Bis die Nacht die Menschen verschluckt

Erster Viennale-Tag: THE WOMAN WHO LEFT

Intro

Vorgestern trafen wir uns im kleinen Kreis der Redaktion, um Details über den bevorstehenden Relaunch von artechock zu diskutieren (ja, liebe Leser, Ihr habt richtig gelesen). Wir wollen alle Texte leichter auffindbar und die Arbeit, die wir hier Woche für Woche leisten, dadurch „haltbarer“ machen. Zukünftig werden neben dem Kinoprogramm und den Kritiken auch unsere Essays, Kolumnen und Interviews direkt ansteuerbar sein, ebenso wie unsere Festival- und Kinospecials. Und der Blog: wird ebenfalls in die Seite integriert, so dass man sich dann nicht mehr in schizoider Weise entscheiden muss: artechock oder arteblog? Der Arbeitstitel für den Blog lautet übrigens: „schnelle Texte“. Und ebensolche schnell verfassten, ja geradezu hingerotzten Texte werden mein Kollege Rüdiger Suchsland und meine Wenigkeit in den nächsten Tagen von der Viennale schreiben.

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Zum Auftakt: Lav Diaz

Zugegeben: Es hatte mich schon ein wenig bis sehr geärgert, was mein Kollege über den Film von Lav Diaz geschrieben hatte, den er bereits in Venedig sehen konnte. Meine Replik jedoch blieb aus, gelinde gesagt: aus Zeitmangel, da ich mein eigenes Festival UNDERDOX vorbereitete. Dort zeigten wir zwar nicht den Gewinnerfilm des Goldenen Löwen, jedoch den Lav-Diaz-Alfred-Bauer-Preisträger der Berlinale 2016, das achtstündige, und wie ich finde, meisterlich epische und sogentwickelnde LULLABY TO THE SORROWFUL MYSTERY , der sich bei unserem Festival dann leider als Flop an der Kinokasse erwies. „Die Münchner sind anscheinend schwer zu mobilisieren“, sagte mir einer unserer internationalen Besucher. (Wieder mal: Der unheilvolle Ruf der Stadt …, der sich nun weiter verbreiten wird, in diesem Fall nach Paris. Siehe auch die derzeitige, hitzig geführte Debatte, die die Leute von Monokultur München losgestreten haben.) Oder hat Rüdiger mit seinem – in meinen Augen – pamphletartigen Pauschalverriss des Kinos von Lav Diaz („mit einfachsten Mitteln, zum Teil mit Laien gedreht und in Schwarzweiß“) das von artechock informierte Münchner Kinopublikum vom Besuch des Films abgehalten?

Das Wiener Publikum ist jedenfalls entdeckungsfreudiger als die eingeschlafenen Münchner (ah! vielleicht war’s auch der Matineentermin?), wie dieses Beweisfoto vor Beginn des Films THE WOMAN WHO LEFT zeigt:

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Und dann begann der Film

„ANG BABAENG HUMAYO“ ergießt sich der Titel in großen Lettern über die Leinwand, „THE WOMAN WHO LEFT“. Schwarzweiß, klar, von dieser etwas schlierigen Sorte, wie es das digitale Kino hervorbringt. Lav Diaz aber ist ein Spezialist dafür, die Weißtöne hell leuchten zu lassen, sich nicht zu scheuen, bisweilen ein wenig überzubelichten, das Schwarz dunkelschwarz die Figuren verschlucken und nur ihre Augen leuchten zu lassen, in dann sich ergebender unbändiger Konzentration, wie es auch Pedro Costa vermag. Eine Frauengruppe, aus der Distanz einer Totalen gefilmt. Es wird geredet, in diesem unvergleichlichen Singsang des Tagalog. Tableaux der Arbeit auf dem Feld, der Zusammenkünfte auf einer Terrasse, in einem Schlafsaal, mein Auge gleitet über die vielen Frauen, alte, junge, Mädchen, und sieht am Bildrand dann: Männer, die mit  Maschinengewehren das Tun der Frauen be- oder überwachen. Klar, Gefängnis, rufe ich mir in Erinnerung aus dem, was ich bislang über den Film gelesen hatte (aber wenige Zeit später wird dies der Film selbst explizit machen), die Bilder formulieren für das europäische Auge wenig „Typisches“. Alles erscheint eher idyllisch, nur langsam und allmählich, durch halbtotale Einstellungen, schält sich eine Figur aus der Gruppe, die zukünftige Protagonistin des Films.

