Die Verklärung des Gewöhnlichen

Zwei Filme aus Lateinamerika im Wettbewerb – San Sebastian-Tagebuch_2016_07

Maixabel ist blond, und sieht auch wegen ihrer hellen Haut eher wie eine Dänin aus. Sie ist aber baskische Spanierin, und sitzt hinter dem Schalter an dem man sich jeden Tag die Karten für Akkreditierte besorgen muss, und im Gegensatz zu ihrer Kollegin, nach deren Namen ich auch noch nicht gefragt habe, unterhalte ich mich mit ihr immer ein bisschen, über Filme, über die Stimmung, über Journalisten an und für sich und so weiter… Sie hat mir neulich auch „pastelloso“ beigebracht, das spanische Wort für kitschig, das es sehr gut trifft, weil es an einen süßen Kuchen erinnert.

Heute habe ich ihr erzählt, wie schön ich es hier finde, und dass ich jedes Mal beim Festival denke, dass ich gern einmal länger hierherkäme, mindestens mal eine Woche vor oder nach dem Festival da wäre. „Aber wenn Du dann herkommst, regnet es sicher.“ meinte sie dazu, „Aber das ist auch nicht schlimm. Wir sind dann ja auch da und sitzen alle in der Bar und finden es cool. So sind wir.“ Maixabel will mir tatsächlich weismachen, dass das Wetter hier immer schlecht sei. „Wir Basken sind keine richtigen Spanier, die sind braun und haben dunkle Haare – schau mich an.“ Und wo soll man hinziehen? Sie schlägt Sevilla vor: „Sevilla! Sevilla ist großartig. Andalusien ist super.“

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Im Wettbewerb derweil zwei Filme aus Lateinamerika: „Jesus“ aus Chile, von Fernando Guzzoni ist bereits im Vorfeld seltsam gehyped worden – was vermutlich auch damit zu tun hat, dass der Film satt mit Fördergeldern aus Frankreich, Deutschland und Griechenland (!?) ausgestattet ist.

Der Film erzählt von einem etwa zwanzigjährigen Taugenichts. Er trägt diverse Tatoos, Piercings und Ringe in den ausgestanzten Ohrläppchen, schaut sich Enthauptungen auf „mundonarco.com“ an, und belügt seinen Vater um von ihm Geld zu bekommen. Die ersten 40 Minuten schauen wir ihm im Prinzip dabei zu, wie er permanent mit schmutzigen Drogen und billigem Schaps zugedröhnt in der Gegend herumschlurft, lallt, sabbert und kotzt und im Delirium alles lustig findet. Vermutlich möchte der Filmemacher, dass man Jesus bemitleidet, dass man ihn mag oder anders Anteil nimmt. Mir geht es eher so, dass mich der Film schon deshalb schnell genervt hat, wer mich zwingt minutenlang Sachen zu sehen, die ich gar nicht sehen will, und unendlich viel Zeit mit einem Vollidioten zu verbringen, mit einem Typen, den ich, wenn er mich in einer Kneipe anquatschen und um Geld betteln würde, sofort wegschicken würde.

Irgendwann hat Jesus – neben einem Grab, drunter geht’s nicht in diesem wichtigtuerischen Film – Sex mit einem Mädchen, das am ganzen Körper tätowiert ist und gepiercte Brustwarzen hat. Später hat er dann Sex mit einem seiner Nichtsnutz-Freunde, und natürlich könnte man jetzt lange über Einsamkeit und Sehnsucht nach Wärme, nach Geborgenheit schwadronieren. Diese unklare sexuelle Orientierung, die bei einem Typ, der auch sonst ziemlich orientierungslos ist, wenn er nicht gerade seinen Vater belügt, nicht weiter überrascht, führte aber vor allem zu langen weitschweifigen Debatten bei der Pressekonferenz nach dem Film, weil es offenbar in der Machoregion Lateinamerika immer noch das größte Problem ist, wenn Jungs nicht auf Mädchen. was sie sonst tun, ist offenbar vergleichsweise ziemlich wurscht.

Das müsste nicht so sein, denn etwa in der Mitte des Films laufen diese armen geborgenheitbedürftigen Jungens, als sie mal wieder nachts vollgedröhnt durch den Park stolpern einem anderen Jugendlichen über den Weg, cder das Pech hat, allein zu sein. Nachdem sie ihn zu Brei geschlagen und getreten und bepisst haben, bringen sie ihn um. Das alles tritt der Regisseur minutenlang breit, malt es gewissermaßen genüsslich und explizit aus – was er natürlich m,it den Sexszenen nicht tut. Daran, an dem Unterschied zwischen der Darstellung von Sex- und Gewalt erkennt man diese Art von Arthouse-Exploitation.

Das war der Moment, wo die Zuschauer gruppenweise den Saal verließen. Ich blieb drin, aus Berichterstatterethos, und habe es schon in dem Augenblick bereut. Was folgt ist, dass der Vater als er begreift, was sein Sohn getan hat, diesen verrät. Daraus macht der Film dann eine große Affaire. Wie prätentiös das alles ist, zeugt der Titel den man jetzt erst versteht: „Vater, warum hast Du mich verlassen!“ Ohgottohgott.

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Was für ein Unterschied zu dem Blick auf die Jugend in Jacques Beckers „Rendez-vous en Juillet“. Die Verklärung des Gewöhnlichen, die Bestandsaufnahme des Hässlichen. Utopielosigkeit, und, ja, auch Lieblosigkeit.

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Der zweite Latino, „El Invierno“ vom Argentinier Emiliano Torres ist ein Schweigefilm und die argentinische Version eines Western: Alles spielt auf einer Ranch in Patagonien: Pferde und Schafe werden hier gehalten, die Landschaft ist toll anzusehen, und zum Leben schwer zu ertragen. Ein alter Mann wird von den Eignern gezwungen, seine Arbeit als Vorarbeiter dort aufzugeben. Ein junger Typ wird sein Nachfolger. Es gibt Spannungen und Konflikte, und zuerst sympathisiert der Film ganz mit dem Alten. Dann kommt der Winter… Ein schwieriges Leben, in Einsamkeit, der Kampf um die Vorherrschaft tritt zurück hinter den Ka,mpf gegen die Natur, ums Überleben. Beide müssen sich zusammenraufen. Aber dann stirbt der Alte. Der Junge beerdigt ihn. Am Ende aber hat nicht etwa er gesiegt, sondern das System. So versteckt sich hinter dem Thema des Generationenkonflikts und der Darstellung des Abschieds, des Abgesangs von einer Lebensform auch die Kapitalismuskritik. Trotz der Landschaftsbilder, und einer starken, intensiven Atmosphäre finde ich das alles so richtig gut aber auch nicht. Es ist nur eine andere, vielleicht wenigstens aufrichtigere Art, sich dem bürgerlichen Arthousepublikum anzubiedern.

Rüdiger Suchsland

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