Locarno 2018 Bilderreisen

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Fernes und Nahes

Reisen bildet, zumindest wenn man neugierig genug ist und die Augen öffnet. Wenn man dann von so einer Reise mit offenen Augen Bilder mitbringt, die dann andere neugierig machen, dann ist das um so schöner. Der Dokumentarfilm „Closing Time“ von Nicole Vögele ist ein traumhaftes Beispiel für diese Mischung aus Neugierde, Beobachtungsgabe und Gefühl für’s Erzählen. 2 Stunden lang schaut man gebannt dem nächtlichen Treiben in einem Geschäftsviertel von Taipeh zu, kommentarlos, dafür mit einer spannenden Tonmischung. Kleine Geschäft, Imbissbuden, Strassenverkehr, streuende Hunde, Markthalle, wie in einem langsam fahrenden Karussell fährt der Film die einzelnen Stationen immer wieder an, zeigt mal sehr nah Details, dann wieder einfach, still eine Totale, in der sich der Zuschauer verliert wie in einem Hieronymus Bosch Bild, immer mehr Einzelheiten gibt es zu entdecken. Über die Zeit lernt man so auch die Menschen in ihren Läden kennen, einfach so, durchs anschauen, mit viel Ruhe. Bis der Film gegen Ende dem Koch der Imbissbude ein letztes Mal zum Markt folgt, von wo er aber nicht zurück fährt, sondern plötzlich die Stadt verlässt, Ziel unbekannt, vom Karussell abspringt. Ein toller Film, wenn man sich auf eine Bilderreise einlassen kann.

Auch auf „Tegnap“ von Bálint Kenyeres muss man sich einlassen, und frei von der Suche nach dem Warum der Geschichte bleiben. Ein Bauunternehmer kommt zu einer seiner Baustellen in Marokko, anscheinend weil es dort Probleme mit Genehmigungen gibt, sehr schnell wird klar, Marokko ist für ihn ein Ort aus der Vergangenheit. Die Lösung des Problems mit der Baustelle rückt in den Hintergrund, statt dessen begibt er sich auf die Suche nach einer Frau, die ihn 20 Jahre zuvor dort verlassen hat. Wie einer Fata Morgana taumelt er in der Wüste den verschiedensten Spuren entgegen, wird bestohlen und bedroht, trifft Bekannte aus seiner Vergangenheit, aber nie die Frau, die er immer besessener sucht, Ende offen.

Das Kurzfilm Programm ist für dieses Mal durchweg gut, sogar sehr gut.

Kaukas“ von Laurynas Bareise erzählt vordergründig von der Suche nach einem kleinen Mädchen, das mit dem Hund der Grossmutter nicht vom Spaziergang zurückgekommen ist. Der darunterliegende Konflikt, die Scham der Grossmutter, eine dunkelhäutige Enkelin zu haben, erschwert die Suche. Bedrückend dank sparsamer, beiläufiger Gesten und Sätze. Auch „Sashleli“ von Davit Pirtskhalava beeindruckt durch das was nicht gezeigt wird, wodurch das Ungesagte, Ungesehene umso stärker wird. Ein Mann stiehlt Holz, um im Zimmer seines kleinen Sohnes für Wärme zu sorgen. Die Konsequent dieser Tat- dass durch diese fehlende Holzabsperrung ein Mitschüler in den Tod stürzt – erzählt der Film in feinen, kleinen Szenen, die von tiefer Traurigkeit aber auch von einer Solidarität der Hausgemeinschaft getragen werden. In „Malo se sjećam tag dana“ von Leon Lučev, geht es um verlorene Erinnerung. Zwei Ereignisse am gleichen Tag zwingen einen Mann sich zu entscheiden, welchen Tag er – für sich, für seine Erinnerung – lebt, den Todestag seines Vaters, von dem er am Telephon erfährt, oder den Geburtstag der 10 jährigen Tochter, eine Entscheidung, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird.

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Am Abend auf der Piazza Grande dann leichte Unterhaltung in Form einer italienischen Komödie: „Un nemico che ti vuolo bene“ von Deis Rabaglia. Ein Professor der Astrophysik, mit erweiterter, chaotischer Familie, trifft zufällig auf einen Auftragskiller, dem er, nicht ganz freiwillig, eine Kugel aus dem Körper fischt. Dieser möchte sich dafür mit dem Umbringen eines Feindes bedanken, aber hat der Professor überhaupt Feinde? Viel Komödie, viel Familienstreit, und ein Killer, der so gefährlich dann doch nicht ist, und eindeutig zu viel Musik. Für Freunde der -sehr- leichten Unterhaltung, oder für einen Sonntag Nachmittag auf dem Sofa.

 

 

Obsessionen

Familien bleiben ein wesentlicher Hintergrund für Geschichten, Familien sucht man sich nicht aus, Familien bieten wenig Raum für grosse Kompromisse, man ist nicht Teilzeit-Familienmitglied, wodurch auftretende Probleme schnell sehr gross, sehr dramatisch werden, mit oft nur noch sehr wenigen Auswegen. „Glaubenberg“ von Thomas Imbach wirft den Zuschauer von Anfang an in einen Strudel von Gefühlen, mischt Tagträume mit Realität und spaltet diese in ein Heute und ein Gestern, alles von einem fabelhaften Schnitt so organisch zusammengefügt, dass man einfach mitgerissen wird. Lena liebt ihren Bruder Noah, ihre Liebe ist dabei keineswegs geschwisterlicher Natur, und nimmt im Verlauf des Film immer wirrere, obsessive Züge an. Super gespielt, sehr schön gedreht und definitiv genial geschnitten und dazu noch ein sehr schöner Soundtrack.

Auch in „Trote“ von Xacio Baño stehen familiäre Strukturen im Zentrum der Geschichte. Umrahm vom alljährlichen „rapa de bestas“ dem Einfangen der wildlebenden Pferde und kennzeichnen der Fohlen, zeigt die Geschichte, den verkrusteten Alltagstrott, indem sich die Familie befindet. Daran ändert auch nichts, dass die Mutter bei einem Autounfall getötet wird, den die Tochter, möglicherweise verschuldet hat, auch in dieser Familie beherrscht die Sprachlosigkeit, der Mangel an Verständnis den Alltag. Die raue Schönheit des Galizischen Dorfes biete zusätzlich visuelle Dichte. Der Protagonist in „Dead Horse Nebula“ von Tarik Aktas leidet an so etwas wie einem „Totes Pferd Trauma“ nachdem er in seiner Kindheit eines im Strassengraben entdeckt hat. Dieser sowohl komische wie auch absurde Prolog der Geschichte dient, unausgesprochen, als Basis für das Verhalten des Erwachsenen, der so gar nicht in die Rolle des Tiere tötenden Machos passen will. Ein weiterer Film, in dem scheinbar nicht viel passiert, in dem es keine „Message“ gibt, und der doch so schön anzuschauen ist, und im Kopf so viel erzählen kann.

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Aufgeschnappt von einer Zuschauerin:

„ es gewinnen sowieso nie die Filme, die man gut findet“, noch ist es nicht so weit, aber wer weiss, manchmal können Jurys einen doch überraschen.

Locarno 2018 Schönheit in Grau

Halbzeit beim Festival

Mittlerweile haben sich zu den Fächern auch die Regencapes gesellt, zumindest an den Abende gibt es plötzlich immer wieder heftige Gewitter, also Fächer weg, Cape übergestreift, und weiter geht’s.

