Über den Wolken

Phasen, Schmerzen und das Lied vom Tod – San Sebastian-Tagebuch_2016_01

„Ich veröffentliche, das heißt, ich versuche die Bedingung, in der ich mich befinde, zu ändern. Ich tue es mit vielen Zweifeln und viel Vorsicht. Zugleich ist dieses Publizieren meine einzige Rechtfertigung vor den anderen und vor mir selbst. Es ist auch meine Hoffnung, nicht umsonst gelebt zu haben.“

(Vilem Flusser)

San Sebastian ist ein schönes und gutes, oft großartiges Festival. Mehr noch aber: Es ist eine sehr schöne und großartige Stadt. Darum fahre ich seit vielen Jahren gern hierher. Der Hauptwettbewerb ist anständig, und qualitativ viel besser, als der von Locarno, das ja als Festival nur in Deutschland gern derart in den Himmel gehoben wird. Im zweiten Wettbewerb kann man immer was entdecken, und man begegnet ein paar Filmemachern, die man später in den Wettbewerben von Cannes und Venedig wiedertrifft. Allein Grund genug hierherzufahren, sind die Retrospektiven. Früher waren es drei, seit ein paar Jahren sind es nur noch zwei, aber das reicht ja. Eine vollständige Autorenretro; die ist in diesem Jahr Jacques Becker gewidmet – mal sehen. Ich kenne von ihm nur einen Film, weiß dass er einen guten Ruf hat, von der Nouvelle Vague aber auch nicht übermäßig geschätzt wurde, jedenfalls weniger als andere. Die zweite Retro ist eine thematische Schau. In diesem Jahr geht es unter der Überschrift „The Act of Killing“ um „Gewalt im Kino“. Da läuft sehr viel, 32 Filme, alle recht neu, auch sehr viel Erwartbares, aber doch ein paar Sachen, die ich schon immer mal sehen wollte.

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Früh am Freitagmorgen, die Stadt war noch im Halbdunkel, ging es los. Zu früh aufgestanden, noch früher aufgewacht. Das fängt ja schon wieder gut an. Fahrt nach Tegel. Im Flieger vor mir ein älteres Paar. Sie liest „emotion“, er „Spiegel Geschichte“:“Die wilden sechziger Jahre“ – das ist seine Jugend, denke ich. Ich erhasche die Schlagzeile: „Wir glauben an das Kino“. Bei ihr kann ich lesen: „Eine neue Energie war da. sie wußte jetzt wer sie ist. Setze Dich gegen die Angst durch, sonst ist es zu spät.“

Wahrscheinlich ist das immer so, bei jeder Lektüre. Es geht um Selbstbestätigung.

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Ich habe mir keine Zeitung gekauft. Im Gepäck unter anderem von Ilse Aichinger: „Film und Verhängnis“. Eine Autobiographie in Form einer persönlichen Filmgeschichte; sehr empfehlenswert. Ein Buch, das ich schon mal vor 15 Jahren oder so, zwar sehr gern gelesen, aber auch nur quergelesen habe, für eine Rezension. Dass ich eigentlich schon vor ein paar Monaten hätte lesen wollen. Für „Hitlers Hollywood“ kommt es nun zu spät.

Erstmal schöne Sätze wie der hier: „Der Nachmittag brach an, die bessere Tageszeit.“

Dann aber auch, sehr schnell, Doppelbödiges: „Auch an dem Tag, an dem der zweite Weltkrieg begann, war ich im Kino.“ Oder „Es war gefährlich nach der Wochenschau und ihren Siegesmeldungen zu kommen, nicht nur für diejenigen, denen es ohnehin nicht erlaubt war, ein Kino zu betreten.“

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Ilse Aichinger erzählt auch von ihrer „Ingmar Bergman-Phase“. Stimmt, so etwas hatte ich auch: Visconti-Phase. Bertulucci-Phase. Truffaut-Phase. Greenaway-Phase. Die Wenders-Phase war eher eine Pflichtübung, weil ich dachte, das muss man gucken und muss es auch gut finden, wenn man „von Kino was versteht“; wenn man ein Kulturmensch sein will. Wollte ich „ein Kulturmensch sein“?  Jetzt, wo ich das hinschreibe, zweifle ich dran. Später meine Film-Noir-Phase. Meine Hongkong-Phase. Überhaupt Asien.

Eine Godard-Phase hatte ich nie, auch keine Antonioni-Phase, und doch gehören beide zu den Filmemachern, die mir am meisten bedeuten. Ich überlege, ob ich heute noch „eine Phase“ habe. Wann ich zuletzt so „eine Phase“ hatte? Asien und Frankreich bedeuten mir sehr viel. Älteres italienisches Kino, das neue aber gar nicht. Dann eher Lateinamerikaner. Alte Filme, vor allem aus den 30er, 40er, 50er Jahren immer mehr. Darum finde ich Retrospektiven wie die in San Sebastian immer interessanter. Als die Filmschule, die ich nie hatte.

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Meine Berliner Schule-Phase ist inzwischen vorbei, komplett, ich merke, wie gelangweilt ich inzwischen bin, beim Gedanken an die meisten dieser Filme. Die Angst vor Aussagen und gesellschaftspolitischen Positionen. Botschaften solle man mit der Post verschicken, war aus dieser Gruppe schon vor zehn Jahren zu hören. Das ist in jeder Hinsicht Blödsinn. Davon abgesehen: Wer verschickt heute denn noch was mit der Post?

