Diagonale_2017_Preise

Das war die 2. Diagonale – Bildgewaltig

DSC07563

(c) chderiaz

 

 

Volle Kinosäle zu allen Uhrzeiten, für alle Genres, für konventionelle wie auch für sehr spezielle, selbst sperrige Filme. Ist es die spezielle Stimmung bei einem Festival, oder die Tatsache, dass die Filme höchstens zweimal gezeigt werden? Was zieht so viele Menschen in die Kinos, und wieso müssen, ausserhalb von Festivals, Kinos schliessen? Und zeigen die Zuschauerzahlen bei Festivals nicht auch, dass mehr Mut zu mehr Vielfalt in der Filmauswahl durchaus Aussicht auf Erfolg haben kann?

 

 

 

 

Eine sonnige, fröhliche Diagonale geht zu Ende, die Intendanten Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger, die man die gesamten Festivaltage hauptsächlich vorbeihuschen sieht, schlossen die Jubiläumsausgabe mit vielen Danksagungen und wurden unter stürmischem Applaus von der Bühne verabschiedet.

Ein bisschen unruhig geriet die Preisverleihung dann, weil ständig Zuschauer ihre Plätze verliessen um dann mit Getränken von der Bar zurückzukommen.Musikalisch wurden die einzelnen Preiskategorien angekündigt, und die Preise, neben Geldpreisen auch die goldene Diagonale Muskatnuss, verliehen.

In diesem Jahr gab es keinen „grossen Abräumer“ , die Preise in 17 Kategorien verteilten sich relativ gleichmässig über die Filme.

Sehr zu Recht wird „Die Liebhaberin“ von Lukas Valenta Rinner mit dem Grossen Preis Spielfilm ausgezeichnet, der Film erhielt ebenfalls den Preis für Bestes Sounddesign Spielfilm (Nahuel Palenque) . Dieser Preis ist umso erfreulicher, da es sich um keinen einfachen oder gefälligen Spielfilm handelt, statt dessen wirft der Regisseur einen scharfen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, und verpackt diesen in einen spannenden, schwarzhumorigen Film.

Allem Anschein nach hat Ivette Löckers Familienporträt „Was uns bindet“ viele Menschen und die Jury sehr bewegt; der Film ist handwerklich sauber und gut gemacht, er ist mutig insofern, dass er sehr private Einblicke in das Familienleben der Regisseurin gewährt, das alles führte zum Grossen Diagonale Preis Dokumentarfilm. Wen er wirklich berührt, bleibt, wie bei jedem Kunstwerk, Geschmackssache. Ein Teil des Preises, 2.000€ zur Filmdatensicherung, gestiftet von „Was uns bindet“ Produzent Ralph Wieser, wurde statt an sich selber, spontan an Bernhard Braunstein für den Film „Atelier de conversation“ weitergegeben; eine schöne Geste.

Die erfreulichsten und vermutlich auch unumstrittensten Entscheidungen sind die beiden Kamera Preise, an Wolfgang Thaler und Sebastian Thaler für „Ugly“ (Beste Bildgestaltung Spielfilm) und Attila Boa fürUNTITLED“ (Beste Bildgestaltung Dokumentarfilm). Wobei Wolfgang Thaler, wegen einer Knieverletzung, gar nicht gedreht hat, und somit der Film in Gänze von seinem Sohn Sebastian ins Bild gesetzt wurde, der Schönheit der Bilder hat das nicht geschadet. Attila Boa bedankte sich für die Möglichkeit, die ihm Dokumentarfilme bieten, nämlich nicht einen Protagonisten auszuwählen, um seine mehr oder weniger dramatische Geschichte zu bebildern, sondern Menschen die Freiheit zu geben ihre Geschichte zu erzählen, und das in Bildern einzufangen.

Die Preisträger Innovatives Kino Pferdebusen“ von Katrina Daschne, Bester KurzspielfilmMathias“ von Clara Stern und Bester Kurzdokumentarfilm
Spielfeld“ von Kristina Schranz, sehen in den kurzen Ausschnitten, die bei der Preisverleihung gezeigt wurden, sehr schön und spannend aus, passten aber leider nicht in mein Programm.