DSC08360.JPGDie allgegenwärtigen Taschenkontrollen sind lästig, besonders wenn man immer wieder diskutieren muss, um eine Aluflasche mit Wasser ins Kino zu bekommen. Das letztes Jahr eröffnete PalaCinema hat die Probleme mit den wartenden Zuschauern zumindest verbessert, Drängelgitter draussen und verschiedene Türen für die 3 Säle helfen den Pulk zu strukturieren. Und wie oft zur Halbzeit wird Carlo Chatrians Stimme heiser, Begeisterung ist anstrengend für die Stimmbänder.

Amerika jenseits der grossen Städte und des Glamours kommt nicht so oft vor in Filmen. Aber genau dort, in einer ländlichen, trüben und auch ärmlichen Gegend siedelt Kent Jones die Geschichte von „Diane“ an. Eine Frau, die immer für andere da ist, sich um Nachbarn kümmert, die todkranke Cousine besucht, in der lokalen Suppenküche arbeitet, immer ein nettes Wort hat, für jeden, sich alles anhört und sich zwischendrin noch vor Sorge um ihren drogensüchtigen Sohn zerreisst. Sie ist eine Art Alltags-Superheldin, immer zur Stelle aber irgendwie unauffällig, selbstlos bis zur Selbstaufgabe. 80 Minuten lang ist dies ein wunderbarer Film, alle Handlungsstränge sind erzählt, und der Zuschauer könnte mit den Bildern im Kopf einen weiteren Verlauf für sich erfinden. Aber irgendwer hat wohl gemeint jeder lose herumliegende Fadenfitzel müsste zu Ende gesponnen werden, und damit verliert der Film in der letzten Viertel Stunde erheblich, zu viel Redundanz, zu wenig Platz für Phantasie.

Die Armut und Verwahrlosung in „Ray and Liz“ von Richard Billingham springt einem von der Leinwand fast spür-und riechbar entgegen. Am Stadtrand von Birmingham spielt die autobiographische Familiengeschichte, eine Art visueller Sozial-Autopsie in spannenden Bildern. Extreme Detailaufnahmen, mal von krabbelndem Getier, von zitternden Fingern am Glas, oder Teilen von Gesichtern, um dann wieder einen Schritt zurück, und in ruhigen, sehr exakt in 4:3 kadrierten Bildern die Szenen zu betrachten. Es entsteht so ein Gefühl für die Situation der Figuren, Anteilnahme ist möglich, (ab)werten bleibt aus.

Nach soviel Grau blendet nicht nur die Sonne vor dem Kino, sondern auch die üppige, bunte Fröhlichkeit der drei Freundinnen auf einem Segelboot zwischen kroatischen Inseln in „Likemebest“ von Leonardo Guerra Seràgnoli. Überfröhlich, ausgelassen und hochgradig Handy-und Socialmedia süchtig sind die drei. Und damit sind auch schon die Probleme vorprogrammiert, für ein Like mehr vergessen sie alle Regeln der Freundschaft und des zivilisierten Miteinanders, gnadenlos wird gefilmt und photographiert, und ebenso gnadenlos gepostet.Und was wie eine fröhliche Abiturreise beginnt bewegt sich immer mehr Richtung Drama epischen Ausmasses. Auch Dank der drei tollen jungen Schauspielerinnen schaut man sich das bei allem Schaudern gerne an. Gewidmet ist der Film übrigens allen Mobbing-und Cybermobbingopfern.

Bisher gab es noch kein Kuzfilmprogramm, bei dem alle Filme gut waren, also wieder nur eine „Best of“ Auswahl.

Rekonstrukce“ von Jiri Havlicek und Ondre Novák zeigt zunächst den öden und kargen Alltag in einem Gefängnis, ein junger Häftling bei der Arbeit, beim Sport, rauchend und redend, distanzierte Bilder, ein Ort dessen Funktion sich in den graphischen Bildern widerspiegelt. Dann wird parallel die Rekonstruktion des Falls gezeigt, der denn Mann ins Gefängnis gebracht hat. Akribisch muss er den brutalen Mord an einem Obdachlosen nachstellen, die extreme Brutalität wird durch die sehr dunkel gehaltenen Bilder und die technischen Anweisungen noch brutaler und noch unverständlicher.

Eine schwarze Kommöde ist „The silence of the Dying Fish“ von Vasilis Kekatos. Auf dem Weg zur Arbeit erfährt ein Mann, dass seine eigen Beerdigung für den übernächsten Tag in der Zeitung angekündigt wird. Alle seine Versuche zu belegen, dass er sehr wohl am Leben ist, und es sich nur um eine Irrtum handeln kann, helfen nichts. Da muss er durch. Schräg!

Lose basierend auf Kafkas „ein Brudermord“ und angesiedelt im nächtlichen und titelgebenden „Grabavica“ erzählt Manel Raga Raga eine Geschichte, die wohl so alt wie die Menschheit ist, und dabei immer noch aktuell ist. Dunkle Bilder, zwei Jungs raufen, ein Messer kommt ins Spiel, an einer anderen Stelle, zwei Männer, einer am Boden, ein Messer. Nicht ein Mord wird hier erzählt, sondern die Essenz, das Wiederkehren des Motivs, das ist beeindruckend, gerade in seiner Schlichtheit.

Am Abend gibt es nicht nur einen Ehrenleoparden für Kyle Cooper, sondern es wird auch des 70.Geburtstag der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte gedacht, und bei strömendem Regen hält UN Kommissarin für Menschenrechte Kate Gilmore eine flammende und bewegende Rede. Dazu passt Spike Lees neuer Film „BlacKkKlansman“, der spannend und witzig ist, und einem dennoch das Lachen wieder in den Hals zurück treibt, ob seiner Aktualität.

 

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Es baucht mehr Animationsfilme

3 Programme mit insgesamt 17 Kurzfilmen und es sind nur 6 der Rede Wert, keine so tolle Ausbeute.

Je sors acheter des cigarettes“ von Osman Cerfon erzählt in simpsonshafter Art, wie ein Junge überall in der Wohnung auf versteckte Männer stösst, sie sind im Schrank genauso wie in der Waschmaschine, und scheinen mit ihm, und nur mit ihm, zu interagieren. Bis er auf ein altes Familienbild stösst, das ein Geheimnis lüftet und ihn von seinen Geistern befreit.

Chinesischen Tuschezeichnungen gleich begeben sich drei Renees auf die Suche nach sich, und bewegen sich dabei in sich selbst und um sich selbst. „Reneepoptosis“ von Renee Zhan ist zauberhaft, intelligent und lustig.

Man sollte Mädchen nie unterschätzen, „Fuck you“ von Anette Sidor zeigt das charmant, frech und sehr selbstbewusst; was ein umgeschnallter Gummipenis so alles bewirken kann…

Der Kurzfilm „Como Fernando Pessoa Salvou Portugal“ von Eugène Green gehört zur Programmschiene Signs of Life, in der dieses Jahr erstmals auch ein Preis vergeben wird. Green erzählt wie ein Werbespruch für eine Cola in den 1920 Jahren in Portugal die Behörden auf den Plan ruft, und nachdem von einem Jesuiten bewiesen wird, dass in der Cola böse Geister wohnen, beschlossen wird sämtliche Flaschen zu vernichtet und der Handel unterbunden werden muss. Allein die Szene in der der Jesuit die Austreibung vornimmt, durch heftiges Schütteln und dann Öffnen der Flasche, ist sensationell. Ein grosser, grober Spass.

