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Tag_2_Grenzen, Tiere und ausserirdische Kartographinnen

Der Tag beginnt mit einem, dieses Jahr, allgegenwärtigen Thema, das der Grenzen.

Im Dokumentarfilm „Beyond bounderies- brezmejno“ fährt Regisseur Peter Zach die slowenische Aussengrenze ab, oder besser, er tastet sie ab, fühlt nach, hört zu. Unterlegt mit poetischen Texten von Aleš Šteger begibt er sich auf eine lange und langsame Reise, mäandert mal diesseits mal jenseits der heutigen Staatsgrenze, lässt Einheimische zu Wort kommen. Was sowohl die Reise, als auch die Protagonisten zeigen, Grenzen wechseln, Hoheitsgebiete fallen mal hier, mal dort hin, aber die Grenzverläufe trennen dort Lebenden immer von Nachbarn und Familie. Kaum einer der Grenzen bejubelt, im Gegenteil, am besten fasst das der bekennende Jugo-Nostalgiker Branko in drastischen aber einfachen Worten zusammen. „es gibt nur zwei Nationalitäten: Menschen und Arschlöcher“. Der unter dem Abspann liegende Radionachrichtentext über den Bau neuer Grenzzäune wirkt wie eine kalte Dusche nach dieser poetischen Annäherung an die Grenzenlosigkeit.

Bady Minck_Mappa Muni

Bady Minck (c) chderiaz

 

Auch der neue Film von Bady Minck „Mappa Mundi“ handelt von Grenzen. In ihrem Stoppmotion-Annimations-Sciencefiction Spektakel lässt sie ausserirdische Kartographinnen die Erde entdecken und deren Entstehung, aus Sicht frühzeitlicher bis heutiger Weltkarten, erzählen. Das ist spannend, skurril, kurzweilig und am Ende auch deprimierend, wenn die Erde sich wehrt, gegen den Schmutz der sie in All umgibt, gegen die Explosionen die auf ihr stattfinden, und eben auch gegen die Grenzen, die auf ihr gezogen werden. „Meine Haut hat keinen Linien/Grenzen“ seufzt die geplagte Erde ehe sie in einem schwarzen Loch auf immer verschwindet. Im gleichen Programm noch zwei weitere, kurze Experimentalfilme, „Vivien.Liebe“ von Stefan-Manuel Eggenweber ist eine blutig- verrückte Dreiecksliebesgeschichte, bunt, schrill und überdreht. „Museumswärter“ von Alexander Gratzer ist ein liebevoll-schöner Animationsfilm, der die Frage beantwortet, was tut ein Museumswärter, wenn niemand im Raum ist? Minimalistisch, und einfach wunderbar. Ach so, ja, die Antwort: er singt, erst leise, verhalten, dann lauthals und fröhlich, in die Leere des Raums.

Tierfilme ziehen Publikum ins Kino, und auch wenn bei der Diagonale die Kinosäle meistens sehr voll sind, ist doch der Andrang bei „Tiere und andere Menschen“ von Flavio Marchetti besonders gross. Wer fürchtet sentimentale Geschichten von armen Tieren zu sehen, wird enttäuscht, für alle anderen ist der Film in seiner ruhigen, beobachtenden Dramaturgie einen grosse Freude. Die Effizienz mit der Tierheimmitarbeiter und Tierärzte ihren Alltag bewältigen, dabei aber immer ein Herz für „ihre“ Tiere haben ist gerade wegen des Mangels an Rührseligkeit besonders sehenswert.

