Das deutsche „Vertigo“

Venedig_2016_09: Ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte: „Opfergang“ – das umstrittene Melodram des NS-Regisseurs Veit Harlan war in der Mostra erstmals seit Jahren und frischrestauriert wieder auf der Leinwand zu sehen.

„Die Sonne sinkt. Nicht lang dürstest Du noch verbranntes Herz. Verheißung ist in der Luft. Aus unbekannten Mündern blästs mich an. Die große Kühle kommt.“ – „Sehr schön“ – „Ja, sehr schön.“

(Dialogpassage aus „Opfergang“, die erste Zeile ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche)

Eine blonde Frau im weißen Badeanzug. Sie sitzt auf einem Schimmel und reitet ohne Sattel im vollen Galopp auf dem Strand einer Meeresküste entlang. Zu stürmischer Musik, die diese Bewegung noch anzuheizen, zu beschleunigen scheint. In der Hand hält sie Pfeil und Bogen, sie zielt und schießt einen Pfeil ins Schwarze einer Zielscheibe. dann macht sie kehrt und wiederholt das Kunststück, die Musik setzt nicht aus. Danach reitet sie mit ihrem Pferd durch die Brandungswellen ins Meer hinein, durch den Wellenkamm. Der Kamerawinkel wechselt und filmt die Reiterin von Halboben. Man sieht, dass das Pferd ein paar Augenblicke lang die Bodenhaftung verloren hat, schwimmt…

opfergang

Ein anderes Bild zeigt das Gesicht der gleichen Frau später im Liegen. Überblendet wird ihr Gesicht mit dem eines herrschaftlichen schmiedeeisernen Gartentores, hinter dem ein Mann auf einem ruhig stehenden Pferd sitzt; er scheint zu grüßen mit einer merkwürdig steifen, mechanisch wirkenden Bewegung seines linken Armes. Dann verschwindet der Mann, das Tor öffnet sich wie von Geisterhand und ein Sonnenaufgang über einer Meeresküste wird sichtbar. Die Musik dazu ist diffus, sphärisch, und verstärkt den phantastischen Eindruck der Szene, die nicht aus dieser Welt zu stammen scheint…

Auch die Meeresküste sehen wir noch einmal: Zwei Reiter, der gleiche Mann, und eine andere blonde Frau, reiten im ruhigen Schritttempo nebeneinander her. Sie tragen Reitkleidung und Handschuhe, die Frau wirft einen blutrote Rose auf den Strand. Sekunden später umspielt die Brandung die Rose, einmal, zweimal,. dann spült sie sie ins Meer…

Ikonische Bilder des deutschen Kinos. Unbekannt den meisten, vergessen auch von vielen, die sie mal sahen. Aber im Unterbewussten dieses Kinos, seiner Filmemacher und seines Publikums möglicherweise weiter und stärker wirkend, als man glauben und wahrhaben möchte. Bilder von „großen Gefühlen“, wenn auch fragwürdigen und vielleicht nur behaupteten; Dokumente eines Kinos des Exzess‘, in dem auch die Bilder immer wieder ein paar Augenblicke lang die Bodenhaftung verlieren. Kino als Taumel, als Stimme aus dem Reich des Unbewußten, ein „deutsches „Vertigo“.

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Wer kennt diesen Film? Er gilt als einer der wichtigsten und allerbesten deutschen Spielfilme des 20. Jahrhunderts. Auf der Liste der 100 besten Filme aller Zeiten setzte ihn der „Spiegel“ vor 20 Jahren auf Platz sechs. Das war ein Akt offener Frivolität, des Camp und der Provokation, erst recht, wenn man nachliest, wer da offenbar an einem schönen feuchtfröhlichen Abend, diese Liste zusammengestellt hat. Objektiv Unsinn, war die diese Provokation offenbar nötig, hat aber trotzdem nicht gefruchtet.

Jetzt erst, 21 Jahre später wurde Veit Harlans „Opfergang“ aus dem Jahr 1944 beim Filmfestival von Venedig in restaurierter Fassung wieder aufgeführt. Kurz nach der Uraufführung bei den jetzigen Filmfestspielen wird er auch wieder im Kino gesehen werden können, und bei Concorde auf DVD/BlueRay erscheinen.

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Es ist hier jetzt nicht der Ort und nicht der Zeitpunkt, über unseren Umgang mit dem NS-Kino, über berechtigte und unberechtigte Vorbehalte und über bezeichnende Verdrängung zu reden. Aber die Aufführung in Venedig kann zumindest dafür als Signal genommen werden, dass international ein wenigstens historisches Interesse daran besteht, dass das NS-Kino sichtbar bleibt, oder wieder wird, dass man es nicht in irgendwelchen Archivkellern vergammeln lässt, oder gar in „Giftschränken“ verschließt, sondern zugänglich macht, historisch-kritische DVD-Fassungen herstellt.

Bezeichnend war auch, dass zur Vorführung in Venedig fast nur die üblichen Verdächtigen kamen, historisch interessierte und über den Tellerrand des Tagesgeschäfts hinausblickende Kollegen wie Ellen Wietstock, Daniel Kothenschulte und Hans Georg Rodek, der meines Wissens der einzige war, der seinerzeit Irene von Meyendorff, die vergleichsweise unbekannte Dritte in dieser Dreiecksgeschichte, mit einem Nachruf würdigte.

Die übrigen Redakteure und die Kollegen vom Radiofeuilleton habe ich nicht entdeckt. Leider keine große Überraschung.

Rüdiger Suchsland

(Mehr zu diesem Film wie zu seiner Restauration in den nächsten Wochen bei artechock).

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