Locarno 2015_4

Tag_5  Kaleidoskopisches und Schweizer SciFi

(c) ch.dériaz

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Ein echtes Wow-Erlebniss gleich am Morgen: „Cosmos“ von Andrej Zulawski. Zwei junge Männer kommen gleichzeitig in einem portugiesischen Dorf an, einer ätherisch, androgyn, am Leben und an der Liebe leidend, ein romantisiernder Möchtegern Poet ganz im Stil des 19. Jahrhunderts , der andere eine Art Clown, charmant, nicht zu fassen, komisch, erdig; am Ende werden beide wieder abreisen. Dazwischen ein surreales Kaleidoskop von Irrsinn, erhängte Spatzen, schräge Gestalten in einem verwunschenen Familienhotel, bizarre Ereignisse und dazwischen immer wieder der romantische Held, Gedichtfragmente rezitierend, sich nach der schönen -und verheirateten – Tochter des Hauses verzehrend. Die Bilder sind bunt und fliessend, aber bei jeder Drehung des Kaleidoskops etwas anders als vorher, scharf gezeichnet, aber nicht eindeutig greifbar, genau wie das Doppelte Ende der Geschichte, Varianten sind möglich, denkbar, sichtbar aber nie eindeutig.

Gut gelaunt also zu den Pardi di domani, und: Belohnung, drei Filme, die wirklich überzeugen können. „Hausarrest“ von Matthias Sahli, eine böse, komische Story, von einem Mann, der sich mit Fussfessel in Hausarrest befindet, einer sprechenden, computergsteuerten Fussfessel, einer, die zunächst wie eine elektronische Sekretärin Vorschläge zur Gestaltung und Vereinfachung des Alltags anbietet, und mit der Zeit Entscheidungen trifft und ausführt, die man nur als extrem rabiat bezeichnen kann. Sehr grell. Ganz ruhig, kontemplativ, aber nicht weniger überraschend ist: „The meadow“ von Jela Hasler. Kühe grasen, von Hirtenhunden beaufsichtigt, alles sieht wie ein x-beliebiger friedlicher Ort aus, je weiter der Tag fortschreitet, um so mehr sieht man wo die Kühe grasen, umgeben nicht nur von Zäunen und Autobahn, sondern auch von Minenwarnschildern und bewacht von Soldaten. Kuh-Alltag auf dem Golan. „Persi“ von Lora Mure-Ravaud ist eine kleine, sehr schön erzählte Familiengeschichte. Mutter, Vater, ein kleiner Junge, Fröhlichkeit, bis sich herausstellt, dass 10 Jahre zuvor ihre kleine Tochter verschwunden ist. Das Familienglück ist fragil, während die Mutter sich mit der Situation abgefunden hat, und sich um ihren kleinen Sohn kümmert, wird der Vater immer wieder aus der Bahn geworfen, mit gefährlichen Konsequenzen für seinen Sohn. Ein kurzer Ausschnitt aus einem fremden Leben, ruhig und einfühlsam erzählt.

(c) ch.dériaz Warteschlange Heimatland

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Warteschlange Heimatland

Der schweizer Science Fiction Film „Heimatland“ zieht massenweise Zuschauer an, dichtes Gedränge am Eingang des Fevi, ausverkaufter Saal. Der Film ist eine Art Experiment, 10 Regisseure (Lisa Blatter, Gregor Frei, Jan Gassmann, Benny Jaberg, Carmen Jaquier, Michael Krummenacher, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp, Mike Scheiwiller ) haben an der Geschichte gearbeitet, haben mit insgesamt drei Kameraleuten gedreht, was hinterher von einem Cutter zu einer wunderbaren, düsteren Groteske für die Leinwand wurde. Ein ungeklärtes Wetterphänomen bedroht die Schweiz, eine dunkle Wolke, von der angenommen wird, dass sie sich in absehbarer Zeit in einem monströsen Orkan entladen wird. Rasch wird klar, dass diese Bedrohung exakt auf die Schweiz beschränkt bleibt, an verschiedenen Orten sieht man Menschen auf dieses Bedrohung reagieren. Das typische Szenario solcher Katastrophen wird aufgerollt, Plünderungen, Politiker, die machtlos versuchen Schaden zu begrenzen, Resignation, Fanatismus jeglicher Art. Immer mehr Menschen versuchen das Land zu verlassen, die Reaktionen aus dem Ausland sind radikal und eindeutig: es werden keine Schweizer Flüchtlinge mehr aufgenommen. Der Wechsel von Ort zu Ort, von Protagonisten zu Protagonisten funktioniert, das Ausmass der Katastrophe und des Chaos erzählt sich in Etappen über die Wechsle von einer Region zur anderen. Spannend, bedrückend, vermutlich sehr wahr.

