Ein Kannibale verliebt sich in seine nächste Mahlzeit

Venedig_2016_05 – Just another day in the west: Ana Lily Amirpours „The Bad Batch“, die Techniken des Überlebens und das Überleben der Humanität

Ein Girl steht allein bei Tageslicht in der Wüste. Sie trägt Hotpants, Base-Cap, einen Rucksack mit „I love Texas“-Sticker und Trauer-Smilie. In der rechten Hand ein Wasserkanister, den braucht man bei der Hitze. An der linken Schulter ein Tatoo: „Suicide“. Auf den Fingernägeln dunkler Nagellack, leicht abgesplittert. Sie strahlt Coolness aus, und das, was die Amerikaner self-reliance nennen: Eigenständigkeit, Souveränität. Sie genügt sich selbst.

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Es gibt einen Zaun, durch den sie kam. Es gibt ein System, es gibt Behörden, die jenen, die ausgeschlossen werden, oder freiwillig gehen, eine Nummer eintätowieren. Es gibt ein Schild, auf dem steht: Dies hier jenseits des Zauns ist nicht länger Texas. Es gibt ein totes Auto, in das sich das Girl zurückzieht, ausruht, Lippenstift auflegt.

Da kommt ein Golf-Caddie-Wagen, mit zwei Leuten drin. Sie rennt weg, wird gefangen. Nächstes Bild: Sie wacht auf, mit den Füßen in Eisenketten, mit den Armen ausgebreitet an Seilen festgebunden, in einem postapokalyptischen Trailer-Park, der von einer Gruppe von muskelbepacktem White-Trash (Wrestlern?) bewohnt wird. Gleich darauf erhält sie eine Spritze, dann wird ihr der rechte Unterschenkel und der rechte Unterarm abgesägt. Beides landet auf einem Grill, und wird von den Einwohnern bald genüsslich zum Abendessen verspeist.

Auf den Fingern der verlorenen Hand der jungen Frau stand eintätowiert „F E A R“. Damit, aber das werden wir erst später verstehen, hat man ihr auch alle Furcht genommen.

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Bald darauf versucht sie auszubrechen, und auch wenn man es kaum glauben mag, es gelingt: Dies ist ein Film über das Überleben und über Überlebenstechniken. Das ist wohl gerade ein zeitgemäßes Sujet, aber die Sympathie mit denen, die gehen alle und alles zu überleben versuchen und denen das Überleben gelingt, ist – siehe „The Revenant“ – sehr amerikanisch. Zugleich ist die US-Flagge hier, damit auch insofern keine Missverständnisse aufkommen, das Zeichen der Bösen, des Stammes von dem wir vor der flucht noch genug gesehen haben um uns über seine kannibalische Natur wie seine moralische Verworfenheit keine Illusionen zu machen. „Why are you so obsessed with me?“ erklingt dazu vom Sounddepartment.

Sie wird gefunden von einem Obdachlosen, der in der Wüste mit einem Bollerwagen herumfährt, und in eine neue „Stadt“ gebracht, ein Fort aus Containern. Das heißt „Comfort“. „You cant enter the dream unless the dream enters you.“ steht an der Wand.

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Ana Lily Amirpour, Perserin mit amerikanischem Pass, die 1980 in England geboren und in den USA aufgewachsen ist, war vor zwei Jahren über Nacht mit ihrem Spielfilmdebüt zum Shooting-Star der internationalen Filmszene geworden: „A Girl walks home alone at night“ war zwar in Schwarzweiß und in Farsi, der perserischen Sprache gedreht, hatte aber trotzdem in den USA reüssiert und war sogar im cinephoben Deutschland ins Kino gekommen. Ihr zweiter Film ist „The Bad Batch“, der jetzt in Venedig läuft und am Dienstagabend Premiere hatte, ist ohne Frage einer der besten und originellsten Filme im diesjährigen Wettbewerb um den Goldenen Löwen.

Die Kannibalen spielen hier nun trotz des Auftakts nur eine Nebenrolle. Eher handelt es sich um ein Science-Fiction-Szenario in der Tradition der „Mad Max“-Filme und noch mehr des „Tank Girl“-Comics: In einer postapokalyptischen Welt nahe des texanisch-mexikanischen Border-Country leben Menschen jenseits staatlicher Ordnung in verschiedenen Gemeinschaften. Nahrung ist knapp, Energie offenbar weniger, denn statt Western-Pferden fährt man Motorbike. Das Hauptthema ist wie erwähnt die Kunst des Überlebens, die zentrale Figur ist die junge Frau, deren Namen man erst spät erfährt: Arlen (eindrucksvoll gespielt von Suki Waterhouse). An die Stelle des verlorenen Beins tritt in „Comfort“ bald eine Prothese, während der Arm aus unerfindlichen Gründen nie ersetzt wird.

