Das deutsche „Vertigo“

Venedig_2016_09: Ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte: „Opfergang“ – das umstrittene Melodram des NS-Regisseurs Veit Harlan war in der Mostra erstmals seit Jahren und frischrestauriert wieder auf der Leinwand zu sehen.

„Die Sonne sinkt. Nicht lang dürstest Du noch verbranntes Herz. Verheißung ist in der Luft. Aus unbekannten Mündern blästs mich an. Die große Kühle kommt.“ – „Sehr schön“ – „Ja, sehr schön.“

(Dialogpassage aus „Opfergang“, die erste Zeile ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche)

Eine blonde Frau im weißen Badeanzug. Sie sitzt auf einem Schimmel und reitet ohne Sattel im vollen Galopp auf dem Strand einer Meeresküste entlang. Zu stürmischer Musik, die diese Bewegung noch anzuheizen, zu beschleunigen scheint. In der Hand hält sie Pfeil und Bogen, sie zielt und schießt einen Pfeil ins Schwarze einer Zielscheibe. dann macht sie kehrt und wiederholt das Kunststück, die Musik setzt nicht aus. Danach reitet sie mit ihrem Pferd durch die Brandungswellen ins Meer hinein, durch den Wellenkamm. Der Kamerawinkel wechselt und filmt die Reiterin von Halboben. Man sieht, dass das Pferd ein paar Augenblicke lang die Bodenhaftung verloren hat, schwimmt…

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Ein anderes Bild zeigt das Gesicht der gleichen Frau später im Liegen. Überblendet wird ihr Gesicht mit dem eines herrschaftlichen schmiedeeisernen Gartentores, hinter dem ein Mann auf einem ruhig stehenden Pferd sitzt; er scheint zu grüßen mit einer merkwürdig steifen, mechanisch wirkenden Bewegung seines linken Armes. Dann verschwindet der Mann, das Tor öffnet sich wie von Geisterhand und ein Sonnenaufgang über einer Meeresküste wird sichtbar. Die Musik dazu ist diffus, sphärisch, und verstärkt den phantastischen Eindruck der Szene, die nicht aus dieser Welt zu stammen scheint…

Auch die Meeresküste sehen wir noch einmal: Zwei Reiter, der gleiche Mann, und eine andere blonde Frau, reiten im ruhigen Schritttempo nebeneinander her. Sie tragen Reitkleidung und Handschuhe, die Frau wirft einen blutrote Rose auf den Strand. Sekunden später umspielt die Brandung die Rose, einmal, zweimal,. dann spült sie sie ins Meer…

Ikonische Bilder des deutschen Kinos. Unbekannt den meisten, vergessen auch von vielen, die sie mal sahen. Aber im Unterbewussten dieses Kinos, seiner Filmemacher und seines Publikums möglicherweise weiter und stärker wirkend, als man glauben und wahrhaben möchte. Bilder von „großen Gefühlen“, wenn auch fragwürdigen und vielleicht nur behaupteten; Dokumente eines Kinos des Exzess‘, in dem auch die Bilder immer wieder ein paar Augenblicke lang die Bodenhaftung verlieren. Kino als Taumel, als Stimme aus dem Reich des Unbewußten, ein „deutsches „Vertigo“.

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Wer kennt diesen Film? Er gilt als einer der wichtigsten und allerbesten deutschen Spielfilme des 20. Jahrhunderts. Auf der Liste der 100 besten Filme aller Zeiten setzte ihn der „Spiegel“ vor 20 Jahren auf Platz sechs. Das war ein Akt offener Frivolität, des Camp und der Provokation, erst recht, wenn man nachliest, wer da offenbar an einem schönen feuchtfröhlichen Abend, diese Liste zusammengestellt hat. Objektiv Unsinn, war die diese Provokation offenbar nötig, hat aber trotzdem nicht gefruchtet.

Jetzt erst, 21 Jahre später wurde Veit Harlans „Opfergang“ aus dem Jahr 1944 beim Filmfestival von Venedig in restaurierter Fassung wieder aufgeführt. Kurz nach der Uraufführung bei den jetzigen Filmfestspielen wird er auch wieder im Kino gesehen werden können, und bei Concorde auf DVD/BlueRay erscheinen.

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Es ist hier jetzt nicht der Ort und nicht der Zeitpunkt, über unseren Umgang mit dem NS-Kino, über berechtigte und unberechtigte Vorbehalte und über bezeichnende Verdrängung zu reden. Aber die Aufführung in Venedig kann zumindest dafür als Signal genommen werden, dass international ein wenigstens historisches Interesse daran besteht, dass das NS-Kino sichtbar bleibt, oder wieder wird, dass man es nicht in irgendwelchen Archivkellern vergammeln lässt, oder gar in „Giftschränken“ verschließt, sondern zugänglich macht, historisch-kritische DVD-Fassungen herstellt.

Bezeichnend war auch, dass zur Vorführung in Venedig fast nur die üblichen Verdächtigen kamen, historisch interessierte und über den Tellerrand des Tagesgeschäfts hinausblickende Kollegen wie Ellen Wietstock, Daniel Kothenschulte und Hans Georg Rodek, der meines Wissens der einzige war, der seinerzeit Irene von Meyendorff, die vergleichsweise unbekannte Dritte in dieser Dreiecksgeschichte, mit einem Nachruf würdigte.

Die übrigen Redakteure und die Kollegen vom Radiofeuilleton habe ich nicht entdeckt. Leider keine große Überraschung.

Rüdiger Suchsland

(Mehr zu diesem Film wie zu seiner Restauration in den nächsten Wochen bei artechock).

Im Traumreich der Sinne

Venedig_2016_08: Reha Erdems berückender „Big Big World“ in Venedig ist nicht ganz von dieser Welt

„Könnten hier Wölfe sein?“ „Gibt es hier Schlangen?“ fragt die Schwester. Nein, sagt der Bruder. Tatsächlich sehen wir gleich darauf, wie eine Antwort auf die Frage, eine Schlange, die sich durch das Schilf schlängelt. Tiere spielen eine zentrale Rolle in diesem Film. Eine Schildkröte am Ufer. Reiher über dem Wasser. Ein Fisch im Fluß. Amseln und Drosseln, auch mal ein Habicht über den Bäumen. Käfer und Insekten auf den Pflanzenhalmen, Ameisen in der Erde, eine Spinne im Moos. Ein weißer Ziegenbock, der regelmäßig in völlig unvermuteten Augenblicken zwischen den Bäumen auftaucht. Der ganze Wald ist belebt: Es zirpt und quakt, raschelt und knackt. Und immer wieder mal ist auch die Schlange zu sehen.

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Eine seltsam unschuldige Landschaft, dabei keineswegs ein Paradies, aber sehr faszinierend: Hinter der Provinzstadt in den Bergen des weiteren Umlands von Istanbul liegt sie. Von Schilf umgeben, gibt es dahinter einen Fluß, der sich gelegentlich zu einem See erweitert, und dahinter einen tiefen Wald. Ein Ort irgendwie fernab der Welt, trotzdem nicht von ihr unberührt.

Hierin haben sie sich zurückgezogen Zuhal und Ali, die sich selbst Mi-Mi und Kum-Kum nennen. Ein Bruder und eine Schwester. Zwei Waisen. Hänsel und Gretel, die gingen in den Wald…

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„Papa!“ ist das erste Wort des Films. Es wird auch das letzte sein. Wir sehen Ali, irgendwo in den Vorstädten von Istanbul lebt der Jüngling ein tristes Leben. Er arbeitet in einer Motorwerkstatt, die zweite Szene zeigt, dass er wenig Geld hat, bald darauf verstehen wir: Sein Motorbike ist sein ein und alles, und er hat ein Händchen für Motoren. Er versucht seine Schwester Zuhal zu erreichen, die lebt bei einer Familie, und die will Ali nicht zu ihr lassen. Als am nächsten Tag Alis Chef etwas von einer „Imam-Heirat“ erzählt, verstehen wir mit ihm: Auch die Schwester soll zur Zweitfrau eines viel älteren Mannes werden, hilflos, quasi eine Gefangene. Waisen sind gefügige, hilflose Objekte in der türkischen Gesellschaft. Ali wird das nicht zulassen, er will und wird sie retten. Mit einem Messer sticht er seinen Weg gegen jeden Widerstand frei, ein in seiner Beiläufigkeit wahnsinniger Akt, befreit die Schwester. Beide fahren auf dem Motorbike davon, zusammen in die Freiheit, da ist der Film noch keine 15 Minuten alt.

