Das Fernsehen als Agendasetter

Weiberfastnacht: In Wiesbaden beginnt die Filmtour Vexierfilme im Nazi-Kino – Springtime_with_Hitler_02; 23.02.17

„Die Frage ‚Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit‘ muß erläutert werden. Sie geht von einer Formulierung aus, die sich während der letzten Jahre als Schlagwort höchst verdächtig gemacht hat. Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.“

Th.W.Adorno: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“

Am Donnerstag-Morgen, Weiberfastnacht, geht es nach Wiesbaden. Dort, im Kino der Murnau-Stiftung findet zum Tag des Bundes-Starts die zweite Premiere von „Hitlers Hollywood“ statt.

Vorher fahre ich noch nach Mainz, um dort auch eine weitere neue Erfahrung zu machen, eine Erfahrung von der Art, wie ich sie nicht alle Tage mache, und die darum besonders reizvoll sind an diesem Move in den Regiestuhl, den viele Kollegen immer noch gern als „Seitenwechsel“ bezeichnen: Ich bin zu Gast bei 3sat Kulturzeit.

Fahrt mit dem Taxi raus zum Lärchesberg, ein seltsam provinzieller Ort, der zwar von hübscher Mittelgebirgslandschaft geprägt ist, die mich an meine Kindheit im Taunus erinnert, aber eben ein Ort der Antiurbanität. Hier sind eben auch die Mainzelmännchen zuhause.

Die Anlage selbst ist eine kleine Stadt für sich. Statt an das wahre Leben erinnert sie aber eher an einen dystopischen Science-Fiction-Film früherer Zeiten: Die Seventies-Architektur und vor allem die Menschenleere. Auch drinnen: Große leere Hallen, nur einzelne Menschen.

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Nach dem Schminken gibt es Kaffee und Schnittchen. Mit Teresa Corceiro, der Redakteurin, sprechen wir nochmal über die Berlinale, die nicht nur mich enttäuscht hat. Kein Vorgespräch zu Sendung, keine Vorbereitung auf die Fragen, was ich aus irgendeinem Grund erwartet hatte – vielleicht weil man das im Radio meist so macht.

Dann geht es im Sendestudio ziemlich schnell. Das Gespräch wird zwar voraufgezeichnet, aber quasi eins zu eins geführt. Cécilie Schortmann fragt mich nach der Entwicklung des NS-Kinos, nach Kritik, die sich in den Filmen versteckt, und danach, wie man heute mit ihnen umgehen soll? Kritik gibt es nicht, so wie es im ganzen NS-Kino eigentlich keine Unschuld gibt. Aber es gibt Distanzbewegungen. Zum Teil, weil die Distanz schon immer da ist, wie bei Käutner, zum Teil aus blankem Opportunismus. Vor allem bei den klügsten unter des Teufels Filmemachern.

Man könnte von einer Gattung der „Vexierfilme“ sprechen, von Filmen, die man aus zwei entgegengesetzten Richtungen anschauen kann: Es sind Propagandafilme, aber in sie sind Widerhaken eingebaut, sodass man in sie auch indirekte Kritik und subtile Distanzierung gegenüber Idealen des Regimes hineininterpretieren kann.

Etwa bei „Großstadtmelodie“ von Wolfgang Liebeneiner ist das so. Und bei Veit Harlans „Opfergang“ – das ist ein morbider Film. Das Kino nimmt darin den kommenden Untergang vorweg, und dekonstruiert die NS-Vorstellungen der „Gesundheit“.

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Ich selbst fühlte mich befangen. Während ich bei Radioauftritten vergesse, dass eventuell Hunderttausende zuhören, führt die Kamera dazu, dass ich meine Körperhaltung kontrolliere und auch wieder stärker damit beschäftigt bin, mich grammatikalisch nicht zu verhaspeln. Sie zu vergessen, muss man auch wieder erst lernen.

Die acht Minuten sind sauschnell vorbei. Ich habe das Gefühl, eigentlich gar nichts zu sagen. Aber immerhin kommt heraus, dass das NS-Kino eine Welt des bewußten Illusionismus darstellt. Es sind Filme, die aufs Irrationale zielen, die ganz bewusst das Unterbewusste des Zuschauers manipulieren wollen. Das Interessante ist, dass diese Propaganda für diese Manipulation nicht lügt, oder jedenfalls weniger lügt, als man es denkt. Im Grunde sprechen die Nazis erstaunlich viel aus in diesen Filmen.

