter über in einer städtischen Notschlafstelle unterkommen, einem Zivilschutzbunker in Lausanne. Der Bunker platzt aus allen Nähten, maximal 75 Menschen pro Nacht haben dort Platz, und jeden Abend versammeln sich mehr als man reinlassen kann. Das soziale Klima in Europa wird immer rauer, und so vielfältig sind auch die Gründe wegen derer Menschen sich auf der Strasse wiederfinden. Melgar beobachtet, wie immer, ohne zu werten, dreht monatelang, um dann aus mehr als 120 Stunden Material einen 100 Minuten Film zu kreieren, der filmisch stimmig ist, und das Publikum nachdenklich entlässt.

Dass Chatrian nicht nur völlig selbstverständlich ein politisches Statement unterstützt, sondern auch eine komödiantische Seite hat, kann man am Abend auf der Piazza sehen. Die grosse Agnès Varda soll einen Ehrenleoparden bekommen. Auf die Bühne tritt eine der ganz grossen europäischen Filmemacherinnen, eine kleine 86 jährige Frau mit dem benehmen einer frechen Göre, sie zerlegt in Windeseile den Ablauf der Zeremonie, treibt Scherze, stülpt sich einen, viel zu kleinen, Leoparden-Overall über, und Chatrian spielt mit; eine showreife Komikernummer, die viel Applaus erntet.

Der Film des Abends „Marie Hurtin“ von Jean-Pierre Amèris ist dann wieder eine echte Überraschung. Die Geschichte liest sich eher wie ein fürchterliches Kitschdrama, ist aber schöner, warmherziger Film. Im 19. Jahrhundert kommt ein blind-taubes junges Mädchen in die Obhut eines Kloster, das auf die Erziehung taub-stummer Mädchen spezialisiert ist; eine Schwester nimmt sich dieses völlig in sich verschlossenen Mädchens an, überzeugt, sie aus ihrer Isolation holen zu können. Wunderbar die junge Hauptdarstellerin Ariana Rivoire, die selber taub ist, sie spielt den Übergang von verwildert-verschreckt zu offen und kommunikativ mit grosser Überzeugungskraft, in oft sehr nahen, fast abstrakt wirkenden Bildern sieht man die Versuche Gebärdensprache auf der Haut „sichtbar“ zu machen; und ja, am Ende ist der Film dann trotzdem auch ein bisschen traurig.

Tag_5 Ursachen und Wirkungen

Durak“ von Yuri Bykov, dunkel, reich an Metaphern, die Kamera oft sehr nah und atmend. Ein neunstöckiges Wohnhaus droht einzustürtzen, glaubt zumindest ein junger Klempner und Statik Student, ein Unglück das leicht 800 Tote fordern könnte. Verzweifelt versucht er die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung zu überzeugen, das Gebäude räumen zu lassen. Aber absolut alle haben sich seit Jahren in einen Korruptionssumpf verzogen, aus dem es kein Entkommen gibt, und ausserdem leben in dem Haus ja „nur“ sozial Schwache. Jede scheinbare Wendung zum Positiven legt nur eine weitere Schicht an Machenschaften offen, keine Chance auf ein Happy End.

Cure- the life of another“ von Andrea Staka erzählt von zwei 14 jährige Freundinnen,1993, der Kroatienkrieg ist gerade vorbei, Linda war während des Kriegs in der Schweiz, Eta die ganze Zeit in Dubrovnik; sie laufen auf den Klippen herum, reden, scherzen, und streiten sich plötzlich, dabei verunglückt eine von beiden tödlich. Von Schuldgefühle gequält lässt sich Linda immer mehr in die Rolle der toten Eta drängen, verbringt immer mehr Zeit bei deren Mutter und Grossmutter, die den Tod soweit verdrängt dass sie Linda einfach als ihre Enkelin behandelt. In ihren Tagträumen streitet sich mit der toten Freundin und verliert dabei sich selber. Aber der Film will zu viel, Identitätsprobleme eines Teenagers, Identitätszweifel durch Migration, und nicht zuletzt auch Identität eines nicht mehr existierenden Landes, in dem 1993 ein weiterer Krieg tobte.