Ein cooler packender Anfang für einen lakonischen Film, der ungemein effektiv erzählt ist.

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Wow! Gerade als ich in meinen letzten Venedig-Kommentaren ein bisschen miesepetrig zu werden drohte, kommt dann so etwas! „We’ll find a place. It’s a big big world.“ sagt er. Dann gehen sie in den Wald. Wir wissen nicht wie er auf diesen Ort kommt, das spielt auch alles gar keine Rolle. Wichtig ist der Augenblick, das Dasein dieser beiden Menschen in der Natur und das Zusammenspiel des Paradiesischen mit dem Konkreten, des Symbolischen mit dem Realen, des Beiläufigen mit dem Konsequenten.

Alles hat zwei Ebenen. Natürlich könnten die Schlangen mehreres bedeuten. Darin, in der Beiläufigkeit des Erhabenen, und der Verbundenheit von Natur und Mensch erinnert „Big Big World“ an große Vorbilder: Wir müssen hier an Terrence Malick und sein „Badlands“ denken, aber auch an „Au Voleur“ von Sara Leonor, und Christophe Ruggias „Les Diables“.

Die Story eskaliert: Ali verdient Geld, geht zum Jahrmarkt, sieht dort Aytul, eine singende blonde Lolita, geht zu einer Prostuituierten, die ihn bestiehlt. Zuhal wird gelegentlich schlecht. Ist sie schwanger? Sie schläft auch mal halb im Wasser liegt, zwischen Nebelschwaden, sie isst immer diese roten Beeren, die bestimmt nicht gut für sie sind. Ein Selbstzerstörungs- und Todestrieb.Zuhal ist ganz klar traumatisiert. Der Film macht auch ganz subtil dieses ganze Sexualität-Unschuld-Geschwisterliebe-Ding auf – Eros und Zivilisation.

Wir wissen, von der Kamera, dass sie beobachtet werden. Aber von wem? Vom Ziegenbock und dem Wild? Von der wirren Alten, die sich im Wald herumtreibt, von einem Geisteskranken, der auch da irgendwo ist?

Irgendwann bricht der Wahnsinn aus, und am Ende können wir nicht sicher sein, ob er wieder eingefangen ist.

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Berückend und poetisch geht es um die Freiheit und ihre Grenzen. Der Film gewann den „Bisato“, den Preis der unabhängigen Filmkritik für die beste Regie.

Einmal mehr ist es Reha Erdem („Bes Vakit“, „Hayat Var“, „Jin“) gelungen, und zu überraschen. Nicht zm ersten Mal folgt er in seinem Film den Wegen junger Menschen und bringt eine Erfahrung auf die Leinwand, die gleichzeitig unbedingt realistisch ist, und märchenhaft, voller Poesie und Zärtlichkeit. Eine Liebesgeschichte in deren Zentrum eine universale Liebe steht: Die für die Freiheit.

Erdems Stil ist musikalisch, visuell, er hat einen großartigen Sinn für Timing und Tempo, und findet Bilder, die man nicht wieder vergessen kann.

Rüdiger Suchsland

Die 3 Dimensionen des 3-D-Films

Venedig_2016_07: Wenn das Weiß kein Weiß mehr ist – 3-D-Filme von Wenders und Dominik.

Filmkritik ist auch die Kunst, sich selbst beim Sehen zuzuschauen. Selten habe ich das so bewusst getan, wie den beiden 3-D-Filmen im offiziellen Venedig-Programm, Wim Wenders Handke-Verfilmung „Die schönen Tage von Aranjuez“ und insbesondere „One More Time With Feeling“ von Andrew Dominik.

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Dominik, ein Australier in Hollywood, ist der Regisseur von „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ (2007), und „Killing them Softly“ (2012), einer, der sich viel Zeit nimmt, sich scheinbar überaus gründlich mit seinen Themen befasst. Bei seinem neuen Film handelt es sich um einen Dokumentarfilm über den Musiker Nick Cave. Als Dokumentarfilm ist das Ganze auch recht geglückt. Was natürlich vor allem an Cave liegt. Der macht exzellente Musik, die in vielen Sessions gezeigt wird, und sagt dazwischen kluge oder interessante Sachen: „I just don’t believe in the narration any more.I just don’t think, life is a story. I try to do a fractured narrative.“ Und weiter „Most of us din’t want to change. Why should we? What we do most is sort of modifications of the design-model. But what happens, when an event occurrs?“ Das passt gut zu der Frage, „Was ist Kunst?“, die sich ein wenig durch viele Venedig-Filme zieht. Cave bezweifelt „the functionary role of accidents in art.“ Was etwas Magisches passiert, habe das nichts mit Wissen zu tun.

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Untergründig geht es im Film sehr stark um den Unfall-Tod von Caves Sohn Arthur, darum, wie die Familie damit umgeht. Vieles bleibt aber unausgesprochen, zu vieles. Denn wenn man einfach nicht weiß, dass Caves Sohn gestorben ist – und es gibt solche Menschen – dann wird man es aus dem Film erst nach 70 Minuten raunender Andeutungen von „Abgrund“, „Trauma“, „Dunkelheit“, „Schmerz“ und ähnlichem erfahren. Zu lange schleicht Dominik um den heißen Brei herum. Für Musikfans ist dies aber trotzdem eine sehenswerte Erfahrung.

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Aber 3-D. Zu den klugen Sachen, die Cave sagt, gehört auch dieser Satz: „This ridiculous 3-D-Kamera. So this is just a directorial tactic to get us all pissed off.“ Das einzige Mal, als es Szenen-Applaus im Saal gab.

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Wie gesagt: Filmkritik ist auch die Kunst, sich selbst beim Sehen zuzuschauen. Also schaut doch bitte mal endlich hin, Leute! 3-D! 3-D sind nicht drei Dimensionen. Sondern es sind zwei Flächen, zwei 2-D-Filmebenen, die nach mathematischem Prinzip asynchron gerechnet werden, um den Eindruck des Dreidimensionalen zu erzeugen. Zwei Bilder überlagern sich, aber nicht wie eine Überblendung.

Die Behauptung, dies habe irgendetwas mit unseren Sehgewohnheiten zu tun, ist pure Ideologie. Ideologie, um uns eine Technik zu verkaufen. Und um uns unsere vorhandenen Sehgewohnheiten madig zu machen, sie zu delegitimieren, sie in Frage zu stellen.

Auch eine Beobachtung: Das Weiß ist kein Weiß mehr. Entweder ist es ein gleißendes Hellgelb, als ob es sich um eine Überbelichtung handelte. Oder es ist ein helles Grau. Genauso wie das Schwarz immer ein dunkles Grau bleibt. Das Gegenteil des Schwarzweiß von Giglio Pontecorvo in dessen „Battle of Algiers“, den man hier sehen konnte, das auch unscharf ist, oder in dem die Kontraste einfach verschwinden.

Ist es eigentlich noch nie jemand aufgefallen: Die Untertitel machen die Leinwand zum Aquarium. Sie sitzen immer vorne am Bild, und machen jene „vierte Wand“ sichtbar, mehr noch: spürbar, die man 110 Jahre versuchte, vergessen zu lassen.

Nächste Beobachtung: Das Licht bei 3-D ist überhaupt nicht unter Kontrolle. Lichtpunkte schwirren im Raum, immer wieder, vollkommen unmotiviert. Ein Beispiel: Einmal spiegelt sich im Film das Licht auf dem Glas eines Bilderrahmens. Die 3-D-Kamera begreift das nicht, sondern hält das Licht für einen Körper. So steht nun das gleiche Licht plötzlich im Raum quasi vor dem Bilderrahmen. Dann spiegelt sich auch noch in der Brille das Saal-Licht von der Notbeleuchtung und die Reflexion des Filmlichts im Saal.

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Es gibt drei mögliche Arten, einen 3-D-Film anzusehen. Alle verraten einem etwas über den Film und über 3-D. Man kann ihn erstens konventionell mit 3-D-Brille gucken. Das Resultat ist in jedem Fall scharfer than life. Zweitens kann man ihn ohne Brille sehen. Längst nicht alles ist unscharf, aber alles ist heller. Plötzlich gut beleuchtet, und wieder leuchtend. Die dritte Möglichkeit, einen 3-Film zu sehen, ist: Mit Brille, aber immer einem zugehaltenen Auge. Da hat man einen grauschleirigen Film, der am ehesten dem 2-D Filmerlebnis entspricht.