Der Schnittpreis an Ulrike Kofler, Monika Willi und Christoph Brunner für „Wilde Maus“ ist ein wenig schade, weil der Film, wenn auch recht lustig und wirklich gut gemacht, eher nicht durch aussergewöhnlichen Schnitt auffällt; ein Film wie „die Liebhaberin“, der sehr vom Rhythmus, und von der Auswahl ungewöhnlicher Perspektiven und Schnittfolgen lebt, hatte da mehr zu bieten. Beste künstlerische Montage Dokumentar ging an Christin Veith (auch Regie) und Cordula Thym für „Relativ Eigenständig“, leider nicht gesehen.

DSC07591

(c) chderiaz

DSC07559

 

Zum Ausklang noch mal Musik und Party, und bis zur Diagonale 2018.

 

 

 

Erst Sonntag bekanntgegeben: der diesjährige Publikumspreis geht an „Die beste aller Welten“ von Adrian Goiginger.

Alle Preise auf http://www.diagonale.at/festival/preise/

Diagonale_2017_3

 

DSC07567

(c) chderiaz

Tag_3 und 4_Elektrozäune und „Kosmopiloten“

Irgendwie waren in meinem Programm bisher wenig Spielfilme, das gilt es jetzt nachzuholen. Warum jemand zur 11.30 Vorstellung zu spät kommt, dann im Kino erst sein Handy ruhigstellt, um dann in aller Ruhe aus einer raschelnden Tüte eine Pappschachtel mit asiatischem Nudelgericht zu fischen, und zu essen bleibt rätselhaft.

Aber nichts davon ist Thema in: „Die Liebhaberin“ von Lukas Valenta Rinner. Eine umzäunte, bewachte Luxuswohnanlage, ruhig, kalt, mit manikürtem Rasen und blasiert, gelangweilten Bewohnern, und ein hippieskes Nudistencamp, mit wild wucherndem Grün, verschlungenen Pfaden, mit der Freiheit und freier Liebe frönenden Nackten, getrennt durch einen bösen Elektrozaun, verbunden durch eine verhuschte, irgendwie gebeugten Hausangestellte. Der Film entwickelt sich langsam, sehr langsam, die Hausangestellte Belén, schweigt, verrichtet ihre Arbeit, hat eine vage Beziehung zu einem Wachmann, bis sie das Nudistnecamp entdeckt. Und auch hier, Langsamkeit, wie bei einer Blume, die zu wenig Wasser hatte, kann man zusehe wie Belén sich langsam aufrichtet, aufblüht, bis ein hässlicher Unfall mit dem Elektrozaun zur Schliessung des Camps führt. Dann geht alles rasend schnell auf ein blutiges Ende zu. Sehr schön.

Eher blutleer eines der Kurzdokumentarfilm-Programme, vier Filme die architektonische Utopien zum Inhalt haben, aber weder gewollt asynchron „sprechend Köpfe“ wie in „Venus & Peripherie“ von Josephine Ahnelt, noch die Kombination -analog aufgenommener- Photos und mit dem Handy aufgenommener O-Töne in „Du, meine konkrete Utopie“ von Zara Pfeifer, schaffen wirklich zu überzeugen. „A tropical house“ von Karl-Heinz Klopf hat zwar schöne, perspektivisch interessante Bilder, aber man wünscht sich schon das Haus des indonesischen Architekten Andra Matin, wenigstens ab und zu in Totalen zu sehen.

Wann immer in Graz ein Film der Riahi Brüder gezeigt wird, wird es voll, sehr voll. Wären sie aus Graz statt aus Wien, man würde es ein Heimspiel nennen. Arman T. Riahis „Die Migrantigen“ fängt wegen der Publikumsmassen und des begleitenden ORF Kamerateams mit einer Verspätung von mehr als 30 Minuten an, was aber nach den ersten Minuten des Films schon wieder vergessen und vergeben ist. Eine überdrehte Komödie, die mit den gängigsten und dämlichsten Vorurteilen jongliert, sie neu sortiert, umdreht, durch den Wolf dreht, und als Feel-Good- Movie mit viel Humor wieder ausspuckt. Riahis beiden Co-Autoren Faris Rahoma und Aleksandar Petrović, die auch die Hauptrollen in diesem Filmspass übernehmen, zeigen Spielfreude und einen erfreulichen Mangel an Angst vor Peinlichkeit, Johlen, Klatschen Freude und am Ende das gesamte (!) Filmteam auf der Bühne. „Die Migrantigen“ dürfte problemlos auch nach der Diagonale viel Publikum ins Kino ziehen.