Auf der Piazza Grande dann ein Ehrenleopard für die wunderbare Bulle Ogier, überreicht von Chatrian, der sich jeden Abend über seine Ehrengäste freut wie ein kleiner Junge, der ein Geschenk auspackt. Gefolgt dann von einer kanadische Polit-Komödie: „ Guibors s’en va-t-en guerre“ von Philippe Faradeau. Ein parteiloser Parlamentsabgeordneter findet sich plötzlich in der Position die entscheidende Stimme für oder gegen den Einsatz kanadischer Soldaten im Nahen Osten zu sein. Gewissenskonflikte, versuchte Einflussnahmen, diverse Probleme in seinem Wahlkreis plus ein Praktikant aus Haiti, der ihm voller Enthusiasmus und mit vielen unkonventionelle Vorschlägen zur Seite steht.

Komödie mit ernstem Hintergrund, leicht erzählt, witzige Dialoge, alles in schöner kanadischer Landschaft, und ein Ende das realistisch bleibt.

Tag_6 drei Kontinente in einem Tag

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Der chinesische Film „ Lu bian ye can“ (Kaili Blues) von BI Gan ist eine wunderbare Entdeckung. Alleine die Bildgestaltung ist es Wert diesen Film zu sehen, so gut wie jede Einstellung ist in Sich schon toll, Spiegelungen und Schatten verdichten die Szenen, ohne dass die Kamera sich bewegt, wodurch immer neue Aspekte des Bildes, der Geschichte hervortreten. Die Zeit scheint linear im Ablauf, aber vielleicht ist alles auch gar nicht dort auf einer Zeitlinie, wo der Zuschauer es vermutet. Metaphern für Zeit, das vergehen von Zeit, die Suche nach verlorener Zeit, die Suche des Protagonisten nach dem was er verloren hat, während er 9 Jahre im Gefängnis war. Fast eine Geschichte innerhalb der Geschichte: eine sehr lange Plansequenz, die Kamera folgt einem Motorrad, biegt dann aber ab, trifft wieder auf das Motorrad, folgt mal dieser, mal jener Figur, verweilt, kommt zurück, und verlässt diesen Exkurs auf dem selben Weg wieder.

Der einzige Film, vor dem dieses Jahr zarte Gemüter gewarnt werden ist „Tikkun“ von Avishai Sivan. Die vermutlich erregtesten Gemüter dürfte der Film in Israel haben, die Geschichte des Yeshiva Studenten, der von Rettungssanitätern schon für tot erklärt wird, dessen Vater aber weiter Herzmassage macht, und ihn so doch ins Leben zurückholt, könnte in eingen Kreisen nicht so gut ankommen. Nach seiner Rettung ist er Student einfach nicht mehr er selbst, findet sich in seinem Leben nicht mehr zurecht, hadert mit sich. Während seinen Vater düstere Albträume quäle, in denen er sich bezichtigt Gottes Willen missachtet zu haben. Schwarz- Weiss Bilder einer Welt, die ziemlich fremd anmutet, und doch sind die Probleme an sich universell, eine Suche nach sich selbst, nach seinem Platz im Leben, nichts weniger.

Die Katalogbeschreibung von „Dead Slow Ahead“ von Mauro Herce schreckt ein wenig ab, was dann aber auf der Leinwand zu sehen ist, ist tolles Dokumentarkino. Ein Monster von einem Frachtschiff, auf dem Weg durch den Atlantik und das Mittelmeer, endgültiges Ziel noch unbekannt, die paar Mann Besatzung nehmen sich wie Ameisen aus, im Vergleich zu den riesigen Metallteilen und zur Weite des Meeres. Interessante Bilder, eine fast meditativer Schnittrhythmus und eine eindringliche Geräuschdramaturgie, versetzen den Zuschauer mitten ins Geschehen und sorgen für Spannung.

Eine Frage zwischendurch: wieso machen Menschen in einem Festivalkino Bilder von der Leinwand? Nicht etwa von der leeren Leinwand vor dem Film, sondern vom Film und während der Vorstellung? Das kommt an Ärgernis noch vor den Zuschauern, die ihrem Sitznachbarn erklären was alle im Saal gerade gesehen haben.

Ein Abend auf der Piazza Grande ohne Ehrenleoparden! Dafür einen 159 Minuten langen indischen Film Noir, angesiedelt zwischen 1949 und 1969. Zwei Strassenjungs werden Freunde, vom Kleinkriminellen bewegen sie sich die Karriereleiter hinauf zu anzugtragenden Handlangern der grossen Verbrecher und geraten schliesslich als Bauernopfer zwischen die Fronten von Verbrechen und Politik. Dazu eine hübsche Nachtclubsängerin, die das Herz des einen Freundes erobert, man meint einen Scorsese Film vor sich zu haben, und liegt in sofern nicht falsch, als der Regisseur von „Bomay Velvet“ Anurag Kashyap sowohl ein Scorsese als auch ein Film Noir Fan ist und Thelma Schoonmaker beim Schnitt ihre wendigen Finger mit im Spiel hatte. Blutig, rasant, und – fast- keiner kommt lebend aus der Geschichte, so wie sich das gehört.

Bisher war noch bei keinem Film auf der Piazza der Applaus so laut, dass man eine Prognose zum Publikumspreis treffen könnte, entweder wars das alles noch nicht, oder das ist ein sehr zurückhaltendes Publikum in diesem Jahr.

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