Was für ein Schwachsinn!

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Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass man eine Brille aufsetzen muss, wenn man ins Kino geht. Aber erst recht erstaunlich, was gute Regisseure alles in Kauf nehmen, Die Mühe, die Cave in seine Musik verwendet, verwendet der Film nicht in die Bilder.

Dass ausgerechnet so einer wie Wenders nun diesen 3-D-Fimmel hat, überhaupt diesen Technik-Fetischismus, werde ich nie verstehen: Einer, der kommt von einem Verständnis des Kinos als direkten, bodenständigen Erlebnisses, beiläufig, alltäglich, nah an den Menschen, Straßenkunst wie Straßenmusik – und nun mitten im Kunst-Jetset; Kino als bürgerliche Hochkultur. Bäh, Pfui.

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Bei Wenders‘ neuem Film setzt man die Brillen auf, und dann gleich wieder ab. Denn im feuchten Klima von Venedig beschlägt die Brille. Danach dann Unschärfen und Flimmern – es stimmt eben etwas nicht.

Was 3-D vor allem mit dem Kino macht: es nimmt das Leuchten raus. Man merkt es, wenn man die Brille mal absetzt – was man bei Wenders gut kann, denn dieser Film ist eh nur ein Hörbuch. Richtig unscharf sind da nur die Untertitel. Der Vordergrund ist nur ganz leicht verzerrt, der Rest aber ist flirrend, vibrierend, und es sieht gleich besser aus. Wie Impressionismus.

3-D wird zur Farce – aber das ist keine ironische Geste von Wenders. Nimmt man die Brille ab, sieht man Seurat und Manet – da wird es visuelle Kunst. Der Vordergrund ist nur ganz leicht verzerrt, der Rest aber ist flirrend, vibrierend, und es sieht gleich besser aus.

Rüdiger Suchsland

Nathalie Portman, Stephane Brizé, Terrence Malick und andere im Schnelldurchlauf

Venedig_2016_06: Die prachtvollen Tage vom Lido und der schönste Kinomonat des Jahres – eine Zwischenbilanz der Mostra die Cinema

„Das Wirkliche ist vernünftig.“

(G.W.F. Hegel: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“)

Damit Sie, liebe Leser dieses Blogs, nicht glauben, wir seien untätig, hier ein kleiner Überblick, eine Art Update der letzten Tage.

Zunächst einmal in eigener Sache: Auf der Website von artechock kann man mein Venedig-Tagebuch lesen. Dort befinden sich auch (in den Folgen 2-4) einige Texte dieses Blogs, zum Teil aber in abgeänderten und längeren Versionen. Die anderen Folgen sind dagegen exklusiv, dort habe ich auch schon über „Jackie“ geschrieben, die One-Woman-Show von Nathalie Portman, als Kennedy-Witwe. Zu dem Film gibt es in den nächsten Tagen auch noch mehr zu sagen. Wer also alles aus Venedig lesen will, kann sich auf das Magazin verlassen, dort wird es spätestens in der Woche nach dem Festival auch stehen; wer dagegen schnell etwas lesen möchte, findet hier im Blog erste Eindrücke und manchmal ja auch schon ganz ausführliche Betrachtungen.

Diese Art von Doppelpublikation ist auch für mich gewöhnungsbedürftig, und ganz bestimmt noch nicht ideal gelöst. Aber ich lerne dazu, und freue mich über feedback, gerade auch per Mail, dann wird es beantwortet, wenn das Festival vorbei ist.

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Auch wenn das Festivalfinale am Samstagabend seine allerersten Schatten bereits vorauswirft, ist hier alles einstweilen noch in vollem Gang. In einer mitunter ermüdeten Fülle kann man hier schlag auf Schlag Filme sehen. wer nicht schreibt, wenig isst und früh aufsteht, wird hier problemlos sechs bis sieben Filme am Tag sehen können. Können wir gesagt. Ich habe einmal sechs Filme gesehen, bis allerdings aus einem davon nach 45 Minuten rausgegangen. Ansonsten sehe ich hier täglich in jedem Fall vier Filme – und das ganz entspannt: Ganz früh stehe ich nicht auf, und zwischendurch komme ich zum Schreiben und Arbeiten. Abends trifft man Leute. Und gelegentlich sitze ich sogar in der Sonne.

Irgendetwas müssen die Italiener – wie im Leben und im Fußball – auch in ihrem A-Filmfestival richtig machen. Denn in Cannes sehe ich am Ende weniger Filme, obwohl ich da in der Regel in die Frühvorstellung um 8.30 gehe, und obwohl ich hier nicht weniger arbeite. Dort steht man etwas länger in Warteschlangen, und die Programmierung ist viel weniger dicht.

Überhaupt ist das Festival von Venedig das entspannteste der großen Drei. Auch entspannter als Locarno. Nur in San Sebastian funktioniert das Zusammenspiel von Kino und Leben, Wohlfühlen und Arbeit, von Essen, Trinken, Sonne, Fußball und vielen Filmbesuchen ähnlich perfekt. Da bleibt sogar noch mehr Gelegenheit für einen Kaffee zwischendurch – schon weil das Festival mitten in der Stadt – einer richtigen Stadt im Gegensatz zu Cannes – liegt. Diese beiden Festivals machen den September zum mit Abstand schönsten Kinomonat des Jahres. Schon in acht Tagen geht es in San Sebastian los.

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Mit den Filmen von Lav Diaz und Emir Kusturica stehen aber hier erstmal noch zwei Wettbewerbs-Beiträge bevor, die hoch gehandelt werden. Ich bin da nicht ganz so optimistisch. Hinzu kommt der Film „Paradise“ des Russen Konchalowsky, der schon zweimal lief, den ich aber erst in ein paar Stunden sehen werde.

Die letzten Tage waren qualitativ nur durchwachsen. Leider. ich hatte mehr erwartet. Es gibt wenig schlechte Filme. Aber richtig Herausragendes leider auch kaum. Zwar gilt nach wie vor, dass das diesjährige Venedig-Programm durch besonders große Vielfalt besticht. Es gibt sehr unterschiedliche Filme, im Wettbewerb, wie in den Nebenreihen. Sie werden auch durch gewisse Themen verbunden: Sehr viele Filme haben weibliche Hauptfiguren. Sehr viele kreisen auf die eine oder andere Art um das Thema des Überlebens. Hinzu kommt die Tendenz, das Verhältnis von Gewalt zu Kultur und Natur des Menschen zu thematisieren, und nach der Funktion der Kunst zu fragen. Stilistisch ist weiterhin vor allem zweierlei bemerkbar, das nicht ganz neu ist: Immer noch sucht die Industrie einen Weg, 3-D-Technik unter die Leute zu bringen, obwohl die Schlacht eigentlich schon verloren ist: 3-D taugt nichts, bringt nichts, und vor allem nimmt es das Publikum nicht an. Richtig grotesk wird es, wenn einer wie Wim Wenders ein Zweipersonen-Stück von Handke in dem nicht passiert, nur ziemlich prätentiös herumgelabert wird, in 3-D filmt. Denn wenn dieser Film überhaupt irgendwen interessiert, oder zum Kartenkauf animiert, dann das Publikum von Programm- und Arthousekinos, und von Kinematheken. Nun kann aber kaum die Hälfte dieser Kinos überhaupt 3-D spielen. Hat das Wenders nicht bedacht? Da ich Wenders für einen viel größeren Zyniker halte, als es den Anschein hat, glaube ich, es ist ihm einfach egal.

Ebenso bemerkbar, und ebenso wenig neu ist, dass es mit der Aufhebung der Grenzen zwischen Autoren- und Genrekino, zwischen Fiction und Dokumentarischem weitergeht.

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Hier noch ein paar Eindrücke im Schnelldurchgang, die ausführliche Begründung folgt: „Une Vie“ von Stephane Brizé im Wettbewerb, der bei der im Mainstream-Geschmack gefangenen Mehrheit meiner Kollegen relativ gut ankam, ist eine unglaublich öde, zähe Angelegenheit. Brizé hat Maupassant verfilmt, aber alles ausgespart, das die Geschichte interessant macht – und gefällt sich leider gerade in diesem Nicht-Zeigen, das er vermutlich für Kunst hält. Aber ich fand schon Brizés kitschigen „La Loi du Marché“ („Der Wert des Menschen“) gnadenlos überschätzt.

Von Terrence Malick hatte ich viel erhofft. Seine IMAX-Doku „Voyage of Time. Life’s Journey“ scheint nun leider allen recht zu geben, die Malick schon in den letzten Jahren, oder immer doof fanden. Dieser Film ist es tatsächlich.