Zum Abschluss des Tages dann noch einige Kurzspielfilme, auch dieses Programm ist so gut wie ausverkauft. „Neujohr“ von Felix Kalaivanan entstand aus dem Wunsch des Regisseurs, doch auch mal auf gutem altem 16mm Material drehen zu dürfen. Entstanden ist ein Film in einer monochromen Schneelandschaft, in der zwei alte Freunde nicht mehr wirklich schaffen an ihre frühere Freundschaft anzuknüpfen. Die Rauheit des Licht, mit der leichten Körnigkeit des Materials ergeben, zusammen mit der dokumentarischen Kameraführung, einen spannenden 10 Minuten Film. Nicht im Wettbewerb, aber unbedingt erwähnenswert, ist „Sevince“ von Süheyla Schwenk.Die Geschichte einer jungen türkischen Mutter, eingesperrt in ihren 4 Wänden oder unter einer schwarzen Burka, ihr Modus: huschend, schutzsuchend. Und auch wenn ihr Mann liebevoll und umsorgend wirkt, ist er doch in erster Linie ihr Gefängniswärter, dem sie nur in kurzen Momenten entkommt, wenn sie Spätabends am Fenster raucht, oder zu einer Freundin geht, mit der sie eine Liebesbeziehung hat. Eindringlich, Fragen aufwerfend und schön ist dieser Film. „Der Sieg der Barmherzigkeit“ von Albert Meisl ist hauptsächlich ein grosser Spass; zwei ehemalige Kollegen, Musikwissenschaftler, der Ältere ein schräger Messi, der Jüngere ein verhuschter Kerl, auf dem Weg die Karriereleiter hoch, die die Umstände zusammenbringen in eine lange Nacht und einen langen Tag aus slapstickhaftem Chaos, rund und lustig.

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Tag_1: Neugier und Empathie

Es ist jedes Jahr aufs neue verblüffend, wieviele Zuschauer sich an einem sehr sonnigen Morgen im Kino einfinden, um einen Dokumentarfilm mit scheinbar sperrigem Thema anzuschauen. Mit „Hinter dem Schneesturm“ belohnt Levin Peter das Publikum mit seinem ganz speziellen Interesse an der Geschichte seines Grossvaters. Egal wie stumm oder gar wütend der Grossvater wird, der Enkel stellt beharrlich, neugierig aber immer extrem liebevoll Fragen nach der Zeit, die der Grossvater als deutscher Soldat in der Ukraine verbracht hat. Die Fragen sind nie Anschuldigungen, sondern sind der Wunsch das Unbegreifliche irgendwie doch zu begreifen, und auch wenn der Grossvater behauptet damals nichts gefühlt, nichts gedacht zu haben, meint man in seinem Gesicht uneingestandene Scham zu lesen. Levin Peter begnügt sich nicht damit auf familiärer Ebene nachzuhaken, er fährt, mit alten Photos im Gepäck, selber in die Ukraine, schaut sich um, trifft sich mit Veteranen. Zum Teil ist der Film etwas holperig geschnitten, aber die Herzlichkeit und das Interesse wiegen das insgesamt auf. Auch Yvette Löcker geht bei ihrer Familie auf Spurensuche, „Was uns bindet“ hat aber weder Dichte, noch spürt man Anteilnahme oder Neugier, vielleicht ist sie selbst zu stark in die familiären Reibereien involviert, es fehlt Distanz, um die Fragen nach Liebe und Lebenskonzepten auch für Fremde interessant werden zu lassen; eher fühlt man sich wie ein ungebetener Gast bei einem Familienstreit, der einen einfach nichts angeht.

Das Fremde betrachten, in Ruhe und vorurteilsfrei, das kann man in „Seeing voices“ von Dariusz Kowalski. Immer noch sind gehörlose Menschen im Alltag meistens unsichtbar, die Protagonisten dieses Films zeigen nicht nur, dass das dringend zu ändern ist, sondern machen auf sehr sympathische und einfühlsame Art klar, dass gehörlos zwar zur Identität gehört, aber keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal ist. Der Film bewegt sich zwischen den verschiedenen Personen und Gruppen, lässt Teilhaben an leben, feiern, politischer Arbeit, aufwachsen und erwachsen werden, und das alles ohne zu schulmeistern, dafür oft mit Humor.

Zum Abschluss dann doch noch ein Spielfilm, „Siebzehn“ von Monja Art, es wird viel geredet, gelitten, geliebt oder zumindest das getan was Siebzehnjährige für lieben halten mögen. Man glaubt – oder hofft – die ganze Zeit, dass der Film eine Wende zum Drama, zur Tragödie nehmen wird, dass irgendeine der Figuren unter der Last der verschmähten Liebe ausrasten oder zusammenbrechen wird, doch am Ende leiden sie einfach an einer sich selbst heilenden Krankheit, die da heisst: siebzehn sein. Ob sich Jugendliche von dem Film angesprochen fühlen werden ist schwer zu sagen, als nicht mehr jugendlicher Zuschauer aber freut man sich dieses Alter hinter sich zu haben.

