Vor der Nouvelle Vague

Jazz und Gin und Urbanität: Erste Eindrücke von der Jacques-Becker-Retrospektive; San Sebastian-Tagebuch_2016_06

„Cigarettes americaines? No, i stick to the french.“

(aus: „Rendez-vous de Juillet“)

In San Sebastian gibt es noch Urbanität. Vermutlich wissen in Deutschland viele überhaupt nicht, was das Wort bedeutet. Es bedeutet nämlich nicht, dass es überall WiFi gibt, pro Quadratkilometer zwei Starbucks, und bezahlbare Mieten. So schön das alles auch ist.

Urbanität bedeutet Verhalten der Bürger. Sie bedeutet, dass auf der Concha, der einmaligen Bucht vor der Stadt mit ihrem breiten Sandstrand, die von einer etwa sechs bis zehn Meter über der Strandhöhe gelegenen, breiten Promenade eingerahmt wird, deren Eisen-Geländer wie vieles hier im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten ist, dass auf dieser Concha tagtäglich die Leute spazieren. Normale Leute, altmodisch gekleidete alte Paare, die eingehakt flanieren, oder Teenager, Eltern mit Kindern, aber vor allem oft auch Freunde: Drei Männer, oder fünf Frauen. Seltener gemischt. Urbanität ist die Selbstverständlichkeit dieses Verhaltens, des Sich-Zeigens, des Rausgehens, die Selbstverständlichkeit, mit der der öffentliche Raum von den Bürgern eingenommen, in Anspruch genommen wird.

Niemals würde, wie in Deutschland üblich, ein Restaurantbesitzer hier den Bürgersteig mit Tischen zustellen. Denn da will man ja laufen. Niemals würden öffentliche Bänke wie in Deutschland schon so konstruiert, dass man einzeln sitzen muss oder sich nicht drauf legen kann. Denn wozu sind Bänke denn da, wenn nicht zum Zusammensitzen. Und wenn jemand sich da mal hinlegen möchte, dann soll er doch. So ist Spanien.

Überhaupt gibt es enorm viele öffentliche Bänke in San Sebastian.

Urbanität ist, dass das Leben draußen stattfindet, und zwar das Leben der ganzen Familie, drei vier Generationen nebeneinander. Es ist aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der das Leben im Hier und Jetzt genossen wird. Man sieht hier, ob im Kino oder in Lokalen, alle Altersgruppen. Man sieht, wie viel und wie gern die Leute essen und trinken.

Zum Beispiel neulich, am Dienstagabend, als wir zu viert zum Abendessen in der „Bodega Donostiarra“ saßen, einem der besseren Lokale der Stadt, gleichzeitig bodenständig und in allem excellent. Gegen 20 Minuten vor Mitternacht, wir wollten gerade zahlen, kamen da sechs ältere Damen, keine unter 50, offensichtlich aus dem Kino setzten sich an einen Tisch, bestellten Bier und Wein und natürlich zu essen. Ganz normal halt. Das möchte ich trotzdem einmal in Deutschland erleben.

Urbanität ist übrigens auch das Verhalten der Bedienungen. Sie sind schnell, erklären, wen es dauert, behandeln alle gleich, jedenfalls wenn man sich halbwegs zivilisiert verhält. Wahrscheinlich könnte man Urbanität auch mit Zivilisiertheit übersetzen.

Ich mag natürlich auch einfach die Spanier sehr gern.

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Auch hier gibt es natürlich die Schattenseiten der Urbanität und schlechte Veränderungen. So klug das EU-Geld, das die Stadt als „Europäische Kulturhauptstadt 2016“ erhält, auch eingesetzt wurde, kaum für teure Prestigebauten und kurzatmige Renommee-Projekte, sondern für nachhaltige urbane Verbesserungen. Trotzdem gibt es auch hier leuchte Tendenzen zur Zerstörung der alten Stadtstruktur

Gesprächsstoff ist gerade die schöne alte, 1926 erbaute „Villa Kanimar“, die in der gleichen Straße lag, wie mein Hotel, und deren Abriß ich täglich auf meinem Fahrradweg zum Festival Schritt für Schritt mitverfolgen konnte. Gestern Abend war sie weg.

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Das heimliche Festivalzentrum in San Sebastian ist das „Café Artess“. Hier kommen sie alle vorbei, man kann sich grüßen, kurz reden, lange miteinander sitzen: Brigitte Suarez von Match Factory, Meinolf Zurhorst von ARTE, Titus Kreyenberg aus Köln – „mit meiner neuesten Coproduktion“ sagt er kinderwagenschiebend -, Bernhard Karl aus München, aber auch Nichtdeutsche: Pamela aus Paris, Pamela aus Chile, Martin aus Chile, Ariel aus Paris, Esin aus Istanbul, Geri aus Zürich, Produzenten und Funktionäre auch Uruguay oder Portugal, deren Namen ich jetzt dooferweise auch nicht mehr weiß.