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Langsam und allmählich

Langsam und allmählich: das ist genau die Qualität des Kinos von Lav Diaz, neuerdings dann doch mit dem Label „Slow Cinema“ versehen. Aber was heißt das eigentlich: slow, außer, dass es der Zuschauer mit exorbitanten Spielfilmlängen zu tun bekommt – die by the way aber auch nicht länger sind als eine Binge-Session mit der persönlichen Lieblingsserie (das wäre dann schon gleich das nächste Stichwort: wie Lav Diaz die Dramaturgie anlegt, ähnlich einer groß angelegten Serie, in der sich die Erzählstränge abwechseln, ohne je abgeschlossen zu sein). Diaz entwickelt seine Geschichten langsam und allmählich, erzählt nicht explizit im „ich sage Euch jetzt mal, was hier abgeht“-Stil eines auktorialen Besserwissers, sondern implizit, durch die Beschreibung der Szenen durch ihre schiere Bildlichkeit, feine Texturen von Geschichtsmöglichkeiten webend, aus denen sich ein Faden löst, der sich zu einem Erzählstrang mit einer Hauptfigur ausbildet – oder ausbilden kann. Manche Fäden werden auch fallen gelassen. Tastendes Suchen eines wie in die Erzählung eingebetteten Beschreibers oder Chronisten, der in der präsentischen Gleichzeitigkeit formuliert, ohne zu wissen, wohin die Reise geht.

Das ist natürlich alles Bluff, selbstverständlich weiß Lav Diaz, wohin die Reise gehen soll. Er ist, so kann getrost gesagt werden, der Moralist unter den gegenwärtigen philippinischen Filmemachern (neben Khavn de la Cruz, Raya Martin und Brillante Mendoza), die sich auf den großen Volksregisseur Lino Brocka berufen. (Lino Brocka, kurze Skizze: machte immer auch sehr populäres Genrekinos, um Geld zu haben für seine Filme über die Ausgesonderten der philippinischen Gesellschaft, die in Slums leben, arm, aber aufrecht, die melodramatische Verzweiflung durchleben, an deren Ende oft der Tod steht. Aufwühlendes, mitnehmendes, aber auch hymnisches und von großer Aufrichtigkeit getragenes Kino.) (Noch eine Anmerkung: Lav Diaz spielt mit einigen anderen Filmemachern zusammen in einer Band: „The Brockas“. Einmal, in einer dokumentarisch gehaltenen Szene, die an den Vergüngungsstrand des Ortes hinführt, sind die Riffs einer elektrischen Gitarre zu vernehmen: Es spielt Lav „Lavrente“ (so seiner voller Name) Diaz.)

Lav Diaz ist überdies ein großer Verehrer der russischen Autoren. Dostojewski (sein letzter weniger langer Film und erster großer Erfolg NORTE – am Sonntag in der Retro im Österreichischen Filmmuseum um 16 Uhr zu sehen – ging auf dessen „Schuld und Sühne“ zurück), jetzt Tolstoi. Die Geschichte der Frau, unschuldig wegen Mordes verurteilt, die aus dem Gefängnis freikommt und auf sehr perfide Weise Rache nimmt am Anstifter der Bluttat (ein Riss, der durchs Land geht, wird hier inszeniert, zwischen den Ausgestoßenen, Hoffnungslosen und jenen, die zu Geld gekommen sind und die Nähe der Machthabenden genießen), diese Geschichte ist inspiriert von der Tolstoi’schen Volkserzählung: „Gott sieht die Wahrheit, auch wenn Er jahrelang schweigt“.

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Es ist das Jahr 1997. Über der Geschichte lagert ein diffuser historischer Kontext, der zu  Beginn und später immer wieder über das Radio verlautbart wird, nicht wirklich zu entschlüsseln für die, die mit den Ereignissen der Region nicht vertraut sind. Eine Entführungswelle verunsichert die Philippinen, Ziel sind vor allem die aus Hongkong zurückgekehrten chinesisch-philippinischen Bürger, nach der britischen Übergabe von Hongkong an China. Es waren die meisten Entführungen, die die Philippinen in einem Jahr registrierten, Manila bekam das Label „Asia’s kidnapping capital“ verpasst.

