Diagonale_18 letzter Tag

Mädchen und Mythen

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Kinowetter nennt Sebastian Höglinger am Morgen euphemistisch den fiesen Dauerregen, die 11 Uhr Vorstellung von L’Animale von Katharina Mückstein ist auf jeden Fall –turbulentes Gedrängel an den Kartenschaltern inklusive- restlos ausverkauft. In ihrem zweiten Langfilm erzählt sie von der starken Mati, die in ihrem Dorf in der Clique der „bösen Buben“ ist, Moped fahren, laut sein, ein bisschen Macho, auch sie spielt da mit, ganz eindeutig hat sie nichts mit den Mädchengruppen zu tun, aber ihr bester Freund will plötzlich Liebe, und sie verliebt sich in die unabhängige Carla. Während Mati ihren Weg sucht, finden muss, was sie will, wie dazu stehen, und wen lieben, hat ihr Vater diesen „Zug“ allem Anschein nach in seiner Jugend verpasst. Heimlich und in dunklen Gängen trifft er sich zum Sex mit Männern, streite aber vehement ab schwul zu sein. Alle Beteiligten müssen in dieser schönen, aber etwas langen, Geschichte lernen zu sich zu stehen, loslassen um aufzustehen, die einzige die das, vermutlich, wirklich schaffen wird ist die starke Mati. Der Film läuft übrigens seit Freitag in Österreich im Kino.

Der letzte Film vor der Preisverleihung, Die Legende vom hässlichen König von Hüseyin Tabak, ist eine Suche nach einer Ikone des Kurdischen Kinos. Yilmaz Güney, der 1982 mit Yol die goldene Palme gewann, war Dichter, Autor, Schauspieler, Regisseur und politischer Aktivist, ein Held, der in der Türkei immer noch verehrt wird. Tabak begibt sich auf eine Reise, um die Schlagworte mit Inhalt zu füllen, ein Gefühl zu bekommen, wer oder was hinter dem Mythos steckt. Interviews mit Weggefährten, Familie und Filmkennern, Ausschnitte aus Güneys zahlreichen Filmen und Texten, die er grösstenteils im Gefängnis geschrieben hat, zeichnen ein vielschichtiges Bild. Auch wenn der Film an manchen Stellen zu lang ist, oder ein wenig mit der Abfolge, in der erzählt, die Aufmerksamkeit des Zuschauer verliert, ist es ein sehr faszinierender Dokumentarfilm, der nicht nur von einem spannenden Künstler erzählt, sondern auch viel über damalige und heutige politische Verhältnisse zeigt.

Die Preise

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Täglich mindestens vier Vorstellungen gesehen, und doch bleibt das Gefühl den wichtigsten Film möglicherweise verpasst zu haben, oder, mal wieder ,die Preisträgerfilme nicht gesehen?

Nein, Preisträgerfilme, im Wesentlichen, gesehen, dafür aber nicht komplett glücklich mit der Entscheidung der Spielfilmjury, die den Grossen Diagonale Preis an Christian Frosch für Murer- Anatomie eines Prozesses vergibt. Der Grosse Preis Dokumentarfilm geht an Nikolaus Geyrhalter für Die bauliche Maßnahme, was wiederum eine gute Entscheidung ist. Der Preis für Innovatives Kino, also Experimental- und Animationsfilm oder Musikvideo geht an den einzigen Langfilm der Kategorie: ★ von Johann Lurf. Die beiden Kamerapreise gehen an Mariel Baqueiro für Hagazussa und Serafin Spitzer für Gwendolyn, die Schnittpreise gehen an Niki Mossböck für LICHT und Life Guidance und Joana Scrinzi für Gwendolyn und Nicht von schlechten Eltern. Phaidros bekommt sowohl den Preis für das beste Szenenbild: Paul Horn und das beste Kostümbild: Peter Paradies. Eine schöne Entscheidung ist, dass beide Schauspielpreise jeweils an das ganze Ensemble gehen, einmal an für die Darsteller von Cops von Stefan A.Lukacs, und dann an das Ensemble von L’Animale.

