Solothurn_2018_Tag 6

Bilderreisen

Schafbockkämpfe in Algier gibt es in „Des moutons et des hommes“ von Karim Sayad. Junge Männer in ärmeren Vierteln Algiers kaufen sich Schafböcke pflegen sie liebevoll, gehen mit ihnen spazieren, füttern und waschen sie, alles um sie bei den, eigentlich verbotenen, Schafbockkämpfen gegen einander antreten zu lassen. Auch der 16 jährige Habib hat sich einen Bock gekauft, allerdings fehlen Mann und Tier die Erfahrung und das Training, wie ein Damoklesschwert droht dem Bock die Schlachtung zum Opferfest, zumindest wenn er nicht bei Kämpfen gewinnt. Mit viel Liebe zum Detail gedrehter Dokumentarfilm über ein unbekanntes Algerien, eine sehr genaue Beobachtung der Verhältnisse zwischen Jungs und Tieren, zwischen den Menschen im Viertel, aber auch eine Metapher für die politischen Verhältnisse im Land, der Titel liest sich doppeldeutig, Schafe und Männer oder Schafe und Menschen. Habib im leeren Schafquartier, traurig und unterlegt von Bachs Agnus Dei das ist mehr als nur ein guter Regieeinfall, und nicht jedes Schaf taugt zum Kämpfer.

DSC08176

(c) ch.dériaz

In „La fureur de voir“ von Manuel von Stürler, stellt der Regisseur die Frage: was sieht man, wenn man nicht alles sieht? Und findet die erstaunliche, wie wohl auch offensichtliche Antwort: man sieht nicht, das man etwas nicht sieht. Ein Gendefekt, der zu Degeneration von Netzhaut und Stäbchen führt, beeinflusst das Sehen des Regisseurs seit seiner Kindheit, Heilung gibt es keine, aber eventuell neue Massnahmen mit Hilfe von Gentherapien. Erzählt wird mit einer streng subjektiven Kamera, egal ob zu Hause, im Gespräch mit Ärzten, im MRT, oder beim Tischtennisspielen, die Kamera suggeriert den Blick des Ich-Erzähler, ist dabei aber von keinerlei visueller Einschränkung betroffen, im Gegenteil, die Bilder sind organisch, fliessend aber immer scharf. Die Bildsprache und der gesprochene Text divergieren dabei scheinbar, nur um zu zeigen, dass das sehen in verschiedenen Bereichen entsteht, was man sieht, was man vermeint zu sehen, was das Hirn korrigiert, interpoliert, man folgt im Film der Ergründung der Frage was das Sehen ist, was seine Essenz ist, und unternimmt die Recherchereise eines Dokumentaristen, der dabei auch neue medizinische Möglichkeiten – für sich – auslotet.

In „Retour au palais“ von Yamina Zoutat kehrt die Regisseurin in den Pariser Justizpalast zurück, in dem sie 12 Jahre als Gerichtsreporterin gearbeitet hat. Sie tastet das altehrwürdige, aber auch sehr in die Jahre gekommene, Gebäude von innen und aussen mit neugierigem Kamerablick ab, prunkvolle Details, vergoldete Decken, Holzschnitzereien oder die Hermelin besetzten roten Richterroben kontrastieren mit Prozessakten, die per Sackkarre mühsam über die Treppen geschleppt werden,  stockfleckigen Wänden, einem Kellersystem, in dem mittelalterlich anmutende Zellen für Angeklagte des 21. Jahrhundert bereitstehen. Prunksäle und Kellerverliese, enge, volle Räume für Sozialarbeiter, und weitgeschswungene Treppen, all dies hat gleichzeitig Charme und lässt einen erschauern bei der Idee, dass dort Recht gesprochen wird. Von der Anfrage für Drehgenehmigungen, bis zur letzten erteilten Genehmigung sind insgesamt 7 Jahre vergangen, der Film entstand dadurch in Etappen, und es war bis zum Ende nicht sicher, ob er in dieser Form überhaupt fertig werden könnte. Zum Glück wurden wohl alle Papiere irgendwann erteilt, und dieses Dokument einer – bald – vergangen Zeit ist auf Kinoleinwänden zu sehen. Im Frühjahr zieht der Justizpalast in einen neu erbauten Palast, und ab Frühjahr ist der Film in Frankreich und in der Schweiz in Kinos zu sehen.

DSC_0879

(c) ch.dériaz

Zum Abschluss dann die Komödie „Flitzer“ von Peter Luisi, ein lieber, lustiger Gaunereienfilm. Ein Lehrer verwettet erst das Geld seiner Schule für einen neuen Sportplatz und kommt dann auf die Idee mittels Wetten auf Flitzer bei Fussballspielen den Betrag zurückzugewinnen. Klingt skurril – ist es auch. Er rekrutiert, organisiert und trainiert Helfer, die er Samstags zu Ligaspielen schickt, gewettet wird auf die Dauer des Nacktrennens. Ein Haufen Sachen gehen dabei natürlich nicht wie geplant, und auch dass die Polizei eine Sondereinheit bildet, um dem Spuk ein Ende zu setzen, ist im Konzept nicht vorgesehen, hinzugemischt noch eine Romanze, und fertig ist der Familienfilm, naja, für Familien mit grösseren Kindern vielleicht. Fröhliche Unterhaltung, bei der man keine Sekunde zweifelt, dass alles gut ausgehen wird.

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Preise, die morgen Abend vergeben werden.

Solothurn_2018_Tag 5

Kunst? Politisch?

Ideenaustausch, Kennenlernen andere Ideen, andere Zugänge, über den Tellerrand schauen, das Shanghai Film Lab macht das möglich, und war mit fünf Schweizer Regisseurinnen und Regisseuren, Cutterinnen und Kameraleuten fünf Wochen in Shanghai, um vor Ort mit lokalen Kollegen, Themen zu erarbeiten, Filme zu drehen und vor Ort fertig zustellen, aus diesem Projekt entstand „Chen Chen“ von Franziska Schlienger. Der Kurzfilm portraitiert einen wunderbar schrägen „bunten Vogel“, einen jungen Künstler, der selber in seiner Erscheinung einem Gesamtkunstwerk gleicht. Doch bei aller Farben-und Lebensfreude schwingt auch bei ihm die düstere Vergangenheit der chinesischen Einkindpolitik mit, er,der als drittes Kind einer Familie seine Kindheit oft versteckt verbracht hat. Auch der zweite Film des Frühprogramms ist im Kunstumfeld in China angesiedelt. „The long way home“ von Luc Schaedler zeigt fünf Künstler, Maler, Tänzerin, Animationsfilmer, Dichter, alle sind sie in Chinas restriktiver -nicht so entfernter- Vergangenheit aufgewachsen, die Kulturpolitik Maos hat sie geprägt, und prägt heute ihr künstlerisches Werk. Extrem spannende, klarsichtige Künstler, die mit ihren verschieden Mitteln versuchen das Beste aus einem, immer noch sich selbst abschottenden, Land zu machen, und die sich weiterhin damit der Gefahr aussetzen verhaftet und eingesperrt zu werden. Die zum Teil radikale Kunst, die sie erzeugen, zeigt ihre Furchtlosigkeit und den unbedingten Willen zur Kunst.

