Das Ding aus einer anderen Welt

Venedig_2016_03 – Verlogene Heimat: Grimm in Mexiko, Apokalypse in Südtirol und Steinklopfen mit Amir Naderi

Riesige Steine fliegen schwerelos und überaus langsam irgendwo herum. Im Weltraum? Dann ein Schnitt: Eine junge Frau, Ende 20 hübsch, sitzt nackt vor einem Bambusstamm, offenbar in einer Holzhütte. ie schwitzt und stöhnt sanft, man glaubt erst, dass sie sich selbst befriedigt. Dann, als die Kamera langsam an ihrem makellosen Körper heruntergleitet, sieht man kurz eine Art Tentakelarm zwischen ihren Schenkeln herausgleiten, und seitwärts verschwinden…

Es folgt ein kurzer Dialog: „You should leave.“ – „Let me stay a little longer por favor.“ Dann verlässt sie, wieder angezogen in Jeans und weißer Jacke die Holzhütte, geht weg durch eine morgenfeuchte, nebelumtauchte Wald- und Wiesenlandschaft. Sie blutet aus der Hüfte, besteigt ein Motorrad, und fährt weg. Die Kamera ist dabei subjektiv, der Sound und die disharmonischen Klänge der Musik erinnern an Horror und Science-Fiction. Man kann den zweiten Teil dieser ersten Szene im Netz ansehen.

„It hurt her“ sagt ein altes Paar. Die sind offenbar so etwas wie die Gastgeber hier, oder eine seltsame Art von Forschern: An der Wand finden sich Bilder von Schädeln, Wesen aus der Urzeit, Schlangen und ähnlichem Getier.

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Puta madre, was für ein Film! Er lässt den Betrachter erst einmal allein mit der Wucht dieses Auftakts, die sich nur langsam legen wird. Die aber uns, den Zuschauern, auch sofort das Gefühl gibt: Hier nimmt uns ein Filmemacher an der Hand, hier können wir uns den Bildern überlassen. Hier weiß einer ganz unbedingt, was er tut. Mal sehen, was das wird – aber wie schön, dass wir es jetzt sehen werden.

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Ein Traum? Eine Art Traum? So darf man sich eine kurze Weile trösten, als im nächsten Bild eine andere junge Frau aufwacht. Alejandra. Neben ihr ein Mann, schlechter Sex am Morgen, der Alltag eines Ehepaares. Danach steht sie unter der Dusche, befriedigt sich, bis sie von den Kinder gestört wird. Zwei Jungs, einer ist allergisch gegen Schokolade.

Der Film ist „La Region Salvaje“, er stammt von Amat Escalante, dem Mexikaner, der seit „Sangre“ und „Heli“ so bewundert wie berüchtigt ist. Hier zwei Kurzfilme des Regisseurs.

Danach sehen wir die Frau vom Anfang, sie heißt Victoria, im Krankenhaus. Ihre Wunde wird versorgt von einem Krankenpfleger: Er heißt Fabien, ist nett, hübsch, lustig. Sie hat erzählt, die Wunde sei von einem Hundebiss – da warnt er sie vor Tollwut.

Am Abend in einer Bar toben sich junge Mexikaner aus, werden wild zu Tequila und guter schlechter Musik. Fabien und Angel, der Ehemann von Alejandra, haben Sex, sie kennen sich offenbar schon lange. Später verstehen wir: Fabien ist Alejandras Bruder.

Gleichzeitig freunden sich Victoria und Fabien an. Sie sind nett zueinander, ohne ein Paar zu werden. Wobei Victorias Motivation immer unklar bleibt. Interessiert sie Fabien? Braucht sie Unterstützung um loszukommen von dem seltsamen Wesen? Oder will sie diesem neue Objekte zuführen? Und Objekte für was genau? Die Zeitspanne, die hier vergeht, ist nicht ganz klar, aber während sich Fabien Angel entfremdet, erfährt er von „ihm“, von dem nicht ganz klar ist ob es ein „Er“ oder eine „Sie“ ist. Dem Wesen in der Hütte, das er bald darauf auch besucht. Es ist offensichtlich bedrohlich und nicht harmlos. Doch zugleich ist es offenbar auch in der Lage, den Menschen unbekannte, ungeahnte Freuden zu bereiten, Freuden, von denen sie nicht mehr los kommen.