DSC07570

„Die Migrantigen“ auf der Bühne (c) chderiaz

Wer Spielfilme bevorzugt, in denen geradlinig von A nach Z erzählt wird, der wird mit „Ugly“ von Juri Rechinsky nicht glücklich werden. Für alle, die kein Problem damit haben, wenn die Chronologie aufgehoben wird, es zwar eindeutig ein Vorher und ein weniger eindeutiges Nachher, aber definitiv kein festzulegendes Jetzt gibt, die traumschöne Bilder, in denen die Unschärfe die Schärfe aufzusaugen scheint, mögen, werden eine grosse Freude an diesem Film haben. Der Inhalt lässt sich, selbstredend nach dieser Einleitung, nicht nacherzählen, nur das Gefühl, dass wenn die Liebe aufhört alle Wunden zu heilen, die Verzweiflung malerisch das Zepter übernimmt und einen verwirrend schönen Film gebiert.

Es bleibt jetzt nur noch das Warten auf die Bekanntgabe der Preise, in der Hoffnung, dass die Neugierde auch in den Jurys dominiert hat.

Diagonale_2017_2

DSC07552

(c) chderiaz

Tag_2_Grenzen, Tiere und ausserirdische Kartographinnen

Der Tag beginnt mit einem, dieses Jahr, allgegenwärtigen Thema, das der Grenzen.

Im Dokumentarfilm „Beyond bounderies- brezmejno“ fährt Regisseur Peter Zach die slowenische Aussengrenze ab, oder besser, er tastet sie ab, fühlt nach, hört zu. Unterlegt mit poetischen Texten von Aleš Šteger begibt er sich auf eine lange und langsame Reise, mäandert mal diesseits mal jenseits der heutigen Staatsgrenze, lässt Einheimische zu Wort kommen. Was sowohl die Reise, als auch die Protagonisten zeigen, Grenzen wechseln, Hoheitsgebiete fallen mal hier, mal dort hin, aber die Grenzverläufe trennen dort Lebenden immer von Nachbarn und Familie. Kaum einer der Grenzen bejubelt, im Gegenteil, am besten fasst das der bekennende Jugo-Nostalgiker Branko in drastischen aber einfachen Worten zusammen. „es gibt nur zwei Nationalitäten: Menschen und Arschlöcher“. Der unter dem Abspann liegende Radionachrichtentext über den Bau neuer Grenzzäune wirkt wie eine kalte Dusche nach dieser poetischen Annäherung an die Grenzenlosigkeit.

Bady Minck_Mappa Muni

Bady Minck (c) chderiaz

 

Auch der neue Film von Bady Minck „Mappa Mundi“ handelt von Grenzen. In ihrem Stoppmotion-Annimations-Sciencefiction Spektakel lässt sie ausserirdische Kartographinnen die Erde entdecken und deren Entstehung, aus Sicht frühzeitlicher bis heutiger Weltkarten, erzählen. Das ist spannend, skurril, kurzweilig und am Ende auch deprimierend, wenn die Erde sich wehrt, gegen den Schmutz der sie in All umgibt, gegen die Explosionen die auf ihr stattfinden, und eben auch gegen die Grenzen, die auf ihr gezogen werden. „Meine Haut hat keinen Linien/Grenzen“ seufzt die geplagte Erde ehe sie in einem schwarzen Loch auf immer verschwindet. Im gleichen Programm noch zwei weitere, kurze Experimentalfilme, „Vivien.Liebe“ von Stefan-Manuel Eggenweber ist eine blutig- verrückte Dreiecksliebesgeschichte, bunt, schrill und überdreht. „Museumswärter“ von Alexander Gratzer ist ein liebevoll-schöner Animationsfilm, der die Frage beantwortet, was tut ein Museumswärter, wenn niemand im Raum ist? Minimalistisch, und einfach wunderbar. Ach so, ja, die Antwort: er singt, erst leise, verhalten, dann lauthals und fröhlich, in die Leere des Raums.