DSC08171

(c) ch.dériaz

Persönlich aber nicht privat, nennt Anka Schmid ihren 52 Minuten langen Kurzfilm „Haarig“. Frech und witzig, mit genauem Blick erzählt sie von unseren Haaren, als Merkmal der Unterscheidung, als Ausdruck unserer Individualität, als politisches Statement, als Zeichen der Zugehörigkeit oder auch der Nichtzugehörigkeit, als Mittel zur Verführung, als Störenfriede, Haare überall. Als visuelles Erzählmittel wählt sie einen Hybrid aus Stoppmotion Animation mit haarigem, wolligen und allem das sich in Haarform bringen lässt, fügt Collagen aus dem Kunst-Kulturkontext dazu, inszeniert haarige Szenen in fast abstrakter Verfremdung und gibt, für noch mehr Glaubwürdigkeit, Nachrichtenbilder hinzu, zusammengehalten von ihrer Stimme, ihrem persönlichen, aber nicht privaten Kommentar. Auch dieses Schmuckstück Schweizer Filmkunst, wurde vom Schweizer Fernsehen mitproduziert, wie es überhaupt kaum Filme gibt, in denen nicht in irgendeiner Form das Fernsehen beteiligt ist, erwähnenswert bleibt es aber vor allem bei den schrägen, den aussergewöhnlichen, den vielleicht nicht Massengeschmack treffenden. So könne auch diese Filme  gemacht werden, und werden letztlich auch auf ein „Sofapublikum“ treffen.

Zur Abwechslung wieder ein Kurzfilmprogramm, aber, oh weh, zwei der vier Filme sind bereits in Locarno gelaufen, und besprochen worden. Bleiben zwei, die nicht wirklich überzeugen, „Hypertable – un essai sur l’amitié“ von Filippo Filliger und „Drummer – loud and alone“ von Felix Hergert. Der erste, ein Essay über die Freundschaft, ein Versuch, der sich schwierig gestaltet, auch wenn die Ideen an sich gut sind, aber das Materil, allem Anschein nach 8mm, ist konstant unscharf und wackelig, und beides erschliesst sich nicht als künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern eher als „Unfall“. Texte und Gedanken verschiedener Freunde und Freundinnen, Erinnerungen und Erinnerungsstücke, die die Freundschaft symbolisieren, Experimental hin, Essay her, es bleibt unscharf, obwohl die Gedanken durchaus scharf wären. Die 5 Schlagzeuger im zweiten Film, werden in ihrem Probenalltag beobachtet, jeder für sich, jeder mit seiner, oder ihrer Methoden sich an ihrem Instrument abzuarbeiten, was aber fehlt ist ein Zusammenhang zwischen den Schlagzeugern, oder besser zwischen den verwendeten Bildern, es fehlt ein Rhythmus, und das obwohl doch die Instrumente permanent genau den bieten.

 

DSC08170

(c) ch.dériaz

Die zweite Vorstellung der Uraufführung von „Die vierte Gewalt“ von Dieter Fahrer ist am späten Nachmittag ausverkauft. Wie so viele Filme, und vor allem wie so viele Dokumentarfilme. Gezeigt werden die diversen Versuche, Ansätze den Schweizer Journalismus zu retten, in die – nicht mehr so neuen- Technologien einzugliedern, exemplarisch an einer Traditionszeitung, einem werbefinaziertem Onlinemedium, einer über Abonnenten finanzierten, und daher werbefreien Onlinezeitung und der Redaktion des Schweizer Radios. Was man vor allem versteht, die Aussichten sind schlecht, Kürzungen bedrohen die Eigenständigkeit und Sorgfalt in der Arbeit, schnelllebige und klickreiche Schnipsel versuchen rechercheintensive Hintergrundgeschichten zu ersetzen, Katzenvideos statt Kommentaren. Dass die Verantwortung für das Überleben von Journalismus als vierter Säule der Demokratie auch beim Nutzer/Leser liegt versteht sich eigentlich von selbst, wird aber gerne ignoriert. Wenn die Zeitungen dann gestorben sind werden sie fehlen, nicht nur um darin schwarz auf weiss Todesanzeigen lesen zu können, oder Küchenabfälle drin einzuwickeln. Ein Film der nachdenklich macht.

Der bilderreichste, verschrobenste und mysteriöseste Film kommt dann am Abend: „Rätisches Triptychon“ von Fred von der Kooij. Der Film, der drei historische Bündner Figuren – den Maler Hans Ardüser, die Malerin Angelika Kauffmann und den Jäger Gian Marchet – nachzeichnet ist ein surrealer Zauberzirkus, ein radikales Kunstwerk und ein Schaugenuss. In drei Episoden, zwei davon bereits Ende der 90ger Jahre gedreht, spielt er mit den historischen Figuren, stellt sie nach, stellt sie dar, wirbelt Überblendungen und Doppelbelichtungen dazu, und spielt mit allem was die filmische Trickkiste drauf hat, wobei das Spielerische und die Geschichte den Ton angeben, keineswegs Spielereien um der technischen Machbarkeit willen. Die drei Episoden,  wurden für die kleinste Anstalt des SRG gemacht, fürs rätoromanische Fernsehen, wo die Filme auch bereits gelaufen sind. Hoffentlich findet sich irgendein mutiger ausländischer Verleiher, der dieses Wunderwerk in andere Kinosäle trägt.

Solothurn_2018_Tag 4

Wenn das Tier erwacht

DSC08166

Konzertsaal (c) ch.dériaz

 

 

Die Wege sind kurz, die Stadt ist übersichtlich und hübsch und die Kinos, oder in dem Fall eher Spielstätten, haben so klangvolle Namen wie Landhaus, Konzertsaal, Reithalle oder Uferbau. Ein Wohlfühlfestival mit angenehmer Stimmung, wo man auch einfach auf der Strasse mit Filmemachern ins Gespräch kommen kann.

 

 

Unter dem Titel „Ondes de choc“ hat das französischsprachige Schweizer Fernsehen vier Filme in Auftrag gegeben, zum Beispiel „Journal de ma tête“ von Ursula Meier. Ein Abiturient beschreibt in einer Art literarischem Tagebuch, die Vorbereitung und den Morde an seinen Eltern. Ein verwirrter Junge, den möglicherweise die Schreibübungen seiner Französischlehrerin, wenn nicht zur Idee, aber doch möglicherweise zum Umsetzen der Tat gebracht haben. Der Film findet ungewöhnliche Kameraperspektiven, schleicht sich an die Figuren an, arbeitet viel mit sehr nahen Detailaufnahmen, womit einen eigentümlich fragmentierte Stimmung erzeugt wird. Schuld und Verantwortung der Tat, der Umgang mit den Folgen, das Weiterleben, alles bleibt in einem merkwürdigen, festgefrorenen Schwebezustand; kann Literatur einen Jugendlichen zum Mörder machen? Hätte man das absehen können? Ein toller Film, ein toller Auftrag vom Fernsehen, der Mut verlangt, und der mit Vertrauen honoriert werden sollte. Als Vorfilm lief „Premier amour“ von Jules Carrin erzählt wird eine, auf Grund der sozialen Verhältnisse, unmögliche, oder verbotene Liebe, in schönen, warmen Bildern. Ruhig und warm wie ein Herbsttag, was die Tragödie umso herzzereissender macht. Wann kommen eigentlich die Vorfilme wieder zurück in die Kinos?