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Zur musikalischen Auflockerung gab es zur Preisverleihung Austro Fred, der Queen Stücke mit Österreichischen Texten singt, das muss man mögen, oder man muss es aussitzen. Im übrigen ein freundlich, fröhlicher Abend, mit zufriedenen Preisträgern, laut und ausdauernd beklatschter Intendanz, Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber haben auch in ihrem dritten Festival Jahr ein rundes Programm zusammengestellt; ein Wunsch fürs kommende Jahr: mehr Filme von Frauen vielleicht? Wäre doch gelacht, wenn sich da das Gleichgewicht nicht verbessern liesse; den Regen und den auch noch einsetzenden Schnee kann man ihnen dann gerade noch verzeihen.

Alle Preise auf: http://www.Diagonale.at

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Diagonale_18 Tag_3

Über Grenzen

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Der vorletzte Festivaltag, morgendliches Grau mischt sich mit Regen, die 11 Uhr Vorstellung ist ausverkauft; klingt gut – aber nur fast.

 

Wieviel soll oder muss oder darf man über eine Film schreiben, der eigentlich kein Film ist? Oder muss man erst definieren was ein Film ist? Oder: sind wechselnde Farbflächen, monochrom, oft eher blässlich, schon Bild, gar: Filmbild? Reicht es, aus mit dem Handy – schlecht – aufgenommenen audiophonen Tagebüchern eine Tonspur zu schneiden, und diese mit monochromen, blässlichen Farbflächen zu hinterlegen? Ist ein Film etwas, das auf einer Kinoleinwand läuft, nachdem jemand auf „Start gedrückt“ hat? Die, schwer nachvollziehbare, Antwort der Diagonale Programmierer ist offensichtlich ja gewesen, und so liefen 20 Minuten Hörtagebuch mit Farbflächen unter dem Titel Die Galerie von Gerald Zahn im Doppelprogramm mit Gatekeeper von Lawrence Tooley und Loretta Pflaum. Gatekeeper ist sicher kein einfacher Film, und ebenso sicher dürfte er es im Kino schwer haben, trotzdem, ein toller, ein verwirrender Film. Harter Sichtbeton, enge Winkel, schräge Einblicke, alles sehr geradlinig, klaustrophobisch, ein Beton-Glas- Spinnennetz, in dem die Figuren gefangen scheinen. Eine Frau, die mal blond, mal brünett ist, ein junger Rumäne, den sie erst anfährt, dann mit nach Hause nimmt, dann in ihr Bett nimmt. Ein junger Mann? Oder doch zwei? Die Erzählstränge laufen übereinander, durcheinander, vermischen sich, ergeben ein Neues, öffnen sich, die Figuren bleiben gefangen, egal wieviel sich klärt im Verlauf des Films. Mysteriös, stilistisch und inhaltlich spannend, und dazwischen ein Pakistani, der in einer Videoinstallation Kafakas Türhüterparabel erzählt. Empfehlenswert.

Ein paar Kurzfilme für Zwischendurch, die, man sollte es einfach immer mal wieder einfordern, sich so hübsch anbieten würden als Vorfilme im Kino, bei Langfilmen, die vielleicht nicht so sehr lang sind. Iris Blauensteiner hinterfragt in ihrem sehenswerten Experimentalfilm, die_anderen_bilder, die Verlässlichkeit von Erinnerung in und mittels digitaler Daten. Photos, Videoclips, Tonspuren ihres vor 10 Jahren gedrehten Films überlagern sich, sind teilweise nur noch bedingt abspielbar, verschwimmen und ergeben modifizierte Varianten, Erinnerung von damals wird im Heute Material für morgen. Eine Resteverwertung, die Spass macht. Die Latexfiguren in Amnesia von Shadab Shayegan suchen und zweifeln, sind ihre Erinnerungen wirklich ihre eigenen, oder sind eher sie es, die jemandes Erinnerung sind? Eine philosophische Betrachtung des Ich, des Sein, für die es keine letztgültige Antwort gibt. Sekundenschlaf von Lena Lemerhofer erzählt von einem Moment, der das Leben einer Familie verändert. Der Sekundenschlaf des Vaters führt zu einem Unfall, die kleine Tochter bleibt unverletzt und zieht sich in der Folge in sich zurück. Die Stimmung des Films entspricht der des Mädchens, die Welt scheint zu gross und auch zu unverständlich; interessant, wenn auch nicht komplett schlüssig. Der Schmerz, der das junge Paar in Generalprobe von Jannis Lenz antreibt ist klarer, auch wenn er zunächst für den Zuschauer unklar ist. Eine Entführung scheint geplant, in einer Hütte im Wald üben die beiden wie man am besten Hände fesselt, der Aggressionspegel zwischen ihnen steigt, bis man versteht, dass ein Unfall auch ihr Leben dramatisch verändert hat, und die Frage der Schuld nicht gänzlich geklärt ist. Das Ende, das am Anfang des Films steht, bleibt offen.