Tierfilme ziehen Publikum ins Kino, und auch wenn bei der Diagonale die Kinosäle meistens sehr voll sind, ist doch der Andrang bei „Tiere und andere Menschen“ von Flavio Marchetti besonders gross. Wer fürchtet sentimentale Geschichten von armen Tieren zu sehen, wird enttäuscht, für alle anderen ist der Film in seiner ruhigen, beobachtenden Dramaturgie einen grosse Freude. Die Effizienz mit der Tierheimmitarbeiter und Tierärzte ihren Alltag bewältigen, dabei aber immer ein Herz für „ihre“ Tiere haben ist gerade wegen des Mangels an Rührseligkeit besonders sehenswert.

Zum Abschluss des Tages dann noch einige Kurzspielfilme, auch dieses Programm ist so gut wie ausverkauft. „Neujohr“ von Felix Kalaivanan entstand aus dem Wunsch des Regisseurs, doch auch mal auf gutem altem 16mm Material drehen zu dürfen. Entstanden ist ein Film in einer monochromen Schneelandschaft, in der zwei alte Freunde nicht mehr wirklich schaffen an ihre frühere Freundschaft anzuknüpfen. Die Rauheit des Licht, mit der leichten Körnigkeit des Materials ergeben, zusammen mit der dokumentarischen Kameraführung, einen spannenden 10 Minuten Film. Nicht im Wettbewerb, aber unbedingt erwähnenswert, ist „Sevince“ von Süheyla Schwenk.Die Geschichte einer jungen türkischen Mutter, eingesperrt in ihren 4 Wänden oder unter einer schwarzen Burka, ihr Modus: huschend, schutzsuchend. Und auch wenn ihr Mann liebevoll und umsorgend wirkt, ist er doch in erster Linie ihr Gefängniswärter, dem sie nur in kurzen Momenten entkommt, wenn sie Spätabends am Fenster raucht, oder zu einer Freundin geht, mit der sie eine Liebesbeziehung hat. Eindringlich, Fragen aufwerfend und schön ist dieser Film. „Der Sieg der Barmherzigkeit“ von Albert Meisl ist hauptsächlich ein grosser Spass; zwei ehemalige Kollegen, Musikwissenschaftler, der Ältere ein schräger Messi, der Jüngere ein verhuschter Kerl, auf dem Weg die Karriereleiter hoch, die die Umstände zusammenbringen in eine lange Nacht und einen langen Tag aus slapstickhaftem Chaos, rund und lustig.

Diagonale_2017_1

DSC07540

(c) chderiaz

Tag_1: Neugier und Empathie

Es ist jedes Jahr aufs neue verblüffend, wieviele Zuschauer sich an einem sehr sonnigen Morgen im Kino einfinden, um einen Dokumentarfilm mit scheinbar sperrigem Thema anzuschauen. Mit „Hinter dem Schneesturm“ belohnt Levin Peter das Publikum mit seinem ganz speziellen Interesse an der Geschichte seines Grossvaters. Egal wie stumm oder gar wütend der Grossvater wird, der Enkel stellt beharrlich, neugierig aber immer extrem liebevoll Fragen nach der Zeit, die der Grossvater als deutscher Soldat in der Ukraine verbracht hat. Die Fragen sind nie Anschuldigungen, sondern sind der Wunsch das Unbegreifliche irgendwie doch zu begreifen, und auch wenn der Grossvater behauptet damals nichts gefühlt, nichts gedacht zu haben, meint man in seinem Gesicht uneingestandene Scham zu lesen. Levin Peter begnügt sich nicht damit auf familiärer Ebene nachzuhaken, er fährt, mit alten Photos im Gepäck, selber in die Ukraine, schaut sich um, trifft sich mit Veteranen. Zum Teil ist der Film etwas holperig geschnitten, aber die Herzlichkeit und das Interesse wiegen das insgesamt auf. Auch Yvette Löcker geht bei ihrer Familie auf Spurensuche, „Was uns bindet“ hat aber weder Dichte, noch spürt man Anteilnahme oder Neugier, vielleicht ist sie selbst zu stark in die familiären Reibereien involviert, es fehlt Distanz, um die Fragen nach Liebe und Lebenskonzepten auch für Fremde interessant werden zu lassen; eher fühlt man sich wie ein ungebetener Gast bei einem Familienstreit, der einen einfach nichts angeht.