Weiter mit der Kurzfilmauswahl, aber zurück zu den Leoparden von morgen.

Juliette Riccaboni erzählt eine sehr schöne Geschwistergeschichte in „Les îles de Bissogne“. Nachts auf einem LKW Parkplatz unterhalb einer Autobahn, eine junge Prostituierte wird um ihr Geld geprellt, ihr Bruder eilt zur Hilfe, irgendetwas scheint mit ihm nicht zu stimmen, aber erst Stück für Stück erschliesst sich, dass er geistig nicht ganz auf der Höhe ist. Die Beziehung zwischen beiden ist liebevoll, aber stark von der Schwester dominiert, bis der Bruder sexuelle Neigungen zu ihr entwickelt. Beziehungsgeflechte, Abhängigkeiten und Sprachlosigkeit, ein stilles Drama.

SELFIES“ von Claudius Gentinetta zeigt in rasanter Folge Selfies in immer groteskeren Situationen, die Bilder sind übermalt, verfremdet, und offenbaren den gesamten Wahnsinn, der hinter der ständigen Nabelschau verborgen ist.

Eine Plastilinpuppe, Stopmotion und Pantomime sind die Komponenten aus denen „HIER“ von Loïc Kreyden besteht. Ein Tag im Leben des Regisseurs, reduziert auf die Puppe, deren pantomimischen Bewegungen und den Tönen all dessen, was nicht im Bild ist, wunderbar.

Ein weiterer Film in dem widrige – soziale wie persönliche – Situationen überwunden werden: „Temporada“ von André Novais Oliviera. Neuer Job, neue Stadt, und der Ehemann soll nachkommen, aber alles kommt anders. Der Ehemann nutzt die Gelegenheit und verschwindet, und die Frau lernt mit sich und ihrem Leben klar zu kommen. Die brasilianische Sonne hübscht die triste Kulisse etwas auf, kann aber nie ganz davon ablenken. Manche Szenen wirken arg statisch, mit langen, etwas hölzernen Dialogen, aber insgesamt ein überzeugender Film, mit einer weiteren starken und präsenten Frauenfigur jenseits von „blond-29-durchtrainiert“ .

 

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Auf der Piazza Grande gibt es den Schweizer Film „Le vent tourne“ von Bettina Oberli. Angekündigt wird eine Frau, die sich emanzipiert, zu sehen ist aber eher eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines Ökobauernpaares. Autonom soll der kleine Berghof sein, auch vom Strom, und so kaufen die beiden ein Windrad. Mit dem Windrad kommt allerdings auch ein Ingenieur, der den Aufbau leitet, und für emotionale Unruhe sorgt. Alles nicht so sehr neu und originell als Ausgangslage, und die Konflikte werden auch in diesem Setting nicht anders gelöst als sonst. Hübsch aber nicht übermässig aufregend, dass es dazu ab der Hälfte gegossen hat ist dann auch schon egal.

Warum es also mehr Animationsfilme baucht? Weil sie – fast immer – sofort für gute Laune und ein Lächeln sorgen.

Locarno 2018 Licht gewordene Träume

 

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Das wichtigste Accessoire dieser Tage ist der Fächer, kaum jemand, der ohne anzutreffen ist, vor den Kinos, in den Cafés, aber auch in den Kinos, überall das grosse Fächern.

Da kommt ein Film in kühlem Betongrau und sanftem Grün gerade recht.

Jioa qu de niao“ (Suburban Birds) von QIUQ Sheng spielt mit der Zeit, in einer modern- trüben Vorstadtsiedlung hat sich unerklärlicherweise der Boden abgesenkt, ein Team von Ingenieuren versucht die Ursachen zu ergründen, misst und rechnet, rätselt, und langsam verschiebt sich die Zeit. Der Film wechselt in die Zeit, als die Siedlung noch in Planung war, eine Bande Kinder stromert zwischen den alten, maroden Häusern, und den noch nicht fertigen Neubauten. Komponenten, Konstellationen, einzelne Gegenstände aus der -möglichen- Gegenwart, tauchen in der -vermutlichen- Vergangenheit auf, Situationen wiederholen sich, und unmerklich streifen die beiden Zeiten aneinander, kreuzen sich, verlassen sich wieder, kehren zu einander zurück. Ein Tanz aus Heute und Gestern, gleichzeitig, oder auch nicht, verbunden, untrennbar, und, vielleicht, der Grund für die Bodenabsenkung. Starke Bilder, ruhiger Erzählfluss, surreal und ein bisschen märchenhaft.

Starke Filme in der heutigen Kurzfilm Vorstellung, zunächst die schöne, und lustige Parabel vom Kreislauf, der Zeit, der Dinge, des Lebens. Grosse Themen, in „Circuit“ von Delia Hess mittels Animation zu einem wunderbaren Film verdichtet.

Dann die verspielte, phantasiegeladene Geschichte, die eigentlich von Kummer und Schuldgefühlen spricht: „EVA“ von Xheni Alushi, in der eine Pfütze im Bad zum Eingang in eine andere Welt wird. Und schliesslich „Fait divers“ von Léon Yersin. In der Nachbarwohnung eines Studenten wird die Leiche eines Mannes gefunden, der anscheinend seit zwei Jahren dort tot gelegen hat, unbemerkt. Beunruhigt über dieses Schicksal recherchiert der junge Mann, und macht eine unglaubliche Entdeckung, mit der sich ein Kreis schliesst, den man als Zuschauer so nicht kommen sah. Spannend, gewitzt und toll gemacht.

Da es in den Kinos doch kühler auch draussen ist, wenn auch nicht viel, weil sie immer nur zwischen zwei Vorstellungen durch Klimaanlagen gekühlt werden, gleich weiter zum nächsten Film: „Sibel“ von Çağla Zencirci und Guillaum Giovanetti. Ein Dorf in den türkischen Bergen, abgelegen, raue Bedingungen, und archaische Sitten, und mit der Besonderheit, dass die Menschen dort über weitere Distanzen mittels Pfeifsprache kommunizieren. Auch die stumme Sibel kann sich so mitteilen, was allerdings nichts daran ändert, dass sie ausgeschlossen wird, von allen ausser ihrem Vater, sie macht Angst, sie bündelt Vorurteile und Aberglauben, und das nur scheinbar auf Grund ihrer Behinderung. Sibel ist eine wilde, mutige und unabhängige Frau, die in den verkrusteten Strukturen das sieht, was sie sind: Fesseln, Fesseln aus denen sie sich befreien muss, will und wird. Eine strake Frauenfigur in einem tollen Film, der mit langem, euphorischem Applaus belohnt wurde.

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Die dunklen Wolken haben es dann doch geschafft, sich in Regen zu verwandeln, der bringt zwar keine Abkühlung, vor allem wenn man sich auf der Piazza unter ein Regencape rettet um den Abendfilm zu sehen. Aber gut 2000 Zuschauer störte das alles nicht, und so wurde der Filmtitel auch irgendwie das Motto des Abends: „Was uns nicht umbringt..“ von Sandra Nettelbeck. Menschen um die 50, lose miteinander verbunden weil ihre Wege auf die eine oder andere Weise in der Praxis eines Psychologen zusammenlaufen. Befindlichkeiten, Probleme, Dramen, fehlende oder zu grosse Lieben, werden in verwobenen Szenen und in teilweise schräg-witzigen Dialogen behandelt, ein Ping-Pong Spiel von bekannten Sätzen, zu einem bunten Mosaik neu zusammengesetzt. Ein wenig zu lang, aber durchaus charmant.