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Die Computer lassen weiterhin Reservierungen verschwinden, was zu Ärger vor den Kinokassen führt, weil man sich unvermittelt statt mit einer Karte mit einer Wartenummer wiederfindet. Glücklicherweise bleiben dann doch Plätze frei, denn Zu ebener Erde von Birgit Bergmann, Steffi Franz und Oliver Werani hätte ich nur ungern verpasst. Menschen, die jeder immer sieht, und doch immer übersieht: Obdachlose, sind das Thema in einem Film, der nachdenklich macht, vor allem weil er sehr ruhig, sehr undogmatisch ist. Die Bilder zeigen ohne geschmäcklerischen Schnickschnack das Wesentliche und sind dabei trotzdem interessant und künstlerisch. Über einen langen Zeitraum werden verschiedene Menschen in Wien begleitet, man sieht Veränderung, manchmal zum Positiven, aber auch den Verfall eines der Obdachlosen, der das Ende des Films nicht mehr erlebt hat. Ein sachlicher, schonungsloser und beeindruckender Dokumentarfilm, der vielleicht auch dazu führt, dass man das nächste Mal an einem Obdachlosen nicht achtlos vorbei geht.

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Nikolaus Geyhalter dem Thema Grenzen, Grenzschliessung, Flucht annimmt. Die bauliche Maßnahme ist ganz knapp noch rechtzeitig für die Uraufführung fertig geworden, und übersteigt die im Katalog angegebenen 95 Minuten, um wieviel wurde nicht verraten, aber die „Überlänge“ stört keineswegs. In gewohnt gut organisierten Bildern umkreist Geyrhalter zwei Jahre lang die Brenner Region, nachdem von Österreichischer Politik vollmundig behauptet würde, man würde dort einen Grenzzaun ziehen. Der Film arbeitet sich vom Zentrum am Brenner in alle Richtungen aus, lässt Anwohner in verschiedenen Orten zu Wort kommen, geduldige Momentaufnahmen, um am Ende und zwei Jahre später wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen, wo zwar mittlerweile Baracken für die Polizei stehen, aber der Maschenzaun in einem gut abgeschlossenen Container weiterhin auf seine Errichtung wartet. Der Film ist an vielen Stellen extrem komisch, oft absurd und entlarvend, zeigt aber noch mehr als das, dass zumindest in dieser Region das Grenzenziehen mehr als sehr unpopulär ist.

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Diagonale_18 Tag_2

Frauen und Film

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Von mildem Frühling ist in Graz dieses Jahr nicht viel zu spüren, somit halten sich Pausen im Freien dann in Grenzen, und die manchmal sportlichen Wege von einer Vorstellung zur nächsten dienen auch zum Aufwärmen.

 

 

Besonders grosse Vorfreude heute, zuerst den neuen Film von Mara Mattuschka, und später am Abend den neuen Film von Ruth Kaaserer, das klingt schon am morgen wie ein guter Kinotag.

Bereist am ersten Festivaltag sind viele Vorstellungen restlos ausverkauft, wehe also, man hat nicht reserviert, oder der Computer hat die Reservierung verloren, dann hilft nur noch Hartnäckigkeit.