Für mich ist Christian Petzold einer der Fixsterne am deutschen Kinohimmel. So wie Til Schweiger. Und wie Dominik Graf. Fixsterne helfen der Orientierung. An ihnen kann man sich ausrichten, weil man sich auf sie verlassen kann. Wer sich mit dem deutschen Kino der Gegenwart auseinandersetzt, kann jedenfalls diese drei nicht ignorieren. Wer wäre da noch zu nennen? Oskar Roehler und Fatih Akin vielleicht noch. Die Filme von Dominik Graf mag ich. Die von Til Schweiger nicht. Die von Christian Petzold sind verlässlich. Man kann sich ihnen anvertrauen.

Vielleicht wird Maren Ade bald auch so ein Fixstern. Jenseits dieses „Wir-sind-Toni-Erdmann“-Hypes, haben ihre Filme etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares, eine große Qualität. Sie repräsentieren etwas von dem Deutschland in dem wir leben. Darum müsste es gehen.

Heute Abend bekommt sie in San Sebastian den Preis der Internationalen Filmkritik, den „Prix fipresci“ für dfen besten Film des Jahres. Über 400 Filmkritiker haben abgestimmt, zuerst unter allen Filmen des Jahres, dann unter den drei meistgenannten. Ich war auch für „Toni Erdmann“.

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Flug über die Pyrenäen. Irgendwo da unten ist das Grab Walter Benjamins.

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Als Aichinger auf Sergio Leones berühmtesten Film “ C’era una volta il West“ zu sprechen kommt, denke ich auf einmal: Dass ausgerechnet die Deutschen dem Film den neuen Titel „Spiel mir das Lied vom Tod“ gaben. Die hatten es gerade nötig.

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Kurz darauf, der Sinkflug hat gerade begonnen, völlig unvermittelt ein stechender Schmerz im Kopf, vorne rechts. Genau so, wie mir das schon öfters andere erzählt haben: „Wie wenn jemand mit einer spitzen Nadel reingestochen hat.“ Oder wie ein Wespenstich. Aber das kann ja nicht sein in 10.000 Meter Höhe. Das rechte Auge tränt, wenn ich Stirn oder Kopfhaut berühre, tut’s noch mehr weh. Kurzer Gedanke: Ein Schlaganfall, wie mein Vater. Aber dann wäre es schlimmer. Eine Gesichtsrose. Vielleicht bekomme ich jetzt in meinem Alter plötzlich Migräne? Oder ein gerissener Muskel, ein gerissener Nerv? Angeschwollen ist nichts. Allmählich alles nach. Aber den ganzen Tag habe ganz leichte Lähmungen auf der rechten Stirnseite.

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Stopover in Madrid. Erstmal auf die Toilette, Blicke in den Spiegel, nichts zu sehen, kaltes Wasser macht auch nichts besser oder schlechter. Im Café treffe ich dann Janine Jackowski, die Produzentin von Maren Ade. Sie fliegt an deren Stelle zur Preisverleihung, weil das Kind der Regisseurin gestern krank geworden ist. Nicht ganz zu vergleichen, aber ich erinnere mich, dass Caroline Link seinerzeit nicht zur Oscarverleihung geflogen war – da war auch die Tochter krank. Familie geht vor, auch das ist eine eher neue und wie mir vorkommt besonders deutsche Entwicklung. Nicht jede Filmemacherin anderer Länder hätte genauso entschieden.

Janine bleibt dann auch noch nicht mal bis zum Empfang von German Films am Sonntag. „Zuviel zu tun“, sagt sie, obwohl sie noch nie hier war, und schon so viel von der Schönheit der Stadt und des Festivals gehört hat. Das ist mir schon öfters aufgefallen: Dass Filmemacher die Festivals nie genießen, genießen können. Dabei ist das und die Gespräche wie Zufallsbegegnungen mit dem Publikum doch der Sinn des Ganzen.

Mit Janine spreche ich ein bisschen über den auch für sie erstaunlichen Erfolg des Films. Und die vielen, die sich jetzt drauf setzen wollen, die es natürlich schon immer gewusst haben. Mir gehts eher so, dass mich der Erfolg für diese Regisseurin und diese Produzentin und ihre Firma freut. Aber ich habe Sympathie für die, die den Film vorher nicht einschätzen konnten. Wie soll man das auch ahnen? Hätte mir auch passieren können.

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Nach Ankunft dann die üblichen Dinge, die am ersten Tag noch zu erledigen sind: Zimmer beziehen, Akkreditierung und Kataloge holen – es gibt hier außer dem recht nutzlosen Hauptkatalog ein sehr nützliches Buch für jede Retro -, und dann noch das fahrrad. wie in Venedig ist man auch hier mit dem Fahrrad am besten unterwegs.

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Dann der Eröffnungsfilm. Die Französin Emmanuelle Bercot erzählt in „La Fille de Brest“ von einer Ärztin, die allein gegen alle, und ein bisschen wie Julia Roberts in „Erin  Brokovich“ gegen das Gesundheitssystem kämpft, und einen Skandal aufdeckt, der Menschenleben kostet. Nach zwei Stunden dachte ich, das dies ein sehr durchschnittlicher Film sei, aber da waren erst 40 Minuten vorbei. Langatmig und irgendwie armselig – wie man mit so etwas eröffnen kann, ist mir schleierhaft, denn es ist gar keine Frage, dass hier noch viel bessere Filme laufen werden. Die Regisseurin hat sich nicht getraut, einen unspektakulären Film zu drehen, und daher alles mit untauglichen Mitteln und Pseudospannung aufgepeppt. Das geht ja los.

Rüdiger Suchsland

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