„Es war einfach ein heisser Tag“, so begründet ein junger Mann seinem Psychiater gegenüber wieso er sich zwei Kugel in den Körper gejagt hat. Diese beiden Schüsse, „Dos disparos“ von Martín Rejman, sind nur der Anfang, eine Reihe von eigenwilligen Geschichten ereignen sich im Umfeld des Protagonisten; eine Art langsamer Sommerblues in Buenos Aires, Geschichten beginnen, enden, oder auch nicht, reihen sich an andere, die ein Anfang sind, oder auch ein Ende. Und warum der junge Mann nach den Schüssen einen Doppelton beim Flöte spielen erzeugt bleibt unklar. Hat was, vielleicht, wenigstens wenn man sich mit den Bildern treiben lässt.

Weiterhin ein Programm das Spass macht, und bei dem man sich nicht zu ärgern braucht, dass das Wetter zu schlecht zum schwimmen im See ist.

 

Locarno2014_ Bonbonbunte Bilder im Regen

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Tag 2 beginnt lahm, und endet bunt

Sud Eau Nord Déplacer“ von Antoine Boutet beginnt vielversprechend, weite chinesische Landschaften, Wüste, gigantische Baustellen, winizig anmutende Menschen neben riesigen Bohrköpfen. Ein Projekt, das noch von Mao in den 50ger Jahren angedacht wurde, ist, 50 Jahre später, soweit, dass es in die Tat umgesetzt werden kann. Wasser aus dem wasserreichen Süden, soll in den wasserarmen Norden umgeleitet werden. Ein gigantomanisches Projekt, bei dem Landschaften verändert, Menschen umgesiedelt, das Gesicht Chinas verändert werden soll; geplante Bauzeit: 50 Jahre. Gut sind alle Passagen, in denen der Film nur beobachtet, neugierig aber ohne sich einzumischen, doch irgendwann kommen sprechende Köpfe dazu, die viel zu oft ein und das selbe mehrfach sagen, plötzlich will der Film werten, gibt dafür dem Zuschauer aber nicht genug Information sich selber eine Meinung zu bilden, und verliert damit deutlich an Kraft, überzeugt einfach nicht mehr.

Wind, Wasser und Langeweile bringt „Ventos de Agosto“ von Gabriel Mascaro. Ein abgelegenes Dorf irgendwo in Brasilien, das Meer tobt, der Wind wird immer stärker, Erosion bedroht die Küstenlinie, und vom nahe am Meer gelegene Friedhof spült es dadurch immer wieder Schädel und Knochen aus. Die wenigen Bewohner arbeiten in den Kokusnussplantagen, reden wenig, langweilen sich. Es fällt schwer irgendeinen Form von Beziehung zu den Figuren aufzubauen, und so herrscht trotz mancher sehr schönen Bilder, Langeweile auf beiden Seiten der Leinwand.

Vielversprechend die erste Runde der schweizerischen Leoparden von Morgen, zum Beispiel: „Totems“ von Sarah Arnold, eine starke Geschichte um eine junge Frau und ihren Grossvater, und die vergrabenen Knochen seines Vaters, eines Soldaten aus dem ersten Weltkrieg. Während der Grossvater im Altersheim sich immer mehr in einem bockigen Wahn versteckt, versucht die Enkelin die Knochen im verwilderten Garten zu finden, um diese vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Privates Erinnern versus staatliches Heldengedenken.

Peau“ von Marne Koenig ist ein sehr persönlicher, experimentell gestalteter Film, Nahaufnahmen von Haut, tätowiert, verletzt oder nur alternd, nah und abstrakt, und dann die selben Aufnahmen auf eine improvisierte, faltige Leinwand projiziert, drumherum Räume, die Regisseurin, Gedankenfetzen, Erinnerungen; visuell sehr spannend, und für einen ersten Film sehr gelungen.