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Eine Weile später wird auch Alejandra noch zur Besucherin der Hütte werden. Bemerkenswert ist hier die Selbstverständlichkeit, mit der alle Beteiligten dieses Wesen und seine Existenz akzeptieren. Es ist halt so. Die Selbstverständlichkeit eines Dings aus einer anderen Welt.

Die Alten, die es beherbergen, lernen wir nur etwas besser kennen. In der Hütte, in der sie leben, gibt es auch einen großen schwarzen Hund, der an einen Wolf erinnert. Die alte Frau könnte eine Schamanin sein, oder auch eine alte Hexe. Sie braut seltsame Getränke, vielleicht einen harmlosen Tee, vielleicht ein Beruhigungsmittel oder eine Droge. Über ihren Mann, für den sie Arbeiten erledigt sagt sie: „Ein Wissenschaftler, mit der Sensibilität eines Steins.“

Was ist das für ein Wesen, das sie da beherbergen? „At first, you will think, that you are hallucinating.“, sagt die Akte. Sie erzählt von einem Meteor, der vor langer Zeit einschlug – der Stein im Raum vom Anfang? Allemal ist Mexiko das Land der Meteore, entstand der Golf von Mexiko einst vermutlich aus einem riesigen Meteoreinschlag. In einem recht kleinen Kreisrund sieht man dazu eine Menge von Tierpaaren in paradiesischer Eintracht sich paaren.

Das sei, erklärt die Alte, die Materialisierung von „our most primitive side“. Die fleischgewordenen Basic Instincts. Irgendwann sehen wir es: Eine Art riesengroßer Octopus. Mit seinen Tentakelarmen stiftet es Lust. „It can only give pleasure. It has never hurt anybody.“

Ganz so ist es nicht: Diese fleischgewordene Begierde ist eben auch gefährlich. Fabien wird schwer verletzt im Wald gefunden. Der Verdacht auch Alejandras fällt auf Angel nachdem sie dessen Textbotschaften entdeckt hat. Während Escalante mit Angel einen Schwulen beschreibt, der zugleich als Schwulenhasser auftritt, der Vegetarier ist und der seine Frau schlägt, wird der nette, weiche zuvorkommende Schwule hier schwerstverletzt. „Wollte Gott Onkel Fabien bestrafen?“ fragt einer von Alejandras Söhnen. Großmutter habe das gesagt. „Grandma is a lying witch.“ erklärt Alejandra.

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Eine böse Großmutter, eine böse Schwiegermutter, Hexen in Hütten im Wald, Monster und Tote am gleichen Ort – es sollte klar sein, dass wir uns hier im Land der Gebrüder Grimm befinden. „La region salvaje“ ist ein Märchen für Erwachsene aus Mexiko, ein Zwitter aus Kunstkino und Horrorfilm, und eben auch Grimms Märchen.

Zugleich auf Mexiko zielend: Eine Betrachtung der Männlichkeitsrituale, der Homophobie, de Heuchelei hinter den traditionellen Werten von Ehre und Familie.

Die Region, die der Titel bezeichnet, jenes „wilde Terrain“ ist in uns, ist aber auch überall. Es ist unsere Natur, die gewissermaßen verführerisch ist, aber auch gefährlich, möglicherweise tödlich. Ein verführender, verführerischer und ein verführerisch rätselhafter Film.

