Facetten der Gewalt

Zur Themen-Retrospektive „The Act of Killing“ – San Sebastian-Tagebuch_2016_03

„We aren’t madmen or sadists, gentlemen. Those who call us Fascists today, forget the contribution that many of us made to the Resistance. Those who call us Nazis, don’t know that among us there are survivors of Dachau and Buchenwald. We are soldiers and our only duty is to win.“

(Der französische Colonel Phillippe Mathieu in „The Battle of Algiers“, 1966)

Dänische Soldaten, eine EU-Eingreiftruppe irgendwo im Herzen der Neuen Kriege. 2010 begleitete der dänische Dokumentarfilmer Janus Metz Pedersen eine dänische Einheit nach Afghanistan und zeigte dabei, wie nahe unserem Alltag die Kriegs-Gewalt inzwischen wieder gekommen ist. Sein oscarnominierter Dokumentarfilm „Armadillo“ wurde bald zum frühen Klassiker des Kinos des 21. Jahrhunderts. Ein Film, der belegt, wie in den 15 Jahren seit dem 11.September 2001 längst vergessene, vergangen geglaubte Weltanschauungs- und Religionskämpfe in unsere Gesellschaften zurückgekehrt sind, wie sich der Westen hat hineinziehen lassen, in archaische Gewaltkonflikte. Aber v on wem reinziehen lassen? Von sich selbst. Der eigenen Blödheit.

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„The Act of Killing. Kino und globale Gewalt“ – so heißt jetzt die große thematische Retrospektive beim Filmfestival in San Sebastian. 32 Filme laufen da, alle recht neu – der früheste stammt aus dem Jahr 2000 und kommt aus Deutschland: „Die innere Sicherheit“ von Christian Petzold spürte eher den Folgen vergangener Gewalt nach, als er eine dreiköpfige Familie zeigt, die offenbar seit Jahren im Untergrund lebt; RAF oder so, Strandgut des Kalten Kriegs. Der Film ist gealtert, aber ganz gut. Bestimmte Manierismen wirken nicht mehr neu und aufregend, sondern nur noch manieriert. Julia Hummer funktioniert nicht so gut, finde ich, jedenfalls hatte ich sie viel besser in Erinnerung, Richy Müller und Barbara Auer aber schon. Was der Film in der Retro zu suchen hat, kann man nur damit beantworten, dass ja irgendwie alles Gewalt ist.

Tatsächlich geht es im Kino eigentlich immer um Gewalt. Insofern muss man eher klarmachen, wovon die Retrospektive nicht handelt. Hätte ich 32 Filmen zum Sujet auswählen sollen, hätte ich überlegt, ob es nicht besser wäre, nur Dokumentarfilme oder nur Spielfilme zu zeigen. Ich hätte Exploitation und B-Filme gezeigt, Torture-Porn, Thriller, bestimmt einen Film von Fincher und einen von De Palma und einen Takashi Miike und einen Park Chan-wook. Asien wird hier bemerkenswert ausgeblendet, denn Oppenheimers Indonesien-Filme zählen da nicht mit. Dafür der unvermeidliche Loznitsa.

Die Retrospektive ist mir also viel zu glatt, viel zu brav, viel zu erwartbar. Bieder. Andererseits ist es problematisch jetzt Fehlendes einzufordern, anstatt über das zu schreiben, was zu sehen ist. Das ist gut, nur halt sehr willkürlich zusammengestellt.

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Es geht also nicht allein um sichtbare Gewalt, sondern um Latenz, gesehene Gewalt. Das Problem dieser Retrospektive ist zweierlei: Wenn man parallel den Wettbewerb anguckt, begegnen einem in fast jedem Film in diesem Jahre zum irrsinnig krasse Gewaltdarstellungen. Mehr als einmal habe ich gedacht: Wozu braucht ihr dann denn noch eine Retrospektive? Das Thema ist zu allgemein. „Globale Gewalt“, hm. es geht dann noch vor allem um die neuen Kriege.

Ich hätte es, und dies ist das zweite Problem, interessanter gefunden, wenn man die aktuellen Filme mit früheren konfrontiert hätte. Da hätte man gemerkt, wie sich Gewaltdarstellungen wandeln, wie die Gewalt selbst sich wandelt, und das, was heute als Gewalt empfunden wird.

Vor drei Wochen hatte ich in Venedig in den „Classics“ Pontecorvos „The Battle of Algiers“ wiedergesehen. Toller Film. Der wurde einerseits damals bestimmt als ziemlich brutal empfunden, während heute die Konstruiertheit der Film-Brutalität viel deutlicher hervorsticht. Andererseits tun sich einem heutigen Zuschauer ungeahnte Parallelen zur Gegenwart auf: Der Tugendterror der FLN, die asketische Strenge der Revolutionäre, die zwar Linke waren, aber auch schon Islamisten, für die Religion ein Mittel ist, um ein Volk zu mobilisieren. Die Burka als Schutz vor Kontrollen, für Waffen- und Bombentransporte. Der Antiterrorkrieg, der selbst zum Terror wird.

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Die Frage nach der Gewalt wird in Spiel- wie Dokumentarfilm gestellt. Sie ist im Baskenland, wo der Terror der ETA noch lange nicht vergessen ist, und ein radikaler, mitunter gewalttätiger Nationalismus weiterhin blüht, von besonderer Aktualität. „La pelota vasca“, „Das baskische Ballspiel“ heißt ein großartiger Essayfilm, der 2003 bei diesem Festival Premiere hatte und der ebenfalls in der Retrospektive läuft. Der Baske Julio Medem, als Spielfilmregisseur weltbekannt, erzählt hier mit ruhiger, sicherer Hand die politische Kulturgeschichte seiner Heimat, und versucht den Terror und den gewalttätigen Nationalismus aus diesen Wurzeln zu erklären: Provinzielles Ressentiment, die Unsicherheit einer verspäteten Nation, die im 20. Jahrhundert reich wurde, aber politisch unterdrückt ist. Und der schamlose Populismus der Regionalparteien – es kommt einem deutschen Zuschauer überraschend vieles bekannt vor, an diesem baskischen Spiel.

Rüdiger Suchsland

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