Weiter geht es mit Jugendlichen, in „Blue my mind“ von Lisa Brühlmann geht es um die vielfältigen Veränderung im Leben der 16 jährigen Mia. Neue Schule, neue Mitschüler, aber von Anfang an scheint ihre Welt aus dem Gleichgewicht zu sein. Sie tut vieles mit einer enormen Aggressivität, der sie selbst wie ratlos gegenübersteht. Mit dem Einsetzen ihrer ersten Periode tauchen seltsame körperliche Phänomene auf, zusätzlich scheint sie in allem exzessiver zu werden als ihre Freundinnen, mehr Drogen, mehr saufen, mehr Sex, und dann gibt es noch ein unerklärliches Bedürfnis sich die Zierfische ihrer Mutter in den Mund zu stopfen. Mia, verwandelt sich, mehr sollte man nicht sagen. In seiner Bildsprache überwiegt das titelgebende Blau, an Wänden, Kleidung, oder Licht, und erzeugt eine visuelle Blase, die alles zusätzlich umhüllt. Der Film hat gerade in Saarbrücken den Max Ophüls Preis gewonnen, und wenn so ein Film schon als Abschlussarbeit herauskommt, kann man gespannt sein wie es in Lisa Brühlmanns Karriere weiter geht. Auch die junge Sarah in „Sarah joue un loup-garou“ von Katharina Wyss sucht nach ihrem Weg ins Erwachsenwerden, auch sie scheint eine verwirrte, einsame Seele zu sein. Unverstanden von ihrer Umwelt, verstrickt sie sich in immer andere Lügengeschichten. Die Theatergruppe in der sie spielt scheint zunächst ein Ort zu sein, in dem sie mit ihrer Phantasie kreativ und auch konstruktiv umgehen kann, aber auch dort glaubt sie mehr Ablehnung zu spüren. Der – mindestens – emotionale Missbrauch durch den Vater, die überforderte Mutter tun ein Übriges um den labilen, autoaggressiven Zustand zu verstärken; Auswege gibt es keine mehr, auch keine Lichtblicke.

Die jungen Fussballer in Marcel Gislers Film „Mario“ sind ein wenig älter, aber auch hier müssen die beiden Jungs ihren Weg erst noch suchen. Kein leichtes Unterfangen, schwule Profifussballer haben es im Alltag immer noch extrem schwer, und die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen Mario und Leon anbahnt wird ein Opfer der Umstände, in denen sie wählen müssen, ob sie sich verstecken, und spielen können, oder ihre Sexualität offen leben, und dem Profifussball den Rücken kehren müssen. Der Film ist schön gedreht, hat super Schauspieler, ein intelligentes Drehbuch, dass nicht auf Sentimentalität baut, gute Unterhaltung, nicht nur als Nischenfilm.

 

Solothurn_2018_Tag 3

Bekenntnisse und Intimitäten

DSC08158

Schlange stehen am Morgen (c) ch.dériaz

Filme, besonders Dokumentarfilme, die sehr Privates, sehr Persönliches erzählen sind im Trend, nicht immer gelingt es dabei Peinlichkeiten zu vermeiden oder den Zuschauer wirklich zu packen, am 3. Festivaltag gab es gleich 3 Dokumentarfilme, die schafften zu faszinieren, Einblicke in fremde Leben zu gewähren und das alles ohne unangenehmen Voyeurismus.

Zum Beispiel „Die Gentrifizierung bin ich – Beichte eines Finsterlings“ von Thomas Haemmerli, so schräg wie der Titel schon daher kommt ist auch der ganze Film. Schonungslos mit sich selbst, offen, witzig, ein Rundschlag ums eigene -politische- Leben. Vom Hausbesetzer der frühen 80ger Jahre zum Besitzer mehrerer Wohnungen in verschiedenen Ländern, vom Bewahrer alter urbaner Strukturen zum Kämpfer für andere, neuere, in dem Fall vertikale, Strukturen städtischen Lebens. Was bleibt ist die Grundhaltung des sozial und politisch denkenden Menschen Haemmerli, was sich ändert sind die anzuwendenden Methoden, zur Verbesserung der Welt. Vom Duktus her angelehnt an TV-Reportagen der 80ger Jahre und mit viel Schalk in Nacken mäandert der Film durch die persönlich Weltsicht des Regisseurs. Unbedingt empfehlenswert.

Private Banking“ (Teil1&2) von Bettina Oberli, ist ein grosser TV Mehrteiler, sauber gemacht, super Schauspieler – die auch den Schweizer Fernsehpreis geholt haben – und ansonsten mit allen, bekannten, Komponenten des TV Familiendramas ausgestattet. Der sieche Patriarch, die uneheliche, ehemals drogensüchtige, Tochter, den intriganten Sohn, die schmallippige, betrogene Ehefrau, den Emporkömmling aus einfachsten Verhältnissen… alle, einfach alle, die man sich zum Thema Familienbetrieb, in dem Fall Privatbank, vorstellen kann, kommen vor, und agieren ihren wohlbekannten Positionen entsprechend. Gut gemachte Hausmannskost. Nach drei Stunden TV im Kino, gibt es nicht nur frische Luft und Bewegung, sondern endlich etwas Sonnenschein, Solothurn in sonntäglich- freundlichem Licht. Statt zu flanieren dann doch schnell wieder in einen dunklen Kinosaal.

DSC_0887

(c) ch.dériaz

Das Erste und das Letzte“ von Kaspar Kasics zeigt mit sehr viel Einfühlungsvermögen die Geschichte einer an Krebs sterbenden Frau, Thema sind nicht etwa Tod und Krankheit, sondern die Kindheit. Interviews, die durch die Nahaufnahme der Sprechenden eine enorme Intimität haben, wechseln sich mit zarten Aquarellen ab, die Teile ihrer Geschichte aufnehmen, Photos aus der Vergangenheit, die Antagonisten des Gesagten sind, ein (Schnitt-)Rhythmus, der dem eines Gesprächs entspricht. Das Erzählte erschüttert, geht es doch um eine Frau, die erst unmittelbar vor ihrem Tod von Schlägen, Demütigungen und Grausamkeit durch ihre Eltern spricht, die auch erst im Angesicht des nahen Todes erkennt, oder sich eingesteht, wie sehr dies sie und ihre Geschwister zerstört hat.

Und auch im letzten Film des Abends „Fell in love with a girl“ von Kaleo La Belle geht der Regisseur schonungslos mit der Kamera auf sich und seine Umgebung los. Mit seiner Ex-Frau, den drei Kindern und der neuen Freundin lebt Regisseur La Belle in räumlicher Nähe in Luzern, ein Familiengebilde, das recht gut funktioniert, die Kinder haben Zugang zu allen Erwachsenen, die emotionale Lage scheint stabil und freundlich. Mit dem Beschluss, für ein Jahr, in die USA zu gehen, mit Kind und Kegel sozusagen, beginnt auch das filmische Tagebuch. Manchmal aufdringlich bis zur Schmerzgrenze, wird jeder Schritt, jede Emotion und jede Niederlage in Bildern festgehalten. Die Perspektive ist fast immer die des Ich-Erzählers, die Bilder, mal 8mm, mal 16mm, dann wieder mit digitaler Kamera gedreht gehen weit über ein „Homemovie“ hinaus, selbst da wo sie etwas wackelig werden, sind sie immer noch gut, wird ihr scheinbarerer Fehler in ein künstlerisches Konzept integriert. Die Offenheit mit der in dem Film erzählt wird geht nah, manchmal möchte man wegsehen, die Menschen einfach alleine wissen mit ihren Problemen, trotzdem fühlt man sich nicht als Eindringling. Der Versuch eine, für alle, lebbare, gute Form des Miteinanders zu finden ist spannend bis zum Schluss, oder eigentlich darüber hinaus, ist am Ende zwar das Jahr in den USA abgelaufen, die Suche nach der richtigen Familienform aber nicht wirklich abgeschlossen.

