Diagonale_2016_04

Tag_4   ein bisschen Querelle und Urlaub bei den Peshmergas

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(c) ch.dériaz

Die letzten drei Filme für für dieses Mal; Samstag vor 11 im Multiplexkino, ein trostloser Anblick, Popkornreste, Schnipsel und Krümle, also, nichts wie rein in den Kinosaal für: „Brüder der Nacht“ von Patrik Chiha. Schwülstig-schöne Bilder, gleich am Anfang Bilder die wie aus Fassbinders Querelle entlaufen zu sein scheinen. Protagonisten sind bulgarische Rom, die sich in Wiener Schwulenkneipen verkaufen. Die jungen Männer, Testosteron aus jeder Pore ausatmend, eitel, manchmal aggressiv, und dann immer wieder fast kindlich, zerbrechlich; Schwul sind sie alle eher nicht, viele sind in Bulgarien verheiratet, haben Kinder, hatten mal die Illusion in Wien irgendeine Arbeit zu finden, und landen doch in Kaschemmen, Klos und Kabinen. Dokumentation und Stilisierung, fabelhafte Kamerarbeit, ein manchmal atemloser, dann wieder hektisch-böser Rhythmus, die Sympathien, die man den Protagonisten gegenüber hat, wechseln, mal Mitgefühl, mal Ärger, zum Beispiel wenn sie ihr Geld eher versaufen und zu Huren tragen, als damit ihr Leben und das ihrer Familien zu verbessern.Eine spannende, künstlerische Arbeit.

Ein Film mit programmatischem Titel: „Agonie“ von David Clay Diaz, allerdings leidet hauptsächlich der Zuschauer. Zwei junge Männer, einer Sohn eines Streifenpolizisten, der andere Sohn von Akademikern, beide leben bei ihren Eltern, in beiden Familien herrscht Druck, schlechte Stimmung, Mangel an Zuwendung. Sexuell frustriert der eine, der andere eher – nicht nur sexuell – verklemmt, sie leiden an sich, an der Welt am jung sein, am Mann sein, und vor allem daran so gar nichts wirklich selber in die Hand zu nehmen. Die Geschichten werden parallel erzählt, eine Überschneidung gibt es nicht. Am Ende wird der eine seine Freundin umbringen und zerstückeln und der andere begeht, vermutlich, Selbstmord, dazwischen viel langsames Leiden, wenig Empathie, auch nicht vom Zuschauer. Warum es beide Figuren braucht für die Geschichte bleibt unklar, eventuell, um, da man weiss, dass einer die Freundin morden wird, eine Spannung im Sinne eines „whodunit“ zu erzeugen? Nicht schlüssig das alles.

Ein Familienfilm oder ein Reisefilm oder die Suche nach einer Identität? Von allem ein bisschen und insgesamt sehr vergnüglich, die Dokumentation „Paradies!Paradies!“ von Kurdwin Ayub. Die Wiener Studentin fährt mit ihrem Vater, der in Wien eine Arztpraxis hat, in den Nordirak, oder Kurdistan, von wo die Familie in den 90ger Jahren geflohen ist. Sie dokumentiert mit ihrer Kamera und ist selbst Protagonistin, wenn auch meistens nur mittels Spiegeln sichtbar. Für den Vater ist Kurdistan das titelgebende Paradies, der Sehnsuchtsort, an dem er auch gern eine Wohnung kaufen würde, für später, wie er der besorgten Tochter versichert. Für sie ist es eine Reise an einen Ort, mit anderen Regeln als im heimischen Wien, als Lichtblick in der fremden Heimat, die Cousins, die ihrerseits in Deutschland aufgewachsen sind. Während für den Vater die Traumwohnung dann doch an Glanz verliert, da noch en völliger Rohbau, nimmt, auf eine fast kindliche Art, seine politische Verbundenheit, immer mehr Raum ein, bis hin zu einer Fahrt mit Peshmergatruppen an etwas wie die Frontlinie, Heimaturlaub mit Kampfanzug, Photos mit Waffen und Kämpfern inklusive. Aber auch hier bleibt der Film in seiner lockeren Diktion, die Kamera ein nervöser, aber dramaturgisch gut eingesetzter Begleiter, manchmal etwas lästig, manchmal etwas aufdringlich, immer neugierig.

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Die Preisverleihungszeremonie

Auch hier ist alles ein wenig anders als in den vergangenen Jahren, kleine Tischchen für Ehrengäste und Preisträger, DSC06820.JPGdie meisten anderen wurden auf die Ränge im Grazer Orpheum „verbannt“. Es wird eine lange Preisverleihung, immerhin sind 18 Preise zu vergeben. Wie so oft, viele der Gewinnerfilme sind nicht in meinem dichten Programm gewesen, haben nicht mehr rein gepasst, wurden zu Gunsten anderer verworfen; Chance verpasst…..

 

 

Der Grosse Diagonalepreis – Spielfilm geht an Ruth Beckermann für „Die Geträumten“

Der Grosse Diagonalepreis – Dokumentation an Siegmund Steiner für „Holz Erde Fleisch“

Der Preis für den besten Schnitt geht an Dieter Pichler für „Die Geträumten“ und Andreas Horvath für „Helmut Berger, actor“

Die Kamerapreise gehen an Gerald Kerkletz für „WINWIN“ und an Kurdwin Ayub für „Paradies!Paradies“.

Den Publikumspreis bekamen die Brüder Riahi für „Kinders“!

Alle weiteren Preisträger sind auf der Diagonale Seite www.diagonale.at zu finden.

Am häufigsten und am frenetischsten wurden heute Abend allerdings die beiden Intendanten beklatscht, Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger, sie haben eine tolle erste Diagonale zustande gebracht, und so nebenbei eine Menge Sympathien erworben.

 

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