Und am Ende hatte der Regen doch weniger Durchhaltevermögen als das Publikum.

 

 

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Immer wieder Familie….

 

 

Der Tod eines Familienmitglieds bringt nicht nur Trauer, sondern verschiebt auch nachhaltig die fragile Balance, die zwischen den Weiterlebenden herrscht. In María Alché

Debütfilm „La famila sumergida“ scheint nach dem Tod ihrer Schwester nur Marcelas Welt aus dem Gleichgewicht zu sein, ihre Kinder üben weiter Unabhängigkeit, nur um im nächsten Moment, mit inneren oder äusseren Blessuren, zurück zur Mutter zu laufen, der Ehemann muss auf Dienstreise, und dann steht auch noch ratlos ein Kumpel der Tochter in der Wohnung. Und so gerät ihre Welt immer mehr in ein stolperndes Rotieren, mit Tagtraummomenten, in denen uralte Verwandte auftauchen um Klatsch und Tratsch aus der Vergangenheit dem Chaos hinzufügen. Aber wie der Schleudergang einer Waschmaschine, stoppt das Rotieren, langsam, stockend kommt die Welt wieder in eine Bahn, in der es sich leben lässt, verändert zwar, aber doch wieder ausgewogen. Eine starke Figur sehr beeindruckend gespielt.

Auch Radu Muntean schafft interessante, starke Frauenfiguren in „Alice T.“ auch wenn die titelgebende Alice ein ausgemachtes Ekelpaket ist. Ein echter Alptraumteenager, sie lügt und brüllt, oder heult, schmeichelt und manipuliert, je nachdem was gerade die besser Methode erscheint sich und ihren Willen ins Zentrum zu setzen. Auch ihre ungewollte Schwangerschaft setzt sie für sich ein, mal als Opfer, mal als coole Frau, die alles kann, Hauptsache die Welt dreht sich um sie. Sensationell das Spiel der jungen Andra Guti, der die ruhigen Bilder, mit wenigen Schnitten, aber einer organisch bewegten Kamera einen perfekten Raum zur vollen Entfaltung bieten.

Nach so vielen guten, coolen, originellen Frauenfiguren geht dann am Abend mit „The Equalizer 2“ von Antoine Fuqua ein echter Samstagabend-Blockbuster mit (Macho) Held auch noch. Für einen Actionfilm gibt es viele lange, sehr ruhige, erzählerische Passagen, die dann immer wieder kurz aber heftig in wilde Action übergehen, gut gemachte Unterhaltung.

Locarno 2018 Pathos und Komödie

Chatrians letztes Programm für Locarno

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Gefühlt hat er gerade erst angefangen in Locarno, mit seiner noch etwas zurückhaltenden, fast etwas schüchternen Art, mit Programmen, die seine grosse Kinobegeisterung widerspiegeln, mit (Star)Gästen, die ihm wahrhaftig am Herzen lagen, und mit jährlich wachsendem Selbstvertrauen ohne dabei an Charme zu verlieren. Objektiv ist diese 71 Ausgabe des Filmfestivals von Locarno, die sechste und letzte unter Chatrians künstlerischer Leitung, man wird ihn also ziehen lassen, schweren Herzens, und hoffen, dass er im grauen Berlin auch seine Filmleidenschaft einbringen können wird. Schade ist es trotzdem, er passte in seiner freundlich-unangepassten Art gut zu Locarno, dem A Festival, das immer etwas weniger ernst genommen wird in im „Ranking“ der grossen Festivals.

Wenn Eröffnung und schweizerischer Nationalfeiertag zusammenfallen, wird es immer etwas pathetischer in den Reden, und so mischten sich in die Ansprachen des Festivalpräsidenten Marco Solari historisch-politische Bezüge zu seinem jährlichen Aufruf, der Freiheit Raum zu geben. Auch ein wenig Wehmut schwingt schon mit, selbst wenn er betonte, dass während des Festivals weder vom Abschied Chatrians und erst recht nicht von dessen Nachfolge die Rede sein wird.

Und so waren die dunklen Gewitterwolken, die sich am Abend über der Leinwand der Piazza Grande auftürmten, auch mehr Dekoration, denn Bedrohung, der Regen blieb aus, das Lachen übernahm den Abend.

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Den Anfang machte „Liberty“ von Leo McCarey, dem eine Retrospektive gewidmet ist, 23 Minuten Spass mit Laurel und Hardy, begleitet von Live Musik, die mit viel Witz und Musikalität dem Film zusätzliche Tiefe gab.

In Welturaufführung dann „Les beaux esprits“ von Vianney Lebasque, eine familienfreundliche, leichte Geschichte um ein Basketballteam, das zu den Paralympics fährt, aber mangels ausreichender Spielerzahl die Mannschaft mit nicht geistig Behinderten aufstockt. Der Film ist erfreulicherweise weder ein Sport(ler)Film, noch eine belehrende Inklusionsgeschichte, sondern viel mehr eine Art „Buddy-Movie“ in dem eine inhomogene Gruppe zusammenwächst,und dabei jede Menge Spass hat.

 

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Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne….“

…das gilt auch für den ersten Festivaltag, alles offen, ein Katalog voller neuer Filme, Auswahl aus dem Vollen also.

 

Mit Kurzfilmen zu beginnen scheint eine gute Idee, erweist sich aber dann zunächst als Flop. „El Labirinto“ von Laura Huertes Millán erzählt von einem Drogenbaron, dessen Haus eine Kopie des „Denver Clan“ Anwesen war. Die Kamera streift durch die Ruine des früheren Glanzes, unterschnitten mit kurzen Schnipseln der TV-Serie, unterlegt mit der kommentierenden Erzählerstimme eines alten Landarbeiters. Alles etwas konfus, am ehesten experimentelle Anthropologie. „ 3 anos depois“ von Marco Amaral verwirrt, aber das mit interessanten, schönen Bildern und einem eigenwilligen Schnittkonzept, das immer genau das bildlich hervorhebt, das gerade nicht im Zentrum des Inhalts steht, wodurch sich eine Verschiebung in der Zeitebene  andeutet. Überragend dann „Saras intime betroelser“ von Emilie Blichfeldt, ein Film der von Minute zu Minute verrückter wird. Zunächst träumt sich die Studentin Sara in kitschig, erotische Abenteuer, aus denen ihr klingelndes Handy sie jäh in die graue Realität ruft. Eine Realität, in der für eine mollige, wenn auch selbstbewusste junge Frau, das Leben ein Kampf mit und gegen Dämonen ist, die ihr dann auch prompt aus dem Spiegel in Form einer knurrenden, hohläugigen Version ihrer selbst entgegen treten. Und dann meldet sich auch noch quengelnd, fordernd und bettelnd ihre Vagina zu Wort, sie will mehr Aktion! Verschiedene Farben, für die diversen Realitätsebenen und zusätzlich Animation auf den Realbildern ergeben einen frechen, witzigen und wunderbar feministischen Film.