Fazit nach der Halbzeit: viele gute, sehenswerte Schweizer Filme.

Solothurn_2018_Tag 2

Wir haben kein Geld, aber wir haben Kohle

DSC_0877

(c) ch.dériaz

Solothurn zeigt sich grau, kalt und mit Nieselregen, allerbestes Kinowetter also.

 

„Köhlernächte“ von Robert Müller ist ein wunderbarer Auftakt für so einen Morgen. In fast mystisch anmutender Berglandschaft begleite er 3 Generationen von Köhlern, vom Aufbau ihrer Meiler bis zur zum Abpacken der fertigen Holzkohle. Die Freude, die alle dabei haben, Holz zu hacken, aufzuschichten, mit Kohlebrei abzudichten, und zu „kokeln“ ist, auch auf Grund der phantastischen Bilder, ansteckend. Gleichzeitig erzählt der Film von einem aussterbenden Handwerk, das mittlerweile zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wurde. Für den deutschen Markt bräuchte dieser Film allerdings dringend Untertitel, da das Schweizerdeutsch eines Innerschweizer Dorfs wirklich schwer verständlich ist.

Neben der Programmschiene Talente, gibt es auch eine eigene Kurzfilm Programmierung, Zeit also zu schauen was dort geboten wird. Florine Leoni beobachtet die drei Teenager, „Aysha Kevin Michele“, sie folgt ihnen beim Laufen in einer Turnhalle, Computerspielen, Backen, fragt sie nach ihren Träumen, nach ihren Wünschen für ihr Leben, und obwohl alle drei ziemlich offen sind, kommt man den Personen nicht wirklich nah. Es fehlt der Hintergrund um sie zu verorten, selbst das Heim, in dem sie wohl untergebracht sind scheint leer und verlassen; ein interessanter Ansatz, der aber nicht wirklich aufgeht, die Personen bleiben frei in einem abstrakten Raum schweben. Wesentlich näher kommt man der jugendlichen Strassenbande in „Sacrilège“ Christophe M. Saber, gockelndes Gehabe, pseudo Rangkämpfe, und doch versteht man, dass das ganze Gebilde extrem labil ist, und sich die Bande bei der ersten Gelegenheit gegen den selbsternannten „Paten“ wenden wird. Als das Gerücht gestreut wird, er habe Geld aus der Moschee gestohlen zerbricht seine Position schlagartig. Wunderbar gespielt und in konstant unruhiger Stimmung gehalten, strebt der Film auf die Demontage des Anführers zu. „Salade russe“ von Eileen Hofer, erzählt ein Trink- und Essgelage von mittelalten Russen, Toasts werden ausgesprochen, auf die Frauen, auf die Männer, auf die Heimat. Aber bei Heimat erhitzen sich plötzlich die Gemüter, nicht alle sind einverstanden mit den verklärenden Reminiszenzen auf die Sowjetunion, die Stimmung am Tisch kippt. Erst als es zum Nachtisch Eis gibt, das alle einhellig mit ihrer Kindheit verbinden, kehrt Frieden ein in der mittlerweile recht betrunkenen Gruppe. Die Schwarzweissbilder sind interessant, trotz des statischen Settings, der Schnitt ist flüssig und rhythmisch, trotzdem ist der Film zeitweilig zäh. „In a Nutshell“ von Fabio Friedli ist ein wunderbarere Stoppmotionfilm, der in rasender Abfolge, die Welt, den Krieg, die Liebe, das Leben und den Tod erzählt, toll!

dsc08155.jpg

(c) ch.dériaz

Das Leben vor dem Tod“ von Gregor Frei macht es dem Zuschauer am Anfang etwas schwer, gewinnt aber im Verlauf enorm und wurde am Ende mit langem und frenetischen Applaus bedacht. Der Dokumentarfilm begleitet über 4 Jahre den Vater des Regisseurs und dessen Nachbarn in einem kleinen Tessiner Dorf; anfangs ist es die Idee des Vaters, der sich nicht damit abfinden kann und will, dass sein Nachbar seinen Freitod vorbereitet, und deshalb einen Film darüber machen will; zur Unterstützung des Projekts bittet er seinen Sohn um Hilfe. Die Idee ist wohl eine Gesprächssituation zu filmen, und mit den Gesprächen, das Thema auszuloten. Und dieser Anfang, an dem der Film noch keinen eindeutigen geistigen und künstlerischen „Vater“ hat, in dem es geschwätzig aber nicht interessant zugeht, gilt es zu überstehen, danach läuft der fast experimentelle Film über die ganz grossen Fragen des Lebens wunderbar, und lässt die Zuschauer nachdenken, lachen und mitfühlen, ohne ins Trostlose zu kippen.Der beeindruckendste Film heute ist „Chris the Swiss“ von Anja Kofmel, sie kombiniert Dokumentation mit Animation, verwebt mit Archivmaterial und führt als Ich-Erzählerin durch ihre sehr persönliche Suche nach dem wahren Schicksal ihres Cousins, der im Krieg in Kroatien ermordet wurde. Entstanden ist ein gewaltiges Werk, dass nicht nur die Hintergründe dieses Todes zeigt, sondern in seiner Komplexität ein allgemeingültiges Statement gegen Krieg und Gewalt ergibt. Man erfährt nicht nur, dass ihr Cousin als Journalist in Kroatien vom Krieg berichtete, sondern, dass er irgendwann die neutrale Objektivität verlassen hat, sich einer kämpfenden Freiwilligentruppe obskurer Art angeschlossen hat, und dort wohl Leuten „auf die Füsse getreten“ ist, was zu seinem, nach wie vor nicht restlos geklärtem, Tod geführt hat. Unterwegs mit seinen Aufzeichnungen aus der Zeit, fährt sie seine letzten Wege nach, spricht mit Journalisten, die ihn kannten, mit ehemaligen Kämpfern, mit der Familie, und immer wieder, abstrahiert und verdichtet die Animation das, wofür es keine dokumentierbaren Bilder (mehr) gibt. 6 Jahre Arbeit stecken in diesem Film, den man gar nicht genug empfehlen kann.

 

Solothurn_2018_Tag 1

Filme auch für Frühaufsteher

DSC08140

(c) ch.dériaz

 

Allem Anschein nach wurde im vergangen Jahr viel produziert in der Schweiz, das Programm ist dicht, und die ersten Vorführungen beginnen zwischen 9:15 und 9:30. Dem Besucherandrang tut das keinen Abbruch, das Kino ist voll, festivaltypisches Gedrängel am Eingang inklusive, und schon die erste Vorstellung beginnt mit Verspätung.