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Keine Angst

Zum 20 Mal findet die Diagonale in Graz statt, zum zweiten Mal eröffnen Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger unter begeistertem Applaus das Festival des österreichischen Films.

Wie auch im ersten Jahr ihrer Intendanz halten sie eine politische, aber auch launige Rede, fordern eine Raus aus der Gemütlichkeit der eingetretenen Pfade, ein Mehr an Mut und Neugierde. Neugierde, die zu mehr Verständnis für Fremdes, Neues führt und den Weg öffnet für Empathie. „Keine Angst“ fordern sie, einen Austropop Hit aus den 80ger Jahren zitierend, keine Angst, nur so lässt sich eine bequem gewordene (Film) Welt aufwecken.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen fordert Neugierde und fragt zum Abschluss seiner kurzen Rede, „nationales Festival ja, aber was ist schon national?“, und trifft damit einen der grossen Pluspunkte des österreichischen Filmschaffens: die bunte Mischung aus gebürtigen und eingelebten Österreichern, Fremden, die hier arbeiten, Einheimischen, die im Ausland arbeiten, die alle ihre filmischen Blicke längst nicht mehr ausschliesslich auf den eignen, nationalen Nabel werfen, sondern die Welt und ihre Facetten ausleuchten gehen.

Ein solcher Ausleuchter, Erforscher war Michael Glawogger, einer dem man nicht erst nahelegen musste neugierig zu sein. Als er 2014 während des Drehs zu seinem Dokumentarfilm „untitled“ starb hinterliess er nicht nur ein grosses Loch in der Filmwelt, sondern auch etwa 70 Stunden Filmmaterial, und das Konzept für einen Film ohne Thema, eines Sichtreibenlassens. Aus diesen Komponenten hat Monika Willi einen phantastischen Film geschnitten. Die wunderbaren Bilder von Attila Boa, der den Mut hat mit der Kamera unaufdringlich aber bestimmt auf Situationen zu bleiben, zuzuschauen, ohne dem flüchtigen Kick nachzugeben näher an die Situation zu gehen, um eventuell mehr Drama einfangen zu können, und der damit das Drama, die Freude oder Trauer wahrhaftig einfängt, abbildet, dem Zuschauer nahebringt. Der Film entsteht, mehr noch als sonst, im Kopf jeden Zuschauers, und vermutlich sieht er sogar bei mehrmaligem Sehen jedesmal anders aus. Die Schnitte erfolgen nach bildlichen, graphischen Analogien und lassen so Assoziationen entstehen, man folgt nicht Glawogger/Boa auf deren Reise, man hat er den Eindruck in eigenen Erinnerungen sprunghaft, assoziativ spazieren zu gehen, ohne Eile, ohne Ziel, alles ist schon da, und erfindet sich trotzdem beim Betrachten neu. Ein wunderbarer Film, der vom Publikum mit grosser Begeisterung aufgenommen wurde.

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Die Propagandafilme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen bringen…

Ursula Pürrers Montage: Wie montiert man Propagandafilme? Wie kann man dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen? – Springtime_with_Hitler_Folge_04; 25.02.17

Mehrfach wurde ich in diesen Tagen gefragt, wie wir denn im Schnitt von „Hitlers Hollywood“ gearbeitet haben. Dazu kann ich hier gern etwas erzählen. Für die Montage ist Ursula Pürrer verantwortlich. Bei „Von Caligari zu Hitler“ war es Katja Dringenberg gewesen. Sie hatte ich natürlich als erstes gefragt, aber sie hatte wegen eines anderen Projekts nicht gekonnt – und vielleicht auch ein kleines bisschen nicht gewollt. Zu stark der Widerwille gegenüber den Nazi-Filmen im Verhältnis zur Versuchung, mit dem Teufel tanzen zu gehen.

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Somit also Ursula Pürrer. Das war eine Super-Zusammenarbeit! Auf allen Ebenen. Sehr partnerschaftlich – sie hat natürlich einen großen, ganz eigenen Anteil am Ergebnis. Im Nachhinein ein Glückgriff und im Rückblick gar nicht anders vorstellbar. Die Montage war für diesen Film sehr bedeutend, weil ich wie schon bei „Von Caligari zu Hitler“ nicht mit einem fertigen Drehbuch gearbeitet habe. Das Bildmaterial sollte uns führen und inspirieren. Mein eigenes Vorgehen würde ich dabei eher mit dem eines DJ’s vergleichen.