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Aufwachsen in einem Ökodorf im Chile der 90ger Jahre ist die Basis für den schönen Film „Tarde para morir joven“ von Dominga Sotomayor. Während die Erwachsenen sich in ihren Träumen von einem alternativen Leben bewegen und sich manchmal dort verlieren, versucht die junge Sophia ihren Platz zwischen Kindheit und Erwachsensein zu finden. Um sie herum, als äusserer Ausdruck ihres inneren Durcheinanders, die lauten Vorbereitungen zum Jahreswechsel, der mögliche Besuch ihrer Mutter, und eine erste Liebe, die dann doch nur eine Enttäuschung mit sich bringt. Ein eher langsamer Film, mit einer sensationellen jungen Darstelerin, Demian Hernandéz, in einer wunderbar kargen Landschaft.

Der Abendfilm auf der Piazza Grande „L’ordre des médecins“ von David Roux, ist dann wieder eher konventionell. Erzählt wird wie sich ein junger Arzt damit abfinden muss, dass Sterben auch in seiner Familie zum Leben gehört, er muss erkennen dass seine Arbeitsethik auch für ihn gelten muss, er muss das Sterben der Mutter zulassen. Die Bilder sind schön, interessant bisweilen das Spiel mit Unschärfen, die Darsteller beeindrucken zum Teil mit sehr reduzierten Mitteln, aber wirklich bewegt hat der Film das Publikum nicht.

Der erste Tag brachte zwei zauberhafte Filme, das Festival ist noch lang und der Katalog birgt immer noch viele Versprechen auf spannende Filme.

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Mädchen und Mythen

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Kinowetter nennt Sebastian Höglinger am Morgen euphemistisch den fiesen Dauerregen, die 11 Uhr Vorstellung von L’Animale von Katharina Mückstein ist auf jeden Fall –turbulentes Gedrängel an den Kartenschaltern inklusive- restlos ausverkauft. In ihrem zweiten Langfilm erzählt sie von der starken Mati, die in ihrem Dorf in der Clique der „bösen Buben“ ist, Moped fahren, laut sein, ein bisschen Macho, auch sie spielt da mit, ganz eindeutig hat sie nichts mit den Mädchengruppen zu tun, aber ihr bester Freund will plötzlich Liebe, und sie verliebt sich in die unabhängige Carla. Während Mati ihren Weg sucht, finden muss, was sie will, wie dazu stehen, und wen lieben, hat ihr Vater diesen „Zug“ allem Anschein nach in seiner Jugend verpasst. Heimlich und in dunklen Gängen trifft er sich zum Sex mit Männern, streite aber vehement ab schwul zu sein. Alle Beteiligten müssen in dieser schönen, aber etwas langen, Geschichte lernen zu sich zu stehen, loslassen um aufzustehen, die einzige die das, vermutlich, wirklich schaffen wird ist die starke Mati. Der Film läuft übrigens seit Freitag in Österreich im Kino.

Der letzte Film vor der Preisverleihung, Die Legende vom hässlichen König von Hüseyin Tabak, ist eine Suche nach einer Ikone des Kurdischen Kinos. Yilmaz Güney, der 1982 mit Yol die goldene Palme gewann, war Dichter, Autor, Schauspieler, Regisseur und politischer Aktivist, ein Held, der in der Türkei immer noch verehrt wird. Tabak begibt sich auf eine Reise, um die Schlagworte mit Inhalt zu füllen, ein Gefühl zu bekommen, wer oder was hinter dem Mythos steckt. Interviews mit Weggefährten, Familie und Filmkennern, Ausschnitte aus Güneys zahlreichen Filmen und Texten, die er grösstenteils im Gefängnis geschrieben hat, zeichnen ein vielschichtiges Bild. Auch wenn der Film an manchen Stellen zu lang ist, oder ein wenig mit der Abfolge, in der erzählt, die Aufmerksamkeit des Zuschauer verliert, ist es ein sehr faszinierender Dokumentarfilm, der nicht nur von einem spannenden Künstler erzählt, sondern auch viel über damalige und heutige politische Verhältnisse zeigt.

Die Preise

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Täglich mindestens vier Vorstellungen gesehen, und doch bleibt das Gefühl den wichtigsten Film möglicherweise verpasst zu haben, oder, mal wieder ,die Preisträgerfilme nicht gesehen?

Nein, Preisträgerfilme, im Wesentlichen, gesehen, dafür aber nicht komplett glücklich mit der Entscheidung der Spielfilmjury, die den Grossen Diagonale Preis an Christian Frosch für Murer- Anatomie eines Prozesses vergibt. Der Grosse Preis Dokumentarfilm geht an Nikolaus Geyrhalter für Die bauliche Maßnahme, was wiederum eine gute Entscheidung ist. Der Preis für Innovatives Kino, also Experimental- und Animationsfilm oder Musikvideo geht an den einzigen Langfilm der Kategorie: ★ von Johann Lurf. Die beiden Kamerapreise gehen an Mariel Baqueiro für Hagazussa und Serafin Spitzer für Gwendolyn, die Schnittpreise gehen an Niki Mossböck für LICHT und Life Guidance und Joana Scrinzi für Gwendolyn und Nicht von schlechten Eltern. Phaidros bekommt sowohl den Preis für das beste Szenenbild: Paul Horn und das beste Kostümbild: Peter Paradies. Eine schöne Entscheidung ist, dass beide Schauspielpreise jeweils an das ganze Ensemble gehen, einmal an für die Darsteller von Cops von Stefan A.Lukacs, und dann an das Ensemble von L’Animale.

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P:Schernhuber, S. Höglinger (c) ch.dériaz

 

Zur musikalischen Auflockerung gab es zur Preisverleihung Austro Fred, der Queen Stücke mit Österreichischen Texten singt, das muss man mögen, oder man muss es aussitzen. Im übrigen ein freundlich, fröhlicher Abend, mit zufriedenen Preisträgern, laut und ausdauernd beklatschter Intendanz, Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber haben auch in ihrem dritten Festival Jahr ein rundes Programm zusammengestellt; ein Wunsch fürs kommende Jahr: mehr Filme von Frauen vielleicht? Wäre doch gelacht, wenn sich da das Gleichgewicht nicht verbessern liesse; den Regen und den auch noch einsetzenden Schnee kann man ihnen dann gerade noch verzeihen.

Alle Preise auf: http://www.Diagonale.at

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Über Grenzen

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Der vorletzte Festivaltag, morgendliches Grau mischt sich mit Regen, die 11 Uhr Vorstellung ist ausverkauft; klingt gut – aber nur fast.