Das Fremde betrachten, in Ruhe und vorurteilsfrei, das kann man in „Seeing voices“ von Dariusz Kowalski. Immer noch sind gehörlose Menschen im Alltag meistens unsichtbar, die Protagonisten dieses Films zeigen nicht nur, dass das dringend zu ändern ist, sondern machen auf sehr sympathische und einfühlsame Art klar, dass gehörlos zwar zur Identität gehört, aber keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal ist. Der Film bewegt sich zwischen den verschiedenen Personen und Gruppen, lässt Teilhaben an leben, feiern, politischer Arbeit, aufwachsen und erwachsen werden, und das alles ohne zu schulmeistern, dafür oft mit Humor.

Zum Abschluss dann doch noch ein Spielfilm, „Siebzehn“ von Monja Art, es wird viel geredet, gelitten, geliebt oder zumindest das getan was Siebzehnjährige für lieben halten mögen. Man glaubt – oder hofft – die ganze Zeit, dass der Film eine Wende zum Drama, zur Tragödie nehmen wird, dass irgendeine der Figuren unter der Last der verschmähten Liebe ausrasten oder zusammenbrechen wird, doch am Ende leiden sie einfach an einer sich selbst heilenden Krankheit, die da heisst: siebzehn sein. Ob sich Jugendliche von dem Film angesprochen fühlen werden ist schwer zu sagen, als nicht mehr jugendlicher Zuschauer aber freut man sich dieses Alter hinter sich zu haben.

DSC07550

(c) chderiaz

Diagonale_2017_Eröffnung

DSC_0474

(c) chderiaz

Keine Angst

Zum 20 Mal findet die Diagonale in Graz statt, zum zweiten Mal eröffnen Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger unter begeistertem Applaus das Festival des österreichischen Films.

Wie auch im ersten Jahr ihrer Intendanz halten sie eine politische, aber auch launige Rede, fordern eine Raus aus der Gemütlichkeit der eingetretenen Pfade, ein Mehr an Mut und Neugierde. Neugierde, die zu mehr Verständnis für Fremdes, Neues führt und den Weg öffnet für Empathie. „Keine Angst“ fordern sie, einen Austropop Hit aus den 80ger Jahren zitierend, keine Angst, nur so lässt sich eine bequem gewordene (Film) Welt aufwecken.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen fordert Neugierde und fragt zum Abschluss seiner kurzen Rede, „nationales Festival ja, aber was ist schon national?“, und trifft damit einen der grossen Pluspunkte des österreichischen Filmschaffens: die bunte Mischung aus gebürtigen und eingelebten Österreichern, Fremden, die hier arbeiten, Einheimischen, die im Ausland arbeiten, die alle ihre filmischen Blicke längst nicht mehr ausschliesslich auf den eignen, nationalen Nabel werfen, sondern die Welt und ihre Facetten ausleuchten gehen.

Ein solcher Ausleuchter, Erforscher war Michael Glawogger, einer dem man nicht erst nahelegen musste neugierig zu sein. Als er 2014 während des Drehs zu seinem Dokumentarfilm „untitled“ starb hinterliess er nicht nur ein grosses Loch in der Filmwelt, sondern auch etwa 70 Stunden Filmmaterial, und das Konzept für einen Film ohne Thema, eines Sichtreibenlassens. Aus diesen Komponenten hat Monika Willi einen phantastischen Film geschnitten. Die wunderbaren Bilder von Attila Boa, der den Mut hat mit der Kamera unaufdringlich aber bestimmt auf Situationen zu bleiben, zuzuschauen, ohne dem flüchtigen Kick nachzugeben näher an die Situation zu gehen, um eventuell mehr Drama einfangen zu können, und der damit das Drama, die Freude oder Trauer wahrhaftig einfängt, abbildet, dem Zuschauer nahebringt. Der Film entsteht, mehr noch als sonst, im Kopf jeden Zuschauers, und vermutlich sieht er sogar bei mehrmaligem Sehen jedesmal anders aus. Die Schnitte erfolgen nach bildlichen, graphischen Analogien und lassen so Assoziationen entstehen, man folgt nicht Glawogger/Boa auf deren Reise, man hat er den Eindruck in eigenen Erinnerungen sprunghaft, assoziativ spazieren zu gehen, ohne Eile, ohne Ziel, alles ist schon da, und erfindet sich trotzdem beim Betrachten neu. Ein wunderbarer Film, der vom Publikum mit grosser Begeisterung aufgenommen wurde.