Hier kann man dann sitzen und schreiben. Die Bedienungen lassen einen in Ruhe, fragen nach dem dritten Tag, ob erst Caffe con Leche, oder gleich Bier, und leeren regelmäßig den Aschenbecher.

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Freitag bis Sonntag, vor allem Samstag, herrscht hier schon nachmittags ein Heidenlärm. Die Leute lassen sich om Festival nicht stören, das ist die sehr angenehme Grundstimmung. Ein Straßenmusiker flötet schon seit zwei Stunden etwas immer gleich klingendes. Ob er dafür Geld bekommt? Auf dem Spielplatz gegenüber des Cafés tummeln sich etwa 30 Kinder verschiedensten Alters. Direkt neben mir an einem Tisch sitzen vier Mütter mit drei Töchtern, die jüngste ist höchstens vier. Aber es wirkt so – keine Brüder, keine Väter, die Mütter trinken Bier oder Spritzz, die Töchter Limo – als ob hier schon der zukünftige Bund geschmiedet wird, die Mädchen auf ihre Rolle als spanische Frau vorbereitet werden.

Rechts gegenüber liegt das San Telmo Museum, ein umgebautets altes Kloster mit Kreuzgang wie modernem Trakt, das für das Kulturhauptstadtjahr frisch renoviert wurde, und wo die Eröffnungsfeier stattfindet und auch zwei Kinos liegen. Vorhin kam kurz mal Richard Gere vorbei, da wurde es noch lauter.

Rechts neben dem Café liegt das Principe-Kino, das mit seinen zehn Sälen das Herz des Festivals bildet. Hier laufen alle Wiederholungen und sowieso die Retrospektiven.

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Nach San Sebastian komme ich immer auch, um hier viel aus den Retrospektiven anzugucken. Die historische Autorenretrospektive gilt in diesem Jahr dem Franzosen Jacques Becker. Becker (französisch ausgesprochen, also hinten lang) ist ein Geheimtip, irgendwie eine Legende, aber auch, soviel kann ich nach der ersten Handvoll Filme sagen, ein seltsamer Filmemacher, der nicht gut einzuordnen ist, und ein mit nur 15 Filmen kleines, disparates Werk hinterlassen hat. Becker begann in den Dreißiger Jahren als Assistent von Jean Renoir, bekannte sich zum Kommunismus, drehte eigene Filme für die Volksfront, drehte dann aber auch Filme unter der Besatzung und der Vichy-Regierung, dann im Nachkriegsparis wie er mit erst 54 Jahren gerade dann starb, als 1961 der Siegeszug der Nouvelle Vague begann. Um der anzugehören, wäre er sowieso zu alt geworden. Truffaut mochte ihn, Godard wohl weniger, obwohl der einen seiner Filme „Les Amants de Montaparnasse“, der aus meiner Sicht eher misslungen ist, außerordentlich gelobt hat.

Insgesamt ist Becker eine Zwischenfigur, „un artiste intermediaire“ wie irgendeiner geschrieben hat. Man hat den Eindruck, dass Becker permanent in seinen Filmen auf der Suche nach etwas ist, etwas, das er nie gefunden hat.

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Das allererste, was mir auffällt: In fast allen Filmen Beckers werden Frauen geschlagen, bekommen heftige Ohrfeigen, so heftig, dass es auch für die Zeit eher untypisch ist. Auch wenn Frauen nicht selten im Zentrum stehen, ist Becker ein ganz klarer, ziemlich altmodischer Macho.

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Der erste Film den ich sah, und der sich als einer der besten von Becker herausstellen sollte, war „Rendez-vous de Juillet“ von 1949. Zunächst einmal ein Beispiel dafür, wie eng Jacques Becker´der Familie seines Lehrmeisters Jean Renoir verbunden war. Denn die Kamera führte Claude Renoir einer der wichtigsten Kameramänner Frankreichs, verantwortlich für so gleichermaßen absurd unterschiedliche Filme wie „Une Partie a Campagne“ (1936) seines Onkels Jean Renoir, wie für Roger Vadims „Barbarella“ (1969). Vor allem aber: Beckers Schnittmeisterin in quasi allen seinen Filmen war Marguerite Renoir, Jean Renoirs Lebensgefährtin bis 1939.

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„Rendez-vous de Juillet“, in Deutschland mit dem idiotisch-passenden Titel „Jugend von heute“ versehen, ist in leichtem Komödienton gehaltenes, aber doch ernsthafter Ensemblefilm. Es dreht sich alles um Junge Leute, Jazz-Musiker, Schauspieler, und Forscher. Wie im Jazz gibt es zwar bestimmte Leitmotive und Leitstimmen, aber das Ensemble, die Beziehung zwischen den Charakteren bleibt das Entscheidende.