„Austerlitz“ (Außer Konkurrenz) vom Berliner Russen Sergeij Losnitza ist keineswegs die W.G.Sebald-Verfilmung, oder die von Sebald inspierierte Doku, als die sie sich ausgibt. Sondern ein stinklangweiliger Experimentalfilm in hässlichen Bilder, der alles und nicht bedeuten kann – weil hier alles im Auge des Betrachters liegt. In einem Biennale-Pavillon wäre das besser aufgehoben.

Ebensowenig hat „Kékszakállú“ vom Argentinier Gastón Solnicki (Orrizonti) irgendetwas ernsthaft mit „Herzog Blaubarts Burg“ von Bela Bartok zu tun, außer dem, was sich Insidern erschließen mag und der Tatsache, dass Bartoks Musik ein paar Male erklingt. Aber immerhin ist der Film über weite Strecken schön anzusehen.

Getröstet haben am ehesten zwei Japaner: „Gokuro – Traces of Sin“ ist eine komplexe Betrachtung der japanischen Gesellschaft und ihrer Auslesemechanismen im Gewand eines Thrillers , in dem ein Journalist einen Mordfall recherchiert. Und von dem Animationsspektakel „Gantz: O“ hatte ich gar nichts erwartet – es war dann viel mehr als nur eine Guilty Pleasure vor Bombastkulisse. Aber zu diesen Filmen noch mehr die Tage…

Rüdiger Suchsland

Ein Kannibale verliebt sich in seine nächste Mahlzeit

Venedig_2016_05 – Just another day in the west: Ana Lily Amirpours „The Bad Batch“, die Techniken des Überlebens und das Überleben der Humanität

Ein Girl steht allein bei Tageslicht in der Wüste. Sie trägt Hotpants, Base-Cap, einen Rucksack mit „I love Texas“-Sticker und Trauer-Smilie. In der rechten Hand ein Wasserkanister, den braucht man bei der Hitze. An der linken Schulter ein Tatoo: „Suicide“. Auf den Fingernägeln dunkler Nagellack, leicht abgesplittert. Sie strahlt Coolness aus, und das, was die Amerikaner self-reliance nennen: Eigenständigkeit, Souveränität. Sie genügt sich selbst.

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Es gibt einen Zaun, durch den sie kam. Es gibt ein System, es gibt Behörden, die jenen, die ausgeschlossen werden, oder freiwillig gehen, eine Nummer eintätowieren. Es gibt ein Schild, auf dem steht: Dies hier jenseits des Zauns ist nicht länger Texas. Es gibt ein totes Auto, in das sich das Girl zurückzieht, ausruht, Lippenstift auflegt.

Da kommt ein Golf-Caddie-Wagen, mit zwei Leuten drin. Sie rennt weg, wird gefangen. Nächstes Bild: Sie wacht auf, mit den Füßen in Eisenketten, mit den Armen ausgebreitet an Seilen festgebunden, in einem postapokalyptischen Trailer-Park, der von einer Gruppe von muskelbepacktem White-Trash (Wrestlern?) bewohnt wird. Gleich darauf erhält sie eine Spritze, dann wird ihr der rechte Unterschenkel und der rechte Unterarm abgesägt. Beides landet auf einem Grill, und wird von den Einwohnern bald genüsslich zum Abendessen verspeist.

Auf den Fingern der verlorenen Hand der jungen Frau stand eintätowiert „F E A R“. Damit, aber das werden wir erst später verstehen, hat man ihr auch alle Furcht genommen.

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Bald darauf versucht sie auszubrechen, und auch wenn man es kaum glauben mag, es gelingt: Dies ist ein Film über das Überleben und über Überlebenstechniken. Das ist wohl gerade ein zeitgemäßes Sujet, aber die Sympathie mit denen, die gehen alle und alles zu überleben versuchen und denen das Überleben gelingt, ist – siehe „The Revenant“ – sehr amerikanisch. Zugleich ist die US-Flagge hier, damit auch insofern keine Missverständnisse aufkommen, das Zeichen der Bösen, des Stammes von dem wir vor der flucht noch genug gesehen haben um uns über seine kannibalische Natur wie seine moralische Verworfenheit keine Illusionen zu machen. „Why are you so obsessed with me?“ erklingt dazu vom Sounddepartment.

Sie wird gefunden von einem Obdachlosen, der in der Wüste mit einem Bollerwagen herumfährt, und in eine neue „Stadt“ gebracht, ein Fort aus Containern. Das heißt „Comfort“. „You cant enter the dream unless the dream enters you.“ steht an der Wand.

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Ana Lily Amirpour, Perserin mit amerikanischem Pass, die 1980 in England geboren und in den USA aufgewachsen ist, war vor zwei Jahren über Nacht mit ihrem Spielfilmdebüt zum Shooting-Star der internationalen Filmszene geworden: „A Girl walks home alone at night“ war zwar in Schwarzweiß und in Farsi, der perserischen Sprache gedreht, hatte aber trotzdem in den USA reüssiert und war sogar im cinephoben Deutschland ins Kino gekommen. Ihr zweiter Film ist „The Bad Batch“, der jetzt in Venedig läuft und am Dienstagabend Premiere hatte, ist ohne Frage einer der besten und originellsten Filme im diesjährigen Wettbewerb um den Goldenen Löwen.

Die Kannibalen spielen hier nun trotz des Auftakts nur eine Nebenrolle. Eher handelt es sich um ein Science-Fiction-Szenario in der Tradition der „Mad Max“-Filme und noch mehr des „Tank Girl“-Comics: In einer postapokalyptischen Welt nahe des texanisch-mexikanischen Border-Country leben Menschen jenseits staatlicher Ordnung in verschiedenen Gemeinschaften. Nahrung ist knapp, Energie offenbar weniger, denn statt Western-Pferden fährt man Motorbike. Das Hauptthema ist wie erwähnt die Kunst des Überlebens, die zentrale Figur ist die junge Frau, deren Namen man erst spät erfährt: Arlen (eindrucksvoll gespielt von Suki Waterhouse). An die Stelle des verlorenen Beins tritt in „Comfort“ bald eine Prothese, während der Arm aus unerfindlichen Gründen nie ersetzt wird.

„5 Monate später“ setzt die Handlung wieder ein.

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Zunächst sucht Arlen Rache, und der Zufall spielt ihr bald eine Kannibalin zu. Die Frau mit einem T-Shirt, das die Aufschrift „Vamos a la playa“ trägt, liegt verletzt an einer Müllhalde, die sie plündern wollte. Ihre Tochter steht daneben: „Does your kid eat people too?“ fragt Arlen. „I am just trying to survive. We are the same.“ – „Oh no! We are not the same.“ und Arlen erschießt die Frau, um dann über ihre Tat zu erschrecken. Verlorene Unschuld, und die Aufgabe erlernter Verhaltensweisen gehören zur Technik des Überlebens.

Zu der gehört aber auch das Überleben der Humanität. Und tatsächlich ist dieser Film mehreres: Das Brutale, Menschenverachtende ist nur die Oberfläche. Darunter kreist alles darum, wie unter Bedingungen der Gewalt das Menschliche bewahrt werden kann – und worin dieses Menschliche eigentlich liegt. Denn selbstverständlich ist Rache menschlich. Selbstverständlich ist es menschlich, unter bestimmten Umständen zu töten.

Doch Arlen kümmert sich eben nach dem Mord an deren Mutter um die Tochter eines ihrer Ex-Peiniger, der auch malt, aus Kuba stammt, und auf den Namen Miel hört. Sie widersteht den Fängen des charismatischen Diktators von Comfort, den Keanu Reeves verkörpert, und der von einem Dutzend Girlie-Prätorianern bewacht wird, die alle schwanger sind, und T-Shirts tragen mit der Aufschrift: „The dream is in here.“

Sie findet einen Ausgleich mit Miel, eine Art Gesellschaftsvertrag: „You dont see things as they are. You just see things like you are.“ – „I hate you“ – „No problem for me. Doesn’t change anything.“ – „So the next thing, that can happen to us, can happen to us.“ – „In this place is only death for sure.“

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Was das Böse ist, ist relativ. Aber es gibt Böses. Zugleich zeigen manche Episoden in diesem epischen Film, dass das Gute manchmal auch zurückkommt.

