Gute Anfänge sind die halbe Miete

Helle Nächte: Ein großartiger Auftakt zur Filmtour: Zu Gast im Tübinger Arsenal-Kino – – Springtime_with_Hitler_Folge_03; 24.02.17

Am Freitagmorgen erst ein bisschen Arbeit, dann drei Stunden Warten in der Mainzer SWR-Kantine: Ich lausche Gesprächen über Urlaub, Kinder, Hunde,und Fernseh-Rechte. Mittags gebe ich noch Scala auf WDR 5 ein Interview zum Filmstart. Wie unterschiedlich die Sender ihre Compliance-Regeln auslegen! Aber der Compliance-Wahn, das ist eh nochmal ein eigenes Kapitel.

Dann Mittagessen mit Martina und unserem Redakteur beim Italiener Incontro in der Mainzer Augustinergasse; danach geht es flugs nach Tübingen, der ersten Station der eigentlichen Filmtour, die mich mindestens bis zum Juni immer wieder in irgendwelche deutschen Städte führen wird, wo ich „Hitlers Hollywood“ vorstellen werde.

Ich freue mich auf das Arsenal, eines der bekanntesten Programmkinos der Republik – mit einem sehr guten Ruf. Der bestätigt sich dann auch an diesem Freitagabend.

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Dabei fing es ganz schrecklich an: Rechtzeitig in Tübingen angekommen, wollte ich zu Fuß zum Hotel. Auf google-maps sah alles ganz nahe aus. Fehler! Mit Rollkoffer auf Straßenpflaster, unübersichtliche Gassen. Vor allem aber scheint es in Tübingen keine Straßennahmen zu geben, keine Hausnummern und keine Tübinger. Denn ich frage vier Leute, offensichtlich Einheimische nacheinander und alle haben keine Ahnung. Inklusive des Bäckers in der Straße, in der angeblich das Hotel ist. Es stellte sich dann, als ich nach einer halben Stunde Rollkofferspaziergang das Hotel doch noch fand, heraus, dass das „Ibis Styles“ ganz neu gebaut ist, für Geschäftsleute. Was die wohl in Tübingen für Geschäfte machen? Das Zimmer ist gut und geräumig, allerdings gibt es keinen Schreibtisch. Komische Geschäftsleute.

Früher gab es hier auf dem alten Bahngelände den besten Club der Stadt, erzählte mir später Ella, die zwar in Berlin wohnt, aber aus Tübingen kommt, und an diesem Abend meine virtuelle Stadtführerin wird, mit Kneipentips per sms.

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Als ich nach schnellem Einchecken dann gerade durch die Stadt schlendern will, setzt Regen ein. Das wird den Kinobesuch auch nicht steigern. Mist!

Und dann nach zehn Minuten unterstellen an der Bushaltestelle auf der Brücke muss ich mich doch noch richtig beeilen, und ohne viel von Tübingen zu sehen, in die Hintere Grabenstraße zum Kino.

Da merke ich schnell: Kein Grund zur Panik. Der Vorverkauf ist gut. Über Bildern und ausgehängten Pressetexten ist im Vorraum/Café das Wappen von „Arsenal London“ angepinnt. Das „Arsenal“, das man trotzdem deutsch ausspricht, ist aber natürlich nicht nur ein hervorragendes, auch sympathisch gemütliches Kino, sondern auch einer der wichtigsten deutschen Verleihfirmen für Autorenkino und sonstige gute Filme, für die sich bei uns die blöde Bezeichnung „Arthouse“ eingebürgert hat. Ein paar Minuten lang führt mich Käthe kurz in die nebenan liegenden Räume des Verleihs – es ist immer interessant die Vorstellung, die man so jahrelang hatte, mit der Realität abzugleichen.

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Ich war hier noch nie, bei meiner ersten Filmtour für „Von Caligari zu Hitler“ kam das Arsenal nicht vor. Dabei ist es das Schönste an dieser Regisseursexistenz, dass man auf einer solchen Filmtour neben mehr oder weniger spannenden Publikumsbegegnungen auch den Kinos selbst begegnet. Ihren Betreibern, die ja die Basisarbeiter dieses ganzen Phänomens „Kino“ sind. Sie pflegen unsere Kinokultur, da wo sie gut sind. Wo sie schlecht sind, können sie ganze Generationen für das Medium verderben.

Wie wichtig Kinos, ihre Kenntnis und die Pflege der individuellen Orte sind, das habe ich erst richtig verstanden, als ich irgendwann mal mit Stephan Hutter von „Prokino“ gemeinsam das Filmhaus in Saarbrücken besucht habe. Stephan kannte alle Mitarbeiter des Kinos, kannte die Zahlen die die verschiedenen Filme am Ort gemacht hatten – so stelle ich mir gute Verleiharbeit vor.