Im Dokumentarfilm „Willkommen in der Schweiz“ von Sabine Gisiger gelingt der Spagat einen unterhaltsamen, schafsinnigen und über die Grenzen der Schweiz gültigen politischen Film zum Thema Abschottung und Zuwanderung zu machen. Dabei bleibt der Film sachlich, lässt alle Seiten zu Wort kommen, montiert die, nur zu bekannten, Standpunkte der SVP Politiker und Wähler zum Beispiel mit friedlich im Frühnebel grasenden Kühen in einem verschlafenen Dorf, und findet immer wieder ruhige Bilder, deren Symbolhaftigkeit oft erst durch den Kontrast zum Gesagten entstehen. Gesang, zweier multiethnischen Chöre und historisches Nachrichtenmaterial unterbricht und strukturiert, und zeigt ganz nebenbei, wie Einheit aussehen kann, und wie alt und immer wiederkehrend mit der Angst vor Fremden und Fremdem gespielt wurde und wird.

Eine Programmschiene widmet sich Nachwuchstalenten, und zumindest die heutige Auswahl war vielversprechend. Den vier Filmen gemeinsam war die Auseinandersetzung mit Einsamkeit, ob in der Landschaft, in der Gruppe oder in sich selber.

Zwei Aussenseiter, die kurzzeitig zueinander finden in „Le valet noir“ von Laura Mure-Ravaud. Mit spärlichen Dialogen und reduzierten Gesten wird die mögliche Annäherung einer sehr androgynen Croupière und einem Taschendieb erzählt, liebevoll, zart trotz eher widriger Umgebung. Raue winterliche Landschaft, ein alter Bauernhof, ein rübezahlhafter Bauer, das sind die Komponenten in „La saison du silence“ von Tizian Büchi. Was er daraus macht mutet zunächst fast dokumentarisch an, und verschiebt sich im Verlauf ganz langsam ins geisterhaft Märchenhafte, auch in diesem Film wird weniger auf Dialog denn auf Bild und Geräusche gebaut, und regt so die Phantasie der Zuschauer aufs beste an. „Travelogue Tel Aviv“ von Samuel Patthey, fällt zunächst deshalb aus dem Rahmen, weil es ein Animationsfilm ist. Die leicht krakeligen Zeichnungen aus einem Reisetagebuch und eine spannenden Tonkollage zeigen Eindrücke eines Israel Aufenthalt, und machen das Erlebte mit einfachen Mitteln auf der Leinwand erfahrbar. Einsamkeit, Verlust und Abschied in „Fast alles“ von Lisa Gertsch, ein Paar um die 40, versucht dem Unausweichlichen zu entfliehen, aber die Fortschreitenden Alzheimer Erkrankung des Mannes schiebt sich immer unerbittlich in den Vordergrund; vor allem auf Grund der beiden Darsteller ein toller Film.

Der Dokumentarfilm „Hafis und Mara“ von Mano Khalil erzählt vom libanesisch-schweizerischen Maler Hafis und seiner rheinländischen Frau Mara, so weit so einfach. Zunächst scheinen die Rollen und Positionen klar abgesteckt, hier der quirlige, extrovertierte, fleissig malende Künstler, dort seinen ruhige, um-und versorgende Ehefrau, ein eingespieltes Team seit Jahrzehnten. Stück für Stück verschiebt sich die Sicht, Hafis ist nicht nur extrovertiert, er ist auch egozentrisch und irgendwie rücksichtslos, Mara ist nicht nur die Ehefrau, die durch ihr Geld diese Künstlerleben erst möglich macht, sie ist sich mit den Jahren abhanden gekommen, eine Diskussion hat in den vielen Ehejahre anscheinend nie stattgefunden; aber vor der Kamera tauchen langsam und zögerlich Risse auf. Die Stärke des Films ist, diese Risse zu dokumentieren, ohne sie zu werten, und ganz langsam ergeben sich dadurch neue Perspektiven auf, aber auch für das Paar.

Letzter Film dieses ersten Tages „Tranquillo“ von Jonathan Jäggi. Nachdem bei einem jungen DJ ein Tinnitus festgestellt wird, fängt er an sein bisheriges Leben, mit Freundin, Kumpeln und relativ klaren, eher konventionellen Bahnen, umzukrempeln, immer auch in der Hoffnung das Rauschen und Pfeifen in seinem Kopf wieder loszuwerden. Schön und spannend ist der Film vor allem, weil er nicht in langweiligen Dialogszenen aus Schnitt-Gegenschnitt erzählt wird, sondern viel mit ruhigen, statischen, aber interessanten Bildern arbeitet, dazu kommen extrem beängstigende Toneffekte, die den Tinnitus fast erfahrbar machen. Mit dem Wechsel der Lebensweise, wechselt auch die Bilddramaturgie, Einstellungen werden dichter, die Kamera bewegter, wilder, ohne den vorherigen Rahmen komplett zu verlassen, so wenig wie der Protagonist wirklich eine Änderung seines Lebens und eine echte Verbesserung seines Gesundheitszustands erreicht. Ein sehr gelungener Erstlingsfilm.

DSC08152

(c) ch.dériaz

Solothurn_2018

Solothurn first!

DSC08137

(c) ch.dériaz

 

 

Politisch korrekte Reden mit -fast- unkorrekten politischen Seitenhieben, die Eröffnung der 53. Solothurner Filmtag.

 

Obwohl parallel zu den Filmtagen in Solothurn, in Davos die Weltwirtschaft gipfelt, war der Schweizer Bundespräsident Alain Berset am Eröffnungsabend anwesend, und betonte die Freiheit und Unabhängikeit von Film, Fernsehen und Kultur allgemein zum Aufrechterhalten von Diversität, politischer wie gesellschaftlicher, als wesentliche Grundlage des demokratischen Wachsen und Zusammenlebens. Eine Rede die gut ankam. Vor Berset sprachen der Präsident der Filmtage, Felix Gutzwiller, und Festivaldirektorin Seraina Rohrer, zweisprachig und gendergerecht, von der Notwendigkeit Filmkunst in ihrer Vielfalt auch mit Hilfe von Geldern des Schweizer Fernsehen- und damit der Gebührenzahler- überhaupt erst möglich zu machen, und sprachen sich auch vehement gegen eine Mentalität des „was–nützt-MIR-das“ aus. Eine Kosten-Nutzenrechnung, die ausschliesslich auf Egoismus fusst, kann in einer pluralen Gesellschaft, mit, wie Berset es nannte „einer Mehrheit von Minderheiten“ nicht funktionieren. Hintergrund der emotionalen, wie auch wirkungsvollen und launigen Reden ist die im März anstehende Abstimmung, die  zur Abschaffung der Rundfunkgebühren in der Schweiz aufruft.

DSC_0872

(c) ch.dériaz

Eine Minderheit, wenn man so will, hatte auch der Eröffnungsfilm zum Thema: Kinder mit Behinderungen. Fernand Melgars neuer Film „À l’école des Philosophes“ beobachtet den Alltag einer kleinen Schule, in der Kinder mit verschiedenen Beeinträchtigungen das Schüler sein lernen. Mit Engelsgeduld kümmern sich die Lehrerinnen um die Kleinen, man lebt die Mühe mit, die es kostet auf kleine Erfolge hinzuarbeiten, man erlebt aber auch fast physisch die Verlorenheit, die immer wieder aus den Augen der Kinder von der Leinwand auf die Zuschauer trifft. Und Stück für Stück, fast unmerklich erlebt man innerhalb des Schuljahres die Veränderungen mit, sieht Fortschritte, die man nicht für möglich gehalten hätte, erkennt nicht nur die Pflicht, den Kindern gegenüber, sondern auch die Notwendigkeit all der aufgebrachten Geduld. Die Kamera ist unaufdringlich mitten im Geschehen, Eltern wie auch Lehrerinnen sprechen auch von ihren Niederlagen, Schwierigkeiten, alles, man möchte fast sagen: natürlich, ohne jedweden Kommentar, die Bilder, die Geschichte spricht Bände. Das Publikum war eindeutig begeistert, ein warmer, aber auch ein politischer Film, ein Film auch finanziert mit Mitteln des Schweizer Fernsehen.