Die Frage, was Zivilisation ist, steht im Zentrum. Die von Keanu Reeves gespielte Figur, wie gesagt ein Diktator mit merkwürdigen Gewohnheiten, der zugleich aber auf seine Art selbstverständlich ein Vertreter des zivilisatorischen und der Ordnung in dieser chaotischen Gesellschaft ist, der lange Vorträge darüber hält, wie er dafür sorgt, dass das Abflußsystem der Toileten funktioniert – Mussolini ließ sich auch als „Trockenleger der Pontinischen Sümpfe“ feiern -, dieser Mann ist sich der Kosten der zivilisatorischen Anstrengungen stärker bewusst, als andere: „All the things you have done, brought you right here.“ sagt er zu Arlen, „Where would you rather be? Costs you a lot to be here. Costs you an arm, an leg. But you don’t like it here, do you?“

Die Zivilisierung brutaler Verhältnisse ist die Botschaft.

Viel mehr noch aber, als von seiner Botschaft, lebt die Erfahrung dieses exzellenten Films von seinen Eindrücken, den sinnlichen Gewißheiten einer selten gelungenen Kombination aus Schönheit und Gewalt, Glamour und Horror. Dies ist, wie alles interessante Kino, ein Phantasiestück, das wir auch nach dem nicht im Ganzen aufzulösen vermögen. Ein sehr musikalischer Film, zugleich ein sehr lakonischer Film. Die Logikfrage ist ein Problem in dieser Erzählung. Egal!

Großes Kino, das mit hervorragendem Setdesign, Kamera- und Musikeinsatz ebenso fasziniert, wie mit ungesehenen Bildern in der Tradition des phantastischen Films – vor allem Alejandro Jodorowskys Meisterwerk, der surrealistische Western „El Topo“ ist eine eindeutige Referenz.

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Am Schluss muss man noch dazu sagen: „The Bad Batch“ ist auch ziemlich lustig. Wer das alles zu ernst nimmt, tut sich und dem Film ebenso keinen Gefallen, wie wenn man ihn nicht ernst genug nimmt.

Das Kind, das namenlos bleibt, hat ihre Gefangenschaft gut überstanden, und ist hungrig: „I want Spaghetti!“ Darin darf man auch eine Anspielung oder eine Referenz an den Spaghetti-Western sehen. Die Antwort gibt der von Jason Momoa gespielte Vater: Er nimmt den Spielgefährten der Tochter, und brät ihn am Feuer.

Dies ist eben kein Spaghetti-Western; und Zivilisation hat mit vielem zu tun, auch etwas mit Abhärtung und mit Fleisch-Essen. „The Bad Batch“ ist in jeder Hinsicht ein Film für Anti-Vegetarier.

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Dieser Film wird also keinen Preis kriegen am Ende, so wenig wie Amat Escalante, schon gar nicht hier in venedig – wo noch nie wilde Filme einen Preis bekamen, nicht Bigelow, nicht De Palma, nicht Garell, nicht Kechiche, nicht Jessica Hausner, nicht Mendoza, aber unglaublich viele brave, längst vergessene Schmonzetten und der schlechteste Sofis-Coppola-Film ever.

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Entsprechend lustig wurde dann Pressekonferenz im marmorgetäfelten alten Lido-„Casino“ aus Zeiten des italienischen Kannibalen Benito Mussolini. „Whats your next project?“ habe man sie schon in Sundance gefragt, direkt nach der Premiere von „A Girl…“. Der erste spontane Pitch sei gewesen „A cannibal falls in love with his next meal.“ Sie habe halt eine „Weirdo-Agenda“, meint die Regisseurin weiter, die Produzenten, die sie angesprochen hatten, hätten kurz geschluckt, und dann nur gesagt: „Ok – if you do it in colour and in english.“

Da merkt man, wie das Filmgeschäft funktioniert, was sich eine leisten kann, die gerade als „hot“ gilt und wozu Produzenten bereit, sind, wenn sie ihre Dagobert-Duck-Brille aufhaben.

Aus „Ein Kannibale verliebt sich in seine nächste Mahlzeit“ sei dann dieser „Cannibal-Love-Story-Western“ geworden, als den Amirpour ihren neuen Film beschreibt. Man muss das nicht so sehen, diese Beschreibung nicht teilen, um den Film zu mögen. Pferde gibt es hier jedenfalls nicht, und auch andere Western-Referenzen halten sich in Grenzen. Spuren des Konzepts finden sich derzeit noch in der IMDB wo sie bestimmt auch bald verschwinden werden.

An filmischen Einflüssen nennt sie tatsächlich „Romancing the Stone“, ok, nun ja und kaum zu glauben: „Neverending Story“. Ich kann auch nicht sagen, dass sie mir wahnsinnig sympathisch wäre. Amirpour ist mir zu amerikanisch. Zu muskulös, zu auftrumpfend selbstbewußt, zu offensichtlich medientrainiert, zu glatt, zu… Sie hat die fanatische Ausstrahlung einer Joggerin am Morgen, die auch an der Ampel noch auf der Stelle läuft, und in der linken Hand dabei eine Flasche stilles Mineralwasser hält. Zweimal in den 29 Minuten Pressekonferenz vergleicht sie etwas – ihren Musikgeschmack zum Beispiel – mit Sex. Da denke ich dann: Die die öffentlich drüber reden, haben entweder keinen oder einen, den man nicht haben möchte – aber das ist natürlich auch Unsinn.

Und sowieso: Der Film ist gut, die Frau ist klug, und hat Humor.

Im Rest der Antwort zum Umgang mit Musik – die im Film ein extrem wichtiges Element ist – beruft sie sich komplett auf ihr Gefühl: „When it feels right.“ Und weiter: „I don’t know how to explain style. You have that aestetic, that lense, that camera. Its difficult to explain.“

Auf die dann irgendwie vorhersehbare Frage: „Why is it necessary to show us a lot of violence?“ reagiert sie dann unnötig uncool, obwohl doch die Fragerin offensichtlich den Film mochte: „What is a lot? Maybe it is not for you. My film is a reflection of the world we are living in. Violence is in a lot of things, so i find it absurd to ask about it… You wanna ban it? Good luck.“

Lustiger dann, als eine andere Fragerin, in ihrer Frage Papst Franziskus zitierte: „Was the pope in my screening?“

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„She is a bit arrogant“ plappert es da hinter mir – das muss eine Deutsche sein, und ja tatsächlich. Aber ich sag jetzt nicht wer.

Rüdiger Suchsland

Die Langeweile in der Repression

Venedig_2016_04: „Home“, der herausragende Film von der Belgierin Fien Troch in der „Orrizonti“-Reihe

„Wenn man annimmt, daß die Gesellschaft aus Menschen bestehe, geht es in der Erziehung gewissermaßen um ihre Substanz.“

Niklas Luhmann, „Das Erziehungssystem der Gesellschaft“

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Es geht schon los mit einer sehr guten Szene: Ein Lehrer oder sogar der Schuldirektor gibt einer Schülerin einen Verweis. Sie heißt Lina, später wird sie noch eine Rolle spielen. Vermutlich hat sie etwas sehr Blödes gemacht, vielleicht ist der Verweis berechtigt, aber darum geht es hier gar nicht. Sondern der Lehrer lässt Lina gar nicht zu Wort kommen, und ihre Sicht der Dinge beschreiben. Wir sehen dafür nur in ihr Gesicht. Er will auch nicht hören, was sie sich selbst gedacht hat. Er ist, wie die Gesellschaft: Er will nur, dass sie funktioniert, gehorcht, seiner Sicht der Dinge widerspruchslos folgt. Er ist im Grunde unfähig zur Kommunikation, und er ist in seiner ganzen Attitude viel zu streng. Zugleich ist er wie alle, wie man sie eben kennt: Ob Behörden oder Gerichte, manche Redakteure, für die man arbeitet, oder viele Presseabteilungen auf Filmfestivals: Die Sache interessiert nicht, sondern die Macht. Wer sich durchsetzt. Und dass es schnell geht: Menschen, Schüler in diesem Fall, halten das System bei seinem Funktionieren auf.

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Erst traut man seinem Urteil nicht, fragt sich selbst: Musst Du schon wieder anderer Meinung sein? Ist das nur Oppositionsgeist? Dann aber ist es klar. Dieser Lehrer ist wirklich einfach zu streng, diese Schule, dieser ganze Typ Schulen, wie er ganz alt ist und neuerdings wieder in Mode, ist unfähig zu Kommunikation. Schon deswegen wird er sein Erziehungsziel nicht erreichen – weil er nicht verstanden wird.

