Venedig_2016_01

Leuchtende Bilder und Grenzen unserer Sprache

Ein neuer Tiefpunkt von Wim Wenders, ein ungewöhnlicher Science-Fiction von Denis Villeneuve

Filme voller Vielfalt und Nostalgie prägen das Programm zum Auftakt der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig. Die Eröffnungsparty am Lidostrand wurde Mittwoch zwar zugunsten der Erdbebenopfer abgesagt, und die Sicherheitsmaßnahmen sind erkennbar schärfer als 2015 – trotzdem war es ein heiterer Auftakt für die kommenden elf Tage.

Über den sympathisch-nostalgischen Eröffnungsfilm, das Musical „La La Land“ von Damien Chazelle mit seinen Jacques-Demy-Remineszenzen haben wir auf artechock schon geschrieben.

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Aber es gibt auch andere Nostalgien: Etwa Wim Wenders‘ deutscher Wettbewerbsbeitrag: „Die schönen Tage von Aranjuez“ nach einem Text von Peter Handke, der hier von Jens Harzer, dem altgewordenen jungen Mann des deutschen Theaters mit jungenhaftem Charme verkörpert wird. Die Zeiten sind vorbei, als ein Film, in dem zwei Menschen 90 Minuten lang im Sitzen über Sex reden, noch per se für große Kunst oder mutige Provokation gehalten wurden. Eher wirkt diese Konstellation – Mann fragt, Frau erzählt, Mann schmunzelt, Frau stöhnt – wie eine Altherrenphantasie.

Dann noch auf Französisch – obwohl das Stück in Deutsch geschrieben wurde. Wenders erdreistet sich – man muss das genau so sagen – auf Rohmer zu verweisen. In seinen feuchtesten Träumen hat dieser Film und Wenders überhaupt nicht das Niveau Rohmers.

Warum schließlich man ausgerechnet so ein uninspiriertes Laberkino im teuren 3-D-Format drehen muss, bleibt sowieso das Geheimnis von Wenders. Allein sein bekannter Technikfimmel taugt als Erklärung. Zudem es in Venedig so warm und feucht ist, dass sich Schweiß unter der Brille bildet, und sie von innen beschlägt. Nimmt man sie ab, beginnen die grauen Bilder dann plötzlich zu leuchten – mit seinen leichten Unschärfen hat er plötzlich die Poesie, die Wenders abgeht, und erinnert flirrend, vibrierend die Impressionisten Manet oder Seurat.

Aber auch die Zeiten, als man einen neuen Wenders noch mit Spannung erwartete, sind noch länger vorüber, als die schönen Tage von Aranjuez.

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Deutlich besser war „Arrival“ vom Francokanadier Denis Villeneuve: Dies ist ein Science-Fiction ohne Action, eher an Spielbergs poetisch-esoterischen „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ erinnernd: Aliens landen auf der Erde, verlassen aber ihre Raumschiffe nicht. Louise, eine Top-Sprachwissenschaftlerin (Amy Adams) wird gerufen, um mit den fremden Wesen zu kommunizieren – es gelingt, und es kommt zu überraschenden Folgen. Ein wenig wirkt der Film wie ein linguistisches Proseminar, aber ein kurzweiliges, und Louise erscheint als Wittengesteins Nichte. Doch dahinter tut sich ein humanistisches Plädoyer für universale Verständigung auf, das sich auf gegenwärtige Kommunikationsprobleme, sei es mit Moslems, Flüchtlingen oder bayerischen Politikern übertragen lässt.

Rüdiger Suchsland

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