Diagonale_2017_2

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(c) chderiaz

Tag_2_Grenzen, Tiere und ausserirdische Kartographinnen

Der Tag beginnt mit einem, dieses Jahr, allgegenwärtigen Thema, das der Grenzen.

Im Dokumentarfilm „Beyond bounderies- brezmejno“ fährt Regisseur Peter Zach die slowenische Aussengrenze ab, oder besser, er tastet sie ab, fühlt nach, hört zu. Unterlegt mit poetischen Texten von Aleš Šteger begibt er sich auf eine lange und langsame Reise, mäandert mal diesseits mal jenseits der heutigen Staatsgrenze, lässt Einheimische zu Wort kommen. Was sowohl die Reise, als auch die Protagonisten zeigen, Grenzen wechseln, Hoheitsgebiete fallen mal hier, mal dort hin, aber die Grenzverläufe trennen dort Lebenden immer von Nachbarn und Familie. Kaum einer der Grenzen bejubelt, im Gegenteil, am besten fasst das der bekennende Jugo-Nostalgiker Branko in drastischen aber einfachen Worten zusammen. „es gibt nur zwei Nationalitäten: Menschen und Arschlöcher“. Der unter dem Abspann liegende Radionachrichtentext über den Bau neuer Grenzzäune wirkt wie eine kalte Dusche nach dieser poetischen Annäherung an die Grenzenlosigkeit.

Bady Minck_Mappa Muni

Bady Minck (c) chderiaz

 

Auch der neue Film von Bady Minck „Mappa Mundi“ handelt von Grenzen. In ihrem Stoppmotion-Annimations-Sciencefiction Spektakel lässt sie ausserirdische Kartographinnen die Erde entdecken und deren Entstehung, aus Sicht frühzeitlicher bis heutiger Weltkarten, erzählen. Das ist spannend, skurril, kurzweilig und am Ende auch deprimierend, wenn die Erde sich wehrt, gegen den Schmutz der sie in All umgibt, gegen die Explosionen die auf ihr stattfinden, und eben auch gegen die Grenzen, die auf ihr gezogen werden. „Meine Haut hat keinen Linien/Grenzen“ seufzt die geplagte Erde ehe sie in einem schwarzen Loch auf immer verschwindet. Im gleichen Programm noch zwei weitere, kurze Experimentalfilme, „Vivien.Liebe“ von Stefan-Manuel Eggenweber ist eine blutig- verrückte Dreiecksliebesgeschichte, bunt, schrill und überdreht. „Museumswärter“ von Alexander Gratzer ist ein liebevoll-schöner Animationsfilm, der die Frage beantwortet, was tut ein Museumswärter, wenn niemand im Raum ist? Minimalistisch, und einfach wunderbar. Ach so, ja, die Antwort: er singt, erst leise, verhalten, dann lauthals und fröhlich, in die Leere des Raums.

Tierfilme ziehen Publikum ins Kino, und auch wenn bei der Diagonale die Kinosäle meistens sehr voll sind, ist doch der Andrang bei „Tiere und andere Menschen“ von Flavio Marchetti besonders gross. Wer fürchtet sentimentale Geschichten von armen Tieren zu sehen, wird enttäuscht, für alle anderen ist der Film in seiner ruhigen, beobachtenden Dramaturgie einen grosse Freude. Die Effizienz mit der Tierheimmitarbeiter und Tierärzte ihren Alltag bewältigen, dabei aber immer ein Herz für „ihre“ Tiere haben ist gerade wegen des Mangels an Rührseligkeit besonders sehenswert.

Zum Abschluss des Tages dann noch einige Kurzspielfilme, auch dieses Programm ist so gut wie ausverkauft. „Neujohr“ von Felix Kalaivanan entstand aus dem Wunsch des Regisseurs, doch auch mal auf gutem altem 16mm Material drehen zu dürfen. Entstanden ist ein Film in einer monochromen Schneelandschaft, in der zwei alte Freunde nicht mehr wirklich schaffen an ihre frühere Freundschaft anzuknüpfen. Die Rauheit des Licht, mit der leichten Körnigkeit des Materials ergeben, zusammen mit der dokumentarischen Kameraführung, einen spannenden 10 Minuten Film. Nicht im Wettbewerb, aber unbedingt erwähnenswert, ist „Sevince“ von Süheyla Schwenk.Die Geschichte einer jungen türkischen Mutter, eingesperrt in ihren 4 Wänden oder unter einer schwarzen Burka, ihr Modus: huschend, schutzsuchend. Und auch wenn ihr Mann liebevoll und umsorgend wirkt, ist er doch in erster Linie ihr Gefängniswärter, dem sie nur in kurzen Momenten entkommt, wenn sie Spätabends am Fenster raucht, oder zu einer Freundin geht, mit der sie eine Liebesbeziehung hat. Eindringlich, Fragen aufwerfend und schön ist dieser Film. „Der Sieg der Barmherzigkeit“ von Albert Meisl ist hauptsächlich ein grosser Spass; zwei ehemalige Kollegen, Musikwissenschaftler, der Ältere ein schräger Messi, der Jüngere ein verhuschter Kerl, auf dem Weg die Karriereleiter hoch, die die Umstände zusammenbringen in eine lange Nacht und einen langen Tag aus slapstickhaftem Chaos, rund und lustig.

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