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Nackt und laut

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(c) chderiaz

Der zweite Tag beginnt wie der erste geendet hat, im Regen; aber die Wege in Locarno sind kurz, und die Rettung vor schlechtem Wetter heisst Kino.

Mañana a esta hora von Lina Rodriguez kommt erst mit der Zeit in Schwung, zunächst wirkt der Film wie eine etwas konventionelle Familiengeschichte: Vater, Mutter, nervige Teenagertochter. Es wird gestritten, geredet, ausgegangen, grundsätzlich ein gutes Verhältnis mit Tagen wo Streit zwischen Eltern und Tochter die Stimmung trotzdem versauen. Die Bilder, in denen erzählt wird, sind dicht, die Menschen nah beieinander, egal ob beim Fernsehen, oder beim Treffen mit Freunden, mit einer langen Blende ins Schwarz, beginnt der Film dann fast von neuem, die Bildkomposition wechselt. Die Menschen sind eher am Rand, um sie herum Raum, zu viel Raum, visueller Ausdruck des Verlusts, der Entfremdung und Sprachlosigkeit nach dem plötzlichen Tod der Mutter. Eine Bilddramaturgie, die sich erst nach und nach erschliesst, die aber dafür um so eindrücklicher wirkt und die zeigt wie mit kleinen Mitteln einen grosse Wirkung erzielt wird.

Der Regen hat aufgehört, trotzdem kein Grund nicht weiter ins Kino zu gehen.

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(c) chderiaz

Nach dem schwachen ersten Programm Leoparden von Morgen ist das zweite, diesmal nationale, eine wahre Freude. Timo von Guntens La femme et le TGV ist eine wunderbar warmherzige, toll gedrehte, von Jane Birkin gut gespielte Geschichte einer Frau, die Jahre hinweg zwei mal täglich, dem direkt an ihrem Haus vorbei rauschenden TGV mit einem Schweizerfähnchen zuwinkt. Eines Tages findet sie in ihrem Garten einen Zettel vom Zugführer , der sich bedankt, für das Winken, das ihm trotz seiner Geschwindigkeit aufgefallen ist, auf das er sich in seinem rasenden Alltag freut. Ein Briefwechsel der beiden beginnt, und verwandelt das Leben der eher mürrischen Dame. Tosender Beifall im Publikum. Die Brücke über den Fluss von Jadwiga Kowalska ist ein subtiler und schöner Animationsfilm, Liebe, Verlust, Verzweiflung, Freude, in holzschnittartigen Bildern und surrealen Geräuschen erzählt. Lost Exile von Fisnik Maxhuni erzählt in düsteren Bildern von einem Schlepper, der eine junge Frau aus dem Kosovo nach Ungarn bringen soll. Warum genau die Frau weg will wird ebenso wenig erzählt, wie die Hintergründe des Schleppers, der selber bedroht und erpresst wird, einzig die direkte Konfrontation der beiden Figuren zählt. Bringt er sie wie vereinbart nach Ungarn, oder übergibt er sie in einem Motel an obskure Mädchenhändler? Ein Kreislauf von Druck, Gewalt und Abhängigkeiten, bedrückend und sehr gut gemacht.

Am Nachmittag zwei Filme, die ein wahres Kontrastprogramm bieten, zunächst: La prunelle de mes yeux von Axelle Ropert, eine niedliche aber auch etwas alberne romantische Komödie. Erst wird sich angezickt, angelogen, intrigiert, dann wird sich verliebt, ein kurzer Sturz von Wolke 7, bevor dann zum grossen Happy End gerufen wird. Nicht aufregend, aber durchaus nett. Mit dem Warnhinweis an empfindliche Gemüter versehen ist der zweite Film: Kaze ni nureta onna (Wet woman in the wind) von SHIOTA Akihiko, ein filmgewordener japanischer 70ger Jahre Softporno. Humor, Gewalt, und Sex, wollte der Regisseur zusammenfügen, und genau das bekommt man. Ein Künstler hat sich in die Provinz zurückgezogen, lebt mitten im Wald in einer Baracke, wo er eines Tages von einer Jungen Frau entdeckt wird, die ihm Sex anbietet. Aus seinem Nichtwollen und ihrem Wollen entsteht eine aggressive, ruppige Komik, in die immer mehr Leute einbezogen werden, und am Ende wird im gar nicht mehr einsamen Wald ziemlich viel gestöhnt und geschrien, werden Brüste und Popos geknetet und sogar ein Ehering übergestreift. Lustig.

Gestöhnt wird am Abend auf der Piazza auch, allerdings nicht aus Lust. Jason Bourne von Peter Greengrass hat alles was man erwartet: epische Verfolgungsjagden mit Autos, Motorräder, Helikoptern, wüste Prügeleien, Computernerds, undurchsichtige Intrigen, und ein durch die Welt gehetzter Matt Damon, 123 ziemlich atemlose Minuten.

