Diagonale_18 Tag_1

Streifen und Schüsse

 

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(c) ch.dériaz

Graz trägt Streifen, die Diagonale ist im kleinen Graz allgegenwärtig.

Streifen dominieren auch den besten Film des Programms Innovativer Filme am Morgen: Imperial Valley (cultivate run-off) von Lukas Marxt. Drohnenaufnahmen von Landschaften, die immer engmaschiger nur noch aus Streifen zu bestehen scheinen. Endlos fliegt die Kamera über Kulturlanschaft, die immer abstrakter wird, die Drohne entwickelt ein Eigenleben, wird zum Ich-Ezähler der Landschaft, die sich entzieht, und obwohl dort gepflanzt und grossgezogen wird, scheinen die Orte, die Felder lebensfeindlich zu sein. Ein Aufatmen am Ende, dort wo die Kulturlandschaft zerstört ist, brach liegt, wird ihre Form wieder organisch, scheint sie plötzlich wieder wirtlich zu sein, die Ich-Drohne wird langsam, scheint einmal tief Luft zu holen, eine kleine Bewegung rückwärts: Ja, das ist ein möglicher Lebensraum. Trotz aller Abstraktion, trotz Drohnenbild, ein sehr erzählerischer, anrührender Film. Dachszenen von Anja Krausgasser und Body Stranded von Rebecca Akoun lassen den Zuschauer mit scheinbaren Erzählsträngen alleine, was erzählt werden wollte bleibt verborgen, obwohl in beiden Filmen viel -im off- geredet wird. Phantom Ride Phantom von Siegfried A. Fruhauf ist visuell ansprechend aber auch sehr anstrengend. Ein Stück verrosteter Schienen, dazwischen bunte Wildblumen, und dann ein immer schneller werdender Wirbel von überlagernder Bilder, Geräusche zwischen Elektronik und wahnsinnig gewordenem Zug, Kreischen Bildflackern, und – wieder Ruhe, ein verrostetes Stück Schienen mit bunten Blumen.

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Krieg, Flucht, Vertreibung, alte und neue Heimat, das sind alles keine neuen Themen, trotzdem lassen sich daraus immer wieder und immer neue Geschichten erzählen, so wie Heimweh von Ervin Tahirović. Mit 10 Jahren verlässt er mit seinen Eltern Bosnien, traumatisiert, verwirrt und fremd versucht er in der neuen Heimat Wien zurechtzukommen, aber immer nagt etwa in ihm, Erinnerung an einen andern Ort, den er einmal zu Hause, Heimat genannt hat. 20 Jahre später reist er zurück nach Bosnien, sucht die Orte seiner Kindheit auf, folgt der Strecke, die seine Familie damals genommen hat, auf der Flucht. Und findet, erst von Zweifel und Angst geplagt, so etwas wie Ruhe für sich wieder. Ein sehr privater, persönlicher Film, der einen jungen Erwachsenen in seiner ganzen Zerbrechlichkeit zeigt.

Erwachsen sein, oder zumindest fast, alleine verantwortlich sein, nicht nur für den Alltag, sondern auch für Gefühle und deren Verwirrungen, im diesem Kurzspielfilmprogramm ist das das zentrale Thema; mit mehr oder weniger Geschick umgesetzt. Boomerang von Kurdwin Ayoub zeigt mit nervöser Kamera, und nicht immer wirklich scharfen Bildern, wie ein Vater versucht, trotz Trennung weiter in Kotakt zu Frau und Teenagerkindern zu bleiben, aber obwohl der Film nur 20 Minuten dauert, wirkt er lang und langatmig, und letztlich unbefriedigend. Schneemann von Leni Gruber und Voltage von Samira Ghahremani finden jeweils überzeugendere Versionen von Gefühlschaos, Familie und -unerwiderter- Liebe, mehr Ruhe in den Bildern, mehr Fokus auf den roten Faden der Story, Konzentration auf die Darstellerinnen.

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Eigentlich gibt es sie erst seit 1981, sie ist aber so im popkullturellen Kanon verankert, dass man meint es hätte sie „schon immer“ gegeben, gemeint ist die Glock,hergestellt in Österrreich, die Waffe der Wahl der Österreichischen Armee, Amerikanischer Gangster und Polizisten, sowie der Irakischen Polizei. 5 Jahre Arbeit stecken in Weapon of choice von Fritz Ofner und Eva Hausberger, herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der spannend und informativ ist, der wütend macht, ob der Blödheit derer, die sich immer noch für Waffen stark machen, der von Opfern durch Waffengewalt spricht, aber auch die Traumata derer, die sie einsetzen nicht auslässt, und obendrauf hat er immer wieder kleine humorige Momente, eine kurze Entspannung, bevor man sich wieder bewusst macht, dass es ohne Schusswaffen, schlicht keine Tote durch Schusswunden geben kann. Aber wo es – sehr viel- Geld zu verdienen gibt verpuffen solche einfachen Gleichungen sofort wieder und ein Österreichischer Betrieb baut fleissig weiter eine Waffe deren Name Synonym für Handfeuerwaffe geworden ist.

Interessantes bisher, aber noch nichts umwerfendes, aber das Festival dauert ja noch ein paar Tage.