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Tag_4 letzte Bilder

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Barabra Pichler (c) chderiaz

Samstag, Tag der Preisverleihung, noch zwei Filme zu sehen. Zunächst „Bad Luck“ von Thomas Woschitz, ein schwarzhumoriges „Hinterwäldler“ Drama. In einem verlorenen Eck in Kärnten kreuzen sich die Wege und Schicksale der Personen, Knotenpunkt ist eine einsame Tankstelle. In nicht linearen Zeitläufen werden 3 folgenschwere Tage verknüpft, in denen sie dem Motto „das Leben ist nicht fair“ zu entgehen versuchen, und doch am Ende – fast- alle dramatisch eines besseren belehrt werden. Düstere Bilder, Klangteppiche aus brummelnder Sprache, Geräuschen und Musik vermitteln eine (alp-)traumartige Atmosphäre. Ebenfalls ein düsteres Drama „Parabellum“ von Lukas Valenta Rinner, angesiedelt irgendwo in Argentinien. Auch hier ein Spiel mit bedrohlichen Geräuschen und basslastiger Musik, die Sprache als Geräusch und nicht als Dialog nutzend wird eine vor-apokalyptische Welt gezeichnet, in der sich ein Gruppe auf die zu erwartende Katastrophe vorbereitet, sportlich- militärischer Drill, Überlebenstraining. Der Film baut am Anfang sehr schön Spannung auf, die sich aber im Verlauf weder steigert, noch auflöst, wodurch die 75 Minuten dann doch relativ lang werden. Der Jugendjury gefiel das Konzept, und zeichnet den Film aus. Preiszeremonie Nein, die Diagonale ist kein glitzer-glimmer-roter-Teppich Festival, das wird jedes Jahr unweigerlich spätestens bei der Preisverleihung deutlich, nüchternes Ambiente, mässig gut besuchte Veranstaltung; das wäre alles ja völlig in Ordnung, wenn nicht jedes Mal eine Spassmacher-Moderation durch den, ohnehin schon langen, Abend führen würde. Und so dauerte der Spass mehr als 2 Stunden, wobei die Preisträger immer wieder gebeten wurden sich kurz zu fassen. Warum? Lasst die Gewinner danken und loben, kritisieren und auch politisieren, und kürzt die Komiker! Hoch verdient und auch zu erwarten ging der Preis für die beste Schauspielerin im laufenden Festival an die grossartige Ulrike Beimpold in „Superwelt“, ebenfalls verdient, der Kamerapreis, Spielfilm, für Superwelt Kameramann Michael Bindlechner. Der schöne „Minor Borders“ (siehe Tag_3) wird als bester Kurzdokumentarfilm ausgezeichnet. Nikolaus Geyrhalters „Über die Jahre“ gewinnt, nicht unerwartet, sowohl den grossen Diagonale Preis für den besten Dokumentarfilm, als auch den Preis für den besten künstlerischen Schnitt, durch Wolfgang Widerhofer. Leider war der Film mit seinen 3 Stunden nicht in mein dichtes Programm einzubauen, wenn er aber nur annähernd so gut ist, wie Geyrhalters Filme in der Vergangenheit, dann ist das eine verdiente Auszeichnung für einen Film, an dem über 10 Jahre Arbeit stecken; zumindest in Österreich kommt „ Über die Jahre“ diese Woche in die Kinos. Nachdem fast alle Preisträger sich blumig bei Barbara Pichler für ihre Intendanz in den letzten 7 Jahren bedankten, stand sie dann am Schluss selber auf der Bühne, gewohnt charmant, lächelnd und souverän verabschiedet sie sich von Team, Filmschaffenden und Gästen, unsentimental und freundlich. Und im kommenden Frühjahr werden sich wieder alle in Graz treffen, dann unter der Doppelintendanz von Sebastian Höglinger und Peter Schernhube. Alle Preise sind unter: http://www.diagonale.at/festival/preise/ zu sehen.