„5 Monate später“ setzt die Handlung wieder ein.

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Zunächst sucht Arlen Rache, und der Zufall spielt ihr bald eine Kannibalin zu. Die Frau mit einem T-Shirt, das die Aufschrift „Vamos a la playa“ trägt, liegt verletzt an einer Müllhalde, die sie plündern wollte. Ihre Tochter steht daneben: „Does your kid eat people too?“ fragt Arlen. „I am just trying to survive. We are the same.“ – „Oh no! We are not the same.“ und Arlen erschießt die Frau, um dann über ihre Tat zu erschrecken. Verlorene Unschuld, und die Aufgabe erlernter Verhaltensweisen gehören zur Technik des Überlebens.

Zu der gehört aber auch das Überleben der Humanität. Und tatsächlich ist dieser Film mehreres: Das Brutale, Menschenverachtende ist nur die Oberfläche. Darunter kreist alles darum, wie unter Bedingungen der Gewalt das Menschliche bewahrt werden kann – und worin dieses Menschliche eigentlich liegt. Denn selbstverständlich ist Rache menschlich. Selbstverständlich ist es menschlich, unter bestimmten Umständen zu töten.

Doch Arlen kümmert sich eben nach dem Mord an deren Mutter um die Tochter eines ihrer Ex-Peiniger, der auch malt, aus Kuba stammt, und auf den Namen Miel hört. Sie widersteht den Fängen des charismatischen Diktators von Comfort, den Keanu Reeves verkörpert, und der von einem Dutzend Girlie-Prätorianern bewacht wird, die alle schwanger sind, und T-Shirts tragen mit der Aufschrift: „The dream is in here.“

Sie findet einen Ausgleich mit Miel, eine Art Gesellschaftsvertrag: „You dont see things as they are. You just see things like you are.“ – „I hate you“ – „No problem for me. Doesn’t change anything.“ – „So the next thing, that can happen to us, can happen to us.“ – „In this place is only death for sure.“

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Was das Böse ist, ist relativ. Aber es gibt Böses. Zugleich zeigen manche Episoden in diesem epischen Film, dass das Gute manchmal auch zurückkommt.

Die Frage, was Zivilisation ist, steht im Zentrum. Die von Keanu Reeves gespielte Figur, wie gesagt ein Diktator mit merkwürdigen Gewohnheiten, der zugleich aber auf seine Art selbstverständlich ein Vertreter des zivilisatorischen und der Ordnung in dieser chaotischen Gesellschaft ist, der lange Vorträge darüber hält, wie er dafür sorgt, dass das Abflußsystem der Toileten funktioniert – Mussolini ließ sich auch als „Trockenleger der Pontinischen Sümpfe“ feiern -, dieser Mann ist sich der Kosten der zivilisatorischen Anstrengungen stärker bewusst, als andere: „All the things you have done, brought you right here.“ sagt er zu Arlen, „Where would you rather be? Costs you a lot to be here. Costs you an arm, an leg. But you don’t like it here, do you?“

Die Zivilisierung brutaler Verhältnisse ist die Botschaft.

Viel mehr noch aber, als von seiner Botschaft, lebt die Erfahrung dieses exzellenten Films von seinen Eindrücken, den sinnlichen Gewißheiten einer selten gelungenen Kombination aus Schönheit und Gewalt, Glamour und Horror. Dies ist, wie alles interessante Kino, ein Phantasiestück, das wir auch nach dem nicht im Ganzen aufzulösen vermögen. Ein sehr musikalischer Film, zugleich ein sehr lakonischer Film. Die Logikfrage ist ein Problem in dieser Erzählung. Egal!

Großes Kino, das mit hervorragendem Setdesign, Kamera- und Musikeinsatz ebenso fasziniert, wie mit ungesehenen Bildern in der Tradition des phantastischen Films – vor allem Alejandro Jodorowskys Meisterwerk, der surrealistische Western „El Topo“ ist eine eindeutige Referenz.

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Am Schluss muss man noch dazu sagen: „The Bad Batch“ ist auch ziemlich lustig. Wer das alles zu ernst nimmt, tut sich und dem Film ebenso keinen Gefallen, wie wenn man ihn nicht ernst genug nimmt.