Vorab gab es nur ein Treatment von ein paar Seiten, das war’s. Wenn man diesen Text heute liest, dann gibt es darin zwar einzelne Szenen, die „eins zu eins“ übernommen wurden, etwa der Anfang mit jener Szene aus „Der Mann der Sherlock Holmes war“, in der Hans Albers und Heinz Rühmann in einer gemeinsamen Hotelsuite jeweils in ihrer Badewanne sitzen und ein Lied von verräterischer Offenheit singen, und es gibt natürlich auch bestimmte Themenkomplexe, die schon relativ ausgearbeitet wurden – aber das meiste andere gar nicht. Ich glaube daran, dass die Arbeit einen führt, und man dem eigenen Instinkt und der Spontaneität des Augenblicks Raum geben sollte – erst recht, weil wir zu zweit einander ein Korrektiv waren, und auch andere, besonders meine Produzentin Martina Haubrich, sich einbringen konnten.

Für uns gab es einen Grundsatz von Anfang an: Wir wollten versuchen, die Filme – die ja komplett unter der Ägide und totalen Kontrolle von Goebbels und seinem Propagandaministerium entstanden und freigegeben worden sind – für sich selbst sprechen zu lassen, mit zeitgenössischem Dokumentarmaterial, aber ohne neugedrehte Szenen oder Schauplatzaufnahmen. Ich war immer überzeugt, dass dieses Verfahren, gewissermaßen den Blick der Nazis zu zeigen, und dadurch auch zu enthüllen, zu einem guten, auch politisch-moralisch tragbaren Ergebnis fuhren könnte.

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In der Montage eines solchen Dokumentarfilms gibt es aber zahlreiche Fallen, ästhetische wie moralische. Man muss den Propagandaton immer wieder brechen, dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen. Das kann man nicht immer nur über den Kommentar machen, es braucht auch gute, mitunter subtile Montage.

Natürlich haben wir uns immer wieder gefragt, wie wir vermeiden, dass im Ergebnis dann die NS-Propaganda einfach nur gefährlich verdoppelt werden würde. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die Filme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen kommen.

Ursula Pürrer hat einen unschätzbaren Anteil daran, dass das Ganze dramaturgisch in Form gebracht wurde. Es hat sich im Verlauf unserer Arbeit gezeigt, dass eine weitgehend chronologische Montage für das Verständnis des Films sehr hilfreich ist. Weil der Zuschauer immer weiß, wo er sich in der historischen Zeit gerade befindet, ist es möglich, bestimmte Filmbilder frei stehen zu lassen und historische Vorgänge extrem zu straffen. Es konnte und sollte ja keine Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus erzählt werden, sondern allenfalls eine Mentalitätsgeschichte.

Rüdiger Suchsland

Gute Anfänge sind die halbe Miete

Helle Nächte: Ein großartiger Auftakt zur Filmtour: Zu Gast im Tübinger Arsenal-Kino – – Springtime_with_Hitler_Folge_03; 24.02.17

Am Freitagmorgen erst ein bisschen Arbeit, dann drei Stunden Warten in der Mainzer SWR-Kantine: Ich lausche Gesprächen über Urlaub, Kinder, Hunde,und Fernseh-Rechte. Mittags gebe ich noch Scala auf WDR 5 ein Interview zum Filmstart. Wie unterschiedlich die Sender ihre Compliance-Regeln auslegen! Aber der Compliance-Wahn, das ist eh nochmal ein eigenes Kapitel.

Dann Mittagessen mit Martina und unserem Redakteur beim Italiener Incontro in der Mainzer Augustinergasse; danach geht es flugs nach Tübingen, der ersten Station der eigentlichen Filmtour, die mich mindestens bis zum Juni immer wieder in irgendwelche deutschen Städte führen wird, wo ich „Hitlers Hollywood“ vorstellen werde.

Ich freue mich auf das Arsenal, eines der bekanntesten Programmkinos der Republik – mit einem sehr guten Ruf. Der bestätigt sich dann auch an diesem Freitagabend.