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Das Kino ist gut gefüllt, etwa 60 Leute. Viele sind älter, nur etwa zehn könnten Studenten sein. Schon in den ersten Minuten, wenn Rühmann und Albers auf der Leinwand erscheinen, wird getuschelt: „Hans Albers“. Gute Anfange bei einem Film sind die halbe Miete – und das ist ein guter Anfang!

Nach zehn Minuten gehe ich raus – etwa kurz nachdem O.E.Hasse in Karl Ritters „Stukas“ das schrecklich-schöne Hölderlin-Gedicht „Tod fürs Vaterland“ rezitiert. Passt ja zu Tübingen.

„…Umsonst zu sterben, lieb ich nicht/,

doch Lieb ich, zu fallen am Opferhügel. Fürs Vaterland/

zu bluten des Herzens Blut. Fürs Vaterland/

und bald ist’s geschehn! Zu euch, Ihr Teuern!

komm ich, die mich leben Lehrten und sterben,

zu euch hinunter!

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Ich muss erst noch austesten, wie laut man den Film abspielen dar. Ein paar Vorstellungen wird es noch dauern, bis ich dafür ein Gefühl habe. Während der Ton in meinem ersten Film tendenziell zu leise gemischt war, ist er diesmal vielleicht das etwas zu laut geworden. Besser als zu leise! Aber jedenfalls merke ich schon jetzt, dass es sehr stark auf den Raum ankommt, wie gut der Ton verständlich ist – jeder der alten Filme ist anders gemischt, unsere Musik und die anderen Tonspuren kommen dazu. Im schlimmsten Fall gibt es ziemliches Tongemansche.

Zwischendurch hab ich ein Interview mit Lilian und Magdalena, den zwei Praktikantinnen von „Wüste Welle“, dem Tübinger Lokal-Radio – sehr sympathisch. Beide studieren Soziologie, die eine kombiniert mit Erziehungswissenschaften, die andere mit Politik. Sie stellen gute Fragen, aber auch viele, und ihre Fragen erfordern ausführliche Antworten – und zwei Lagerbier vom Fass. Wie im Flug sind die 106 Minuten rum – ich komme gerade noch rechtzeitig zur Abspann-Musik ins Kino.

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Der Film wird gut aufgenommen. Moderieren darf ich mich selber weil Kino-Leiter Dieter Betz sich ums andere Kino kümmern muss. Aber alles wird ein Selbstläufer: Die Fragen geben Gelegenheit, den Mythos „Feuerzangenbowle“ zu dekonstruieren, zu erklären, warum dies ein faschistischer Film ist.

Auch sonst ist das Tübinger Publikum sehr interessiert, und das Gespräch dauert 40 Minuten. Danach interviewt mich noch das „Schwäbische Tageblatt“ mit jener gewissen Strenge, wie sie besonders Regionalzeitungen eigen ist.

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Dann noch ein paar Gespräche mit Übriggebliebenen des Publikums. Zu viert gehen wir noch durch die Altstadt, weitgehend synchron mit Ellas sms-Ratschlägen. Zuerst ins „X“, zum Essen. Großartiger Ort, sehr basic, das Bier nicht ein Viertel so gut, wie im Arsenal vorher. Aber dafür gibt es Pommes und einen XL Burger, der hält, was er verspricht.

Dann im „Ammerschlag“, einem Ort, den manche offenbar seit Jahren nicht verlassen haben. Ein Theologiestudent fragt mich um Rat, ob er das Vikariat tatsächlich antreten sollte. Im Zweifelsfall natürlich nicht, wenn er schon so fragt – aber die Kirche braucht jeden.

Weiter zum „Storchen“, auch Raucherkneipe, auch an der Ammer. Nicht rauchen darf man im „Chez Michel“, sehr (!) gemischtes Publikum, gute Musik, zwischen einsamen Sekretärinnen und coolen Rhetorikstudenten, in dem Ella als Bedienung angeblich eineinhalb Jahre ihres Lebens verbrachte. Aber vielleicht hab ich das falsch verstanden. Alles vier sind Orte, wo man Menschen kennenlernt.

Auf dem Nachhauseweg gebe ich der Versuchung nach, und esse um halb vier einen Döner, der glaub‘ ich, nicht nur wegen der Uhrzeit hervorragend war.

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Leicester City entlässt heute seinen Meister-Trainer Claudio Ranieri – Anlaß für einen tollen Text im Guardian.

Die Laune verderben schlechte Nachrichten aus der Kapitänsbrücke allenfalls kurz – und dass das erweiterte Presseheft aus München so unprofessionell ist, wie erwartet, macht die Laune da fast schon wieder besser. (Ja, stimmt, das ist ein Insiderwitz. Just google me!)

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