So schön, wenn Erwartungen erfüllt werden. Phaidros von Mara Mattuschka ist ein Feuerwerk brillanter Einfälle, bei dem jede Einstellung stimmt, jeder Bildausschnitt präzise gewählt ist und jeder Schnitt Augen und Sinnen schmeichelt. Theater im Film, Sokrates und Phaidros Diskurs von Eros und Liebe, mäandern ins „wahre“ Leben, wobei Sokrates zur Faust Figur wird, Phaidros zu seinem Loveinterst/Gretchen und eine mysteriöse Strippenzieherin zum alles dirigierenden Mephisto wird; barock, melodramatisch, Drag und Tatort, ikonische Bilder umgestrickt, surreales Kino, und doch leicht und locker. Und auch für Österreich gilt, manche tolle, schräge Filme würden nie gemacht werden können, wenn sie nicht auch mit Unterstützung von Fernsehgeldern rechnen könnten.

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Wirklich herzzrerreissend geht es in Zerschlag mein Herz von Alexandra Makarova zu. Die Romeo und Julia Liebesgeschichte im Umfeld einer Slowakischen Romagruppe, die in Wien betteln oder auf den Strich gehen, beaufsichtigt vom groben Rocky. Das Leben läuft in eingefahrenen Bahnen, bis ein neues Mädchen aus ihrem Dorf kommt, zwischen ihr und dem gleichaltrigen Bettler Pepe kommt es zart zur Annäherung, während Rocky gewohnt brachial versucht sie für sich zu gewinnen. Das kann nicht wirklich gut gehen. Trotz fast stereotyper Figuren finden sich immer Zwischentöne, die die Figuren aus der Rolle fallen lassen, so dass selbst Rockys Machoverhalten manchmal weich wird, und auch Opfer-Täter Verhältnisse nicht immer eindeutig fassbar sind. Der Film gibt einen Rhythmus vor, bei dem man sich als Zuschauer fast in „Sicherheit“ wähnt, um dann um so böser zuzuschlagen, man hätte es von Anfang an wissen müssen, solche Geschichten gehen nie gut aus.

Eine weitere Flucht- Vertreibung- Familiengeschichte gibt es mit Kinder unter Deck von Bettina Henkel. Auf die Idee dass das ein Erstlingsfilm ist kommt man wirklich nicht. Die Reise in die Vergangenheit der Vaterfamilie, Balten-Deutschen, ihrer Flucht nach Polen, inklusive Nazivergangenheit und anschliessender Flucht in die Britisch besetzte Deutsche Zone, verhilft sowohl Vater als auch regieführender Tochter zu neuen Erkenntnissen. Öffnet Wunden neu, die dann aber behandelt werden können, und so auch heilen werden. Die Traumata der Grossmutter, die unerwartete Schmerzen in der Enkelin verursachen, aber auch eine als gestört empfundene Vater-Tochter Beziehung, die so lieblos eigentlich doch nicht war. Sehr schön die Mischung von Gesprächen, Reisen und 8mm Familienfilmen, oder auch Photos, die zunächst geisterhaft weiss die Leinwand füllen, aus denen sich langsam Gesichter schälen, und Vergangenheit lebendig wird. Es ist tatsächlich möglich seine private Geschichte im Film zu zeigen ohne peinlich zu berühren.

Ruth Kaaserers Thema scheine starke Frauen zu sein, nach jungen Boxerinnen jetzt in Gwendolyn eine Gewichtheberin von über 65 Jahren. Eine zarte Figur mit einem DSC_0901Kampfgeist, für den Aufgeben keine Option zu sein scheint, egal ob es dabei um ihre Krebserkrankung geht, oder um die nächste Europameisterschaft im Gewichtheben. Der Film folgt ihr, offen und interessiert, nie invasiv obwohl viele Situationen einen durchaus privaten, intimen Charakter haben. Ein schönes Porträt einer tollen, starken Frau. Der Film wurde heute mit dem Franz-Grabner Preis ausgezeichnet, ein Preis der „Dokumentarfilmschaffen mit kritischem Geist und europarelevanten Inhalten würdigt“.

Ein ganzer Festivaltag, und jeder Film, den ich gesehen habe, wurde von einer Frau gemacht, das muss erwähnt werden, weil es immer noch viel zu selten ist.

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Streifen und Schüsse

 

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Graz trägt Streifen, die Diagonale ist im kleinen Graz allgegenwärtig.