Entlang der alten Stadtmauer, auf einem mit Fackeln malerisch beleuchteten Weg ging es dann zur Feier, ein gelungener Abend, ein schöner Auftakt fürs Festival.

Locarno_2017

 

DSC_0699

(c) ch.dériaz

 

Tag_10 kurz vor Schluss

Ein Resümee nach 40 besuchten Vorführungen, es gab in dieser 70. Ausgabe des Festivals viel Erfreuliches, eine vielschichtige Auswahl an Filmen, von solider, gut gemachter Unterhaltung wie “Madame Hyde“, über Filme, die beunruhigten, wie „Meteorlar“, dokumentarische Filmessays mit wichtigen politischen Inhalten „Did you wonder who fired the gun?“, oder Horrorfilme, die Geburt und Kindheit eines Werwolfs erzählten, „As boas maneiras“ , es gab laute und auch sehr leise, eindringliche Filme, Klamauk und Ernsthaftigkeit, und auf der Piazza vom sympathischen „Chien“ bis zum Blockbuster „Atomic Blond“ eine breite Palette für jeden Geschmack.

Die Vielfalt findet sich in den letzten Jahre auch vermehrt im technischen Bereich, es werden alle Möglichkeiten Film zu drehen genutzt, sowohl 16 und 35mm Filmmaterial, als auch alle Varianten des digitalen Auszeichnen, die Technik wird in Beziehung zum gewünschten künstlerischen Ausdruck gewählt, statt automatisch nach dem neuesten Verfahren zu greifen, das erhöht enorm die Bandbreite der visuellen Qualität und Diversität der Filme.

Organisation und Ablauf könnten noch etwas verbessert werden, an einigen Abenden fragte man sich, was die Bildregie genau anstellt, wenn statt der gerade redenden Personen, irgendetwas oder irgendwer auf der Leinwand zu sehen war, oder ein Filmclip lief, während noch gesprochen wurde. Auch die Ehrungen könnten, wenn vielleicht nicht tatsächlich geprobt, so doch zumindest im Vorfeld ihr Ablauf besprochen werden, so dass es auf der Bühne dann nicht zu, zwar manchmal lustigem, aber Zeit kostenden Durcheinander kommt. Zwischen Giada Marsadri und Carlo Chatrian schien es manchmal „asynchron“ zu laufen, auch da könnte ein wenig „nachgebessert“ werden, zumal sie sonst als Moderationsduo gut rüberkommen. Und zuletzt, die Organisation in einigen der Kinosälen muss dringend überdacht werden, um Unmut und Reibereien bei den Zuschauern zu reduzieren.

 

 

Die Leoparden gehen an…

DSC07850

(c) ch.dériaz

Die Preisverleihung verlief eher unspektakulär und unglamourös, trotz fleissigen Filmschauens habe ich die goldenen Leoparden, Concorso Internationale „Mrs.Fang“ an Wang Bing  und Cinesti del presente für „¾“ von Ilian Metev, nicht gesehen, dazu also keine Einschätzung. Dass mit „Mrs.Fang“ ein Dokumentarfilm den Hauptpreis gewinnt ist auf jeden Fall erfreulich.

 

Der Gewinnerfilm der Leoparden von Morgen/international an Cristina Hanes für António e Catarina“ ist eher schwer nachvollziehbar. Auch wenn der portraitierte alte Mann in dem Film, Interessantes, Eigenwilliges bis zu grenzüberschreitend Anzügliches erzählt, ist der Film mit 40 Minuten zu lang, und bietet filmisch zu wenig. Das Gesicht des Alten, mal seitlich, mal frontal, der Blick aus dem Fenster, und nicht viel mehr, das ist zu wenig. Aber auch Festivaljurys sind wohl nicht frei davon interessante Inhalte gesondert zu sehen, statt einen Film in der gesamten, also auch visuellen, Komplexität zu betrachten und zu bewerten.

Der Leopard beste weibliche Hauptrolle an Isabelle Huppert geht natürlich in Ordnung, wie auch nicht, aber es hätte auch einige sehr gute unbekannte Schauspielerinnen gegeben, denen man den Preis gewünscht hätte. Der Regiepreis der Hauptjury, an F.J. Ossang für „9 doigts“ ist eine gute, aber auch spannende Wahl, der Film ist toll, aber eindeutig ein Nischenprodukt.  Der Spezialpreis der Jury Cineasti del presente geht an Milla“ von Valerie Massadian und der Preis für den besten Erstlingsfilm an Ana Urushadze für „Sashishi deda“, damit werden zwei starke junge Regisseurinnen, sehr zu recht gewürdigt, beiden bleibt zu wünschen, dass diese Auszeichnungen ihren Filmen den Weg in die Kinos ebnen kann.

DSC07826

(c) ch.dériaz

 

Der Publikumspreis geht an „The big sick“, auch das erfreulich, die Zuschauer sind vielleicht noch nicht so weit, einen bösen, schrägen Film wie „Laissez bronzer les cadavres“ zu wählen, oder einem Film, in dem in den ersten 10 Minuten ein niedlicher kleiner Hund zu Tode kommt – „Chien“ – ihr Herz und ihre Stimme zu geben – aber das kann ja noch werden.

 

Alle Preise auf: www.pardo.ch/pardo/pardo-live/today-at-festival/2017/day-11/palmares-2017

 

Festivalleiter Marco Solari hat sich seinen emotionalen Aufruf an die Freiheit der Kunst, des Festivals und des künstlerischen Direktors des Festivals bis zur Abschlussrede aufgehoben, er vermittelt dieses Anliegen wie gewöhnlich mit Ernsthaftigkeit und Grösse, ohne dabei wie ein Schullehrer zu wirken.

Gotthard – One Life One Soul“ von Kevin Merz, der letzte Film der Piazza widmet sich einer Band, die man als Tessiner Lokalmatadoren bezeichnen kann. Gotthard zählt zu jener Handvoll Schweizer Bands, die es auch international zu Bekanntheit und Ruhm gebracht haben. Der Dokumentarfilm umfasst die letzten 25 Jahre und erzählt von den Anfängen, dem ersten und dem zweiten Erfolg, ebenso wie vom plötzlichen Abstieg und wieder Aufstieg der Band. Der Film folgt in seine Rhythmus dem Hard Rock, mischt Interviews mit alten und neuen Tourneeaufnahmen, zeigt dass für die Kernmitglieder die Band immer mehr war als eine Rockgruppe, sondern ein Traum, den es zu verwirklichen und zu bewahren galt. Weggefährten, die mittlerweile nicht mehr miteinander reden erscheine gleichberechtigt neben den aktuellen Bandmitglieder und erzählen so auch von persönlichen Fehlern und Verlusten. Bilder, Schnittrhythmus und vor allem eine ausgezeichnete Tonmischung machen die Geschichte auch für Zuschauer spannend, für die Gotthard bisher nur ein Bergpass, ein Tunnel oder das Stauende -in dem sie stehen-war.