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Dabei fing es ganz schrecklich an: Rechtzeitig in Tübingen angekommen, wollte ich zu Fuß zum Hotel. Auf google-maps sah alles ganz nahe aus. Fehler! Mit Rollkoffer auf Straßenpflaster, unübersichtliche Gassen. Vor allem aber scheint es in Tübingen keine Straßennahmen zu geben, keine Hausnummern und keine Tübinger. Denn ich frage vier Leute, offensichtlich Einheimische nacheinander und alle haben keine Ahnung. Inklusive des Bäckers in der Straße, in der angeblich das Hotel ist. Es stellte sich dann, als ich nach einer halben Stunde Rollkofferspaziergang das Hotel doch noch fand, heraus, dass das „Ibis Styles“ ganz neu gebaut ist, für Geschäftsleute. Was die wohl in Tübingen für Geschäfte machen? Das Zimmer ist gut und geräumig, allerdings gibt es keinen Schreibtisch. Komische Geschäftsleute.

Früher gab es hier auf dem alten Bahngelände den besten Club der Stadt, erzählte mir später Ella, die zwar in Berlin wohnt, aber aus Tübingen kommt, und an diesem Abend meine virtuelle Stadtführerin wird, mit Kneipentips per sms.

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Als ich nach schnellem Einchecken dann gerade durch die Stadt schlendern will, setzt Regen ein. Das wird den Kinobesuch auch nicht steigern. Mist!

Und dann nach zehn Minuten unterstellen an der Bushaltestelle auf der Brücke muss ich mich doch noch richtig beeilen, und ohne viel von Tübingen zu sehen, in die Hintere Grabenstraße zum Kino.

Da merke ich schnell: Kein Grund zur Panik. Der Vorverkauf ist gut. Über Bildern und ausgehängten Pressetexten ist im Vorraum/Café das Wappen von „Arsenal London“ angepinnt. Das „Arsenal“, das man trotzdem deutsch ausspricht, ist aber natürlich nicht nur ein hervorragendes, auch sympathisch gemütliches Kino, sondern auch einer der wichtigsten deutschen Verleihfirmen für Autorenkino und sonstige gute Filme, für die sich bei uns die blöde Bezeichnung „Arthouse“ eingebürgert hat. Ein paar Minuten lang führt mich Käthe kurz in die nebenan liegenden Räume des Verleihs – es ist immer interessant die Vorstellung, die man so jahrelang hatte, mit der Realität abzugleichen.

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Ich war hier noch nie, bei meiner ersten Filmtour für „Von Caligari zu Hitler“ kam das Arsenal nicht vor. Dabei ist es das Schönste an dieser Regisseursexistenz, dass man auf einer solchen Filmtour neben mehr oder weniger spannenden Publikumsbegegnungen auch den Kinos selbst begegnet. Ihren Betreibern, die ja die Basisarbeiter dieses ganzen Phänomens „Kino“ sind. Sie pflegen unsere Kinokultur, da wo sie gut sind. Wo sie schlecht sind, können sie ganze Generationen für das Medium verderben.

Wie wichtig Kinos, ihre Kenntnis und die Pflege der individuellen Orte sind, das habe ich erst richtig verstanden, als ich irgendwann mal mit Stephan Hutter von „Prokino“ gemeinsam das Filmhaus in Saarbrücken besucht habe. Stephan kannte alle Mitarbeiter des Kinos, kannte die Zahlen die die verschiedenen Filme am Ort gemacht hatten – so stelle ich mir gute Verleiharbeit vor.

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Das Kino ist gut gefüllt, etwa 60 Leute. Viele sind älter, nur etwa zehn könnten Studenten sein. Schon in den ersten Minuten, wenn Rühmann und Albers auf der Leinwand erscheinen, wird getuschelt: „Hans Albers“. Gute Anfange bei einem Film sind die halbe Miete – und das ist ein guter Anfang!

Nach zehn Minuten gehe ich raus – etwa kurz nachdem O.E.Hasse in Karl Ritters „Stukas“ das schrecklich-schöne Hölderlin-Gedicht „Tod fürs Vaterland“ rezitiert. Passt ja zu Tübingen.