Streifen dominieren auch den besten Film des Programms Innovativer Filme am Morgen: Imperial Valley (cultivate run-off) von Lukas Marxt. Drohnenaufnahmen von Landschaften, die immer engmaschiger nur noch aus Streifen zu bestehen scheinen. Endlos fliegt die Kamera über Kulturlanschaft, die immer abstrakter wird, die Drohne entwickelt ein Eigenleben, wird zum Ich-Ezähler der Landschaft, die sich entzieht, und obwohl dort gepflanzt und grossgezogen wird, scheinen die Orte, die Felder lebensfeindlich zu sein. Ein Aufatmen am Ende, dort wo die Kulturlandschaft zerstört ist, brach liegt, wird ihre Form wieder organisch, scheint sie plötzlich wieder wirtlich zu sein, die Ich-Drohne wird langsam, scheint einmal tief Luft zu holen, eine kleine Bewegung rückwärts: Ja, das ist ein möglicher Lebensraum. Trotz aller Abstraktion, trotz Drohnenbild, ein sehr erzählerischer, anrührender Film. Dachszenen von Anja Krausgasser und Body Stranded von Rebecca Akoun lassen den Zuschauer mit scheinbaren Erzählsträngen alleine, was erzählt werden wollte bleibt verborgen, obwohl in beiden Filmen viel -im off- geredet wird. Phantom Ride Phantom von Siegfried A. Fruhauf ist visuell ansprechend aber auch sehr anstrengend. Ein Stück verrosteter Schienen, dazwischen bunte Wildblumen, und dann ein immer schneller werdender Wirbel von überlagernder Bilder, Geräusche zwischen Elektronik und wahnsinnig gewordenem Zug, Kreischen Bildflackern, und – wieder Ruhe, ein verrostetes Stück Schienen mit bunten Blumen.

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Krieg, Flucht, Vertreibung, alte und neue Heimat, das sind alles keine neuen Themen, trotzdem lassen sich daraus immer wieder und immer neue Geschichten erzählen, so wie Heimweh von Ervin Tahirović. Mit 10 Jahren verlässt er mit seinen Eltern Bosnien, traumatisiert, verwirrt und fremd versucht er in der neuen Heimat Wien zurechtzukommen, aber immer nagt etwa in ihm, Erinnerung an einen andern Ort, den er einmal zu Hause, Heimat genannt hat. 20 Jahre später reist er zurück nach Bosnien, sucht die Orte seiner Kindheit auf, folgt der Strecke, die seine Familie damals genommen hat, auf der Flucht. Und findet, erst von Zweifel und Angst geplagt, so etwas wie Ruhe für sich wieder. Ein sehr privater, persönlicher Film, der einen jungen Erwachsenen in seiner ganzen Zerbrechlichkeit zeigt.

Erwachsen sein, oder zumindest fast, alleine verantwortlich sein, nicht nur für den Alltag, sondern auch für Gefühle und deren Verwirrungen, im diesem Kurzspielfilmprogramm ist das das zentrale Thema; mit mehr oder weniger Geschick umgesetzt. Boomerang von Kurdwin Ayoub zeigt mit nervöser Kamera, und nicht immer wirklich scharfen Bildern, wie ein Vater versucht, trotz Trennung weiter in Kotakt zu Frau und Teenagerkindern zu bleiben, aber obwohl der Film nur 20 Minuten dauert, wirkt er lang und langatmig, und letztlich unbefriedigend. Schneemann von Leni Gruber und Voltage von Samira Ghahremani finden jeweils überzeugendere Versionen von Gefühlschaos, Familie und -unerwiderter- Liebe, mehr Ruhe in den Bildern, mehr Fokus auf den roten Faden der Story, Konzentration auf die Darstellerinnen.

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Eigentlich gibt es sie erst seit 1981, sie ist aber so im popkullturellen Kanon verankert, dass man meint es hätte sie „schon immer“ gegeben, gemeint ist die Glock,hergestellt in Österrreich, die Waffe der Wahl der Österreichischen Armee, Amerikanischer Gangster und Polizisten, sowie der Irakischen Polizei. 5 Jahre Arbeit stecken in Weapon of choice von Fritz Ofner und Eva Hausberger, herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der spannend und informativ ist, der wütend macht, ob der Blödheit derer, die sich immer noch für Waffen stark machen, der von Opfern durch Waffengewalt spricht, aber auch die Traumata derer, die sie einsetzen nicht auslässt, und obendrauf hat er immer wieder kleine humorige Momente, eine kurze Entspannung, bevor man sich wieder bewusst macht, dass es ohne Schusswaffen, schlicht keine Tote durch Schusswunden geben kann. Aber wo es – sehr viel- Geld zu verdienen gibt verpuffen solche einfachen Gleichungen sofort wieder und ein Österreichischer Betrieb baut fleissig weiter eine Waffe deren Name Synonym für Handfeuerwaffe geworden ist.