Die 71. Ausgabe des Festivals startet am 1.August 2018

DSC07852

(c) ch.dériaz

Locarno_2017

 

DSC07822

(c) ch.dériaz

Tag_8 Dunkelbunt

Ein dunkler Schwarz-Weiss Film gleich nach dem Frühstück. „9 doigts“ von F.J.Ossang fängt an wie ein Gangsterfilm der 40ger Jahre, mysteriöse Geschichte, schräge Bildausschnitte, die mehr verbergen als preisgeben, Regen, eine Zigarette, ein Mann rennt und wird von einer Bande Ganoven gefangengenommen. Dann wechseln Stimmung, Stil und Schauplatz, der Rest des Films spielt auf einem Schiff mitten im Ozean, wohin die Reise geht ist ebenso unklar, wie die Beziehung unter den Gangstern, die Allianzen wechseln, das Schiff taumelt trunken keinem Ziel entgegen, während die Gangster Unverständliches philosophieren. Und über allem die Frage, wo ist das Polonium, wer ist der Auftraggeber, und wer ist überhaupt der titelgebende, unauffindbare „9Finger“. Der Film bietet keine Lösung, keine Erklärung, ist aber dafür von hypnotischer Schönheit.

Die letzte Vorstellung der Leoparden von Morgen bietet nur wenig Spannendes, „Crossing River“ von HAN Yumeng folgt in schönen Bildern einem jungen Bauarbeiter einen Tag lang, von Schiffsanleger zur Arbeit, in die Pause, wo er still ein Mädchen anhimmelt, das ihn ebenso anhimmelt, wieder in den Rohbau, und am Abend zurück aufs Schiff. Interessant ist der Einsatz von beredter Wortlosigkeit und der Leere selbst an belebten Orten, ein kleiner, schöner Film. In „Haine negre“ von Octav Chelaru wird viel Gesprochen, und doch herrscht grosse Sprachlosigkeit zwischen einem orthodoxen Priester und seinem Sohn, und von der Wahrhaftigkeit von der er predigt, bleibt nicht viel übrig als er den Sohn nach einem Diebstahl bei der Polizei abholt; er sollte es besser wissen.

DSC07834

(c) ch.dériaz

Weiter ins neue Palacinema, mittlerweile wird versucht die langen Schlangen, die sich bereits eine Stunde vor Vorstellungsbeginn bilden zu bändigen, in dem man zumindest die Wartenden der beiden Säle trennt, optimal ist die Lösung immer noch nicht, aber wenigstens kann der Film pünktlich anfangen. „Abschied von den Eltern“ von Astrid Johanna Ofner enttäuscht. Hauptsächlich weil die Qualität der Filmbilder oft sehr unschön ist, pixelig, schwammig, dem Schnitt fehlt die Ruhe, die die Bilder suggerieren, und die Tonbearbeitung klingt unfertig. Die Idee sich der autobiographischen Erzählung Peter Weiss‘ zu nähern, indem ein Darsteller zu den Schauplätzen der Geschichte führt, in ihr wandelt, sie belebt ist im Grunde gut, aber so wie sich der Film dann zeigt ist das ganze eher lähmend. Ob einem die Art wie die Texte meistens im Off, manchmal aber auch im On gelesen werden, gefällt ist dann nur noch Geschmackssache.

Trotz kühler Temperaturen, immerhin ist es wieder trocken, geht es auf die Piazza. Die ersten Preise und eine Ehrung gibt es vor dem Film. Mit 30.000 Euro dotiert ist der neue Eurimages Audentia Award, der an Regisseurinnen oder Regisseure geht, die mit ihren Filmen die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Filmindustrie weiterbringen. Der Preis geht an die Regisseurin von „Milla„ Valerie Massadian. Einen Ehrenleoparden gibt es noch für den Spanischen Kameramann José Luis Alcaine.

The big sick“ von Michael Showalter gehört in die Gattung romantische Komödie, und ist trotzdem erträglich und witzig! Vor allem wohl weil der Fokus der Geschichte nicht ausschliesslich auf der Liebesgeschichte zwischen einem Standup-Komiker mit Pakistanischen Wurzeln und seiner Amerikanischen Psychologie studierenden Freundin, und den unausweichlichen kulturellen Querellen, liegt, sonder alle Beziehungen zwischen den Figuren mit Reibungen zu kämpfen haben. Weil keine Beziehung perfekt funktioniert, und weil der Film zusätzlich wunderbare schräge Nebenfiguren hat, die nicht nur als „Kulisse“ dienen. Und das Beste ist, das Ende bietet zwar Positive Aussichten, aber keine schmachtenden Bekenntnisse und heisse Schwüre. Lockere Unterhaltung mit einem Schuss Gesellschaftskritik.

 

Tag_9 die letzten Filme

DSC_0691

(c) ch.dériaz

Unter dem Titel Panorama Suisse werden neue Schweizer Produktionen gezeigt, mit immer sehr grossem Zuschauerinteresse, so ist es auch nicht verwunderlich, dass schon früh eine grosse Menge Menschen vor dem Fevi steht um „Unerhört Jenisch“ von Karoline Arn und Martina Rieder zu sehen. Der Film beleuchtet ein gerne verdrängtes Thema in der Schweiz, nämlich das der Marginalisierung der Jenischen, die mal als Fahrende, mal als Schausteller bezeichneten und vor allem in Graubünden ansässig sind. Vorrangig geht es im Film um die vielen aktiven Musikerfamilien, die einen jenischen Hintergrund haben, vom international bekannten Stephan Eicher über diverse Volksmusikgruppen, parallel geht es aber auch um das unfassbare Unrecht, das den Familien bis in die Mitte der 70ger Jahre geschehen ist, indem man sie nicht nur an den Rand der Gesellschaft drängte, sondern ihnen auch immer wieder Kinder weggenommen wurden, um sie „umzuerziehen“. Es geht viel um Selbstverständnis, verwurzelte Ängste, und wie sich (Musik)Traditionen gegenseitige beeinflussen. So beschämend die politisch-gesellschaftlichen Verfehlungen sind, der Film bleibt in seiner Grundstimmung positiv.Das Publikum reagierte begeistert.

Gli asteroidi“ von Germano Maccioni kombiniert Raub und Diebstahl mit einer Geschichte von Freundschaft und Erwachsenwerden. Drei Jungs, einer mit kleinem Job, einer kurz vor dem Schulabschluss und der Dritte ein versponnener Träumer, jeder hadert mit sich und seinem Schicksal, zusammen mit dem viel älteren Pizzeriabesitzer begehen sie Raubzüge in Kirchen, um die geklauten Kultgegenstände zu verkaufen. Jeder scheint sich aus dieser kriminellen Aktivität einen Ausweg aus der Öde des Alltags zu erhoffen, dass das nicht gut gehen kann, ist spätestens klar, als der Alte mit einer Waffe aufkreuzt. Die gebündelte Dummheit der Jungs macht einen im Zuschauerraum unruhig, man möchte ihnen dauernd zurufen „mach das nicht…Achtung!“ Ach ja, und die Asteroiden, von denen der Träumer die ganze Zeit behaupte, sie würden direkt neben dem Radioteleskop des Ortes auf die Erde stürzen und sie zerstören, sind dann doch eher nur Sternschnuppen gewesen, aber da ist dann schon vieles nicht mehr gut, und die Übriggebliebenen sind ein Stück erwachsen geworden.