Und dann kommt er doch, der Regen, der die ganze Zeit an den Bergen klebte, und verlagert die Weltpremiere einer sommerlich bunten Komödie von der Piazza Grande ins Fevi Kino. „Love Island“ von Jasmin Zbanic, knallige Farben, Sonnenschein, ein Ferienklub in Kroatien und eine Liebesgeschichte, die immer mehr Facetten und Beteiligte bekommt. Ein Paar, sie: hochschwanger, Französin , er: Bosnier, Ferien am Strand in Kroatien, eine weiter Frau: Rumänin, die ehemalige grosse Liebe der Französin, und schon bricht ein grosses Durcheinander aus; wer liebt wen? am meisten? für immer? Immer haarscharf an Kitsch und Klischee vorbei tanzend, mit vielen hübschen Details, Franco Nero als ältlicher Lebemann, Gesangseinlagen, Sprachgewirr, tolle Schauspieler und ein überdrehtes, fulminantes Ende. Die zweite Komödie des Abends „ Die Angst des Killers vor dem Schuss“ von Florian Mischa Böder fällt dagegen etwas ab. Eine europäische Spezialagenten Truppe, jeder lebt sein Undercover-Leben und wartet auf den Anruf, der endlich einen Auftrag bringt, aber nichts geschieht, 8 lange Jahre nicht. Grotesk exakt halten sich die Agenten an ihre Anweisung, und versagen deshalb auch kläglich, als dann tatsächlich ein Auftrag kommt. Mit etwas mehr Vertrauen in die Geschichte und die Spielkunst Benno Führmanns, wäre das ein toller Film, aber statt dessen wird das Spiel überzeichnet, und die Groteske verliert an Brillianz. Unterhaltsam ist der Film dennoch.

 

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Tag 3_ Regen stört im Kino nicht oder Sex riecht nach Maschinenöl

La creazione di significato“ von Simone Rapisarda Casanova, ein Bergdorf in der Tosakana, einerseits Geschichtsbeladen, hier kämpften Partisanen gegen SS, noch heute sind Waffen und Patronen im Boden zu finden, andererseits eine Gegend ruhig und idyllisch; ein älterer Bauer wird begleitet bei seinen kleine alltäglichen Arbeiten, abwechselnd detailreiche Nahaufnahmen, Insekten, der grasende Esel, Gespräche mit Nachbarn, mit einem Studenten, der über die Gegend forscht.Versuche sein Land, sein Haus zu verkaufen, zu wenig ist mit so einem kleinen Hof mehr zu verdienen. Die Geschichte ist immer wieder präsent, aber sie wandelt sich auch, ein junger deutscher Familienvater, der in Italien lebt, kommt endlich als Käufer in Frage, in schöner Einigkeit sitzen beide am Tisch, trinken Wein, reden über Politik und Kinder. Geschichte muss sich nicht wiederholen.

Fidelio, l’odysée d’Alice“ von Lucie Borleteau, eine schöne Frau als Bordmechanikerin auf einem Containerschiff, das klingt zunächst nach ödem Klischee, Frau/Männerwelt/Sexismus, aber nein, an sich ist es „nur“ eine Liebesgeschichte, zu welchem Mann gehört Alice? Zu ihrem jetzigen Freund, der an Land auf sie wartet, oder doch zu ihrer ersten Liebe, den sie unerwartet als Kapitän auf dem Schiff wiedertrifft? Dazwischen, eine Art Antiklischee- Geschichte, was die männlichen Besatzungsmitglieder machen, macht sie auch, scheitert nicht an ihrer Aufgabe, nicht an ihrer Position, sondern wenn, ganz unspektakulär daran sich,womöglich, zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen.

Hold your breath like a lover“ von Kohei Igarashi, ein bisschen Science Fiction, immerhin ist der Film in der nahen Zukunft angesiedelt. Ein bisschen Geistergeschichte, ein Hund und, mindestens, zwei Verstorbene bevölkern neben einer Handvoll Arbeiter einer Verbrennungsanlage kurz vor Silvester. Jeder der Arbeiter scheint einen guten Grund zu haben die leeren Betongänge und ungemütlichen Büros, einem zu Hause vorzuziehen, und so treffen die Einsamen in wechselnden Konstellationen aufeinander, reden kurz und kryptisch, und schleichen weiter, zombihaft. Und mittendrin, ein Hund, den alle suchen, den keiner findet, und Gestalten, die keiner zu sehen schient, obwohl sie mit im Raum sind. Ein bisschen unheimlich, ein bisschen unverständlich, ein Traum oder eine Geistergeschichte, oder ein Science Fictionfilm, die Sprache der Bilder passt zu jeder Variante.