DSC07535

(c) chderiaz

Locarno_2016_6

DSC07197

(c) chderiaz

Die Leoparden sind verteilt

 

Selten haben Jury Entscheidungen so durchweg Zustimmung erfahren wie in dieser 69. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno. Neben guten, wenn auch konventionellen Filmen gab es dieses Jahr viele schräge, originelle, schwer zu fassende und künstlerische Filme im Programm; damit war die künstlerische Leitung sehr nah an dem was das Herz dieses Festivals ausmacht, dem kreativ-künstlerischem, intellektuellen Kino ein zu Hause zu geben. Und alle Jurys folgten diesem Gedanken und prämierten nicht die leicht konsumierbaren, sondern eigenwillige Filme mit Ecken und Kanten, ohne dabei in elitäre Cineasten Sphären zu verschwinden; Kreativität kann durchaus auch bodenständig sein.

 

DSC07171

(c) chderiaz

Erfreulich, wenn auch wirklich verblüffend sind Entscheidungen der Kurzfilmjury mit ihrem Präsidenten Edgar Reitz, Pardino d’oro international geht an den wunderbaren Experimentalfilm L’Immense retour (Romance) von Manon Coubia, Pardino d’oro national an den Animationsfim Die Brücke über den Fluss von Jadwiga Kowalska. Pardino d’argento gehen jeweils an sehr eigenwillige und experimentale Kurzdokumentarfilme, international an Cilaos von Camilo Restrepo und national an Genesis von Lucien Monot.

 

 

Interessant die Auswahl der Jugendjury, deren Hauptpreis ging an den Thailändisch-Japanischen Film Bangkog Nites von TOMITA Katsuya, einen episch langen Film über Prostituierte und deren, meist, ausländische, Freier. Ein Film über Macht- und Ohnmachtsverhältnisse. Einen weiteren Preis vergaben sie an die japinischen Softporno Komödie Kaze ni nureta onna (Wet Woman in the Wind) von SHIOTA Akihiko.

 

DSC07228

Dario Argento (c) chderiaz

Für die Cineasti del presente gab Jury Präsident Dario Argento eine gleichermassen freche wie gute Begründung, der Pardo d’oro gehe vielleicht nicht an den besten Film der Sektion, aber an den, der dem Konzept dieses Wettbewerbs am besten entspricht; der Preis geht an den argentinischen Film El auge humano von Eduardo Williams, dessen schlängelnd-kreisförmig erzählerische Bewegung trotz einiger Schwächen, besonders bei der Kamera, sehr interessant war.

 

 

 

 

 

Im Hauptwettbewerb bekam der sehr schöne rumänische Film Inimi cicatrizate (Scarred Hearts) von Radu Jude, den Spezialpreis der Jury. Der pardo d’oro ging an die bulgarischen Regisseurin Ralitze Petrova für ihren bedrückend schönen Film Godless. Der Film bekam auch den Preis der ökumenischen Jury und die Hauptdarstellerin Irena Ivanova wurde als beste Schauspielerin mit einem Leoparden ausgezeichnet.

 

 

DSC07177

(c) chderiaz

Am Abschlussabend auf der Piazza herrschte gute Stimmung, teils fröhliches Chaos auf der Bühne, wenn Regisseure nicht wussten, ob sie nach der Übergabe des Leoparden bleiben oder gehen sollten, manchmal gab es Sprachverwirrung, alles in allem aber ein harmonisches Ende. Im kommenden Jahr, zur 70. Ausgabe des Festivals wird die Schweizer Post dem Festival eine Briefmarke widmen; etwas weniger glücklich dürfte das Wegfallen eines der Hauptsponsoren das Team um Marco Solari und Carlo Chatrian machen.

Als letzten Film gab es dann das monumentale indische Superhelden Epos Mohenjo Daro von Ashutosh Gowariker, 153 Minuten bunt, laut und kolossal übertrieben, sprich: ein lustiger Film.

Alle Preise auf www.pardo.ch

Nächstes Jahr am 2. August beginnt die Jubiläumsausgabe des Filmfestivals von Locarno

Locarno_2016_5

Grau bis Tiefschwarz

 

DSC07203

(c) chderiaz

Die letzten Filme bis zur Preisvergabe, Carlo Chatrian verliert dann doch langsam seine Stimme, seiner guten Laune tut das keinen Abbruch, und wo man geht und steht in der Stadt: Leoparden.