 

Wieviel soll oder muss oder darf man über eine Film schreiben, der eigentlich kein Film ist? Oder muss man erst definieren was ein Film ist? Oder: sind wechselnde Farbflächen, monochrom, oft eher blässlich, schon Bild, gar: Filmbild? Reicht es, aus mit dem Handy – schlecht – aufgenommenen audiophonen Tagebüchern eine Tonspur zu schneiden, und diese mit monochromen, blässlichen Farbflächen zu hinterlegen? Ist ein Film etwas, das auf einer Kinoleinwand läuft, nachdem jemand auf „Start gedrückt“ hat? Die, schwer nachvollziehbare, Antwort der Diagonale Programmierer ist offensichtlich ja gewesen, und so liefen 20 Minuten Hörtagebuch mit Farbflächen unter dem Titel Die Galerie von Gerald Zahn im Doppelprogramm mit Gatekeeper von Lawrence Tooley und Loretta Pflaum. Gatekeeper ist sicher kein einfacher Film, und ebenso sicher dürfte er es im Kino schwer haben, trotzdem, ein toller, ein verwirrender Film. Harter Sichtbeton, enge Winkel, schräge Einblicke, alles sehr geradlinig, klaustrophobisch, ein Beton-Glas- Spinnennetz, in dem die Figuren gefangen scheinen. Eine Frau, die mal blond, mal brünett ist, ein junger Rumäne, den sie erst anfährt, dann mit nach Hause nimmt, dann in ihr Bett nimmt. Ein junger Mann? Oder doch zwei? Die Erzählstränge laufen übereinander, durcheinander, vermischen sich, ergeben ein Neues, öffnen sich, die Figuren bleiben gefangen, egal wieviel sich klärt im Verlauf des Films. Mysteriös, stilistisch und inhaltlich spannend, und dazwischen ein Pakistani, der in einer Videoinstallation Kafakas Türhüterparabel erzählt. Empfehlenswert.

Ein paar Kurzfilme für Zwischendurch, die, man sollte es einfach immer mal wieder einfordern, sich so hübsch anbieten würden als Vorfilme im Kino, bei Langfilmen, die vielleicht nicht so sehr lang sind. Iris Blauensteiner hinterfragt in ihrem sehenswerten Experimentalfilm, die_anderen_bilder, die Verlässlichkeit von Erinnerung in und mittels digitaler Daten. Photos, Videoclips, Tonspuren ihres vor 10 Jahren gedrehten Films überlagern sich, sind teilweise nur noch bedingt abspielbar, verschwimmen und ergeben modifizierte Varianten, Erinnerung von damals wird im Heute Material für morgen. Eine Resteverwertung, die Spass macht. Die Latexfiguren in Amnesia von Shadab Shayegan suchen und zweifeln, sind ihre Erinnerungen wirklich ihre eigenen, oder sind eher sie es, die jemandes Erinnerung sind? Eine philosophische Betrachtung des Ich, des Sein, für die es keine letztgültige Antwort gibt. Sekundenschlaf von Lena Lemerhofer erzählt von einem Moment, der das Leben einer Familie verändert. Der Sekundenschlaf des Vaters führt zu einem Unfall, die kleine Tochter bleibt unverletzt und zieht sich in der Folge in sich zurück. Die Stimmung des Films entspricht der des Mädchens, die Welt scheint zu gross und auch zu unverständlich; interessant, wenn auch nicht komplett schlüssig. Der Schmerz, der das junge Paar in Generalprobe von Jannis Lenz antreibt ist klarer, auch wenn er zunächst für den Zuschauer unklar ist. Eine Entführung scheint geplant, in einer Hütte im Wald üben die beiden wie man am besten Hände fesselt, der Aggressionspegel zwischen ihnen steigt, bis man versteht, dass ein Unfall auch ihr Leben dramatisch verändert hat, und die Frage der Schuld nicht gänzlich geklärt ist. Das Ende, das am Anfang des Films steht, bleibt offen.

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Die Computer lassen weiterhin Reservierungen verschwinden, was zu Ärger vor den Kinokassen führt, weil man sich unvermittelt statt mit einer Karte mit einer Wartenummer wiederfindet. Glücklicherweise bleiben dann doch Plätze frei, denn Zu ebener Erde von Birgit Bergmann, Steffi Franz und Oliver Werani hätte ich nur ungern verpasst. Menschen, die jeder immer sieht, und doch immer übersieht: Obdachlose, sind das Thema in einem Film, der nachdenklich macht, vor allem weil er sehr ruhig, sehr undogmatisch ist. Die Bilder zeigen ohne geschmäcklerischen Schnickschnack das Wesentliche und sind dabei trotzdem interessant und künstlerisch. Über einen langen Zeitraum werden verschiedene Menschen in Wien begleitet, man sieht Veränderung, manchmal zum Positiven, aber auch den Verfall eines der Obdachlosen, der das Ende des Films nicht mehr erlebt hat. Ein sachlicher, schonungsloser und beeindruckender Dokumentarfilm, der vielleicht auch dazu führt, dass man das nächste Mal an einem Obdachlosen nicht achtlos vorbei geht.

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Nikolaus Geyhalter dem Thema Grenzen, Grenzschliessung, Flucht annimmt. Die bauliche Maßnahme ist ganz knapp noch rechtzeitig für die Uraufführung fertig geworden, und übersteigt die im Katalog angegebenen 95 Minuten, um wieviel wurde nicht verraten, aber die „Überlänge“ stört keineswegs. In gewohnt gut organisierten Bildern umkreist Geyrhalter zwei Jahre lang die Brenner Region, nachdem von Österreichischer Politik vollmundig behauptet würde, man würde dort einen Grenzzaun ziehen. Der Film arbeitet sich vom Zentrum am Brenner in alle Richtungen aus, lässt Anwohner in verschiedenen Orten zu Wort kommen, geduldige Momentaufnahmen, um am Ende und zwei Jahre später wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen, wo zwar mittlerweile Baracken für die Polizei stehen, aber der Maschenzaun in einem gut abgeschlossenen Container weiterhin auf seine Errichtung wartet. Der Film ist an vielen Stellen extrem komisch, oft absurd und entlarvend, zeigt aber noch mehr als das, dass zumindest in dieser Region das Grenzenziehen mehr als sehr unpopulär ist.

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Frauen und Film

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Von mildem Frühling ist in Graz dieses Jahr nicht viel zu spüren, somit halten sich Pausen im Freien dann in Grenzen, und die manchmal sportlichen Wege von einer Vorstellung zur nächsten dienen auch zum Aufwärmen.

 

 

Besonders grosse Vorfreude heute, zuerst den neuen Film von Mara Mattuschka, und später am Abend den neuen Film von Ruth Kaaserer, das klingt schon am morgen wie ein guter Kinotag.

Bereist am ersten Festivaltag sind viele Vorstellungen restlos ausverkauft, wehe also, man hat nicht reserviert, oder der Computer hat die Reservierung verloren, dann hilft nur noch Hartnäckigkeit.

So schön, wenn Erwartungen erfüllt werden. Phaidros von Mara Mattuschka ist ein Feuerwerk brillanter Einfälle, bei dem jede Einstellung stimmt, jeder Bildausschnitt präzise gewählt ist und jeder Schnitt Augen und Sinnen schmeichelt. Theater im Film, Sokrates und Phaidros Diskurs von Eros und Liebe, mäandern ins „wahre“ Leben, wobei Sokrates zur Faust Figur wird, Phaidros zu seinem Loveinterst/Gretchen und eine mysteriöse Strippenzieherin zum alles dirigierenden Mephisto wird; barock, melodramatisch, Drag und Tatort, ikonische Bilder umgestrickt, surreales Kino, und doch leicht und locker. Und auch für Österreich gilt, manche tolle, schräge Filme würden nie gemacht werden können, wenn sie nicht auch mit Unterstützung von Fernsehgeldern rechnen könnten.