Der Regen hat, vorübergehend, nachgelassen, und so findet die Premiere von „Hin und weg“ von Christian Zübert unter freiem Himmel statt. Gut gemacht ist der Film, traurig ist er, geht es doch um nichts weniger als Abschied, Abschied von einem Freund, der sich, wegen einer unheilbaren Krankheit für Sterbehilfe entschieden hat. Klingt entsetzlich nach Betroffenheitskino, ist es aber nicht, sicher auch dank der sehr guten Darsteller. Eine letzte Radtour, von Frankfurt nach Oostende, Abschied in Etappen, aber auch eine Geschichte von Freundschaft, vom Überwinden eigener Grenzen, erzählt mit viel Humor ohne das unausweichliche Ende dabei aus den Augen zu verlieren oder zu verkitschen.

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In seiner zweiten Saison hat Carlo Chatrian seine letzte Unsicherheit abgelegt und überzeugt mit Witz und Wissen, geht fröhlich über seine Verhaspeler hinweg und zeigt sich als eloquenter Gastgeber, der soweit ein interessantes Programm zusammengestellt hat, in dem, entgegen dem Trend andere Festivals, eine grosse Anzahl Regisseurinnen vertreten sind.

Locarno 2014_ Leoparden in Freiheit

 

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Die „Jagd“ auf die Leoparden wurde eröffnet, wie immer vielsprachig, eloquent und mit politischem Engagement seitens des Festivalpräsidenten Marco Solari. Eigentlich beschwört er jedes Jahr die Freiheit der Kunst, aber dieses Jahr tat er es gezielt in Richtung politischer Parteien. Der Hintergrund: der Künstlerische Direktor Carlo Chatrian hat „gewagt“ Roman Polanski nach Locarno einzuladen. Kaum wurde das bekannt, begann auch schon das Geschrei gegen das sich Solari vehement ausgesprochen hat. Einmütig polemisierten die Schweizerische Volkspartei und die Christliche Partei, forderten die Rücknahme der Einladung, wollten etwas tun, was sie nicht tun könne: Einfluss nehmen auf künstlerische Entscheidungen eines Filmfestivals. Harsche Worte fand Solari, erklärte aber auch, dass Diskussionen, auch kontrovers geführt, durchaus dem Geist dieser Freiheit entsprächen, aber niemals Einmischung, gar Zensur, und dass er als Präsident des Festivals hinter Chatrians künstlerischer Freiheit steht. Diskussion beendet, Festival eröffnet, und am 14. August wird Polanski als Ehrengast auf der Bühne der Piazza Grande stehen.

Mit Luc Bessons „Lucy“ erlebten 8.400 Zuschauer auf der Piazza ein blutig-lautes, spannendes und im Hintergrund esoterisches Kinospektakel. Den Reigen der Ehrenleoparden eröffnete Jean-Pierre Léaud, der sich artig und ein wenig klapprig bedankte.

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Das Festival hat in diesem Jahr eine neue Sektion eingeführt „Signs of life“, neue Erzählformen und innovativen Ausdrucksformen sollen dort gezeigt werden;

Also Tag 1, erster Film: „Fils de“ von HPG (Hervé Pierre Gustave) .

Mit sehr viel Witz, Charme und auch Frechheit erzählt der Film vom Versuch des Pornofilmregisseurs HPG sich aus dieser Branche zurückzuziehen, damit er seinen Kindern die Frage „was arbeitest du eigentlich, Papa?“ nicht mit „ich drehe Pornos“ beantworten muss. Der Film benutzt die Mittel, die man aus (schlechten) TV Reportagen bei Privatsendern kennt, also Kamera immer mittendrin, Gespräche, Streitereien zwischen den Personen, um die Gedanken zu transportieren etc. das volle Programm, bloss: der Film ist dabei einfach klasse! Dialoge wirken nicht gestellt, sondern natürlich, Szenen bei den Pornodrehs sind gleichzeitig so geschickt gedreht, dass man weiss was gerade geschieht, und dennoch nichts wirklich sieht und das ohne dass es albern wirkt. Eine der irrsten Szenen ist, wenn HPG bei einem befreundeten Musiker in einer Pantomime vorführt wie er seine Kindern das Fläschen gibt, die Windeln wechselt, sie anzieht, in einer langen, stillen Sequenz gedreht, untermalt vom Musiker mit seiner Mundharmonika. Hoffentlich verbergen sich in dieser neuen Sektion noch mehr solche Filme.