Interessantes bisher, aber noch nichts umwerfendes, aber das Festival dauert ja noch ein paar Tage.

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Geschichte und Geschichten

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2018 ist ein Gedenkjahr, Vieles jährt sich rund und wird entsprechend feierlich begangen und bedacht, da ist es also fast logisch, dass die 21.Diagonale mit einem historischen Stoff eröffnet wird.

Vor dem Eröffnungsfilm sieht das Programm launige Moderation mit politischem Kern, gewohnt scharfsichtige und politische Reden der Intendanten Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger und die Verleihung des Grossen Schauspielpreises an Ingrid Burkhard vor. Etwas Verwirrung herrscht, weil eigentlich niemand so recht zu wissen scheint, wer die launig-lustige Moderatorin ist, sie wird weder an-noch abgekündigt, sie steht plötzlich einfach da, auf der grossen Bühnen der Helmut List Halle, vor vollen Rängen und plaudert. Nun gut, kann man so machen. Die Liste der am Abend anwesenden Politiker ist überschaubar, und beschränkt sich im Wesentlichen auf lokale, also steirische Politiker, aus Wien ist niemand von der neuen Regierung angereist, schade eigentlich, schliesslich handelt es sich bei der Diagonale ja nicht um ein kleines lokales Filmfestchen, sondern um das Festival des Österreichischen Films.

 

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Mit Spannung wird die Uraufführung Murer – Anatomie eines Prozesses von Christian Frosch erwartet, ein Film der einen Justizskandal aus dem Jahr 1963 (nach)erzählt, ein Skandal weil trotz erdrückender Beweise, trotz in grosser Zahl angereister Zeugen mit bewegenden und erschütternden Aussagen, der als Schlächter von Wilna bekannte Franz Murer, am Ende als freier, unschuldiger Mann das Gericht verlassen hat. So weit die historischen Fakten; an sich also Stoff einen packenden, bewegenden, nachdenklich stimmenden Film zu machen. Aber von Anfang an irritiert die extrem unruhige Kameraführung, Reissschwenks, Arbeitszooms, die Kamera scheint geschoben und geschubst zu werden als befände sie sich in einer rasenden Menge vor einem Fussballspiel und nicht in einem Gerichtssaal. Der Zuschauer sucht verzweifelt nach Orientierung im Raum, unterstützt wird diese Unruhe durch Schnitte, die Einheiten, gedankliche, textliche, visuelle, zu zerhacken scheinen. Warum nur? Das Thema ist spannend genug, es muss nicht „aufgemotzt“ werden, man muss auch eine Chance haben der Geschichte zu folgen. In Szenen ausserhalb des Gerichtssaals sind sowohl Kamera als auch Schnitt extrem konventionell, Schnitt-Gegenschnitt Dialoge, alles bieder und eher uninspiriert. All das ist sehr schade, weil der Film wirklich tolle Darsteller hat, weil es schön ist, dass die Zeugen und Zeuginnen mal auf Jiddisch, auf Hebräisch, auf Englisch oder auf Deutsch ihre Aussagen machen, das gibt zusammen mit dem Inhalt genug Spannung und Originalität. Dass der gesamte Prozess eine einzige Farce war, abgesprochen von allen politischen Seiten, weil jeder irgendwelchen Dreck in den eigenen Reihen zu verstecken hatte, und Anfang der 60ger Jahre eine jetzt-reicht-es-langsam Haltung vorherrschte, wäre aufregend genug, es hätte der Aussage des Films sicher besser getan, wenn man den haarsträubenden Wendungen und Argumentationslinien der Verteidigung folgen könnte ohne durch taumelnde Kamerabewegung und verwirrungsstiftende Schnitte vom Inhalt abgelenkt zu werden. Um nicht ganz negativ aus diesem Abend zu gehen: die Darsteller sind alle hervorragend und das Sounddesign ist beeindruckend und geht unter die Haut. Beendet wird die Eröffnung mit Musik, Gespräch und guter Stimmung.