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Wirklich herzzrerreissend geht es in Zerschlag mein Herz von Alexandra Makarova zu. Die Romeo und Julia Liebesgeschichte im Umfeld einer Slowakischen Romagruppe, die in Wien betteln oder auf den Strich gehen, beaufsichtigt vom groben Rocky. Das Leben läuft in eingefahrenen Bahnen, bis ein neues Mädchen aus ihrem Dorf kommt, zwischen ihr und dem gleichaltrigen Bettler Pepe kommt es zart zur Annäherung, während Rocky gewohnt brachial versucht sie für sich zu gewinnen. Das kann nicht wirklich gut gehen. Trotz fast stereotyper Figuren finden sich immer Zwischentöne, die die Figuren aus der Rolle fallen lassen, so dass selbst Rockys Machoverhalten manchmal weich wird, und auch Opfer-Täter Verhältnisse nicht immer eindeutig fassbar sind. Der Film gibt einen Rhythmus vor, bei dem man sich als Zuschauer fast in „Sicherheit“ wähnt, um dann um so böser zuzuschlagen, man hätte es von Anfang an wissen müssen, solche Geschichten gehen nie gut aus.

Eine weitere Flucht- Vertreibung- Familiengeschichte gibt es mit Kinder unter Deck von Bettina Henkel. Auf die Idee dass das ein Erstlingsfilm ist kommt man wirklich nicht. Die Reise in die Vergangenheit der Vaterfamilie, Balten-Deutschen, ihrer Flucht nach Polen, inklusive Nazivergangenheit und anschliessender Flucht in die Britisch besetzte Deutsche Zone, verhilft sowohl Vater als auch regieführender Tochter zu neuen Erkenntnissen. Öffnet Wunden neu, die dann aber behandelt werden können, und so auch heilen werden. Die Traumata der Grossmutter, die unerwartete Schmerzen in der Enkelin verursachen, aber auch eine als gestört empfundene Vater-Tochter Beziehung, die so lieblos eigentlich doch nicht war. Sehr schön die Mischung von Gesprächen, Reisen und 8mm Familienfilmen, oder auch Photos, die zunächst geisterhaft weiss die Leinwand füllen, aus denen sich langsam Gesichter schälen, und Vergangenheit lebendig wird. Es ist tatsächlich möglich seine private Geschichte im Film zu zeigen ohne peinlich zu berühren.

Ruth Kaaserers Thema scheine starke Frauen zu sein, nach jungen Boxerinnen jetzt in Gwendolyn eine Gewichtheberin von über 65 Jahren. Eine zarte Figur mit einem DSC_0901Kampfgeist, für den Aufgeben keine Option zu sein scheint, egal ob es dabei um ihre Krebserkrankung geht, oder um die nächste Europameisterschaft im Gewichtheben. Der Film folgt ihr, offen und interessiert, nie invasiv obwohl viele Situationen einen durchaus privaten, intimen Charakter haben. Ein schönes Porträt einer tollen, starken Frau. Der Film wurde heute mit dem Franz-Grabner Preis ausgezeichnet, ein Preis der „Dokumentarfilmschaffen mit kritischem Geist und europarelevanten Inhalten würdigt“.

Ein ganzer Festivaltag, und jeder Film, den ich gesehen habe, wurde von einer Frau gemacht, das muss erwähnt werden, weil es immer noch viel zu selten ist.

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Streifen und Schüsse

 

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Graz trägt Streifen, die Diagonale ist im kleinen Graz allgegenwärtig.

Streifen dominieren auch den besten Film des Programms Innovativer Filme am Morgen: Imperial Valley (cultivate run-off) von Lukas Marxt. Drohnenaufnahmen von Landschaften, die immer engmaschiger nur noch aus Streifen zu bestehen scheinen. Endlos fliegt die Kamera über Kulturlanschaft, die immer abstrakter wird, die Drohne entwickelt ein Eigenleben, wird zum Ich-Ezähler der Landschaft, die sich entzieht, und obwohl dort gepflanzt und grossgezogen wird, scheinen die Orte, die Felder lebensfeindlich zu sein. Ein Aufatmen am Ende, dort wo die Kulturlandschaft zerstört ist, brach liegt, wird ihre Form wieder organisch, scheint sie plötzlich wieder wirtlich zu sein, die Ich-Drohne wird langsam, scheint einmal tief Luft zu holen, eine kleine Bewegung rückwärts: Ja, das ist ein möglicher Lebensraum. Trotz aller Abstraktion, trotz Drohnenbild, ein sehr erzählerischer, anrührender Film. Dachszenen von Anja Krausgasser und Body Stranded von Rebecca Akoun lassen den Zuschauer mit scheinbaren Erzählsträngen alleine, was erzählt werden wollte bleibt verborgen, obwohl in beiden Filmen viel -im off- geredet wird. Phantom Ride Phantom von Siegfried A. Fruhauf ist visuell ansprechend aber auch sehr anstrengend. Ein Stück verrosteter Schienen, dazwischen bunte Wildblumen, und dann ein immer schneller werdender Wirbel von überlagernder Bilder, Geräusche zwischen Elektronik und wahnsinnig gewordenem Zug, Kreischen Bildflackern, und – wieder Ruhe, ein verrostetes Stück Schienen mit bunten Blumen.

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Krieg, Flucht, Vertreibung, alte und neue Heimat, das sind alles keine neuen Themen, trotzdem lassen sich daraus immer wieder und immer neue Geschichten erzählen, so wie Heimweh von Ervin Tahirović. Mit 10 Jahren verlässt er mit seinen Eltern Bosnien, traumatisiert, verwirrt und fremd versucht er in der neuen Heimat Wien zurechtzukommen, aber immer nagt etwa in ihm, Erinnerung an einen andern Ort, den er einmal zu Hause, Heimat genannt hat. 20 Jahre später reist er zurück nach Bosnien, sucht die Orte seiner Kindheit auf, folgt der Strecke, die seine Familie damals genommen hat, auf der Flucht. Und findet, erst von Zweifel und Angst geplagt, so etwas wie Ruhe für sich wieder. Ein sehr privater, persönlicher Film, der einen jungen Erwachsenen in seiner ganzen Zerbrechlichkeit zeigt.

Erwachsen sein, oder zumindest fast, alleine verantwortlich sein, nicht nur für den Alltag, sondern auch für Gefühle und deren Verwirrungen, im diesem Kurzspielfilmprogramm ist das das zentrale Thema; mit mehr oder weniger Geschick umgesetzt. Boomerang von Kurdwin Ayoub zeigt mit nervöser Kamera, und nicht immer wirklich scharfen Bildern, wie ein Vater versucht, trotz Trennung weiter in Kotakt zu Frau und Teenagerkindern zu bleiben, aber obwohl der Film nur 20 Minuten dauert, wirkt er lang und langatmig, und letztlich unbefriedigend. Schneemann von Leni Gruber und Voltage von Samira Ghahremani finden jeweils überzeugendere Versionen von Gefühlschaos, Familie und -unerwiderter- Liebe, mehr Ruhe in den Bildern, mehr Fokus auf den roten Faden der Story, Konzentration auf die Darstellerinnen.