So ist es hier Schülern verboten, im Flur zu stehen. Man muss sich bewegen, auf dem Weg zu irgendwas oder von irgendwas sein. Als ein Schüler am Anfang dem Hausmeister sagt: „Nur zwei Sekunden“, weil er eine sms schicken will, wird er angeschrien. Zwei Sekunden Stehen sind nicht erlaubt. Warum? Egal, es ist Vorschrift. So wird man keine freien Menschen erziehen – aber seien wir ehrlich: Das will man ja auch gar nicht. Sondern man will Funktionsträger im sozialen System produzieren, Rädchen im Getriebe.

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Dass Systeme in erster Linie ihren Selbsterhalt und ihre Selbstgenügsamkeit sichern, auch auf Kosten derjenigen, für die sie überhaupt konstruiert wurden, ist nichts Neues. Was wir aber zur Zeit in unseren Gesellschaften erfahren, ist, dass diejenigen, die da untergebuttert werden, sich zur Wehr setzen, auch mit destruktiven Mitteln. Die Machtergreifung der Systeme korrespondiert mit der Selbstermächtigung der vom System Ausgeschlossenen.

Früher hieß das mal „Macht kaputt, was Euch kaputt macht.“ Es mag sich dabei um Notwehr handeln, doch es ändert nichts daran, dass sie ähnlich destruktiv ist. Die Antwort auf falsche Erziehung lautet nicht „We don’t need no education.“

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Aber wer ist eigentlich schuld, wenn Schulen wie Strafanstalten funktionieren, mit Überwachen und Strafen, und mit Lehrern, die unfähig zur Kommunikation sind? Wer ist eigentlich schuld, wenn zuhause von den Eltern Gleichgültigkeit oder ungebremstes Laissez-Faire herrscht. Wenn die pubertierenden Jungs kleine Paschas sind, und die Mütter freiwillig zum Dienstpersonal ihrer Kinder werden?

„Home“, der herausragende Film von der Belgierin Fien Troch – und es ist bemerkenswert hier, dass es sich um eine Frau handelt, denn übermäßig mütterfreundlich ist der Film nicht, und bei einem männlichen Regisseur würde man das kommentieren – zeigt Kinder, die Mist bauen und Erwachsene die überfordert sind, und die noch größeren Mist bauen. Die Mütter wie gesagt sind generell zu soft in absurder Weise und gelegentlich zu streng, gleichfalls absurd. Die Väter sind einfach nur abwesend. Diese Eltern verwöhnen die Kinder viel zu sehr, das soll alles andere ersetzen. Diese Eltern machen immer sauber, räumen immer auf. Äußere Ordnung ersetzt innere, ersetzt Erziehung.

Es geht um eine Gruppe von Jugendlichen. Kevin, Sohn kommt aus dem Knast, soll bei Tante Sonja, der Schwester der Mutter untergebracht werden. „He really is a good boy“ sagt sie. Ganz so kann man das aber nicht sagen: Kevin hat, wie wir öfters erleben werden, ein „anger-management-problem“.

Kevin hat einen Passanten zusammengeschlagen und immer wieder auf den am Boden liegenden getreten. Das fasziniert Lina als sie es im Netz sieht. Lina ist die Freundin von Sammy, Sonjas Sohn, der der Oberpascha unter den Kids ist: selbstgefällig und bequem. Als wir ihn und Lina zum ersten Mal zusammen sehen, holt sie ihm einen runter.

Ein anderer Freund leidet unter seiner Mutter und ihrem fanatischen Reinlichkeitswahn. Sie missbraucht ihren Sohn in vielfacher Weise: „Das ist meine Zone, das ist deine Zone“, in der Wohnung. Aber auch sexuell. Was diesem natürlich keiner glaubt. „They say I am old enough to deal with it.“

„I want to kill someone to feel alive.“ postet Sammy später auf Facebook. Keine Sorge, er wird das nicht tun.

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Smartphones überall, Smartphone-Bilder, soziale Netzwerke, ihre gigantische Bedeutung. Die zweite Welt neben der scheinbar realen, die wir für „unsere“ halten. Die Regisseurin portraitiert die Lebenswelten der Jugendlichen, so wie sie sich selbst erscheinen: Darin erinnert „Home“ an „Kids“ und „Ken Park“, an „The Virgin Suiciders“ und „Palo Alto“, als „Elephant“ und „Paranoid Parc“. Auch im musikalischen Stil und der Bedeutung der im Übrigen großartigen Musik. Und in Szenen, in denen der Film ganz atmosphärisch wird, die Kids einfach nur zeigt.

Worum gehts in „Home“? Darum. Um das Lebensgefühl. Um die Langeweile in der Repression. Um kleine Fluchten: Musik, Gewalt, Sex.

Was passiert? Dafür muss man sich „Home“ schon selbst ansehen.

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„Home“ nimmt konsequent Partei für die Jugendlichen, das ist das Gute. Er hält sich nicht mit Moralisieren und mit Schuldzuweisung auf. Das Schöne an diesem Film ist. dass er zeitgemäß ist. Nicht zu abstrakt, nicht aus der Welt gefallen. Nicht auf alle und jede Verhältnisse übertragbar.

Wer könnte so etwas in Deutschland machen?

Rüdiger Suchsland

Das Ding aus einer anderen Welt

Venedig_2016_03 – Verlogene Heimat: Grimm in Mexiko, Apokalypse in Südtirol und Steinklopfen mit Amir Naderi

Riesige Steine fliegen schwerelos und überaus langsam irgendwo herum. Im Weltraum? Dann ein Schnitt: Eine junge Frau, Ende 20 hübsch, sitzt nackt vor einem Bambusstamm, offenbar in einer Holzhütte. ie schwitzt und stöhnt sanft, man glaubt erst, dass sie sich selbst befriedigt. Dann, als die Kamera langsam an ihrem makellosen Körper heruntergleitet, sieht man kurz eine Art Tentakelarm zwischen ihren Schenkeln herausgleiten, und seitwärts verschwinden…

Es folgt ein kurzer Dialog: „You should leave.“ – „Let me stay a little longer por favor.“ Dann verlässt sie, wieder angezogen in Jeans und weißer Jacke die Holzhütte, geht weg durch eine morgenfeuchte, nebelumtauchte Wald- und Wiesenlandschaft. Sie blutet aus der Hüfte, besteigt ein Motorrad, und fährt weg. Die Kamera ist dabei subjektiv, der Sound und die disharmonischen Klänge der Musik erinnern an Horror und Science-Fiction. Man kann den zweiten Teil dieser ersten Szene im Netz ansehen.

„It hurt her“ sagt ein altes Paar. Die sind offenbar so etwas wie die Gastgeber hier, oder eine seltsame Art von Forschern: An der Wand finden sich Bilder von Schädeln, Wesen aus der Urzeit, Schlangen und ähnlichem Getier.

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Puta madre, was für ein Film! Er lässt den Betrachter erst einmal allein mit der Wucht dieses Auftakts, die sich nur langsam legen wird. Die aber uns, den Zuschauern, auch sofort das Gefühl gibt: Hier nimmt uns ein Filmemacher an der Hand, hier können wir uns den Bildern überlassen. Hier weiß einer ganz unbedingt, was er tut. Mal sehen, was das wird – aber wie schön, dass wir es jetzt sehen werden.

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Ein Traum? Eine Art Traum? So darf man sich eine kurze Weile trösten, als im nächsten Bild eine andere junge Frau aufwacht. Alejandra. Neben ihr ein Mann, schlechter Sex am Morgen, der Alltag eines Ehepaares. Danach steht sie unter der Dusche, befriedigt sich, bis sie von den Kinder gestört wird. Zwei Jungs, einer ist allergisch gegen Schokolade.

Der Film ist „La Region Salvaje“, er stammt von Amat Escalante, dem Mexikaner, der seit „Sangre“ und „Heli“ so bewundert wie berüchtigt ist. Hier zwei Kurzfilme des Regisseurs.

Danach sehen wir die Frau vom Anfang, sie heißt Victoria, im Krankenhaus. Ihre Wunde wird versorgt von einem Krankenpfleger: Er heißt Fabien, ist nett, hübsch, lustig. Sie hat erzählt, die Wunde sei von einem Hundebiss – da warnt er sie vor Tollwut.

Am Abend in einer Bar toben sich junge Mexikaner aus, werden wild zu Tequila und guter schlechter Musik. Fabien und Angel, der Ehemann von Alejandra, haben Sex, sie kennen sich offenbar schon lange. Später verstehen wir: Fabien ist Alejandras Bruder.