Sommerlich blauer Himmel am Tag 8, perfekt erscheint also ein Film der in weiten Teilen an einem See in Argentinien spielt. La idea de un lago von Milagros Mumenthaler fängt gut an, eine hochschwangere Photographin möchte vor der Geburt ihres Kindes nicht nur ein Buch über den Urlaubsort ihrer Kindheit fertigstellen, sie versucht auch ihr Leben und ihre Vergangenheit zu sortieren, Problem zu lösen. Zeitlich springt der Film hin und her zwischen Kindheit, frühem Erwachsenenalter und heute. Die Familienferien am See, wo man entdeckt, dass sehr früh schon ihr Vater abwesend ist, einer der Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur, die bröckelnde Beziehung zum Vater ihres Kindes im Jetzt, der schwelende Konflikt mit ihrer Mutter, durch alle Zeitebenen, und letztlich der Wunsch wenigstens klären zu lassen, ob der Vater eines der aufgefunden Opfer sein könnte. Alle diese Fäden laufen wild durcheinander, aber ab der Hälfte des Films gibt es keine Entwicklung mehr, die Suche nach (Er)Lösung zieht sich wie ein Gummiband in die Länge, der Zuschauer geht dem Film unterwegs verloren. Das ist schade, denn etwas gerafft, hätte das eine schöne Geschichte ergeben.

Statt Leoparden von Morgen ein Film aus dem Hauptwettbewerb Godless von Ralitza Petrova. Eine gute Entscheidung! Trostloses Grau, erloschene Farben, triste Plattenbauten, müde Gesichter, der Kontrast zum Ambiente vor dem Kino könnte kaum grösser sein. Auch hier ist die Wahl des 4:3 Formats eine dramaturgisch fast zwingende, unterstreicht das Format doch die nervöse Kamera, die oft ganz dicht auf Gesichtern ist, sie umkreist, Details aus der Unschärfe in die Schärfe holt, die Unruhe und Trostlosigkeit der Figuren spiegelnd. Eine Geschichte von Gaunerei und Korruption bis in die höchsten Kreise von Polizei und Justiz, bei der die kleinen Fische, die Krankenschwester eines mobilen Pflegedienstes, die Personalausweise der alten Menschen klaut, und ihres Freundes, einem Automechaniker, der die Ausweise verkauft, nur verlieren können. Zu gross ist der Gewinn, den die wahren Drahtzieher mit den Ausweisen erzielen, in dem sie Scheinfirmen auf die Namen der Alten eröffnen, um Geld zu waschen. Das unausweichlich düstere Ende ist durch die trüben Bilder und die, zum Teil extrem lauten, harten Geräusche, physisch spürbar, man fröstelt im Kinosaal. Allein am Schluss, wo plötzlich gleissendes Licht Berge und Skipisten erstrahlen lässt und einer der korrupten Richter in grell orangenem Anzug auftaucht, wird die Hoffnung auf eine höhere Gerechtigkeit wenigsten denkbar.

Auf der Piazza, läuft Cannes Gewinner I, Daniel Blake von Ken Loach, also statt dessen einen anderen Film nachholen, Viejo calavera von Kiro Russo. Schwer zu fassen ist der Film, zum Teil grossartige Bilder, fast monochrom Schwarz, das wenige natürliche Licht nutzend, um doch Konturen zu erfassen, Szenen die in ihrer Bild- und Tonmontage schwindlig machen vor Vergnügen. Aber dann unbegreifbare Dialoge zwischen bolivianischen Minenarbeitern, der Hauch einer Geschichte, der sich aber immer wieder entzieht. Man möchte so gerne verstehen, eben auch weil so viel Schönes in dem Film ist, aber worum es gegangen sein mag ist bis zum Ende nicht herauszufinden.