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Eigentlich gibt es sie erst seit 1981, sie ist aber so im popkullturellen Kanon verankert, dass man meint es hätte sie „schon immer“ gegeben, gemeint ist die Glock,hergestellt in Österrreich, die Waffe der Wahl der Österreichischen Armee, Amerikanischer Gangster und Polizisten, sowie der Irakischen Polizei. 5 Jahre Arbeit stecken in Weapon of choice von Fritz Ofner und Eva Hausberger, herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der spannend und informativ ist, der wütend macht, ob der Blödheit derer, die sich immer noch für Waffen stark machen, der von Opfern durch Waffengewalt spricht, aber auch die Traumata derer, die sie einsetzen nicht auslässt, und obendrauf hat er immer wieder kleine humorige Momente, eine kurze Entspannung, bevor man sich wieder bewusst macht, dass es ohne Schusswaffen, schlicht keine Tote durch Schusswunden geben kann. Aber wo es – sehr viel- Geld zu verdienen gibt verpuffen solche einfachen Gleichungen sofort wieder und ein Österreichischer Betrieb baut fleissig weiter eine Waffe deren Name Synonym für Handfeuerwaffe geworden ist.

Interessantes bisher, aber noch nichts umwerfendes, aber das Festival dauert ja noch ein paar Tage.

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Geschichte und Geschichten

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2018 ist ein Gedenkjahr, Vieles jährt sich rund und wird entsprechend feierlich begangen und bedacht, da ist es also fast logisch, dass die 21.Diagonale mit einem historischen Stoff eröffnet wird.

Vor dem Eröffnungsfilm sieht das Programm launige Moderation mit politischem Kern, gewohnt scharfsichtige und politische Reden der Intendanten Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger und die Verleihung des Grossen Schauspielpreises an Ingrid Burkhard vor. Etwas Verwirrung herrscht, weil eigentlich niemand so recht zu wissen scheint, wer die launig-lustige Moderatorin ist, sie wird weder an-noch abgekündigt, sie steht plötzlich einfach da, auf der grossen Bühnen der Helmut List Halle, vor vollen Rängen und plaudert. Nun gut, kann man so machen. Die Liste der am Abend anwesenden Politiker ist überschaubar, und beschränkt sich im Wesentlichen auf lokale, also steirische Politiker, aus Wien ist niemand von der neuen Regierung angereist, schade eigentlich, schliesslich handelt es sich bei der Diagonale ja nicht um ein kleines lokales Filmfestchen, sondern um das Festival des Österreichischen Films.

 

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Mit Spannung wird die Uraufführung Murer – Anatomie eines Prozesses von Christian Frosch erwartet, ein Film der einen Justizskandal aus dem Jahr 1963 (nach)erzählt, ein Skandal weil trotz erdrückender Beweise, trotz in grosser Zahl angereister Zeugen mit bewegenden und erschütternden Aussagen, der als Schlächter von Wilna bekannte Franz Murer, am Ende als freier, unschuldiger Mann das Gericht verlassen hat. So weit die historischen Fakten; an sich also Stoff einen packenden, bewegenden, nachdenklich stimmenden Film zu machen. Aber von Anfang an irritiert die extrem unruhige Kameraführung, Reissschwenks, Arbeitszooms, die Kamera scheint geschoben und geschubst zu werden als befände sie sich in einer rasenden Menge vor einem Fussballspiel und nicht in einem Gerichtssaal. Der Zuschauer sucht verzweifelt nach Orientierung im Raum, unterstützt wird diese Unruhe durch Schnitte, die Einheiten, gedankliche, textliche, visuelle, zu zerhacken scheinen. Warum nur? Das Thema ist spannend genug, es muss nicht „aufgemotzt“ werden, man muss auch eine Chance haben der Geschichte zu folgen. In Szenen ausserhalb des Gerichtssaals sind sowohl Kamera als auch Schnitt extrem konventionell, Schnitt-Gegenschnitt Dialoge, alles bieder und eher uninspiriert. All das ist sehr schade, weil der Film wirklich tolle Darsteller hat, weil es schön ist, dass die Zeugen und Zeuginnen mal auf Jiddisch, auf Hebräisch, auf Englisch oder auf Deutsch ihre Aussagen machen, das gibt zusammen mit dem Inhalt genug Spannung und Originalität. Dass der gesamte Prozess eine einzige Farce war, abgesprochen von allen politischen Seiten, weil jeder irgendwelchen Dreck in den eigenen Reihen zu verstecken hatte, und Anfang der 60ger Jahre eine jetzt-reicht-es-langsam Haltung vorherrschte, wäre aufregend genug, es hätte der Aussage des Films sicher besser getan, wenn man den haarsträubenden Wendungen und Argumentationslinien der Verteidigung folgen könnte ohne durch taumelnde Kamerabewegung und verwirrungsstiftende Schnitte vom Inhalt abgelenkt zu werden. Um nicht ganz negativ aus diesem Abend zu gehen: die Darsteller sind alle hervorragend und das Sounddesign ist beeindruckend und geht unter die Haut. Beendet wird die Eröffnung mit Musik, Gespräch und guter Stimmung.

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Der Schweizer Film in der Krise?

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Die Krise, mitsamt Niedergang, des Schweizerfilms wird seit Jahrzehnten herbeigeredet, dennoch wird weiter produziert, die Auswahl, die bei den 53. Filmtagen zu sehen war, braucht sich keineswegs zu verstecken oder zu schämen. Was also ist das Problem des Schweizer Films? Das Land ist klein, wodurch die rein rechnerische Menge an möglichen Zuschauern schon nicht sehr gross ist, will man eine Kinoauswertung für das ganze Land müssen die Filme alle mit Untertiteln wenigstens eine der anderen Landessprachen versehen werden. Das kostet Geld. Die inländische Akzeptanz über die Sprachgrenzen hinweg ist nicht immer gegeben, das zu verbessern wäre sicher den Aufwand wert.

Ein weiteres Problem ist der internationale Markt, Filme auf Schweizerdeutsch sind auf dem grossen Deutschen Markt, naja, schwer vermittelbar. Auch hier würde der Aufwand einer flächendeckenden Untertitelung mit Hochdeutschen Untertiteln sicher Gutes bewirken. Wenn Zuschauer bereit sind spanische, koreanische oder amerikanische Filme in untertitelten Originalversionen anzuschauen, sollte doch Schweizerdeutsch oder Rätoromanisch auch kein Problem sein. Es ist einfach zu schade, wenn all diese Filme für Filmbegeisterte verloren bleiben. Die Bandbreite dessen was produziert wird ist gross, von politische Dokumentarfilmen über leichte Unterhaltung bis zu Abendfüllenden Experimental- und Animationsfilmen, das alles ist europäisches Kino, und gehört genau dort hin, in die (Programm)Kinos in Europa.

Der Prix de Soleure mit 60.000 Schweizerfranken dotiert ging an den Lausanner Regisseur Karim Sayad für „Des moutons et des hommes“ (siehe Tag 6), der Publikumspreis, dotiert mit 20.000 Schweizerfranken an den Dokumentarfilm „Der Klang der Stimme“ von Bernhard Weber, leider nicht gesehen, aber es ist immer wieder faszinierend, wenn gerade Publikumspreise an Dokumentarfilme gehen. Und der Nachwuchspreis aus der Rubrik Talente ging an Lora Mure-Ravaud für „Valet noir“ (siehe Tag 1).

Laut erster Schätzung der Festivalleitung kamen etwa 63.000 Zuschauer in die Kinos, ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, aber immer noch eine gute Zahl.

Die Krise wird also womöglich noch ein wenig weiter herbeigeredet werden, auch wenn de Schweizer Film sehr viel und Vielfältiges zu bieten hat.

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Die 54. Solothurner Filmtage finden vom 24. bis 31. Januar 2019 statt.