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Tag_2   To be is to be connected

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Ums Vernetzen geht es ja gerne bei Festivals, alle sind da, alle reden freundlich miteinander, viel „man müsste mal wieder“, eine märchenhafte Harmonie in sanftem Frühlingslicht, und dann gibt es da noch die vielen Filme, politische, persönliche und märchenhafte; wie zum Beispiel „ Dreams rewired -Mobilisierung der Träume“ von Manu Luksch und Martin Reinhart. Ein dokumentarischer Traum durch die Geschichte der Kommunikationsmedien von den Anfängen der Technisierung bis…. – ja bis wo eigentlich? Unsere modernen Träume von totaler Erreichbarkeit, unendlicher Vernetzung, permanenter Überprüfbarkeit sind zwischen den Zeilen immer präsent, aber nie Gegenwärtig. Schön gebaut aus Archivaufnahmen gemischt mit teils abstrakten Animationen, unterlegt mit der fabelhaften Erzählstimme von Tilda Swinton, entsteht ein ganz grosser, wunderbarer experimenteller Dokumentarfilm. Auch wenn die 88 Minuten etwas zu lang geraten sind, wohl mit Blick auf eine Kinoauswertung, langweilig wird einem nicht.

Bei den Kurzspielfilmen fällt immer wieder auf, wie perfekt aber auch wie wenig eigenwillig sie sind. Da es sich, meistens, um Arbeiten von Filmschülern handelt, wäre ein bisschen mehr Dreistigkeit, ein bisschen mehr „Irrsinn“ wünschenswert, perfekt aber konventionell kann man dann immer noch werden. „Die Jacke“ von Patrick Vollrath ist eine, auf engem Raum, abgesteckte Studie über Stärken und Schwächen und den Umgang, vor allem, mit Schwächen, in einer sich gerade anbahnenden Liebesbeziehung. Gute Geschichte, gut erzählt, super gespielt. „So schön wie du“ von Franziska Pflaum, zwei 15 jährige Mädchen: Konkurrenz, erste sexuelle Erfahrungen, Verrat, eine grimmige Milieustudie im ländlichen Ostdeutschland. „Nabilah“ von Paul Meschùh, völlig unterschiedliche kulturelle Welten treffen aufeinander als ein Deutscher Soldat in Afghanistan ein verletztes Mädchen rettet, spannend, atmosphärisch, beklemmend, und eine sagenhafte Leistung der Ausstattung, die „Afghanistan“ in Bayern nachgebaut hat. Wirklich herausragen kann aus diesem Programm aber nur „Tödliche Identität“ von Michael Gülzow und Michael Simku, mit Versatzstücken, die aus Fernsehkrimis bekannt sind gemischt mit Konzeptkunst-Katalogsprache und teilweise sehr abgedrehten Bildern entsteht ein Film, der Freude am Spielerischen des Medium Films vermittelt.

Eine ziemlich persönliche Annäherung an das Phantom Jörg Haider erzielt Nathalie Borgers mit „Fang den Haider“. Mit dem fragenden Blick der „Wahlausländerin“ fährt sie auf Spurensuche durch Haiders Kärnten, wo auch 7 Jahre nach dessen Tod, die Menschen, und zwar nicht nur seine politischen Freunde, in gar nicht so stiller Verehrung um den rechtspopulistischen Politiker verharren. Und obwohl es die ganze Zeit nur um die Person Haider geht, zeigt sich ein Muster, das die rechten Tendenzen in ganz Europa demaskiert.

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Ganz nah im Geschehen, aber sich selber völlig heraushaltend, so funktioniert Constantin Wulffs zweiter Film im diesjährigen Programm. „ Wie die anderen“ zeichnet ein erschreckendes und bewegendes Bild von Kindern und Jugendlichen in einem Psychiatrischen Krankenhaus, es gelingt ihm mit der Kamera anwesend zu sein, aber nicht zu beeinflussen, und so folgt man diversen Situationen im Krankenhausalltag: Besprechungen, in denen es mal um Patienten und deren Schicksale geht, mal aber auch „nur“ um die Überlastung der Ärzte und den chronischen Mangel an Personal, Therapiesitzungen, in denen man den quälend langsamen – wenn überhaupt – Fortschritt miterlebt, nächtliche Stressmomente ebenso wie relativ ruhigen Arbeitsalltag, nie scheinen die Portraitierten die Anwesenheit eines Filmteams zu bemerken. Sensibel und zurückhaltend, nicht wertend aber schonungslos offen ist diese Dokumentation.

