Im Traumreich der Sinne

Venedig_2016_08: Reha Erdems berückender „Big Big World“ in Venedig ist nicht ganz von dieser Welt

„Könnten hier Wölfe sein?“ „Gibt es hier Schlangen?“ fragt die Schwester. Nein, sagt der Bruder. Tatsächlich sehen wir gleich darauf, wie eine Antwort auf die Frage, eine Schlange, die sich durch das Schilf schlängelt. Tiere spielen eine zentrale Rolle in diesem Film. Eine Schildkröte am Ufer. Reiher über dem Wasser. Ein Fisch im Fluß. Amseln und Drosseln, auch mal ein Habicht über den Bäumen. Käfer und Insekten auf den Pflanzenhalmen, Ameisen in der Erde, eine Spinne im Moos. Ein weißer Ziegenbock, der regelmäßig in völlig unvermuteten Augenblicken zwischen den Bäumen auftaucht. Der ganze Wald ist belebt: Es zirpt und quakt, raschelt und knackt. Und immer wieder mal ist auch die Schlange zu sehen.

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Eine seltsam unschuldige Landschaft, dabei keineswegs ein Paradies, aber sehr faszinierend: Hinter der Provinzstadt in den Bergen des weiteren Umlands von Istanbul liegt sie. Von Schilf umgeben, gibt es dahinter einen Fluß, der sich gelegentlich zu einem See erweitert, und dahinter einen tiefen Wald. Ein Ort irgendwie fernab der Welt, trotzdem nicht von ihr unberührt.

Hierin haben sie sich zurückgezogen Zuhal und Ali, die sich selbst Mi-Mi und Kum-Kum nennen. Ein Bruder und eine Schwester. Zwei Waisen. Hänsel und Gretel, die gingen in den Wald…

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„Papa!“ ist das erste Wort des Films. Es wird auch das letzte sein. Wir sehen Ali, irgendwo in den Vorstädten von Istanbul lebt der Jüngling ein tristes Leben. Er arbeitet in einer Motorwerkstatt, die zweite Szene zeigt, dass er wenig Geld hat, bald darauf verstehen wir: Sein Motorbike ist sein ein und alles, und er hat ein Händchen für Motoren. Er versucht seine Schwester Zuhal zu erreichen, die lebt bei einer Familie, und die will Ali nicht zu ihr lassen. Als am nächsten Tag Alis Chef etwas von einer „Imam-Heirat“ erzählt, verstehen wir mit ihm: Auch die Schwester soll zur Zweitfrau eines viel älteren Mannes werden, hilflos, quasi eine Gefangene. Waisen sind gefügige, hilflose Objekte in der türkischen Gesellschaft. Ali wird das nicht zulassen, er will und wird sie retten. Mit einem Messer sticht er seinen Weg gegen jeden Widerstand frei, ein in seiner Beiläufigkeit wahnsinniger Akt, befreit die Schwester. Beide fahren auf dem Motorbike davon, zusammen in die Freiheit, da ist der Film noch keine 15 Minuten alt.

Ein cooler packender Anfang für einen lakonischen Film, der ungemein effektiv erzählt ist.

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Wow! Gerade als ich in meinen letzten Venedig-Kommentaren ein bisschen miesepetrig zu werden drohte, kommt dann so etwas! „We’ll find a place. It’s a big big world.“ sagt er. Dann gehen sie in den Wald. Wir wissen nicht wie er auf diesen Ort kommt, das spielt auch alles gar keine Rolle. Wichtig ist der Augenblick, das Dasein dieser beiden Menschen in der Natur und das Zusammenspiel des Paradiesischen mit dem Konkreten, des Symbolischen mit dem Realen, des Beiläufigen mit dem Konsequenten.

Alles hat zwei Ebenen. Natürlich könnten die Schlangen mehreres bedeuten. Darin, in der Beiläufigkeit des Erhabenen, und der Verbundenheit von Natur und Mensch erinnert „Big Big World“ an große Vorbilder: Wir müssen hier an Terrence Malick und sein „Badlands“ denken, aber auch an „Au Voleur“ von Sara Leonor, und Christophe Ruggias „Les Diables“.

Die Story eskaliert: Ali verdient Geld, geht zum Jahrmarkt, sieht dort Aytul, eine singende blonde Lolita, geht zu einer Prostuituierten, die ihn bestiehlt. Zuhal wird gelegentlich schlecht. Ist sie schwanger? Sie schläft auch mal halb im Wasser liegt, zwischen Nebelschwaden, sie isst immer diese roten Beeren, die bestimmt nicht gut für sie sind. Ein Selbstzerstörungs- und Todestrieb.Zuhal ist ganz klar traumatisiert. Der Film macht auch ganz subtil dieses ganze Sexualität-Unschuld-Geschwisterliebe-Ding auf – Eros und Zivilisation.

Wir wissen, von der Kamera, dass sie beobachtet werden. Aber von wem? Vom Ziegenbock und dem Wild? Von der wirren Alten, die sich im Wald herumtreibt, von einem Geisteskranken, der auch da irgendwo ist?

Irgendwann bricht der Wahnsinn aus, und am Ende können wir nicht sicher sein, ob er wieder eingefangen ist.

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Berückend und poetisch geht es um die Freiheit und ihre Grenzen. Der Film gewann den „Bisato“, den Preis der unabhängigen Filmkritik für die beste Regie.

Einmal mehr ist es Reha Erdem („Bes Vakit“, „Hayat Var“, „Jin“) gelungen, und zu überraschen. Nicht zm ersten Mal folgt er in seinem Film den Wegen junger Menschen und bringt eine Erfahrung auf die Leinwand, die gleichzeitig unbedingt realistisch ist, und märchenhaft, voller Poesie und Zärtlichkeit. Eine Liebesgeschichte in deren Zentrum eine universale Liebe steht: Die für die Freiheit.

Erdems Stil ist musikalisch, visuell, er hat einen großartigen Sinn für Timing und Tempo, und findet Bilder, die man nicht wieder vergessen kann.

Rüdiger Suchsland

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