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Der Schweizer Film in der Krise?

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Die Krise, mitsamt Niedergang, des Schweizerfilms wird seit Jahrzehnten herbeigeredet, dennoch wird weiter produziert, die Auswahl, die bei den 53. Filmtagen zu sehen war, braucht sich keineswegs zu verstecken oder zu schämen. Was also ist das Problem des Schweizer Films? Das Land ist klein, wodurch die rein rechnerische Menge an möglichen Zuschauern schon nicht sehr gross ist, will man eine Kinoauswertung für das ganze Land müssen die Filme alle mit Untertiteln wenigstens eine der anderen Landessprachen versehen werden. Das kostet Geld. Die inländische Akzeptanz über die Sprachgrenzen hinweg ist nicht immer gegeben, das zu verbessern wäre sicher den Aufwand wert.

Ein weiteres Problem ist der internationale Markt, Filme auf Schweizerdeutsch sind auf dem grossen Deutschen Markt, naja, schwer vermittelbar. Auch hier würde der Aufwand einer flächendeckenden Untertitelung mit Hochdeutschen Untertiteln sicher Gutes bewirken. Wenn Zuschauer bereit sind spanische, koreanische oder amerikanische Filme in untertitelten Originalversionen anzuschauen, sollte doch Schweizerdeutsch oder Rätoromanisch auch kein Problem sein. Es ist einfach zu schade, wenn all diese Filme für Filmbegeisterte verloren bleiben. Die Bandbreite dessen was produziert wird ist gross, von politische Dokumentarfilmen über leichte Unterhaltung bis zu Abendfüllenden Experimental- und Animationsfilmen, das alles ist europäisches Kino, und gehört genau dort hin, in die (Programm)Kinos in Europa.

Der Prix de Soleure mit 60.000 Schweizerfranken dotiert ging an den Lausanner Regisseur Karim Sayad für „Des moutons et des hommes“ (siehe Tag 6), der Publikumspreis, dotiert mit 20.000 Schweizerfranken an den Dokumentarfilm „Der Klang der Stimme“ von Bernhard Weber, leider nicht gesehen, aber es ist immer wieder faszinierend, wenn gerade Publikumspreise an Dokumentarfilme gehen. Und der Nachwuchspreis aus der Rubrik Talente ging an Lora Mure-Ravaud für „Valet noir“ (siehe Tag 1).

Laut erster Schätzung der Festivalleitung kamen etwa 63.000 Zuschauer in die Kinos, ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, aber immer noch eine gute Zahl.

Die Krise wird also womöglich noch ein wenig weiter herbeigeredet werden, auch wenn de Schweizer Film sehr viel und Vielfältiges zu bieten hat.

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Die 54. Solothurner Filmtage finden vom 24. bis 31. Januar 2019 statt.

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Bilderreisen

Schafbockkämpfe in Algier gibt es in „Des moutons et des hommes“ von Karim Sayad. Junge Männer in ärmeren Vierteln Algiers kaufen sich Schafböcke pflegen sie liebevoll, gehen mit ihnen spazieren, füttern und waschen sie, alles um sie bei den, eigentlich verbotenen, Schafbockkämpfen gegen einander antreten zu lassen. Auch der 16 jährige Habib hat sich einen Bock gekauft, allerdings fehlen Mann und Tier die Erfahrung und das Training, wie ein Damoklesschwert droht dem Bock die Schlachtung zum Opferfest, zumindest wenn er nicht bei Kämpfen gewinnt. Mit viel Liebe zum Detail gedrehter Dokumentarfilm über ein unbekanntes Algerien, eine sehr genaue Beobachtung der Verhältnisse zwischen Jungs und Tieren, zwischen den Menschen im Viertel, aber auch eine Metapher für die politischen Verhältnisse im Land, der Titel liest sich doppeldeutig, Schafe und Männer oder Schafe und Menschen. Habib im leeren Schafquartier, traurig und unterlegt von Bachs Agnus Dei das ist mehr als nur ein guter Regieeinfall, und nicht jedes Schaf taugt zum Kämpfer.

