Solothurn_2018_Tag 6

Bilderreisen

Schafbockkämpfe in Algier gibt es in „Des moutons et des hommes“ von Karim Sayad. Junge Männer in ärmeren Vierteln Algiers kaufen sich Schafböcke pflegen sie liebevoll, gehen mit ihnen spazieren, füttern und waschen sie, alles um sie bei den, eigentlich verbotenen, Schafbockkämpfen gegen einander antreten zu lassen. Auch der 16 jährige Habib hat sich einen Bock gekauft, allerdings fehlen Mann und Tier die Erfahrung und das Training, wie ein Damoklesschwert droht dem Bock die Schlachtung zum Opferfest, zumindest wenn er nicht bei Kämpfen gewinnt. Mit viel Liebe zum Detail gedrehter Dokumentarfilm über ein unbekanntes Algerien, eine sehr genaue Beobachtung der Verhältnisse zwischen Jungs und Tieren, zwischen den Menschen im Viertel, aber auch eine Metapher für die politischen Verhältnisse im Land, der Titel liest sich doppeldeutig, Schafe und Männer oder Schafe und Menschen. Habib im leeren Schafquartier, traurig und unterlegt von Bachs Agnus Dei das ist mehr als nur ein guter Regieeinfall, und nicht jedes Schaf taugt zum Kämpfer.

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(c) ch.dériaz

In „La fureur de voir“ von Manuel von Stürler, stellt der Regisseur die Frage: was sieht man, wenn man nicht alles sieht? Und findet die erstaunliche, wie wohl auch offensichtliche Antwort: man sieht nicht, das man etwas nicht sieht. Ein Gendefekt, der zu Degeneration von Netzhaut und Stäbchen führt, beeinflusst das Sehen des Regisseurs seit seiner Kindheit, Heilung gibt es keine, aber eventuell neue Massnahmen mit Hilfe von Gentherapien. Erzählt wird mit einer streng subjektiven Kamera, egal ob zu Hause, im Gespräch mit Ärzten, im MRT, oder beim Tischtennisspielen, die Kamera suggeriert den Blick des Ich-Erzähler, ist dabei aber von keinerlei visueller Einschränkung betroffen, im Gegenteil, die Bilder sind organisch, fliessend aber immer scharf. Die Bildsprache und der gesprochene Text divergieren dabei scheinbar, nur um zu zeigen, dass das sehen in verschiedenen Bereichen entsteht, was man sieht, was man vermeint zu sehen, was das Hirn korrigiert, interpoliert, man folgt im Film der Ergründung der Frage was das Sehen ist, was seine Essenz ist, und unternimmt die Recherchereise eines Dokumentaristen, der dabei auch neue medizinische Möglichkeiten – für sich – auslotet.

In „Retour au palais“ von Yamina Zoutat kehrt die Regisseurin in den Pariser Justizpalast zurück, in dem sie 12 Jahre als Gerichtsreporterin gearbeitet hat. Sie tastet das altehrwürdige, aber auch sehr in die Jahre gekommene, Gebäude von innen und aussen mit neugierigem Kamerablick ab, prunkvolle Details, vergoldete Decken, Holzschnitzereien oder die Hermelin besetzten roten Richterroben kontrastieren mit Prozessakten, die per Sackkarre mühsam über die Treppen geschleppt werden,  stockfleckigen Wänden, einem Kellersystem, in dem mittelalterlich anmutende Zellen für Angeklagte des 21. Jahrhundert bereitstehen. Prunksäle und Kellerverliese, enge, volle Räume für Sozialarbeiter, und weitgeschswungene Treppen, all dies hat gleichzeitig Charme und lässt einen erschauern bei der Idee, dass dort Recht gesprochen wird. Von der Anfrage für Drehgenehmigungen, bis zur letzten erteilten Genehmigung sind insgesamt 7 Jahre vergangen, der Film entstand dadurch in Etappen, und es war bis zum Ende nicht sicher, ob er in dieser Form überhaupt fertig werden könnte. Zum Glück wurden wohl alle Papiere irgendwann erteilt, und dieses Dokument einer – bald – vergangen Zeit ist auf Kinoleinwänden zu sehen. Im Frühjahr zieht der Justizpalast in einen neu erbauten Palast, und ab Frühjahr ist der Film in Frankreich und in der Schweiz in Kinos zu sehen.

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(c) ch.dériaz

Zum Abschluss dann die Komödie „Flitzer“ von Peter Luisi, ein lieber, lustiger Gaunereienfilm. Ein Lehrer verwettet erst das Geld seiner Schule für einen neuen Sportplatz und kommt dann auf die Idee mittels Wetten auf Flitzer bei Fussballspielen den Betrag zurückzugewinnen. Klingt skurril – ist es auch. Er rekrutiert, organisiert und trainiert Helfer, die er Samstags zu Ligaspielen schickt, gewettet wird auf die Dauer des Nacktrennens. Ein Haufen Sachen gehen dabei natürlich nicht wie geplant, und auch dass die Polizei eine Sondereinheit bildet, um dem Spuk ein Ende zu setzen, ist im Konzept nicht vorgesehen, hinzugemischt noch eine Romanze, und fertig ist der Familienfilm, naja, für Familien mit grösseren Kindern vielleicht. Fröhliche Unterhaltung, bei der man keine Sekunde zweifelt, dass alles gut ausgehen wird.

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Preise, die morgen Abend vergeben werden.