 

Familienbande

DSC07196

(c) chderiaz

Doppelte Dosis Leoparden von Morgen, das letzte internationale und das letzte nationale Programm und darin einige schöne Filme. Au loin, Baltimore von Lola Quivoron beginnt laut. Heulenden Zweitakt Motoren, eine Gruppe Jungs düst durch eine französische Vorstadt, waghalsig, ausgelassen drehen sie ihre Motoren auf, bis bei einer der Maschinen plötzlich der Motor aussetzt. Der Junge schleppt sein Motorrad die Treppe rauf in die elterliche Wohnung, wo sein Vater komatös schläft, und sein kleiner Bruder alleingelassen und gelangweilt spielt. Und plötzlich ändert ich der wilde Typ von eben, und es beginnt eine ganz zarte, leise Geschwister Beziehung. Präzise, schöne Kamera zwei tolle Darsteller und eine schöne Geschichte. Each to their own von Maria Ines Manchego, auch hier steht eine Familie im Mittelpunkt, der Mann/Vater ist gerade gestorben, die Stimmung der Trauer bei Mutter und Teenager Tochter ist aggressiv – verschlossen. Bis jede für sich einen Weg durch die Trauer findet, und sie damit auch wieder füreinander da sein können; ein kleiner, gut erzählter Film. Familie auch im Animationsfim Hold me (Ca Caw Ca Caw) von Rennee Zhan , allerdings sehr, sehr speziell. Ein Mann und ein grosser Vogel leben in einer Liebesbeziehung, rotzfrech und skurril die Sexszene, die Mahlzeiten bis der Vogel ein sehr grosses Ei legt, und das Brüten wichtiger als die Beziehung wird. Der Mann wird nicht mehr befriedigt, nicht mehr gefüttert, und schnappt sich schliesslich das Ei; bitterböses Ende inklusive.

Cabane von Simon Guélat ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Freundschaft, Loyalität und Liebe. Vier Jugendliche die heimlich zu einem Baumhaus im militärischen Sperrgebiet gehen, als sie schliesslich entdeckt und vertrieben werden, kehrt Abends zunächst einer, dann der zweite der Jungs zurück, doch die sexuelle Spannung des einen, wird vom anderen zurückgewiesen, als Kinderei abgetan, wütend schmeisst sein Freund ihn aus dem Baumhaus. In der Nacht, die er alleine im Wald verbringt vermischen sich Träume und Geschichten, alleine diese Sequenz ist es schon wert den Film zu sehen, geheimnisvoll und angenehm verwirrend. Am Ende der Nacht ist ein Stück Kindheit von dem Jungen abgefallen, so wie das Baumhaus neben ihm zusammenbricht. Digital immigrants von Norbert Kottmann und Dennis Staufer ist ein irre witzig konstruierter Dokumentarfilm, TV Filme über Computer und ihre Möglichkeiten, Auswirkungen und Gefahren aus den Jahren 1959 bis 1990 werden kombiniert mit Aufnahmen von Senioren heute, die in einer Art Selbsthilfegruppe sich gegenseitig helfen Computer zu bedienen und zu begreifen. Einfach nur klasse! In Les Dauphines von Juliette Klinke geht es wieder um Familie, eine Mutter reist mit zwei Töchtern, zu einem Talentwettbewerb. Eher punkig als glamourös,die drei üben auf einem Parkplatz, übernachten im Auto,die Kinder haben Spass. Beim Anblick der anderen Mütter und Kinder wird die Mutter allerdings nervös, alles droht zu kippen, aber die kleine Schwester, ein niedlicher kleiner Pummel, rettet, ganz unglamourös, aber sehr originell den Auftritt.

Letzter Ehrenleopard vor der morgigen Preisverleihung, diesmal an Alejandro Jodorowsky, der auf die Frage, warum er zwischen seinen Filmen immer wieder lange Pausen lagen: wenn er nichts zu erzählen hätte, dann würde er eben keinen Film machen.

Der Film des Abends hat etwas zu sagen, und das mit sehr viel Humor, Vincent von Christophe Van Rompaey. Und wieder Familie, eine recht durchgeknallte obendrein. Die Titelfigur, der 17 jährige Vincent ist überzeugt, mit seinem Selbstmord die Welt aus ökologischer Sicht besser zu machen, immerhin würde sein ökologischer Fussabdruck damit auf null sinken. Der Film beginnt mit völlig entfesselt wirkender Kamera, die sich als die Subjektive Sicht des Möchtegern – Selbstmörders entpuppt. Mutter, Stiefvater, hochschwangere Schwester, kleine punkige Schwester und dann kommt auch noch die Halbschwester der Mutter aus Paris zu Besuch! Lustig – freche Dialoge, familiäre Gemeinheiten, eine fast schwarze Komödie, deren 2 Stunden wie im Flug vergehen.