Ein ziemlich bezauberndes, leichtes, nie leichtgewichtiges Stück Avant-Nouvelle-Vague, das ganz den Zeitgeist des Existentialismus atmet, Idealismus und Melancholie, Engagement und Ennui verbindet.

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Eltern, Kinder, jung-sein 1949. Die erste Einstellung zeigt einen Schwenk über den Concorde, der in einen Innenraum mündet: Eine sehr bürgerliche Familie, „Papa est a table“ heißt es als die erwachsenen Kinder zu spät kommen. Solche Szenen der bürgerlichen Gesellschaft wird es immer wieder geben bei Becker. Der jüngste Sohn wird aus dem Zimmer geholt, um sich mit dem alles in allem liebenswert-nachsichtigen Patriarchen-Vater zu streiten, und den Essenstisch wieder zu verlassen. „Mein Schicksal liegt in der Ferne“, sagt er mit viel Ernst – Lucien ist Afrika-Fan, aber wir kehren nie wieder in diese Wohnung zurück. Es geht hier nicht um einen, sondern um fünf, fünf Jugendliche und andere und ihre Eltern und ihre Lehrer. Bemerkenswert ist die grundsätzliche Sympathie der Eltern und der Lehrer mit der Jugend, das Pathos des Jungseins.

Wir sehen Jazz im Club, Anthropologen im Musee de l’homme, Schauspoielschüler, die Sasha Guitry spielen, und denen der Lehrer sagt: „Quand on etait comedien, on est ar-ti-culé!“

Wir sehen aber auch ein Schwimmauto, das durch die Seine fährt – Ein Paris-Film ist dies auch -, und das damals noch viel sensationeller gewirkt haben muss, als heute, auf dem „Biki-ni“ geschrieben steht, und „Hallo – A l’eau“. Die Unbeschwertheit ist hier zentral.

Sie sind alle harmlos und gutwillig, keineswegs antibürgerlich, sondern im Grunde ernsthaft und angepasst. Anti-zynisch. Lucien, gespielt von dem erstaunlichen Daniel Gelin in seinem ersten von drei Becker-Filmen, plant eine Expedition zu Pygmäen. Andere junge Männer träumen davon, ihre Mutter zu entlasten, ihrem Vater zu gefallen. Die Girls haben Kettchen mit einem Kreuz um den Hals. Die zentrale von ihnen ist Schauspielerin, bescheiden, schüchtern, darum Sympathieträgerin und wird gespielt von Brigitte Auber, die später bei Hitchcock („To catch a thief“) die katzenhafte, Musidora-artige Juwelendiebin im Cat-Súit spielte. Die andere ist die seinerzeit erst 17-jährige vor auf den Tag genau drei Monaten verstorbene Nicole Courcel – eine junge schwache, nie ganz ehrliche Frau, der Daniel Gelin verfällt, was zu dem schönen Dialog führt: „If i’d really loved you, I would ask you to make love right now.“ – „Quoi?“ – „You will some day give your body to someone. But you will never give your heart. Because you dont have one.“

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Der Film mündet in eine Party, in einer Dachatelierwohnung. Es gibt viel Gin, due Frauen kochen, sehr selbstverständlich schmeißen die Jungs aus der Küche, obwohl es einer von ihnen ist, der das Rezept kennt. Zehn Jahre vor „Breakfast at Tiffany’s“ lohnt der Film schon als Alltagsstudie, wie die da leben, wie die Möbel, die Tapeten, wie die Frauen aussehen.

Kurz darauf hält Gelin eine Rede, die mehr ein Wutanfall ist, in der er allen seinen Freunden und Bekannten stellvertreend für den Regisseur den Spiegel vorhält: „You want to have little nice lives without a risk! Wacht auf! Eure Familien sind halbtot und sie wissen es. Es ist Zeit für uns, zu handeln!“

Was für schöne Zeiten, in denen man so noch reden konnte!!

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Toll, wie die dann auf der Party alle rumhängen. Wie sie, obwohl es Grund zu feiern gab, dann alle schlechte Laune haben und melancholisch werden.

Toll, weil dieser Film nie auf ein Gefühl zuläuft. Weil er den Zuschauern nichts auftischen will, aber vieles zeigen.

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Am Ende startet ein Flugzeug, ausgerechnet eine alte deutsche Maschine, eine Ju 52. Die Männer heben ab, fahren weg, die Frauen bleiben da, bleiben am Boden. Zwei Frauen: Die Strahlende (Auber) und die Depressive (Courcel).

Becker zeigt Menschen, die die Welt entdecken, die intensiv fühlen, er zeugt den Optimismus einer Epoche, sehr den Details zugewandt. Ein historischer Film, dessen Gefühle aktuell sind. Becker spricht von der Jugend seiner Zeit, dem Aufbruch. Und dies war kein imaginärer, behaupteter, idealisierter Aufbruch, wie bei Rene Clair, sondern ein echter.

Rüdiger Suchsland

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