Gleichzeitig freunden sich Victoria und Fabien an. Sie sind nett zueinander, ohne ein Paar zu werden. Wobei Victorias Motivation immer unklar bleibt. Interessiert sie Fabien? Braucht sie Unterstützung um loszukommen von dem seltsamen Wesen? Oder will sie diesem neue Objekte zuführen? Und Objekte für was genau? Die Zeitspanne, die hier vergeht, ist nicht ganz klar, aber während sich Fabien Angel entfremdet, erfährt er von „ihm“, von dem nicht ganz klar ist ob es ein „Er“ oder eine „Sie“ ist. Dem Wesen in der Hütte, das er bald darauf auch besucht. Es ist offensichtlich bedrohlich und nicht harmlos. Doch zugleich ist es offenbar auch in der Lage, den Menschen unbekannte, ungeahnte Freuden zu bereiten, Freuden, von denen sie nicht mehr los kommen.

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Eine Weile später wird auch Alejandra noch zur Besucherin der Hütte werden. Bemerkenswert ist hier die Selbstverständlichkeit, mit der alle Beteiligten dieses Wesen und seine Existenz akzeptieren. Es ist halt so. Die Selbstverständlichkeit eines Dings aus einer anderen Welt.

Die Alten, die es beherbergen, lernen wir nur etwas besser kennen. In der Hütte, in der sie leben, gibt es auch einen großen schwarzen Hund, der an einen Wolf erinnert. Die alte Frau könnte eine Schamanin sein, oder auch eine alte Hexe. Sie braut seltsame Getränke, vielleicht einen harmlosen Tee, vielleicht ein Beruhigungsmittel oder eine Droge. Über ihren Mann, für den sie Arbeiten erledigt sagt sie: „Ein Wissenschaftler, mit der Sensibilität eines Steins.“

Was ist das für ein Wesen, das sie da beherbergen? „At first, you will think, that you are hallucinating.“, sagt die Akte. Sie erzählt von einem Meteor, der vor langer Zeit einschlug – der Stein im Raum vom Anfang? Allemal ist Mexiko das Land der Meteore, entstand der Golf von Mexiko einst vermutlich aus einem riesigen Meteoreinschlag. In einem recht kleinen Kreisrund sieht man dazu eine Menge von Tierpaaren in paradiesischer Eintracht sich paaren.

Das sei, erklärt die Alte, die Materialisierung von „our most primitive side“. Die fleischgewordenen Basic Instincts. Irgendwann sehen wir es: Eine Art riesengroßer Octopus. Mit seinen Tentakelarmen stiftet es Lust. „It can only give pleasure. It has never hurt anybody.“

Ganz so ist es nicht: Diese fleischgewordene Begierde ist eben auch gefährlich. Fabien wird schwer verletzt im Wald gefunden. Der Verdacht auch Alejandras fällt auf Angel nachdem sie dessen Textbotschaften entdeckt hat. Während Escalante mit Angel einen Schwulen beschreibt, der zugleich als Schwulenhasser auftritt, der Vegetarier ist und der seine Frau schlägt, wird der nette, weiche zuvorkommende Schwule hier schwerstverletzt. „Wollte Gott Onkel Fabien bestrafen?“ fragt einer von Alejandras Söhnen. Großmutter habe das gesagt. „Grandma is a lying witch.“ erklärt Alejandra.

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Eine böse Großmutter, eine böse Schwiegermutter, Hexen in Hütten im Wald, Monster und Tote am gleichen Ort – es sollte klar sein, dass wir uns hier im Land der Gebrüder Grimm befinden. „La region salvaje“ ist ein Märchen für Erwachsene aus Mexiko, ein Zwitter aus Kunstkino und Horrorfilm, und eben auch Grimms Märchen.

Zugleich auf Mexiko zielend: Eine Betrachtung der Männlichkeitsrituale, der Homophobie, de Heuchelei hinter den traditionellen Werten von Ehre und Familie.

Die Region, die der Titel bezeichnet, jenes „wilde Terrain“ ist in uns, ist aber auch überall. Es ist unsere Natur, die gewissermaßen verführerisch ist, aber auch gefährlich, möglicherweise tödlich. Ein verführender, verführerischer und ein verführerisch rätselhafter Film.

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Ein anderer Film: Kühe, Katzen, Einsamkeit. Die Bagger von Hitachi. Marmor. Auch dies könnte ein Western sein: Eine Männerwelt der anderen Art. Männer unter der Dusche, beim Biertrinken, bei sehr körperlichen, sehr analogen Arbeiten. Im Steinbruch, am Motor, mit dem Bagger.

Zugleich ein Matriarchat: Zu Beginn bereits von „Die Einsiedler“ hat man eine alte Frau kennengelernt: Sie schleppt und schuftet, sie bringt Blumen zum Ort, an dem 1975 bei einem Lawinenunglück drei ihrer Kinder getötet wurden. Sie ertränkt frischgeborene Katzen. Dieses Erlebnis hat die Eltern womöglich zusätzlich verhärtet.

Das ist ein Film, da passiert was, obwohl er sehr reduziert und ruhig, mit Zeit uns Andeutungen erzählt wird. Die Spannung hält.

Der alte Vater stirbt, indem er einfach vom Dach fällt. Die Frau buddelt ihn ein. Es regnet rein, es ist feucht, de Winter kommt. Sie packt es allein nicht mit den Kühen. Auf der Alm, da gibts viel Sünd‘.

Und dieses Leben auf dem Einödhof in Südtirol, wird dann gespiegelt durch die Existenz des Sohnes im Tal, im Marmorsteinbruch: Er ist unglücklich, will raus, kann nicht raus. Und es folgt eine Apokalypse: Der Marmorsteinbruch stürzt ein. Das Chaos bricht aus, eine Höllenfahrt. Die alte Frau holt das Gewehr aus dem Schrank, ballert den Christus im Herrgottswinkel weg (sehr starker Moment!), und noch mehr.

Eine schön gefilmte Geschichte, ein toller intensiver Film, und ein sinnlicher Film.

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Was diese Filme (und andere in Venedig) gemeinsam haben, ist, dass sie die Komplexität und Fragwürdigkeit von Konzepten wie „Identität“ und „Heimat“ entfalten und belegen. Die verlogene Idee einer Urheitmat, wo angeblich Tradition und ehre und das Wahre, Schöne, Gute hausen.

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Wie man es nicht machen sollte zeigt „Monte“ von dem in Italien lebenden Amir Naderi. Von Beginn an eine arg zähe Angelegenheit: Eine Gruppe von dreckigen, meist hässlichen, armen Menschen, nimmt wortlos, aber nicht lautlos am Fuße eines riesigen Felsmassivs an einer Beerdigung teil. Man weiß nichts, reimt sich bald zusammen, dass es irgendwann im Mittelalter spielen muss, dass sie Christen sind aber irgendwie ausgestoßen, einer häretischen Gemeinde angehörend. Ein Kind ist gestorben, sie glauben, dass ein Fluch auf ihnen lastet, und alle verlassen den Berghang bis auf einen besonderen Sturkopf, ein dummer starrer Narr mit seiner allzu fügsamen, duldsamen, schicksalsergebenen Frau und den Sohn. Auch wenn die drei am Berg bleiben, geht’s von nun an konsequent bergab: Das Haus wird angesteckt, der Sohn verschwindet, Bauer und Frau werden von Inquisitoren zum jahrzehntelangen Steinklopfen im Schatten des Bergs gebracht.

Zentral für die Filmerfahrung ist jener titelgebende Monte, denn alle Handlung ist überlagert von den permanenten, vom Sounddesign ins Groteske überzeichneten Geräuschen des Bergs. Es rummst und bummst, knarzt und knarrt ständig, dazu hängen Nebelschwaden dräuend um die Steilwände von denen regelmäßig Felsstücke auf die Menschen herunterplumpsen.

Eine erratische Depressionsgeschichte, sehr am Bleigewicht der eigenen Bedeutungsschwere in Bewegungslosigkeit verharrend.

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Mit Heimat, Identität und dem Rätsel der Existenz hat das nichts zu tun; mit Kunstkino leider um so mehr.