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Ein anderer Film: Kühe, Katzen, Einsamkeit. Die Bagger von Hitachi. Marmor. Auch dies könnte ein Western sein: Eine Männerwelt der anderen Art. Männer unter der Dusche, beim Biertrinken, bei sehr körperlichen, sehr analogen Arbeiten. Im Steinbruch, am Motor, mit dem Bagger.

Zugleich ein Matriarchat: Zu Beginn bereits von „Die Einsiedler“ hat man eine alte Frau kennengelernt: Sie schleppt und schuftet, sie bringt Blumen zum Ort, an dem 1975 bei einem Lawinenunglück drei ihrer Kinder getötet wurden. Sie ertränkt frischgeborene Katzen. Dieses Erlebnis hat die Eltern womöglich zusätzlich verhärtet.

Das ist ein Film, da passiert was, obwohl er sehr reduziert und ruhig, mit Zeit uns Andeutungen erzählt wird. Die Spannung hält.

Der alte Vater stirbt, indem er einfach vom Dach fällt. Die Frau buddelt ihn ein. Es regnet rein, es ist feucht, de Winter kommt. Sie packt es allein nicht mit den Kühen. Auf der Alm, da gibts viel Sünd‘.

Und dieses Leben auf dem Einödhof in Südtirol, wird dann gespiegelt durch die Existenz des Sohnes im Tal, im Marmorsteinbruch: Er ist unglücklich, will raus, kann nicht raus. Und es folgt eine Apokalypse: Der Marmorsteinbruch stürzt ein. Das Chaos bricht aus, eine Höllenfahrt. Die alte Frau holt das Gewehr aus dem Schrank, ballert den Christus im Herrgottswinkel weg (sehr starker Moment!), und noch mehr.

Eine schön gefilmte Geschichte, ein toller intensiver Film, und ein sinnlicher Film.

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Was diese Filme (und andere in Venedig) gemeinsam haben, ist, dass sie die Komplexität und Fragwürdigkeit von Konzepten wie „Identität“ und „Heimat“ entfalten und belegen. Die verlogene Idee einer Urheitmat, wo angeblich Tradition und ehre und das Wahre, Schöne, Gute hausen.

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Wie man es nicht machen sollte zeigt „Monte“ von dem in Italien lebenden Amir Naderi. Von Beginn an eine arg zähe Angelegenheit: Eine Gruppe von dreckigen, meist hässlichen, armen Menschen, nimmt wortlos, aber nicht lautlos am Fuße eines riesigen Felsmassivs an einer Beerdigung teil. Man weiß nichts, reimt sich bald zusammen, dass es irgendwann im Mittelalter spielen muss, dass sie Christen sind aber irgendwie ausgestoßen, einer häretischen Gemeinde angehörend. Ein Kind ist gestorben, sie glauben, dass ein Fluch auf ihnen lastet, und alle verlassen den Berghang bis auf einen besonderen Sturkopf, ein dummer starrer Narr mit seiner allzu fügsamen, duldsamen, schicksalsergebenen Frau und den Sohn. Auch wenn die drei am Berg bleiben, geht’s von nun an konsequent bergab: Das Haus wird angesteckt, der Sohn verschwindet, Bauer und Frau werden von Inquisitoren zum jahrzehntelangen Steinklopfen im Schatten des Bergs gebracht.

Zentral für die Filmerfahrung ist jener titelgebende Monte, denn alle Handlung ist überlagert von den permanenten, vom Sounddesign ins Groteske überzeichneten Geräuschen des Bergs. Es rummst und bummst, knarzt und knarrt ständig, dazu hängen Nebelschwaden dräuend um die Steilwände von denen regelmäßig Felsstücke auf die Menschen herunterplumpsen.

Eine erratische Depressionsgeschichte, sehr am Bleigewicht der eigenen Bedeutungsschwere in Bewegungslosigkeit verharrend.

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Mit Heimat, Identität und dem Rätsel der Existenz hat das nichts zu tun; mit Kunstkino leider um so mehr.

Rüdiger Suchsland

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