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Ungezähmt und zahm

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(c) chderiaz

Bei der Präsentation vor ihrem Film, wünschte Caroline Deruas dem Publikum möglichst noch verschlafen oder verkatert zu sein, weil genau diese Stimmung, noch nicht ganz hier, aber auch nicht mehr dort, für sie ihren Film L’indomptée beherrscht. Aber auch, relativ, ausgeschlafen ist der Film eine wunderbare Entdeckung, surreal, verspielt, versponnen, mysteriös und manchmal albtraumhaft. Eine Gruppe Künstler zieht für ein Jahr in die Villa Medici in Rom, zwischen einer jungen Photografin und einer Schriftstellerin, die mit Kind und Schriftsteller-Mann anreist, entsteht eine merkwürdige Beziehung, ein Vertrauensverhältnis, und während die eine fast obsessiv Bilder macht, und sich der historische Ort mit seinen Geistern in ihr Lebe – oder nur in ihre Träume? – schleicht, leidet die andere an Schreibblokade und an ihrem erfolgreichen und dominanten Ehemann. Immer wilder und wirrer fliessen Träume, Visionen und Realität ineinander, vermischen sich mit der Architektur des Orts, verweben sich in den Alleen des Gartens und verknoten sich mit den Skulpturen. Die wunderbare Kamera und die Farbgestaltung tuen ein weiteres einen in diesem Film versinken zu lassen. Erstaunt verlässt man das Kino, nicht mehr ganz dort, aber noch nicht ganz da.

Auch die nächsten Leoparden von Morgen begeistern nicht wahnsinnig, aber zwei Filme sollten erwähnt werden. Kommittén von Gunhild Enger und Jenni Toivoniemi ist eine bitter komische Farce zum Thema Zusammenarbeiten in Europa; je ein Vertreter aus Norwegen, Finnland und Schweden sollen versuchen den Grenzstein der drei Länder künstlerisch zu gestalten, die Arbeit im Komitee ist geprägt von unsinnigen Diskussionen, albernen Vorschlägen, aber alles mit grossem Ernst vorgetragen, und in bester Europa Manier, werden Entschlüsse vertagt, wenn Einigung zu schwierig erscheint. Alepou von Jacqueline Lentzou erzählt von drei Geschwistern, einer schon fast erwachsen, zwei noch recht klein, die, anders als der Zuschauer, noch nicht wissen, dass ihre Mutter tödlich verunglückt sind, und einen freien, unbeschwerten Tag leben. Auch das ständige läuten des Handys stört sie in ihrem Spass nicht, bis am nächsten morgen der grosse Bruder doch endlich abhebt, und nichts mehr so ist wie es war. Liebevoll erzählt, und obwohl die Tragik klar ist, schafft der Film Spannung zu erzeugen.

Lose inspiriert von der Biographie und den Texten Max Blechers ist Inimi cicatrizate von Radu Jude. Die Geschichte des an Knochentuberkulose erkrankten jungen Mannes im Rumänien der 30ger Jahre ist in unendlich schöne Bilder gegossen. Zwar sind die Szenen immer statisch, die Aktion kommt alleine aus der Handlung und dem Spiel der Schauspieler, aber durch die Motive, Ausstattung, Kostüme, Spielfreude und nicht zuletzt durch die tolle Kamera – gedreht auf 35mm und im 4:3 Format – ist dieser künstlerische Ansatz nie langweilig. Es wird viel mehr sehr direkt das (Über)Leben und Leiden der Figuren, die sich in ihrer Krankheit und im sehr luxuriösen Krankenhaus eine Welt geschaffen haben, die sie mit Sinnlichkeit und absurder Philosophie füllen, vermittelt.

 

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Mario Adorf und  Dario Argento (c) chderiaz

Am Abend wieder eine Ehrung, Dario Argento überreicht Mario Adorf den Ehrenleopraden, fröhlich geht das zu und mit grosser Begeisterung hüpfen die beiden nicht mehr so jungen Herren von der Bühne, und machen Platz für das Team von Paula von Christian Schwochow. Die Lebensgeschichte der Malerin Paula Becker-Modersohn, die an sich von einer Rebellion, einem Kampf, nämlich dem als Frau um die Jahrhundertwende als Künstlerin nicht nur anerkannt, sondern auch zugelassen zu werden, verflacht auf Kosten von Beziehungsgeflechten und schönen Bildern. Die Darstellung des rebellischen Charakters endet in albernem Kichern und Schmollmund ziehen der Darstellerin, ob das dem Charakter Paula Becker-Modersohns wirklich gerecht wird darf bezweifelt werden. So bleibt der Film hübsch anzusehen aber zahm; das ist umso trauriger, als es an der Zeit ist mehr Geschichten von starken und rebellischen Frauen zu erzählen.