Das Kind, das namenlos bleibt, hat ihre Gefangenschaft gut überstanden, und ist hungrig: „I want Spaghetti!“ Darin darf man auch eine Anspielung oder eine Referenz an den Spaghetti-Western sehen. Die Antwort gibt der von Jason Momoa gespielte Vater: Er nimmt den Spielgefährten der Tochter, und brät ihn am Feuer.

Dies ist eben kein Spaghetti-Western; und Zivilisation hat mit vielem zu tun, auch etwas mit Abhärtung und mit Fleisch-Essen. „The Bad Batch“ ist in jeder Hinsicht ein Film für Anti-Vegetarier.

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Dieser Film wird also keinen Preis kriegen am Ende, so wenig wie Amat Escalante, schon gar nicht hier in venedig – wo noch nie wilde Filme einen Preis bekamen, nicht Bigelow, nicht De Palma, nicht Garell, nicht Kechiche, nicht Jessica Hausner, nicht Mendoza, aber unglaublich viele brave, längst vergessene Schmonzetten und der schlechteste Sofis-Coppola-Film ever.

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Entsprechend lustig wurde dann Pressekonferenz im marmorgetäfelten alten Lido-„Casino“ aus Zeiten des italienischen Kannibalen Benito Mussolini. „Whats your next project?“ habe man sie schon in Sundance gefragt, direkt nach der Premiere von „A Girl…“. Der erste spontane Pitch sei gewesen „A cannibal falls in love with his next meal.“ Sie habe halt eine „Weirdo-Agenda“, meint die Regisseurin weiter, die Produzenten, die sie angesprochen hatten, hätten kurz geschluckt, und dann nur gesagt: „Ok – if you do it in colour and in english.“

Da merkt man, wie das Filmgeschäft funktioniert, was sich eine leisten kann, die gerade als „hot“ gilt und wozu Produzenten bereit, sind, wenn sie ihre Dagobert-Duck-Brille aufhaben.

Aus „Ein Kannibale verliebt sich in seine nächste Mahlzeit“ sei dann dieser „Cannibal-Love-Story-Western“ geworden, als den Amirpour ihren neuen Film beschreibt. Man muss das nicht so sehen, diese Beschreibung nicht teilen, um den Film zu mögen. Pferde gibt es hier jedenfalls nicht, und auch andere Western-Referenzen halten sich in Grenzen. Spuren des Konzepts finden sich derzeit noch in der IMDB wo sie bestimmt auch bald verschwinden werden.

An filmischen Einflüssen nennt sie tatsächlich „Romancing the Stone“, ok, nun ja und kaum zu glauben: „Neverending Story“. Ich kann auch nicht sagen, dass sie mir wahnsinnig sympathisch wäre. Amirpour ist mir zu amerikanisch. Zu muskulös, zu auftrumpfend selbstbewußt, zu offensichtlich medientrainiert, zu glatt, zu… Sie hat die fanatische Ausstrahlung einer Joggerin am Morgen, die auch an der Ampel noch auf der Stelle läuft, und in der linken Hand dabei eine Flasche stilles Mineralwasser hält. Zweimal in den 29 Minuten Pressekonferenz vergleicht sie etwas – ihren Musikgeschmack zum Beispiel – mit Sex. Da denke ich dann: Die die öffentlich drüber reden, haben entweder keinen oder einen, den man nicht haben möchte – aber das ist natürlich auch Unsinn.

Und sowieso: Der Film ist gut, die Frau ist klug, und hat Humor.

Im Rest der Antwort zum Umgang mit Musik – die im Film ein extrem wichtiges Element ist – beruft sie sich komplett auf ihr Gefühl: „When it feels right.“ Und weiter: „I don’t know how to explain style. You have that aestetic, that lense, that camera. Its difficult to explain.“

Auf die dann irgendwie vorhersehbare Frage: „Why is it necessary to show us a lot of violence?“ reagiert sie dann unnötig uncool, obwohl doch die Fragerin offensichtlich den Film mochte: „What is a lot? Maybe it is not for you. My film is a reflection of the world we are living in. Violence is in a lot of things, so i find it absurd to ask about it… You wanna ban it? Good luck.“

Lustiger dann, als eine andere Fragerin, in ihrer Frage Papst Franziskus zitierte: „Was the pope in my screening?“

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„She is a bit arrogant“ plappert es da hinter mir – das muss eine Deutsche sein, und ja tatsächlich. Aber ich sag jetzt nicht wer.

Rüdiger Suchsland

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