Tag_3 Grenzen überschreiten

Der besten Schutz vor den Strahlen einer partiellen Sonnenfinsternis bietet ein dunkler Kinoraum. Schön wenn einem dann ein Film wie „Minor Border“ von Lisbeth Kovačič im Dunklen erwartet. Der Kurzdokumentarfilm zeigt fast zärtlich die, mittlerweile heruntergekommene, Österreichisch-Ungarische Grenze, der Charme des Kaputten, des Desolaten, in dem immer noch ein Rest steckt von dem was hier einmal war: das Ende der westlichen Welt. Unter den Bildern liegen Off Erzählungen diverser Grenzgänger und Flüchtlinge, ein starker Kontrast zwischen der Poesie der Bilder und der Härte und Ausweglosigkeit der Schicksale, einzig die Idee, die Untertitel ständig an andern Stellen zu platzieren stört.

Filme von Jakob M. Erwa sind Heimspiele in Graz und das Kino immer entsprechend voll; sein neuer Film „ Homesick“, bildet da keine Ausnahme. Der dritte Film (neben Superwelt und Stimmen) der in diesem Jahr versucht den Wahn einer Figur im Film erfassbar, fühlbar zu machen. Mit Mitteln eines Psycho-Horror Films erzählt er die Geschichte einer jungen Cellistin, die sich von ihrer Nachbarin zusehends beobachtet, bedrängt, bedroht fühlt. Ein bisschen Rosmarys Baby, ein bisschen Psycho ein bisschen Klischee und viele Zitate aus dem Genre, dazu schöne Gesichter, in schönen Räumen schön ins Bild gesetzt, aber jeder Hinweis auf eine Bedrohung, auf eine Eskalation auf eine Wendung, erfüllt sich so sicher und vorhersehbar, dass es dann irgendwie langweilig wird. Der Film ist entweder zu glatt, oder er sollte eine Persiflage werden, und hat unterwegs den Humor verloren; trotzdem wird der Film sicher gut beim Publikum ankommen.

Der Protagonist in „Homme Less“ von Thomas Wirthenson verwirrt, ein gut gekleideter Modephotograph, umgeben von Schönen Menschen im glänzenden, teuren New York, und doch ist er ein Obdachloser, einer, der auf dem Dach unter einer Zeltplane schläft, seit mehreren Jahren schon. Unsentimental ist diese Lebensgeschichte erzählt, über zwei Jahre ist der Regisseur dem Mann gefolgt, hat ihn beim Arbeiten und beim Flirten beobachtet, aber auch beim Rasieren in einem öffentlichen Waschraum, oder beim Verstauen seiner Habseligkeiten in Schliessfächern und natürlich auch auf seinem Dach, auf das er sich nur wagt, wenn sicher niemand ihn sehen kann, und wo er halsbrecherisch über eine Brüstung steigen muss, um in sein Versteck zu kommen. Der Film zeigt wie nah Würde und Selbstbetrug liegen können, intensiv, bildgewaltig und erschreckend.

Eher ein Hörfilm ist „My talk with Florence“ von Paul Poet, eine Lebensgeschichte in Form eines gefilmten Monologs, auch wenn im Off immer wieder Zwischenfragen kommen, ist es doch im Wesentlichen Florence Erzählung, die den Film bestimmt. Zugegeben hat sie viel zu erzählen, ein Leben, das von sexuellem Missbrauch, Psychiatrie, Strasse, Otto Muehl Kommune und wieder Missbrauch geprägt ist, und auch wenn ihre Mimik manchmal dem Inhalt zu widersprechen scheint, sind zwei Stunden ungeschnittener Monolog eine sehr rohe Variante zum Thema Film.

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Die Eröffnung

Zum letzten Mal eröffnete Barbara Pichler die Diagonale, weniger aufrüttelnd, weniger kämpferisch fiel ihre Rede dieses Jahr aus, auch wenn sie wieder betonte wie wichtig Kunst und Kultur in der Gesellschaft sind, und wieder hervorhob, dass sparen im Bereich der Kultur nur schaden kann. Spannende und auch verstörende Filme hat sie versprochen, am Ende dieser Woche wird sich zeigen, in wie weit das eingelöst wurde.