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(c) chderiaz

Harvey Keitel ist in Locarno, aber wo?

Der dritte Tag beginnt mit dem bisher schönsten, eindrücklichsten Film, Gorge Cœur Ventre von Maud Alpi. Ein punkiger junger Mann und sein Hund, und Nächte auf dem Schlachthof, dort wo die Tier noch leben, aber dem unausweichlichen Bolzenschuss zugetrieben werden. In den dunklen, engen Gängen aus Beton und Stahl drängeln sich Kühe, Schweine und Schafe, die Kamera fängt die Blicke, die Gesichter, die Fellstrukturen ein, der Ort wirkt aus der Zeit gefallen, schweigsam aber nicht stimmlos. Im Kontrast zum dunklen Schlachthof, erscheint das Abbruchhaus, in dem der Junge mit seinem Hund lebt, hell, licht und freundlich. Der Hund, anfangs nur Begleiter bekommt im Verlauf der Geschichte einen eigenen Handlungsstrang, interagiert mir den Kühen und Schweinen, stromert durch lichtlose Gänge, ein mysteriöses, traumgleiches Abdriften entsteht. Ein fiktionaler Film in einem dokumentarischen Rahmen, der wiederum nicht den Ablauf des Tötens dokumentiert, sondern durch die Auswahl der Bilder, der Perspektiven, der Töne und des Spiels eine Transzendenz erzeugt.

Auch das heutige Programm der Leoparden von Morgen lässt gutes für die Zukunft des Kinos erwarten. Cilaos von Camilo Restrepo ist ein hoch rhythmischer kurzer Film über die Suche nach dem unbekannten Vater, gedreht in 4:3 Format, das die oft sehr nahen Gesichter der Figuren optimal in Szene setzt. Sredi cheornyh voln (Among the black waves) von Anna Budanova ist ein weiterer zauberhafter Animationsfilm, der in starken, dunklen Bildern von Liebe und Verlust erzählt. Nuestra amiga la luna von Velasco Broca ist schlicht ein surreales Kunstwerk in bester Buñuel Tradition; auch hier sind nicht nur Geschichte, sondern auch Bildformat und Kamera ein integraler Teil der Dramaturgie, und nicht bloss ein Mittel bewegte Bilder auf eine Leinwand zu bringen. Etage X von Francy Fabritz ist ein rabiat lustiger Film, über zwei Frauen, die in einem Fahrstuhl stecken bleiben, und zeigt wozu eine grosse Handtasche in solch einem Fall dienen kann. Trotz der Enge des Raums gibt es immer gute und interessante Kameraperspektiven, die der Geschichte zusätzlich Stärke geben. Intelligenter, künstlerischer Spass.

Eine klassische Heldenreise erzählen Tizza Covi und Rainer Frimmel mit Mister Universo. Nachdem der junge Raubtierdompteuer einen Talisman verloren hat, ohne den er sich weigert aufzutreten, begibt er sich quer durch Italien auf die Suche nach dem Mann, von dem er den Talisman als Kind bekommen hat. Auch hier vermischen sich reale Zirkuswelt und fiktive Geschichte, was am Anfang der Geschichte noch etwas langatmig ausfällt, wird mit Verlauf der Suche dichter, sympathischer, der Zuschauer wir mehr und mehr auf die Seite des suchenden Dompteuers gezogen, und selbst beiläufige Situationen schaffen es die Spannung aufzubauen. Und wie in jeder Heldengeschichte bekommt der Held am Schluss nicht nur den Schatz, sondern auch die Prinzessin. Nach Szenenapplaus gab es am Ende enthusiastischen Beifall.

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Harvey Keitel (c) chderiaz

Grosses Staraufgebot auf der Piazza, erst darf Isabelle Huppert, über ihre Arbeit mit dem kürzlich verstorbenen, Michael Cimino erzählen, dann darf Abel Ferrara Harvey Keitel den Ehrenleoparden überreichen. Keitels Aufruf an alle, die Filme machen wollen: geht raus und macht sie, besorgt euch das Geld, notfalls klaut es, aber macht eure Filme!

Sicher nicht geklaut, aber ebenso sicher teuer war Cessez-le-feu von Emmanuel Courcol. Der Film erzählt von den Traumata des Krieges, in diesem Fall des ersten Weltkrieges. Nach einem fulminaten Einstieg im Schützengraben folgt die scheinbare Ruhe nach dem Krieg, erst nach und nach zeigt sich, wie tief die Spuren des Krieges in allen Betroffenen festsitzen, in manchen sofort sichtbar, in anderen subtiler, aber nicht weniger dramatisch. Viel Detailtreue in Kostümen und Dekoration, tolle Kamera und gute Darsteller, ein Film der auf der riesigen Leinwand glänzt.

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