Ein bisschen zu sehr „alles wird wieder gut“ im Kurzfilm „Thirst“ von Rachel McDonald, Melanie Griffith als alte Trinkerin ist super, die Kamera ist sehr schön, der enge Kneipenraum, in dem sich die Geschichte grösstenteils abspielt, schick-schmuddelig, aber irgendwie menschelt es zu viel. Billy, jung, niedlich arbeits- und perspektivlos, entscheidet sich gegen den Sprung von der Brücke, und bekommt, weil er so traurig schaut, einen Job als Aushilfsbarmann in einer Kaschemme, und Stück für Stück findet er ins Leben zurück, weil er erkennt, dass er anderen helfen kann, dass andere ihn, womöglich, brauchen. Ja, nett, aber…

Ungleich sperriger ist „Shipwreck“ von Morgan Knibbe, eine Art Kollage aus Bildern, Tönen, Musik und einem kurzen Off-Monolog, gedreht als im vergangenen Jahr vor Lampedusa 360 afrikanische Flüchtlinge ertranken. Die Beklemmung, grenzenlose Trauer und Verzweiflung mischen sich in starken visuellen Eindrücken von zwangsläufig mechanisch ausgeführten Handlungen, wie dem verladen der Särge, Absperren des Gebiets durch die italienische Polizei. Beeindruckend vor allem, weil der Regisseur schafft den Zuschauer mitten hinein zu bringen, in eine Situation, die jeder aus den Nachrichten kennt, sich ihr aber hier nicht entziehen kann.

Lystopad“ von Masha Kondakva ist klassisch, ruhig, schön . Es dominieren trübe Farben in einem Randbezirk von Kiew, eine Hausmeisterin bei der Arbeit, sie sortiert Müll, reisst aus einer weggeworfenen Zeitung ein Bild von einem Sonnenuntergang raus, harkt Blätter, und trifft dabei auf einen Mann, der sie überredet ihn mit nach Hause zu nehmen. Zwei scheinbar einsame Menschen, einer vielleicht ein Mörder, finden für den sprichwörtlichen Augenblick zusammen und zur Ruhe, finden einen Moment Glück – vielleicht.

Frère et soeur“ von Daniel Touati, ein 60 minütiger Dokumentarfilm, destilliert aus 100 Stunden Material, entstanden über anderthalb Jahre, über ein Geschwisterpaar. Reduziert wird nicht nur die Fülle des Materials auf eine eher kurze Länge, sondern auch die Perspektive, die Kinder – 6 und 8 Jahre – sind immer im Zentrum, Eltern und Grosseltern sind bestenfalls zu hören, nie zu sehen, die Alltagsschnipsel zeugen von der Geduld des Regisseurs, und belohnen ihn sowie das Publikum mit authentischen, kitschfreien und komischen Situationen, in denen die Kinder die Kamera völlig zu vergessen scheinen.

Ein neuer Abend, ein neuer Star auf der Piazza, Armin Müller-Stahl verzaubert das Publikum mit einem Gedicht und zeigt so mit nichts als Stimme und Präsenz, wie sehr er diesen Leoparden verdient.

Dancing Arabs“ von Eran Riklis erzählt von Eyad, dem jungen Palästinenser, der als einziger Araber in einem jüdischen Internat in Jerusalem angenommen wird. Und während die gesamte Bandbreite an möglichen Konflikten auf allen Seiten präsent sind, ist es auch ein Film über Liebe und Freundschaft, über Erfolg und Misserfolg und die verschiedenen Formen von Toleranz und Intoleranz.

Insgesamt ein vielversprechender Auftakt.