„…Umsonst zu sterben, lieb ich nicht/,

doch Lieb ich, zu fallen am Opferhügel. Fürs Vaterland/

zu bluten des Herzens Blut. Fürs Vaterland/

und bald ist’s geschehn! Zu euch, Ihr Teuern!

komm ich, die mich leben Lehrten und sterben,

zu euch hinunter!

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Ich muss erst noch austesten, wie laut man den Film abspielen dar. Ein paar Vorstellungen wird es noch dauern, bis ich dafür ein Gefühl habe. Während der Ton in meinem ersten Film tendenziell zu leise gemischt war, ist er diesmal vielleicht das etwas zu laut geworden. Besser als zu leise! Aber jedenfalls merke ich schon jetzt, dass es sehr stark auf den Raum ankommt, wie gut der Ton verständlich ist – jeder der alten Filme ist anders gemischt, unsere Musik und die anderen Tonspuren kommen dazu. Im schlimmsten Fall gibt es ziemliches Tongemansche.

Zwischendurch hab ich ein Interview mit Lilian und Magdalena, den zwei Praktikantinnen von „Wüste Welle“, dem Tübinger Lokal-Radio – sehr sympathisch. Beide studieren Soziologie, die eine kombiniert mit Erziehungswissenschaften, die andere mit Politik. Sie stellen gute Fragen, aber auch viele, und ihre Fragen erfordern ausführliche Antworten – und zwei Lagerbier vom Fass. Wie im Flug sind die 106 Minuten rum – ich komme gerade noch rechtzeitig zur Abspann-Musik ins Kino.

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Der Film wird gut aufgenommen. Moderieren darf ich mich selber weil Kino-Leiter Dieter Betz sich ums andere Kino kümmern muss. Aber alles wird ein Selbstläufer: Die Fragen geben Gelegenheit, den Mythos „Feuerzangenbowle“ zu dekonstruieren, zu erklären, warum dies ein faschistischer Film ist.

Auch sonst ist das Tübinger Publikum sehr interessiert, und das Gespräch dauert 40 Minuten. Danach interviewt mich noch das „Schwäbische Tageblatt“ mit jener gewissen Strenge, wie sie besonders Regionalzeitungen eigen ist.

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Dann noch ein paar Gespräche mit Übriggebliebenen des Publikums. Zu viert gehen wir noch durch die Altstadt, weitgehend synchron mit Ellas sms-Ratschlägen. Zuerst ins „X“, zum Essen. Großartiger Ort, sehr basic, das Bier nicht ein Viertel so gut, wie im Arsenal vorher. Aber dafür gibt es Pommes und einen XL Burger, der hält, was er verspricht.

Dann im „Ammerschlag“, einem Ort, den manche offenbar seit Jahren nicht verlassen haben. Ein Theologiestudent fragt mich um Rat, ob er das Vikariat tatsächlich antreten sollte. Im Zweifelsfall natürlich nicht, wenn er schon so fragt – aber die Kirche braucht jeden.

Weiter zum „Storchen“, auch Raucherkneipe, auch an der Ammer. Nicht rauchen darf man im „Chez Michel“, sehr (!) gemischtes Publikum, gute Musik, zwischen einsamen Sekretärinnen und coolen Rhetorikstudenten, in dem Ella als Bedienung angeblich eineinhalb Jahre ihres Lebens verbrachte. Aber vielleicht hab ich das falsch verstanden. Alles vier sind Orte, wo man Menschen kennenlernt.

Auf dem Nachhauseweg gebe ich der Versuchung nach, und esse um halb vier einen Döner, der glaub‘ ich, nicht nur wegen der Uhrzeit hervorragend war.

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Leicester City entlässt heute seinen Meister-Trainer Claudio Ranieri – Anlaß für einen tollen Text im Guardian.

Die Laune verderben schlechte Nachrichten aus der Kapitänsbrücke allenfalls kurz – und dass das erweiterte Presseheft aus München so unprofessionell ist, wie erwartet, macht die Laune da fast schon wieder besser. (Ja, stimmt, das ist ein Insiderwitz. Just google me!)