Rüdiger Suchsland

Das Lob der guten Lüge

Venedig_2016_02: Neue Filme von François Ozon und von Paolo Sorrentino auf der Mostra

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Ein Opfergang. Deutschland kurz nach dem Ersten Welt-Krieg. Ein Mann kommt auf den Friedhof, wo auch viele der Soldaten liegen, die in den Massenschlachten der Jahre zuvor getötet wurden. Der Mann besucht ein bestimmtes Grab, und die Witwe des Toten spricht den ihr Unbekannten an, und lädt ihn zum Abendessen ein, in jenes Haus, in dem sie bei den Eltern ihres gefallenen Verlobten lebt. „Frantz“, der Titel bezeichnet jenen Toten, um den hier alles kreist: Das Reden, das Denken, das Fühlen, und wie sich herausstellt, sogar das Handeln der Lebenden.

Der Unbekannte entpuppt sich als Franzose, er erzählt, dass er Frantz vor dem Krieg bei seinem Parisaufenthalt kennenlernte, und berichtet von einem gemeinsamen Besuch im Louvre: „Wir standen lange vor Manets Gemälden. Ich erinnere mich: Er mochte eines besonders. Das Bild eines jungen blassen Mannes, mit dem Kopf nach hinten.“

So erzählt dieser Film zunächst einmal davon, dass es enge französisch-deutsche Beziehungen lange vor Adenauer und De Gaulle, lange vor dem Ersten Weltkrieg gab, jenseits der bekannten Propaganda von der Erbfeindschaft. Da war nicht nur Heinrich Heine und später Heinrich Mann. „Frantz“ erzählt aber auch vom überraschend bösen Franzosenhaß in breiten Kreisen Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier, in diesem Film, geht es allerdings um das Verbindende, um Annäherungen.

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Ausgerechnet in unseren Zeiten, in denen die französisch-deutsche Freundschaft und das Europa, das aus ihr erwuchs, manch‘ harter Probe ausgesetzt ist – und die härtesten dieser Proben dürften uns erst noch bevorstehen – ausgerechnet jetzt hat François Ozon, einer der wichtigsten französischen Filmemacher, einen Film in Deutschland gedreht, der auch ein Film über Deutschland ist.

Zugleich ist dies auch eine universale Parabel, ein Film über die Trauer und unseren Umgang damit, ein Emotionsthriller, der auf ein paar Anleihen an Hitchcocks Suspensekino nicht verzichtet und der zugleich ein loses Remake eines frühen Films des großen Ernst Lubitsch ist: „Broken Lullaby“.

Vor allem aber ist „Frantz“ eine Geschichte der Täuschungen. Denn was man früh ahnt, wird irgendwann Gewissheit: Er hat nicht in allem die Wahrheit erzählt. Aber er ist damit nicht der Einzige. Und so ist „Frantz“ ein Lob der Lüge, der guten, gütigen Lüge, der Lüge, die tröstet, ein Lob der Lüge, die weiterleben lässt.

Und ein Glanzlicht im bisherigen Wettbewerb um den Goldenen Löwen – mit einem herausragenden Auftritt der deutschen Darstellerin Paula Beer.

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British actor Jude Law performs as the fictional Pope Pio XIII on the set of the new television series "The Young Pope", directed by Italian director Paolo Sorrentino, in Rome, Italy

British actor Jude Law performs as the fictional Pope Pio XIII on the set of the new television series „The Young Pope“, directed by Italian director Paolo Sorrentino, in Rome, Italy August 7, 2015. REUTERS/Yara Nardi

„Ciao Rome, ciao world – what have we forgotten? We must be in harmony with god. We have forgotten to masturbate. We have forgotten to be happy. We have forgotten yooouuuuuuu!“ Ein junger Papst, der redet wie ein Sektenführer. Ein Fantatiker. ein Populist. Ein Diktator.

Dieser gefährliche Mann ist die Hauptfigur im neuen Film von Paolo Sorrentino: „The Young Pope“ ist tatsächlich der eigenständig funktionierende Pilotfilm zu einer HBO-Fernsehserie. Sorrentino hat viele Stars gewonnen: Jude Law als Papst, Diane Keaton, Ludovine „Stimmt-die-gibts-ja-auch-noch“ Sagnier und viele andere in Sorrentinos bestem Film seit Jahren. Einer scharfen, provokativen Betrachtung der Kirche und des Verhältnisses von Macht und Recht.

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Wie von Sorrentino gewohnt, ist dieser Film Zynismus in Reinkultur, und weil Sorrentino so geschmacklos ist, wie narzisstisch, wir er dem Gegenstand Katholische Kirche nicht gerecht. Er nimmt sie einfach nicht ernst genug, sondern gefällt sich in billigen Witzen: Kardinal mit Spritze im Hintern, kettenrauchender Kardinal mit Sauerstoffmaske, Sex einer Nonne mit einem Schweizer Gardisten, Fußball spielende Nonnen, Priester mit schwarzem iPad, Priester, die beim Beten vom Rasensprengautomaten überrascht werden. Schenkelklopfwitze, als Melancholie getarnt, wie bei „La Grande Bellezza“.

Eigentlich – und das ist immerhin ehrlich – hat er hier einen Film über sich selbst gemacht: „Ciao Rome, ciao world“ – das ist Sorrentino in Reinform.

Rüdiger Suchsland

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Leuchtende Bilder und Grenzen unserer Sprache

Ein neuer Tiefpunkt von Wim Wenders, ein ungewöhnlicher Science-Fiction von Denis Villeneuve

Filme voller Vielfalt und Nostalgie prägen das Programm zum Auftakt der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig. Die Eröffnungsparty am Lidostrand wurde Mittwoch zwar zugunsten der Erdbebenopfer abgesagt, und die Sicherheitsmaßnahmen sind erkennbar schärfer als 2015 – trotzdem war es ein heiterer Auftakt für die kommenden elf Tage.

Über den sympathisch-nostalgischen Eröffnungsfilm, das Musical „La La Land“ von Damien Chazelle mit seinen Jacques-Demy-Remineszenzen haben wir auf artechock schon geschrieben.

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Aber es gibt auch andere Nostalgien: Etwa Wim Wenders‘ deutscher Wettbewerbsbeitrag: „Die schönen Tage von Aranjuez“ nach einem Text von Peter Handke, der hier von Jens Harzer, dem altgewordenen jungen Mann des deutschen Theaters mit jungenhaftem Charme verkörpert wird. Die Zeiten sind vorbei, als ein Film, in dem zwei Menschen 90 Minuten lang im Sitzen über Sex reden, noch per se für große Kunst oder mutige Provokation gehalten wurden. Eher wirkt diese Konstellation – Mann fragt, Frau erzählt, Mann schmunzelt, Frau stöhnt – wie eine Altherrenphantasie.

Dann noch auf Französisch – obwohl das Stück in Deutsch geschrieben wurde. Wenders erdreistet sich – man muss das genau so sagen – auf Rohmer zu verweisen. In seinen feuchtesten Träumen hat dieser Film und Wenders überhaupt nicht das Niveau Rohmers.

Warum schließlich man ausgerechnet so ein uninspiriertes Laberkino im teuren 3-D-Format drehen muss, bleibt sowieso das Geheimnis von Wenders. Allein sein bekannter Technikfimmel taugt als Erklärung. Zudem es in Venedig so warm und feucht ist, dass sich Schweiß unter der Brille bildet, und sie von innen beschlägt. Nimmt man sie ab, beginnen die grauen Bilder dann plötzlich zu leuchten – mit seinen leichten Unschärfen hat er plötzlich die Poesie, die Wenders abgeht, und erinnert flirrend, vibrierend die Impressionisten Manet oder Seurat.

Aber auch die Zeiten, als man einen neuen Wenders noch mit Spannung erwartete, sind noch länger vorüber, als die schönen Tage von Aranjuez.

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Deutlich besser war „Arrival“ vom Francokanadier Denis Villeneuve: Dies ist ein Science-Fiction ohne Action, eher an Spielbergs poetisch-esoterischen „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ erinnernd: Aliens landen auf der Erde, verlassen aber ihre Raumschiffe nicht. Louise, eine Top-Sprachwissenschaftlerin (Amy Adams) wird gerufen, um mit den fremden Wesen zu kommunizieren – es gelingt, und es kommt zu überraschenden Folgen. Ein wenig wirkt der Film wie ein linguistisches Proseminar, aber ein kurzweiliges, und Louise erscheint als Wittengesteins Nichte. Doch dahinter tut sich ein humanistisches Plädoyer für universale Verständigung auf, das sich auf gegenwärtige Kommunikationsprobleme, sei es mit Moslems, Flüchtlingen oder bayerischen Politikern übertragen lässt.

Rüdiger Suchsland