 

Vernetzungen

Tag 5 beginnt mit einem verwirrenden, aber auch interessantem Film: El auge del humano von Eduardo Williams. Die Kamera folgt einem Jungen in Argentinien, zur Arbeit, zu Freunden, es wirkt, als würde der Zuschauer ihn verfolgen, die Dialoge sind an sich nur Fragmente, nichtig. Einzig das immer wiederkehrenden Thema Netzabdeckung, Internetzugang, die Kommunikationsmedien, verbindet die Gruppe, und führt schliesslich über ein Youtube Video zu einer Gruppe Jugendlicher in Mosambik. Das Video fungiert als Tür, eben noch auf dem Bildschirm in Argentinien, findet sich der Zuschauer bei dem Jungs in Afrika wieder, und auch hier die Kamera als Verfolger, auch hier ist das zentrale, erfassbare Zentrum ihrer Unterhaltungen, ihres Antriebs, Handynetz, Inernet, die Suche nach Computern. Der dritte Teil verlässt kurz die Verbindung via Netzwerk, und verbindet Afrika mit den Philippinen durch einen Ameisenhaufen, Ameisen krabbeln auf der einen Seite in Makroaufnahmen herum, um auf der anderen auf einem Finger, der gerade eine Nachricht tippt „anzukommen“. So könnte die Geschichte ewig im Kreis gehen, wieder folget der Zuschauer jungen Menschen, diesmal durch den Dschungel, wieder dreht sich alles um Kommunikationsmedien, um am Ende in einer Art Schleife, bei der Fertigstellung von Tabletts, hängen zu bleiben. Schöne neue Welt.

Das wieder nationale Programm der Leoparden von Morgen bietet einen experimentellen Kurzdokumentarfilm, Genesis von Lucien Monot, in dem ein Statist portraitiert wird. 30 Jahre schon peppt Daniel seinen Alltag mit Komparserie auf, eine etwas schräge Figur, unkonventionell gezeigt in Teils etwas wackeligen 16mm Bildern, die Interview Teile im Off, Dialoge während der Szenen, bei denen er begleitet wird, als Kollagen, in denen Bild und Ton leicht verschoben werden; durchaus spannend. Iceberg von Matthieu Z’Graggen erzählt vom Anfang einer Freundschaft zwischen einem grimmigen älteren Eisstadionwart und einem Mädchen, das gerne Eishockey spielen würde, aber er erzählt auch vom Überwinden von Missverständnissen und davon dass man Träume manchmal auch Leben kann, sofern man sich aus seiner „Komfortzone“ begibt.

Und noch ein eigenwilliger Film über Beziehungen dann am Nachmittag: Afterlov von Stargios Paschos. In Art von Woody Allen Filmen wird hier eine zerbrochene Beziehung verhandelt, die Idee des Mannes, seine Exfreundin einzuladen auf eine gemütliches Wochenende im luxuriösen Haus von Freunden, und sie dort, bei allem Luxus, und in aller Freundschaft, festzuhalten, bis sie ihm erklärt hat weshalb sie ihn verlassen hat. Der Film arbeitet mit allerlei filmischen Spässen, der Mann wendet sich Anfangs direkt in die Kamera und erklärt nervös sein Vorhaben, Situationen springen in der Zeit vor und zurück, Dialoge werden aus scheinbar nicht linearen Fragmenten zusammengesetzt, und es wird viel und schnell gebrüllt, geflucht und argumentiert, wobei sich die Gespräche konstant im Kreis drehen. Klingt anstrengend ist aber ziemlich lustig.

Auf der Piazza heute keine Ehrungen, dafür ein Film über den man auf Grund seines Themas sicher wird nachdenken müssen Le ciel attendra von Marie-Castille Mention-Schaar. Es geht um zwei Mädchen, die vom IS rekrutiert werden, beides Französinnen, nur eine mit einem Vater, dessen Familie aus dem Maghreb kommt. Die Geschichten werden parallel aber in gegensätzlicher Richtung erzählt, während die eine von einer Antiterroreinheit zu Hause überwältigt wird, weil sie einen Anschlag plant, und in Folge eine an Drogenentzug erinnernde Rückkehr zu ihrem alten Leben durchläuft, wird die andere erst frisch rekrutiert. Ihre Geschichte wird in Rückblenden erzählt, denn sie ist unauffindbar nach Syrien verschwunden. Die beiden jungen Schauspielerinnen sind einfach umwerfend, der Film spannend, auch wenn einige Szenen in einer Eltern Gruppe mit einer -echten- muslimischen Sozialpädagogin etwas aufgepfropft sind. Die Stärke des Films ist, dass er nicht wertet, aber er zeigt nachdrücklich die Mechanismen der Verführung.Auch wenn man sich am fünften Festivaltag daran gewöhnt hat vor jedem Kino seine Tasche zu öffnen, nicht gewöhnen mag man sich an den Anblick der bewaffneten Polizei. Und vielleicht ist es auch deshalb wichtig, dass Rekrutierung für den IS zum Filmthema wird, vielleicht kann man ihn vom Sockel auf die Erde holen, den Nimbus des mysteriösen nehmen? Vielleicht muss auch das ein Filmplot werden können, aus den geheimnisvollen Ecken raus ins Licht von Filmleinwänden?

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(c) chderiaz

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