Bob Dylan und das Kino

Verschlingungen eines Nobelpreisträgers – Fragmente_zum_Film; 13.10.16

„What do you want?“ – „Staying alive“ – „That is a fine ambition Pat, I guess.“

aus: „Pat Garret and Billy the Kid“

Ein Songwriter, der den Literaturnobelpreis verliehen bekommt – diese Verschlingung ist schon interessant genug. Sie erzählt, scheint mir, bereits eine Menge über die geistige Signatur der Gegenwart, ihre Sehnsucht nach Helden, oder nennen wir es besser Identifikationsfiguren, und ihr Unbehagen an den Kategorisierungen, den Institutionen, dem Schubladendenken unserer Kultur – zugleich aber auch die Ratlosigkeit, was das denn ersetzen könnte.

Dylan ist scheinbar für alles zu gebrauchen und zuständig, eine Projektionsfläche, und insofern unbedingt ein Star des Show- und Medienbetriebs, auch wenn er natürlich „etwas vorzuweisen“ hat. Er erscheint plötzlich auch denen, die sich heute um 13 Uhr für Sekunden gewundert haben, wie eines der wenigen Universalgenies, eine „eierlegene Wollmilchsau“ der Kultur, Klasszist und Rebell, Kanon und Gegenkultur in einem. Könnte es einen besseren Preisträger geben.

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Die Verschlingungen von Dylans Künstlerbiographie werden geradezu rhizomatisch wuchernd, wenn wir uns daran erinnern, dass Bob Dylan auch zum Film eine enge und komplexe Beziehung hat, die auf mindestens vier Ebenen stattfindet.

Da wäre zum einen die offensichtlichste: Die Verwendung von Dylans Musik in zahlreichen Filmen. Von Anti-Vietnam-Stücken, wie „Coming Home“ angefangen, bis hin zu Hippie-Remineszenzen wie The Big Lebowski“ der Coen-Brüder.

Daneben gibt es die nicht weniger wichtigen Dokumentarfilme über Dylan. Sie sind zum Teil sehr früh entstanden. Der bedeutendste ist „Don’t look back“ von 1967 vom Kennedy-Film-Biografen Donn Alan Pennebaker, selbst ein Revolutionär des Dokumentarfilms (und bereits vor 21 Jahren beim Filmfest-München mit einer Retrospektive gewürdigt). „Don’t look back“ hat das öffentliche Bild des frühen Dylan als Rebell, politischer und musikalischer Revolutionär, als Heiliger der Gegenkultur, mit geprägt. „Eat the Document“ von 1972, auch von Pennebaker, knüpft daran an, und ist vor allem legendär, weil er selten zu sehen ist, angeblich Bilder eines Dylan im Drogenrausch enthält und diverse Dylan-Kritiker zu Wort kommen lässt.

„No direction home“ von Martin Scorsese – in dessen wunderbarem Musikfilm „The Last Waltz“ Dylan bereits einen halbstündigen Auftritt hatte – trägt großartige Dokumente zusammen, ist aber gegenüber Pennebakers Werk eher ein bürgerlich-beflissener Film, der Dylan zum Klassizisten macht – wie jetzt auch der Nobel-Preis?

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Dann gibt es drittens die Ebene von Dylan als fiktionale Figur im Spielfilm. Zu nennen ist hier prototypisch „Inside Llewelyn Davis“ von 2013 von den Coen-Brüdern, der im Greenwich Village 1960/61 spielt, einen erfolglosen Musiker der Folkszene ironisch portraitiert, in dessen Freundeskreis von Dylan die Rede ist, der noch nicht entdeckt ist. Die Schlüsselszene des Films ist jene am Ende wiederholte und entscheidend weitergeführte Auftaktszequenz, in der die Hauptfigur aus purer Schlamperei einen der ersten Konzert-Auftritt Dylans verpasst.

Viel wichtiger noch ist aber Todd Haynes‘ fiktionale Dylan-Biographie „I’m not there“, in der sechs Schauspieler Dylan spielen, unter anderem auch Cate Blanchett und Richard Gere, und so die Facetten, die Multiperspektivität seiner Künstlerpersönlichkeit einen auch formalen Ausdruck bekommen.

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Schließlich die vierte und am wenigsten bekannte Seite Dylan: Er ist auch Schauspieler. Vor allem in Peckinpahs „Pat Garrett and Billy the Kid“ (mit seinem Song „Knockin‘ on Heavens Door“ als Filmmusik), dann auch in Dennis Hoppers Spielfilm „Catchfire“ und paar andere…

Aber Peckinpahs allemal unterschätzter und lange nur verstümmelt zu sehender Film ist zentral für Dylans Star-Persona. Der Film macht genau das, was Dylan selber tat: Er verankert die Gegenkultur von ’68 im Herzen Amerikas, die Hippies im Western, die hedonistische Feier des Lebens im Morbiden.

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Und er ist Filmregisseur. Einmal, so gut versteckt, dass es selbst im deutschen Wkipedia-Eintrag nur wenig Spuren hinterlässt, führte Dylan tatsächlich sogar Regie. Ich habe „Renaldo & Clara“ nicht gesehen, muss mich hier also aufs Hörensagen verlassen. Dieser Film ist in der ursprünglichen Fassung annährend vier Stunden lang, wurde bereits 1974 fertiggestellt, kam im Januar 1975 kurz in New York heraus, dann nach verheerenden Kritiken, aber erst wieder 1978 in einer Zweistunden-Fassung. Er mischt Dokumente von Dylans Tournee mit einer erzählenden fiktionalen Handlung. Allein der Cast ist Grund genug, ihn anzusehen: Dylan und seine Frau Sara spielen die Hauptrollen, Joan Baez eine weitere, Harry Dean Stanton, Bob Neuwirth, Allen Ginsberg haben Nebenrollen, weitere bekannte Musiker Auftritte. Einen auftritt hat auch Sam Shepard der gemeinsam mit Dylan das Drehbuch schrieb.

Die englische Wikipedia formuliert dazu: „The style, structure, and thematic elements of Renaldo and Clara were heavily influenced by the French film Les Enfants du Paradis. Similarities between the two films include the use of whiteface (Dylan), the recurring flower, the woman in white (Baez), the on-stage and backstage scenes, and the dialogue of both films‘ climactic scenes. Also evident is the Cubist approach of the two films, allowing us to see the main characters from the different perspectives of various lovers. Running time is also relatively similar.“

Eine extrensive Zusammenfassung des aufd DVD konsequent nicht erhältlichen Films findet man hier.

Und wenn man das alles gelesen hat, hält man es, den Film nicht kennend, für möglich, dass Janet Maslins ungnädiger Verriß in der New York Times vollkommen angemessen sein könnte.

Rüdiger Suchsland

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