Das Fernsehen als Agendasetter

Weiberfastnacht: In Wiesbaden beginnt die Filmtour Vexierfilme im Nazi-Kino – Springtime_with_Hitler_02; 23.02.17

„Die Frage ‚Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit‘ muß erläutert werden. Sie geht von einer Formulierung aus, die sich während der letzten Jahre als Schlagwort höchst verdächtig gemacht hat. Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.“

Th.W.Adorno: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“

Am Donnerstag-Morgen, Weiberfastnacht, geht es nach Wiesbaden. Dort, im Kino der Murnau-Stiftung findet zum Tag des Bundes-Starts die zweite Premiere von „Hitlers Hollywood“ statt.

Vorher fahre ich noch nach Mainz, um dort auch eine weitere neue Erfahrung zu machen, eine Erfahrung von der Art, wie ich sie nicht alle Tage mache, und die darum besonders reizvoll sind an diesem Move in den Regiestuhl, den viele Kollegen immer noch gern als „Seitenwechsel“ bezeichnen: Ich bin zu Gast bei 3sat Kulturzeit.

Fahrt mit dem Taxi raus zum Lärchesberg, ein seltsam provinzieller Ort, der zwar von hübscher Mittelgebirgslandschaft geprägt ist, die mich an meine Kindheit im Taunus erinnert, aber eben ein Ort der Antiurbanität. Hier sind eben auch die Mainzelmännchen zuhause.

Die Anlage selbst ist eine kleine Stadt für sich. Statt an das wahre Leben erinnert sie aber eher an einen dystopischen Science-Fiction-Film früherer Zeiten: Die Seventies-Architektur und vor allem die Menschenleere. Auch drinnen: Große leere Hallen, nur einzelne Menschen.

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Nach dem Schminken gibt es Kaffee und Schnittchen. Mit Teresa Corceiro, der Redakteurin, sprechen wir nochmal über die Berlinale, die nicht nur mich enttäuscht hat. Kein Vorgespräch zu Sendung, keine Vorbereitung auf die Fragen, was ich aus irgendeinem Grund erwartet hatte – vielleicht weil man das im Radio meist so macht.

Dann geht es im Sendestudio ziemlich schnell. Das Gespräch wird zwar voraufgezeichnet, aber quasi eins zu eins geführt. Cécilie Schortmann fragt mich nach der Entwicklung des NS-Kinos, nach Kritik, die sich in den Filmen versteckt, und danach, wie man heute mit ihnen umgehen soll? Kritik gibt es nicht, so wie es im ganzen NS-Kino eigentlich keine Unschuld gibt. Aber es gibt Distanzbewegungen. Zum Teil, weil die Distanz schon immer da ist, wie bei Käutner, zum Teil aus blankem Opportunismus. Vor allem bei den klügsten unter des Teufels Filmemachern.

Man könnte von einer Gattung der „Vexierfilme“ sprechen, von Filmen, die man aus zwei entgegengesetzten Richtungen anschauen kann: Es sind Propagandafilme, aber in sie sind Widerhaken eingebaut, sodass man in sie auch indirekte Kritik und subtile Distanzierung gegenüber Idealen des Regimes hineininterpretieren kann.

Etwa bei „Großstadtmelodie“ von Wolfgang Liebeneiner ist das so. Und bei Veit Harlans „Opfergang“ – das ist ein morbider Film. Das Kino nimmt darin den kommenden Untergang vorweg, und dekonstruiert die NS-Vorstellungen der „Gesundheit“.

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Ich selbst fühlte mich befangen. Während ich bei Radioauftritten vergesse, dass eventuell Hunderttausende zuhören, führt die Kamera dazu, dass ich meine Körperhaltung kontrolliere und auch wieder stärker damit beschäftigt bin, mich grammatikalisch nicht zu verhaspeln. Sie zu vergessen, muss man auch wieder erst lernen.

Die acht Minuten sind sauschnell vorbei. Ich habe das Gefühl, eigentlich gar nichts zu sagen. Aber immerhin kommt heraus, dass das NS-Kino eine Welt des bewußten Illusionismus darstellt. Es sind Filme, die aufs Irrationale zielen, die ganz bewusst das Unterbewusste des Zuschauers manipulieren wollen. Das Interessante ist, dass diese Propaganda für diese Manipulation nicht lügt, oder jedenfalls weniger lügt, als man es denkt. Im Grunde sprechen die Nazis erstaunlich viel aus in diesen Filmen.

