Locarno_2017

 

Tag_6  Schauergeschichten und Regenschauer

Immer wieder kommt es zu Überraschungen, wenn die einzige Vorabinformation, die man zu einem Film hat, der Katalogtext ist, manchmal ist diese Überraschung dann richtig gut.

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(c) ch.dériaz

Laut Festivalkatalog geht es in „As boas maneiras“ von Juliana Rojas und Marco Dutra um eine Krankenschwester, die bei einer Schwangeren eingestellt wird, und um eine Nacht, die alles verändert. Was nicht drin steht, es handelt sich um eine ziemlich grelle Horrorgeschichte, der Kontrast: arme Krankenschwester, reiche – und wie es scheint – verwöhnte Schwangere ist aber nur der Einstiegt in eine Geschichte in der sich Stück für Stück herausstellt, was da für ein Monster im Bauch heranwächst, und mit Schockeffekt zur Welt kommt. Der zweite Teil des mehr als zwei Stunden langen Films widmet sich der Kindheit der Kreatur. Der Film ist spannend und modifiziert fast liebevoll gängige Horrorstrukturen, man sollte nicht zu zimperlich sein, was blutige Szenen angeht, aber auch damit umgehen können, dass, in Art des Chors in griechischer Dramen, aus den Szenen heraus ein kommentierender, warnender Gesang anhebt, dann aber ist der Film eine grosse Freude.

Die nächste Überraschung dann bei den Leoparden von Morgen, alle 4 gezeigten Filme sind sensationell gut. „Edge of Alchemy“ von Stacey Steers ist ein Kunstwerk aus verschiedenen gezeichneten Ebenen, ausgeschnitten und als Kollage auf dies Ebenen gebrachten Stummfilmstars und einer verwirrend dichten Tonspur, alles zusammen ergibt eine Art feministisches Frankensteinlabor, grossartig. „Agavarim shel Ella“ von Oren Adaf ist ein meisterhaftes Beispiel dafür, dass man mit nur einer kleinen Lichtquelle, in dem Fall einer Taschenlampe, gezielt eingesetzt mit der Kamera malen kann. Darsteller und minimale Lichtquelle folgen einer Choreographie und bleiben dabei trotzdem ganz real und in der Logik der Geschichte, bei Stromausfall erwartet man als Zuschauer nicht mehr Licht, und möchte trotzdem dem Geschehen folgen, und das funktioniert hervorragend. „Kapitalistis“ von Pablo Muños Gomez erzählt wunderschön zart, was ein griechischer Pizzaauslieferer in Belgien alles anstellt, um für seinen Sohn einen teuren Schulrucksack zu Weihnachten zu kaufen. Hier verbinden sich Humor und Gesellschaftskritik, Witz und Wärme und schön gedreht und flott geschnitten ist es auch noch. „Silica“ von Pia Borg erzählt sowohl Landschaft, spektakulär eine Australische Opalminenregion, als auch eine Suche nach geeigneten Motiven für einen neuen Dreh der Mars-Chroniken. Die Tonebene fungiert als assoziatives Tagebuch dieser Suche, während die Bilder manchmal wie von selbst abschweifen, ein Eigenleben entwickeln, das sich dann doch wieder in den Off Gedanken wiederfindet – faszinierend.

Ohne Zwischenstopp geht es ins nächste Kino „ Easy“ von Andrea Magnani ist ein skurriles Roadmovie. Ein Sarg soll von Italien in die Ukraine überführt werden, und ausgerechnet der dicke, depressive ehemalige Go-Kart Champion soll diese Fahrt übernehmen. Alles was man sich vorstellen kann geht bei dieser Reise schief, und jedesmal, wenn man sicher ist, mehr kann nicht mehr daneben gehen, findet sich doch noch eine weitere Drehung. Aber bei allem Klamauk ist der Film auch immer wieder still und nachdenklich, die Figur des Fahrers wird nicht für billige Lacher verraten, und Landschaft und Menschen auf dieser Reise sind nicht nur exotische Staffage. Am Schluss gab es begeisterten Applaus.

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Weniger begeisternd ist dann der starke Regen, der zwischenzeitlich angefangen hat, durchnässt also ins nächste Kino. Das neue Palacinema hat zwar schöne Kinosäle, aber wenn grosse Mengen Zuschauer auf Einlass warten, wird es sehr schnell sehr unübersichtlich und ungemütlich, obendrein führt eine schmale Rolltreppe in den grossen Saal, und so löst sich der Andrang so langsam, dass der Film mit mehr als einer halben Stunden Verspätung anfängt. „Denen wos guat geit“ von Cyril Schäublin hat viele gute Ideen und eine sehr interessante Kamera, die immer wieder verblüffende Blickwinkel findet. Der Film ist ein Mäandern oder Variieren des immer gleichen Themas: in unserer Welt sind Codes, Passwörter, günstige Tarife für Internet, Telephon oder Krankenversicherung so wichtig und allgegenwärtig, die Konkurrenz entsprechend gross, und das einzige womit man sich darin, zu Werbezwecken, abheben kann, ist auf gute alte Emotionen zu setzten. Die Kombination von beidem ist dann die Waffe der Wahl für Betrug und Raub, der umso schwerer zu stoppen ist, als dass alle Beteiligten permanent in diesem Netz aus Codes, Passwörtern, Tarifen hängenbleiben. Auch wenn der Film an manchen Stellen etwas unfertig oder ungelenk wirkt, ist er ein guter erster Langfilm.