Schortmanns Frage nach erkennbaren Entwicklungen im NS-Film kann man damit beantworten, dass das Kino mit der Zeit immer stärker in phantastische Welten abdriftet. Viele Hauptfiguren träumen – tagsüber als „Idealisten“ oder des Nachts.

Es geht den Filmen ganz bewusst darum, die Grenze zwischen beidem einzuebnen.

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Das Leben ist eben voller Überraschungen. Was so ein Auftritt bewirken kann! Bemerkenswerterweise sprechen mich gleich mehrere Redakteure auf den Auftritt an. Sie vor allem scheinen „Kulturzeit“ regelmäßig zu sehen. Das Fernsehen als Agendasetter. „Herr Suchsland, da macht man einmal 3sat an und prompt sitzen Sie im studio! Werde Ihren Film definitiv ansehen. Schönes Interview! Viele Grüße“

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Die ersten Kritiken sind erschienen. In der SZ hat gestern zur Premiere Susanne Hermanski mit einem besonders schönen, auch besonders schön bebilderten und aufgemachten, halbseitigen Text vorgelegt: „Komm, süßer Tod“ – in dieser treffenden Überschrift ist schon alles drin, die Todessehnsucht und der Kitsch.

Die Autorin beschreibt treffend, dass es mir um den „genaueren Blick auf das Kino der Nationalsozialisten“ geht, und um die Überraschungen, die man erlebt, wenn man diesen Blick wagt. Es geht mir darum, nicht weg zu sehen, in den Abgrund zu schauen, „dem gängigen Reflex“ zu widerstehen, nach dem man die Werke des NS-Propaganda-Apparates lieber grundsätzlich meidet.

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Am Abend dann ist das Kino der Murnau-Stiftung voll. Schöne Überraschung: Christiane von Wahlert ist da. Morgen Abend werde ich im Kino ihres Mannes des Tübinger „Arsenal“ mit „Hitlers Hollywood“ zu Gast sein.

Auch Reno Koppe von meinem Verleih „Farbfilm“ ist da, und wir machen das „Foto des Tages“. Sogar der „Wiesbadener Kurier“ kommt, sein Photograph braucht zehn Minuten, bis alles im Kasten ist – aber es ist bestimmt ein großartiges Foto geworden.

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Nach der Vorstellung gibt es ein wohlwollendes Publikumsgespräch, das nicht allzu lang dauert – dann Premierenstimmung. Im Prinzip. Denn immer wieder gibt es in diesen Tagen auch andere Gespräche, für die man sich Zeit nehmen muss, die mir noch wichtiger sind: Ein älterer Herr aus dem Publikum spricht mich an, erzählt, er sei „Jahrgang 31“. Wie er es erlebt habe, die Ausschnitte zu sehen? „Das kann man gar nicht beschreiben.“ Es dauert nur wenige Sätze, dann sind wir beim ganz Elementaren: Der Selbstmordwelle unter den Deutschen in den letzten Kriegsmonate. Wie kann man sie verstehen? Das sei nicht mitteilbar. Als „Pimpf“ sei er „in der Festung Breslau“ gewesen. Ein besonders fürchterlicher Ort, aus dem nur besonders wenige lebens rauskamen. Er habe selber Kameraden gehabt, die sich umbrachten, und für fast jeden sei dies eine Option gewesen.

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Wolfgang Bergmann von ZDF/ARTE lobt zum Abschied „ganz großartiger Film! … wir sollten mal reden.“ Für die Vorstellung hatte er ein paar kanadische Filmemacher mitgebracht, auch die wirken angetan.

„Toller Film!“ sagt auch Nina Goslar zum Abschied, Redakteurin bei ARTE, der „Hitlers Hollywood“ besonders viel zu verdanken hat: „aber das nächste Mal kürzen wir Dir noch mehr aus dem Text.“ Wird gemacht – in jedem Fall schön zu hören, dass es ein nächstes Mal gibt.

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Versäumt habe ich dafür eines der Fußballspiele des Jahres. Gladbach liegt im ehemaligen UEFA-Cup gegen den AC Florenz im Rückspiel zur Halbzeit 0-3 zurück, gewinnt das Spiel aber noch 4-3.

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