Solothurn_2018_Tag 5

Kunst? Politisch?

Ideenaustausch, Kennenlernen andere Ideen, andere Zugänge, über den Tellerrand schauen, das Shanghai Film Lab macht das möglich, und war mit fünf Schweizer Regisseurinnen und Regisseuren, Cutterinnen und Kameraleuten fünf Wochen in Shanghai, um vor Ort mit lokalen Kollegen, Themen zu erarbeiten, Filme zu drehen und vor Ort fertig zustellen, aus diesem Projekt entstand „Chen Chen“ von Franziska Schlienger. Der Kurzfilm portraitiert einen wunderbar schrägen „bunten Vogel“, einen jungen Künstler, der selber in seiner Erscheinung einem Gesamtkunstwerk gleicht. Doch bei aller Farben-und Lebensfreude schwingt auch bei ihm die düstere Vergangenheit der chinesischen Einkindpolitik mit, er,der als drittes Kind einer Familie seine Kindheit oft versteckt verbracht hat. Auch der zweite Film des Frühprogramms ist im Kunstumfeld in China angesiedelt. „The long way home“ von Luc Schaedler zeigt fünf Künstler, Maler, Tänzerin, Animationsfilmer, Dichter, alle sind sie in Chinas restriktiver -nicht so entfernter- Vergangenheit aufgewachsen, die Kulturpolitik Maos hat sie geprägt, und prägt heute ihr künstlerisches Werk. Extrem spannende, klarsichtige Künstler, die mit ihren verschieden Mitteln versuchen das Beste aus einem, immer noch sich selbst abschottenden, Land zu machen, und die sich weiterhin damit der Gefahr aussetzen verhaftet und eingesperrt zu werden. Die zum Teil radikale Kunst, die sie erzeugen, zeigt ihre Furchtlosigkeit und den unbedingten Willen zur Kunst.

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(c) ch.dériaz

Persönlich aber nicht privat, nennt Anka Schmid ihren 52 Minuten langen Kurzfilm „Haarig“. Frech und witzig, mit genauem Blick erzählt sie von unseren Haaren, als Merkmal der Unterscheidung, als Ausdruck unserer Individualität, als politisches Statement, als Zeichen der Zugehörigkeit oder auch der Nichtzugehörigkeit, als Mittel zur Verführung, als Störenfriede, Haare überall. Als visuelles Erzählmittel wählt sie einen Hybrid aus Stoppmotion Animation mit haarigem, wolligen und allem das sich in Haarform bringen lässt, fügt Collagen aus dem Kunst-Kulturkontext dazu, inszeniert haarige Szenen in fast abstrakter Verfremdung und gibt, für noch mehr Glaubwürdigkeit, Nachrichtenbilder hinzu, zusammengehalten von ihrer Stimme, ihrem persönlichen, aber nicht privaten Kommentar. Auch dieses Schmuckstück Schweizer Filmkunst, wurde vom Schweizer Fernsehen mitproduziert, wie es überhaupt kaum Filme gibt, in denen nicht in irgendeiner Form das Fernsehen beteiligt ist, erwähnenswert bleibt es aber vor allem bei den schrägen, den aussergewöhnlichen, den vielleicht nicht Massengeschmack treffenden. So könne auch diese Filme  gemacht werden, und werden letztlich auch auf ein „Sofapublikum“ treffen.

Zur Abwechslung wieder ein Kurzfilmprogramm, aber, oh weh, zwei der vier Filme sind bereits in Locarno gelaufen, und besprochen worden. Bleiben zwei, die nicht wirklich überzeugen, „Hypertable – un essai sur l’amitié“ von Filippo Filliger und „Drummer – loud and alone“ von Felix Hergert. Der erste, ein Essay über die Freundschaft, ein Versuch, der sich schwierig gestaltet, auch wenn die Ideen an sich gut sind, aber das Materil, allem Anschein nach 8mm, ist konstant unscharf und wackelig, und beides erschliesst sich nicht als künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern eher als „Unfall“. Texte und Gedanken verschiedener Freunde und Freundinnen, Erinnerungen und Erinnerungsstücke, die die Freundschaft symbolisieren, Experimental hin, Essay her, es bleibt unscharf, obwohl die Gedanken durchaus scharf wären. Die 5 Schlagzeuger im zweiten Film, werden in ihrem Probenalltag beobachtet, jeder für sich, jeder mit seiner, oder ihrer Methoden sich an ihrem Instrument abzuarbeiten, was aber fehlt ist ein Zusammenhang zwischen den Schlagzeugern, oder besser zwischen den verwendeten Bildern, es fehlt ein Rhythmus, und das obwohl doch die Instrumente permanent genau den bieten.

 

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(c) ch.dériaz

Die zweite Vorstellung der Uraufführung von „Die vierte Gewalt“ von Dieter Fahrer ist am späten Nachmittag ausverkauft. Wie so viele Filme, und vor allem wie so viele Dokumentarfilme. Gezeigt werden die diversen Versuche, Ansätze den Schweizer Journalismus zu retten, in die – nicht mehr so neuen- Technologien einzugliedern, exemplarisch an einer Traditionszeitung, einem werbefinaziertem Onlinemedium, einer über Abonnenten finanzierten, und daher werbefreien Onlinezeitung und der Redaktion des Schweizer Radios. Was man vor allem versteht, die Aussichten sind schlecht, Kürzungen bedrohen die Eigenständigkeit und Sorgfalt in der Arbeit, schnelllebige und klickreiche Schnipsel versuchen rechercheintensive Hintergrundgeschichten zu ersetzen, Katzenvideos statt Kommentaren. Dass die Verantwortung für das Überleben von Journalismus als vierter Säule der Demokratie auch beim Nutzer/Leser liegt versteht sich eigentlich von selbst, wird aber gerne ignoriert. Wenn die Zeitungen dann gestorben sind werden sie fehlen, nicht nur um darin schwarz auf weiss Todesanzeigen lesen zu können, oder Küchenabfälle drin einzuwickeln. Ein Film der nachdenklich macht.

Der bilderreichste, verschrobenste und mysteriöseste Film kommt dann am Abend: „Rätisches Triptychon“ von Fred von der Kooij. Der Film, der drei historische Bündner Figuren – den Maler Hans Ardüser, die Malerin Angelika Kauffmann und den Jäger Gian Marchet – nachzeichnet ist ein surrealer Zauberzirkus, ein radikales Kunstwerk und ein Schaugenuss. In drei Episoden, zwei davon bereits Ende der 90ger Jahre gedreht, spielt er mit den historischen Figuren, stellt sie nach, stellt sie dar, wirbelt Überblendungen und Doppelbelichtungen dazu, und spielt mit allem was die filmische Trickkiste drauf hat, wobei das Spielerische und die Geschichte den Ton angeben, keineswegs Spielereien um der technischen Machbarkeit willen. Die drei Episoden,  wurden für die kleinste Anstalt des SRG gemacht, fürs rätoromanische Fernsehen, wo die Filme auch bereits gelaufen sind. Hoffentlich findet sich irgendein mutiger ausländischer Verleiher, der dieses Wunderwerk in andere Kinosäle trägt.