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In „La fureur de voir“ von Manuel von Stürler, stellt der Regisseur die Frage: was sieht man, wenn man nicht alles sieht? Und findet die erstaunliche, wie wohl auch offensichtliche Antwort: man sieht nicht, das man etwas nicht sieht. Ein Gendefekt, der zu Degeneration von Netzhaut und Stäbchen führt, beeinflusst das Sehen des Regisseurs seit seiner Kindheit, Heilung gibt es keine, aber eventuell neue Massnahmen mit Hilfe von Gentherapien. Erzählt wird mit einer streng subjektiven Kamera, egal ob zu Hause, im Gespräch mit Ärzten, im MRT, oder beim Tischtennisspielen, die Kamera suggeriert den Blick des Ich-Erzähler, ist dabei aber von keinerlei visueller Einschränkung betroffen, im Gegenteil, die Bilder sind organisch, fliessend aber immer scharf. Die Bildsprache und der gesprochene Text divergieren dabei scheinbar, nur um zu zeigen, dass das sehen in verschiedenen Bereichen entsteht, was man sieht, was man vermeint zu sehen, was das Hirn korrigiert, interpoliert, man folgt im Film der Ergründung der Frage was das Sehen ist, was seine Essenz ist, und unternimmt die Recherchereise eines Dokumentaristen, der dabei auch neue medizinische Möglichkeiten – für sich – auslotet.

In „Retour au palais“ von Yamina Zoutat kehrt die Regisseurin in den Pariser Justizpalast zurück, in dem sie 12 Jahre als Gerichtsreporterin gearbeitet hat. Sie tastet das altehrwürdige, aber auch sehr in die Jahre gekommene, Gebäude von innen und aussen mit neugierigem Kamerablick ab, prunkvolle Details, vergoldete Decken, Holzschnitzereien oder die Hermelin besetzten roten Richterroben kontrastieren mit Prozessakten, die per Sackkarre mühsam über die Treppen geschleppt werden,  stockfleckigen Wänden, einem Kellersystem, in dem mittelalterlich anmutende Zellen für Angeklagte des 21. Jahrhundert bereitstehen. Prunksäle und Kellerverliese, enge, volle Räume für Sozialarbeiter, und weitgeschswungene Treppen, all dies hat gleichzeitig Charme und lässt einen erschauern bei der Idee, dass dort Recht gesprochen wird. Von der Anfrage für Drehgenehmigungen, bis zur letzten erteilten Genehmigung sind insgesamt 7 Jahre vergangen, der Film entstand dadurch in Etappen, und es war bis zum Ende nicht sicher, ob er in dieser Form überhaupt fertig werden könnte. Zum Glück wurden wohl alle Papiere irgendwann erteilt, und dieses Dokument einer – bald – vergangen Zeit ist auf Kinoleinwänden zu sehen. Im Frühjahr zieht der Justizpalast in einen neu erbauten Palast, und ab Frühjahr ist der Film in Frankreich und in der Schweiz in Kinos zu sehen.

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Zum Abschluss dann die Komödie „Flitzer“ von Peter Luisi, ein lieber, lustiger Gaunereienfilm. Ein Lehrer verwettet erst das Geld seiner Schule für einen neuen Sportplatz und kommt dann auf die Idee mittels Wetten auf Flitzer bei Fussballspielen den Betrag zurückzugewinnen. Klingt skurril – ist es auch. Er rekrutiert, organisiert und trainiert Helfer, die er Samstags zu Ligaspielen schickt, gewettet wird auf die Dauer des Nacktrennens. Ein Haufen Sachen gehen dabei natürlich nicht wie geplant, und auch dass die Polizei eine Sondereinheit bildet, um dem Spuk ein Ende zu setzen, ist im Konzept nicht vorgesehen, hinzugemischt noch eine Romanze, und fertig ist der Familienfilm, naja, für Familien mit grösseren Kindern vielleicht. Fröhliche Unterhaltung, bei der man keine Sekunde zweifelt, dass alles gut ausgehen wird.

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Preise, die morgen Abend vergeben werden.