Draculas Kutscher

Männer mit Trenchcoats: John Le Carre in Spanien – San Sebastian-Tagebuch_2016_02

„In the game of evolution, the winners are always the specialists.“

(aus: „El hombre de mil caras“)

Am Sonntag sind Wahlen in Berlin. Da wird sowieso Schlimmes bei herauskommen, insbesondere bei der Kulturpolitik. Ginge es nur um diese, dann müsste man nicht nur bei der Berliner Senatswahl FDP oder CDU wählen. Denn diese beiden Parteien haben zumindest noch einen Kulturbegriff. Bei allen anderen meint Kultur nach meinem Eindruck meistens nicht mehr als irgendetwas zwischen Multikulti-Stadtteilfest und dem Verbot, Praktikanten unter Mindestlohn zu bezahlen. Das sind ja auch alles schöne Dinge, es hat aber mit Kultur nichts zu tun. Grün ist echt langweilig, Jamaika in Berlin wäre aber mal lustig, nur ist das völlig außer Reichweite. Wen man für ihre Kulturpolitik in jedem Fall nicht wählen darf, ist die Berliner SPD. Da erinnere ich nur: DFFB, Humboldt-Forum, Berlinale, BE und Volksbühne. Zynismus und Dummheit geben sich Hand in der Entscheidung Chris Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf zu ernennen.

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Wer das nicht glauben will, dem empfehle ich einfach, die immer mal wieder im Netz verfügbare ARTE-Sendung „Durch die Nacht mit…“ anzugucken, in diesem Fall „Durch die Nacht mit Chris Dercon und Matthias Lilienthal“. Da unterhalten sich die beiden recht schamlos über ihre Technik das Publikum zu verar… veralbern. Sie decouvrieren sich selbst. Und dann sagt der eine zum anderen Sätze wie „Mach was mit Hunden. Du musst was mit Hunden machen.“ Die Ahnungslosigkeit dieser Typen schreit zum Himmel und erschüttert zugleich.

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„Draculas Kutscher“, das könnte ein passender Spitzname für Tim Renner sein, den sogenannten „Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten“ in Berlin. Nur bleibt die Frage: Wer ist dann Dracula? Chris Dercon oder doch der Regierende Bürgermeister Michael „wie heißt der nochmal“ Müller.

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„Draculas Kutscher“ ist jedenfalls der Spitzname für Juan Alberto Belloch. Der war Mitte der 90er Jahre zuerst Justiz- und dann in Personalunion Innenminister in Spanien, der mächtigste Minister in der sozialdemokratischen Regierung von Felipe Gonzalez. Er ist eine der Hauptfiguren in den spanischen Polit-Thriller „El Hombre de mil Cajas“ („Der Mann mit den tausend Gesichtern“) von Alberto Rodriguez. Dieser Minister wird gezeigt als ein schamloser Karrierist, ein Mann, der klug genug ist, nie irgendwelche Papiere anzufassen. Er sagt immer nur: „Summarize!“

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Der Film beginnt mit einem Insert: „This is a true story. Like all true stories, it contains a few lies. This is the story of a liar.“

Eine so oder so wahnwitzige Geschichte. In deren Zentrum Francisco „Paco“ Paesa steht, ein Waffenhändler, der in den 80ern für den spanischen Geheimdienst arbeitete. Die hätten ihn mal besser korrekt bezahlt, denn als das nicht geschieht, rächt er sich. Er hilft dem korrupten Ex-Guardia-Civil-Offizier Luis Roldan, der auch Kronzeuge im Verfahren um die illegale versteckte (Antiterror-)Regierungseinheit GAL war, unterzutauchen und außer Landes zu gehen. Später dann hat Paco Roldan in Absprache mit ihm an Spanien ausgeliefert, für 300 Millionen und Immunität – aber erst nachdem er ihn um sein Vermögen von 1,5 Milliarden erleichtert hat. Draculas Kutscher verkündete dann in der Presse: „Wir haben nie irgendeinen Deal gemacht.“ Was er nicht wusste: Paco hatte auch die Regierung ausgetrickst, und ein paar Tage später musste Superminister Belloch dann als zweites Minister-Opfer von Paco, nach Innenminister Antonio Assuncion, zurücktreten.

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Ich werde alt. Ich nehme im Kino die Zeiten ohne Handy und Computer und Internet und mit richtigen Autos, nicht so Auto-Scooter-Schüsseln aus Plastik, als Gegenwart wahr.

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Ein schöner Film, schön altmodisch. Ein bisschen wie eine gute John-LeCarre-Verfilmung: Männer in Anzügen. Männer mit Trenchcoats. Männer mit Zigaretten. Männer in Autos. Richtigen Autos, wie gesagt. Schöne alte Mercedes-Limousinen. Große Teile spielen in Paris, in Montparnasse.

Eine Komödie der Korruption und des Alltagszynismus, die naseweise hübsche Sätze enthält, wie „Nobody said, getting rich was cheap“, oder „What is the safest place in France? The Israelian Embassy“. Oder „Dein Land ist das Geld.“ Oder der Dialog: „Warum kann Spanien nicht so eine Demokratie sein, wie Frankreich, England und Deutschland?“ – „Weil es hier so viele Spanier gibt.“

Roldan allerdings wirkt in dieser latenten Komödienstimmung zu sympathisch, zu niedlich. Man vergisst, dass dies ein Mann ohne Scham war, ohne Anstand und so richtig wird auch nie klar, wo der Mann eigentlich das viele Geld her hat.

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Paco selbst täuschte nach der ganzen Angelegenheit seinen Tod vor, wohl auch, um der Rache der Regierung zu entgehen, der offenbar in Spanien alles zuzutrauen ist. Die meisten seiner Mitwisser wurden ermordet. 2004 tauchte Paco dann aus dem Reich der Toten wieder auf. Bis heute lebt er von den Millionen im schönen Paris. Wie gesagt: Eine wahnwitzige Geschichte.

Rüdiger Suchsland

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