Ohne die Sturzbäche von Regen wäre dieser Tag uneingeschränkt als Erfolg zu verbuchen.

 

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Tag_7 Das Nichts und alles andere

Gemeine Regenwolken hängen weiterhin über Locarno, also Regenschutz überwerfen und ab ins trockene Kino. „In praise of Nothing“ von Boris Mitić ist laut Katalog ein satirischer Dokumentarfilm. Er ist vor allem eine bewundernswerte Recherche- und Schnittarbeit, denn kein einziges Bild wurde selbst gedreht, alle stammen aus verschiedensten Filmen, zusammen erzählen sie die Geschichte des Nichts, das in unsere Welt geflüchtet ist um sich umzusehen. Das Nichts sucht und kommentiert, findet sich vielerorts, findet sich ausgenutzt, missverstanden, umgedeutet. Das Nichts spricht in Reimen und mit der Stimme von Iggy Pop! Ein grosses, tolles Nichts ergibt das.

Das Programm der Leoparden von Morgen ist dann weniger erfreulich. In „Jeunes hommes à la fenêtre“ von Loukianos Moshonas lässt die Vergrösserung eines Scans der leeren Scannerplatte zwei Studenten über Ängste, Träume und Dasein philosophieren, wobei sie dabei immer mehr abschweifen und sich immer weniger zuhören, am Anfang hat das ganze noch relativ viel Witz, aber der Spass dauert dann mit zu wenig Varianten im Bild zu lang. „British by the Grace of God“ von Shaun Robert Dunn zeigt ein nicht mehr taufrisches Ehepaar, beim Feiern, beim Flirten, Sex im Auto. Sie haben etwas verzweifelt enthemmtes, viel Alkohol, Verzweiflung in den Augen, aber ein einzige kurze Einstellung ändert für den Zuschauer den gesamten Kontext des Films. Während die Eltern mit Freunden im Wohnzimmer saufen, gehen zwei kleine Kinder auf Erkundungstour durch die Wohnung, öffnen Türen, blicken in Zimmer, hinter einer Tür sieht man die Beine des Teenagersohns von der Decke baumeln. Die Kamera geht zurück ins Wohnzimmer, wie nebensächlich ist dieser kurze Schnitt, erzählt aber im Kopf des Zuschauers eine neue, ganz andere Geschichte, die des Danachs.

Ein eher experimenteller Dokumentarfilm ist „Did you wonder who fired the gun“ von Travis Wilkerson. Wilkersons Suche nach den Schatten in der Vergangenheit seiner Familie erzählt von Rassismus, Mord und sexueller Gewalt, Schatten, die in den USA keineswegs nur der Vergangenheit angehören. Schwarz-Weiss Bilder des Ortes in den Südstaaten, aus dem seine Familie stammt, wo sein Urgrossvater einen Schwarzen erschiessen konnte, ohne sich je dafür verantworten zu müssen, schöne Bilder von trostlosen Orten sind das, dazu die Gedanken bei seiner Suche nach Wahrheit, eindringlich gesprochen, aber auch wütend, weil auch heute fast nichts herauszufinden ist. Das alles ist sowohl extrem persönlich, als auch allgemeingültig, und wird damit umso erschreckender.

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Da der Regen eine Pause einzulegen scheint geht es auf die Piazza, wo es dann prompt doch noch mal zu regnen beginnt, aber pünktlich zu Beginn der Ehrungen ist es wieder trocken. Das Festival ehrt sich zunächst mal selbst, mit einem kurzen filmischen Rückblick auf die letzten 70 Jahre. Einen Leoparden für die Tessiner Maskenbildnerin Esmé Sciaroni und einen Leoparden für den Schweizer Produzenten Michel Merkt. Spät fängt also das indische Epos, das eigentlich eine Schweizerisch-Französisch-Singaporische Koproduktion ist, an. „The song of the scorpions“ von Anup Singh ist ein Drama um verschmähte Liebe, Vergewaltigung, Mord und Rache, angesiedelt zwischen malerischen Sanddünen und archaisch anmutenden Dörfern. Gewaltige Bilder ergibt das, weite Landschaften, warme Erdfarben, aber vieles an den Aktionen und Reaktionen bleibt unverständlich, vielleicht fehlen einfach erzählerische Chiffren, vielleicht ist Indien in seiner Erzählweise zu „exotisch“, um aus dem Gesagten und vor allem, dem Nichtgesagten Schlüsse ziehen zu können. Der Tag endet also etwas ratlos, aber immerhin trocken.