Vor diesem Hintergrund spielt diese Geschichte der Rache. Auf einer Insel des philippinischen Archipels vervielfältigt sich die aus dem Gefängnis entlassene Hauptfigur Horacia Somorostro zu drei Frauen: die eine betreibt eine Garküche, die andere treibt sich in der Kirche herum, die dritte erforscht im Schatten der Nacht an der Seite eines Straßenhändlers die kleine Stadt – und das Objekt ihrer Rache, ihren Ex-Lover Rodrigo Trinidad, der den Mord angestiftet hatte, um sich an ihrer Untreue zu rächen, heute zu Geld und Ansehen gekommen.

thewomanwholeft-still4Horacia ist wie ein vielgestaltiger Rächer, der, so heißt es einmal im Film, stets plötzlich wie Batman in der Nacht auftauchen kann. Mit jeder der drei Figuren, die Horacia einnimmt, die Köchin, die Fromme, die Harte mit der Baseball-Kappe, verbindet sich eine andere Tonalität und die Begegnung mit weiteren Figuren, die wie Allegorien der philippinischen Armut erscheinen: die Humpelnde (in der Garküche), die Obdachlose (in der Kirche), die Transvestitin (auf der Straße). Besonders schön ist das Groteske und Queere, die den Gestaltenwandel narrativierende Episode, die sich in der Nacht an der Seite des Balut-Straßenhändlers entfaltet, in der Horacia der Transvestitin Hollanda begegnet. Und die am Ende die Rache für sie vollziehen wird.

Horacia ist aber auch eine Retterin. Sie gibt den Verlorenen Beistand in Form von Arbeit, Essen oder Pflege. Schon im Gefängnis hat sie die Kinder unterrichtet, in Tagalog, mit ihnen die Verben konjugiert. Die Vergangenheitsformen, das ging leicht, die Formen für die Zukunft konnten die Kinder nicht finden: zu schwierig. – Das ist natürlich alles andere als unschuldig gesetzt. Die Rache, die schließlich ausgeführt wird, hat etwas zutiefst Doppelbödiges, Ambivalentes und Unmoralisches, das alles ausgelöst durch die gute Horacia: Es zeigt das Ende moralischer Eindeutigkeit, im Jahr 1997. Aus dem Radio ist der Tod von Mutter Teresa zu vernehmen.

Gebettet ins Zirpen der Grillen der Nacht entfaltet sich so ein höchst unmoralischer Raum, in dem verzweifelt versucht wird, Gutes zu tun und die Bevölkerung oder allgemeiner: la gente, das Volk, zu retten. Über ihn legt sich das Dunkel der Nacht, die die Menschen verschluckt, bis nur noch das Bellen eines Hundes zu vernehmen ist.

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Noch eine schnelle Anmerkung: zu Charo Santos, die die Hauptfigur Horacia spielt. Sie ist so etwas wie das Gesicht des philippinischen Fernsehens, Moderatorin und Gelegenheitsschauspielerin, Harvard-Absolventin, einflussreiche TV-Produzentin und Mega-Geschäftsfrau der philippinischen Filmindustrie. Ihre Besetzung lässt natürlich viel Raum für Interpretation: Kuschelt Lav Diaz mit der kommerziellen Auswertung? Ist seine Nähe zu den Media-Mächtigen nicht genau das, was er bei seinen Figuren anprangert? Verdankt sich am Ende sein internationaler Erfolg auf den Festivals einer Strategie, die geschult ist an populären und leicht konsumierbaren TV-Formaten? Oder ist er ein phillippinischer Fassbinder, der Leuten neue Rollen, ein neues Gesicht gibt? Und am Ende von höchster Ebene aus die Filmproduktion seines Landes beeinflussen kann? Vielleicht gar sein Land verändern kann, auch im Jahr 1 von Rodrigo Duterte?

Lav Diaz‘ Filme jedenfalls sind seit den zehn Jahren, in denen ich sein Schaffen verfolge, ungebrochen kompromisslos. Und ungebrochen katholisch-synkretistisch-historisch und hoffnungsvoll.

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