Die Propagandafilme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen bringen…

Ursula Pürrers Montage: Wie montiert man Propagandafilme? Wie kann man dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen? – Springtime_with_Hitler_Folge_04; 25.02.17

Mehrfach wurde ich in diesen Tagen gefragt, wie wir denn im Schnitt von „Hitlers Hollywood“ gearbeitet haben. Dazu kann ich hier gern etwas erzählen. Für die Montage ist Ursula Pürrer verantwortlich. Bei „Von Caligari zu Hitler“ war es Katja Dringenberg gewesen. Sie hatte ich natürlich als erstes gefragt, aber sie hatte wegen eines anderen Projekts nicht gekonnt – und vielleicht auch ein kleines bisschen nicht gewollt. Zu stark der Widerwille gegenüber den Nazi-Filmen im Verhältnis zur Versuchung, mit dem Teufel tanzen zu gehen.

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Somit also Ursula Pürrer. Das war eine Super-Zusammenarbeit! Auf allen Ebenen. Sehr partnerschaftlich – sie hat natürlich einen großen, ganz eigenen Anteil am Ergebnis. Im Nachhinein ein Glückgriff und im Rückblick gar nicht anders vorstellbar. Die Montage war für diesen Film sehr bedeutend, weil ich wie schon bei „Von Caligari zu Hitler“ nicht mit einem fertigen Drehbuch gearbeitet habe. Das Bildmaterial sollte uns führen und inspirieren. Mein eigenes Vorgehen würde ich dabei eher mit dem eines DJ’s vergleichen.

Vorab gab es nur ein Treatment von ein paar Seiten, das war’s. Wenn man diesen Text heute liest, dann gibt es darin zwar einzelne Szenen, die „eins zu eins“ übernommen wurden, etwa der Anfang mit jener Szene aus „Der Mann der Sherlock Holmes war“, in der Hans Albers und Heinz Rühmann in einer gemeinsamen Hotelsuite jeweils in ihrer Badewanne sitzen und ein Lied von verräterischer Offenheit singen, und es gibt natürlich auch bestimmte Themenkomplexe, die schon relativ ausgearbeitet wurden – aber das meiste andere gar nicht. Ich glaube daran, dass die Arbeit einen führt, und man dem eigenen Instinkt und der Spontaneität des Augenblicks Raum geben sollte – erst recht, weil wir zu zweit einander ein Korrektiv waren, und auch andere, besonders meine Produzentin Martina Haubrich, sich einbringen konnten.

Für uns gab es einen Grundsatz von Anfang an: Wir wollten versuchen, die Filme – die ja komplett unter der Ägide und totalen Kontrolle von Goebbels und seinem Propagandaministerium entstanden und freigegeben worden sind – für sich selbst sprechen zu lassen, mit zeitgenössischem Dokumentarmaterial, aber ohne neugedrehte Szenen oder Schauplatzaufnahmen. Ich war immer überzeugt, dass dieses Verfahren, gewissermaßen den Blick der Nazis zu zeigen, und dadurch auch zu enthüllen, zu einem guten, auch politisch-moralisch tragbaren Ergebnis fuhren könnte.

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In der Montage eines solchen Dokumentarfilms gibt es aber zahlreiche Fallen, ästhetische wie moralische. Man muss den Propagandaton immer wieder brechen, dem Nazi-Sound etwas entgegensetzen. Das kann man nicht immer nur über den Kommentar machen, es braucht auch gute, mitunter subtile Montage.

Natürlich haben wir uns immer wieder gefragt, wie wir vermeiden, dass im Ergebnis dann die NS-Propaganda einfach nur gefährlich verdoppelt werden würde. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die Filme in ihrer selbstenthüllenden Kraft zum Sprechen kommen.

Ursula Pürrer hat einen unschätzbaren Anteil daran, dass das Ganze dramaturgisch in Form gebracht wurde. Es hat sich im Verlauf unserer Arbeit gezeigt, dass eine weitgehend chronologische Montage für das Verständnis des Films sehr hilfreich ist. Weil der Zuschauer immer weiß, wo er sich in der historischen Zeit gerade befindet, ist es möglich, bestimmte Filmbilder frei stehen zu lassen und historische Vorgänge extrem zu straffen. Es konnte und sollte ja keine Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus erzählt werden, sondern allenfalls eine Mentalitätsgeschichte.

Rüdiger Suchsland

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