Schortmanns Frage nach erkennbaren Entwicklungen im NS-Film kann man damit beantworten, dass das Kino mit der Zeit immer stärker in phantastische Welten abdriftet. Viele Hauptfiguren träumen – tagsüber als „Idealisten“ oder des Nachts.

Es geht den Filmen ganz bewusst darum, die Grenze zwischen beidem einzuebnen.

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Das Leben ist eben voller Überraschungen. Was so ein Auftritt bewirken kann! Bemerkenswerterweise sprechen mich gleich mehrere Redakteure auf den Auftritt an. Sie vor allem scheinen „Kulturzeit“ regelmäßig zu sehen. Das Fernsehen als Agendasetter. „Herr Suchsland, da macht man einmal 3sat an und prompt sitzen Sie im studio! Werde Ihren Film definitiv ansehen. Schönes Interview! Viele Grüße“

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Die ersten Kritiken sind erschienen. In der SZ hat gestern zur Premiere Susanne Hermanski mit einem besonders schönen, auch besonders schön bebilderten und aufgemachten, halbseitigen Text vorgelegt: „Komm, süßer Tod“ – in dieser treffenden Überschrift ist schon alles drin, die Todessehnsucht und der Kitsch.

Die Autorin beschreibt treffend, dass es mir um den „genaueren Blick auf das Kino der Nationalsozialisten“ geht, und um die Überraschungen, die man erlebt, wenn man diesen Blick wagt. Es geht mir darum, nicht weg zu sehen, in den Abgrund zu schauen, „dem gängigen Reflex“ zu widerstehen, nach dem man die Werke des NS-Propaganda-Apparates lieber grundsätzlich meidet.

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Am Abend dann ist das Kino der Murnau-Stiftung voll. Schöne Überraschung: Christiane von Wahlert ist da. Morgen Abend werde ich im Kino ihres Mannes des Tübinger „Arsenal“ mit „Hitlers Hollywood“ zu Gast sein.

Auch Reno Koppe von meinem Verleih „Farbfilm“ ist da, und wir machen das „Foto des Tages“. Sogar der „Wiesbadener Kurier“ kommt, sein Photograph braucht zehn Minuten, bis alles im Kasten ist – aber es ist bestimmt ein großartiges Foto geworden.

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Nach der Vorstellung gibt es ein wohlwollendes Publikumsgespräch, das nicht allzu lang dauert – dann Premierenstimmung. Im Prinzip. Denn immer wieder gibt es in diesen Tagen auch andere Gespräche, für die man sich Zeit nehmen muss, die mir noch wichtiger sind: Ein älterer Herr aus dem Publikum spricht mich an, erzählt, er sei „Jahrgang 31“. Wie er es erlebt habe, die Ausschnitte zu sehen? „Das kann man gar nicht beschreiben.“ Es dauert nur wenige Sätze, dann sind wir beim ganz Elementaren: Der Selbstmordwelle unter den Deutschen in den letzten Kriegsmonate. Wie kann man sie verstehen? Das sei nicht mitteilbar. Als „Pimpf“ sei er „in der Festung Breslau“ gewesen. Ein besonders fürchterlicher Ort, aus dem nur besonders wenige lebens rauskamen. Er habe selber Kameraden gehabt, die sich umbrachten, und für fast jeden sei dies eine Option gewesen.

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Wolfgang Bergmann von ZDF/ARTE lobt zum Abschied „ganz großartiger Film! … wir sollten mal reden.“ Für die Vorstellung hatte er ein paar kanadische Filmemacher mitgebracht, auch die wirken angetan.

„Toller Film!“ sagt auch Nina Goslar zum Abschied, Redakteurin bei ARTE, der „Hitlers Hollywood“ besonders viel zu verdanken hat: „aber das nächste Mal kürzen wir Dir noch mehr aus dem Text.“ Wird gemacht – in jedem Fall schön zu hören, dass es ein nächstes Mal gibt.

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Versäumt habe ich dafür eines der Fußballspiele des Jahres. Gladbach liegt im ehemaligen UEFA-Cup gegen den AC Florenz im Rückspiel zur Halbzeit 0-3 zurück, gewinnt das Spiel aber noch 4-3.