Der Eröffnungflm „Superwelt“ von Karl Markovics ist weder das eine noch das andere. Vielleicht ist über den – scheinbaren – Inhalt des Films im Vorfeld zuviel berichtet worden, so dass man der Verwirrung, in der sich die Figur der Kassiererin Gabi befindet, nicht neugierig genug folgt; vielleicht ist der Film auch nur zu lang, vielleicht ist er aber auch einfach nicht gelungen. Dabei hat er wunderbare Schauspieler, allen voran Ulrike Beimpold, eine sehr schöne Kamera, Michael Bindlechner, und auch einige schöne, interessante, ja selbst originelle Ideen, aber die Summe all dieser guten Einzelteile ergeben trotzdem keinen guten, keinen überzeugenden Film. Dieser Tenor war beim anschliessenden Fest bei Würstchen und Rührei immer wieder zu hören.

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Tag_1 Böse Buben

Schade wenn gleich der allererste Film am Morgen eine Enttäuschung ist, Eva Testors „Lichttage Lichtnächte – Christian Berger im Film“ lässt einen faszinierenden, mehrfach ausgezeichneten, seiner Arbeit verschriebenen Kameramann vom Licht reden. Er tut das auf spannende Weise, man hört ihm gerne zu, erfährt Dinge, die man nicht wusste, aber…. wie kann man eine solche Kamera Koryphäe in so schlampigen Bildern portraitieren? Ein flaches, flaues Bild, unruhig, uninspiriert, muffiger Ton, langweilig geschnitten, so schade ist das! Weil zu sagen hat Christian Berger viel über sein Handwerkszeug, man muss nur zuhören – wollen. Aber nach 49 Minuten ist dann auch dieser Film ausgestanden, und der zweite Film des Programms ist einfach eine grosse Freude. „Ulrich Seidl – A Director at Work“ von Constantin Wulff. Interviews, Drehbeobachtung bei Seidls „Im Keller“, Theaterarbeit und immer wieder Ausschnitte aus Seidl Filmen ergeben eine dramaturgische Dichte, bei der sich Seidl, fast wie die Protagonisten in seinen Filmen, selbst enthüllt. Sehr spannend ist das und sehr schön von Johannes Hammel gedreht und von Dieter Pichler mit viel Gefühl und Witz geschnitten.

Ein sicheres Highlight sind Filme von Mara Mattuschka; immer ein Gesamtkunstwerk aus Bewegung, tanzender, schwebender Kamera, fliesendem Schnitt und einer Ton und Musikkollage. Ihr neuer Film „Stimmen“ hat all diese Komponenten, leider hat er auch fast geschwätzige Dialoge, wo sonst mit Worten als Geräusch gespielt wurde, leider hat er eine Geschichte von Sein und Schein, die, warum auch immer, erklärt wird, und leider ist er dann mit 2 Stunden auch definitiv zu lang. Die Kompromisslosigkeit, die sonst die Stärke von Mattuschkas Arbeiten ist, wurde hier einer Art „Massentauglichkeit“ geopfert.

Definitiv nicht massentauglich ist Ludwig Wüsts Film „(Ohne Titel)“, bewusst unscharfe, verschwommene Bilder, Einstellungen die nicht Enden wollen und eine „Geschichte“- Sexuelle Gewalt und Rache – die man, ohne den Hinweis aus dem Katalog, vermutlich nie verstehen würde. Das ganze in der Kategorie Spielfilm, nicht etwa Experimentalfilm, wo der Film sicher eher zu Hause wäre. Zugegeben, die unscharfen Bilder haben eine komponierte Rhythmik, zugegeben es gibt eine erkennbare Logik wann Bilder scharf oder unscharf sind, aber insgesamt ist der Film einfach ein ziemlich lähmendes Experiment, das dennoch einer ganzen Reihe Zuschauer gefallen hat.

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Gleich am ersten Abend läuft der neue Film des „enfant terrible“ Peter Kern „Der letzte Sommer der Reichen“, ein fast opulenter Film, wunderbar ausgestattet, schön von Peter Roehsler photographiert, und alles drin was einen Kern Film sehenswert macht : Leidenschaft, Liebe, Blut, Sex und Kirche, daraus wird in diesem Fall eine Art Krimi mit kritischen Hieben gegen Macht, Geld und Korruption, mit einer, lesbischen, Liebesbeziehung und als Sahnehaube einer doppelten Drehung am Schluss, die natürlich nicht verraten wird.