Im allerletzte Film des Hauptwettbewerbs „En el sétimo día“ von Jim McKay geht es um um Prioritäten, Fussball und Arbeit. Eine Gruppe illegal in Brooklyn arbeitender Mexikanern, alle begeisterte Fussballer, kommen in einem lokalen Turnier ins Finale, bloss dass ihr wichtigster Spieler an dem Tag eigentlich nicht wird spielen können, weil er arbeiten muss. Die Geschichte ist die meiste Zeit sehr rasant erzählt, schon alleine weil einige der Mexikaner als Fahrradboten für ein Restaurant arbeiten, wilde Fahrten durch Brooklyn, wechseln sich mit hektischen Mittagspausen, wuseligem Treiben im Restaurant und lauten Abenden in der völlig überfüllten Wohnung der Männer, ab. An manchen Stellen macht der Film eine Pause in der Hektik, nimmt sich Zeit für längere Dialoge, die nicht immer spannend sind, oder dem Fortgang der Geschichte dienen. Wunderbar ist das Finale, als Parallelmontage von Fussballturnier und Arbeit, und eine originelle Lösung wie der fehlende Mann dann doch noch, zumindest zeitweise, auf den Platz kommen kann, um das Team in Führung zu schiessen, gibt es auch. Allerdings auch diesmal ohne komplettes Happy End, Prioritäten haben manchmal einen Preis.

DSC07829

(c) ch.dériaz

Der niedrigen Temperatur geschuldet geht es statt auf die Piazza ins „Ausweichquartier“ Fevi um „Atomic Blonde“ von David Leitch zu sehen. Alle die mit Comic Verfilmungen nichts anzufangen wissen, denen laute 80ger Jahre Musik missfällt, die sehr blutige Prügeleien, spritzendes Blut, eingeschlagene Schädel und ein bisschen lesbischen Sex nicht mögen, sollten dem Film fern bleiben, für alle anderen: ja bitte! Eine dreifach gedrehte Agentengeschichte, eine Superagentin, gegen die 007 einpacken kann, und Berlin kurz vor dem Mauerfall. Was für ein Spektakel.

 

 

Jetzt heisst es warten auf die Entscheidungen der Jurys, die, wie meistens, unvorhersehbar sind.

Locarno_2017

 

Tag_6  Schauergeschichten und Regenschauer

Immer wieder kommt es zu Überraschungen, wenn die einzige Vorabinformation, die man zu einem Film hat, der Katalogtext ist, manchmal ist diese Überraschung dann richtig gut.

DSC07813

(c) ch.dériaz

Laut Festivalkatalog geht es in „As boas maneiras“ von Juliana Rojas und Marco Dutra um eine Krankenschwester, die bei einer Schwangeren eingestellt wird, und um eine Nacht, die alles verändert. Was nicht drin steht, es handelt sich um eine ziemlich grelle Horrorgeschichte, der Kontrast: arme Krankenschwester, reiche – und wie es scheint – verwöhnte Schwangere ist aber nur der Einstiegt in eine Geschichte in der sich Stück für Stück herausstellt, was da für ein Monster im Bauch heranwächst, und mit Schockeffekt zur Welt kommt. Der zweite Teil des mehr als zwei Stunden langen Films widmet sich der Kindheit der Kreatur. Der Film ist spannend und modifiziert fast liebevoll gängige Horrorstrukturen, man sollte nicht zu zimperlich sein, was blutige Szenen angeht, aber auch damit umgehen können, dass, in Art des Chors in griechischer Dramen, aus den Szenen heraus ein kommentierender, warnender Gesang anhebt, dann aber ist der Film eine grosse Freude.

Die nächste Überraschung dann bei den Leoparden von Morgen, alle 4 gezeigten Filme sind sensationell gut. „Edge of Alchemy“ von Stacey Steers ist ein Kunstwerk aus verschiedenen gezeichneten Ebenen, ausgeschnitten und als Kollage auf dies Ebenen gebrachten Stummfilmstars und einer verwirrend dichten Tonspur, alles zusammen ergibt eine Art feministisches Frankensteinlabor, grossartig. „Agavarim shel Ella“ von Oren Adaf ist ein meisterhaftes Beispiel dafür, dass man mit nur einer kleinen Lichtquelle, in dem Fall einer Taschenlampe, gezielt eingesetzt mit der Kamera malen kann. Darsteller und minimale Lichtquelle folgen einer Choreographie und bleiben dabei trotzdem ganz real und in der Logik der Geschichte, bei Stromausfall erwartet man als Zuschauer nicht mehr Licht, und möchte trotzdem dem Geschehen folgen, und das funktioniert hervorragend. „Kapitalistis“ von Pablo Muños Gomez erzählt wunderschön zart, was ein griechischer Pizzaauslieferer in Belgien alles anstellt, um für seinen Sohn einen teuren Schulrucksack zu Weihnachten zu kaufen. Hier verbinden sich Humor und Gesellschaftskritik, Witz und Wärme und schön gedreht und flott geschnitten ist es auch noch. „Silica“ von Pia Borg erzählt sowohl Landschaft, spektakulär eine Australische Opalminenregion, als auch eine Suche nach geeigneten Motiven für einen neuen Dreh der Mars-Chroniken. Die Tonebene fungiert als assoziatives Tagebuch dieser Suche, während die Bilder manchmal wie von selbst abschweifen, ein Eigenleben entwickeln, das sich dann doch wieder in den Off Gedanken wiederfindet – faszinierend.

Ohne Zwischenstopp geht es ins nächste Kino „ Easy“ von Andrea Magnani ist ein skurriles Roadmovie. Ein Sarg soll von Italien in die Ukraine überführt werden, und ausgerechnet der dicke, depressive ehemalige Go-Kart Champion soll diese Fahrt übernehmen. Alles was man sich vorstellen kann geht bei dieser Reise schief, und jedesmal, wenn man sicher ist, mehr kann nicht mehr daneben gehen, findet sich doch noch eine weitere Drehung. Aber bei allem Klamauk ist der Film auch immer wieder still und nachdenklich, die Figur des Fahrers wird nicht für billige Lacher verraten, und Landschaft und Menschen auf dieser Reise sind nicht nur exotische Staffage. Am Schluss gab es begeisterten Applaus.

DSC07814

(c) ch.dériaz

Weniger begeisternd ist dann der starke Regen, der zwischenzeitlich angefangen hat, durchnässt also ins nächste Kino. Das neue Palacinema hat zwar schöne Kinosäle, aber wenn grosse Mengen Zuschauer auf Einlass warten, wird es sehr schnell sehr unübersichtlich und ungemütlich, obendrein führt eine schmale Rolltreppe in den grossen Saal, und so löst sich der Andrang so langsam, dass der Film mit mehr als einer halben Stunden Verspätung anfängt. „Denen wos guat geit“ von Cyril Schäublin hat viele gute Ideen und eine sehr interessante Kamera, die immer wieder verblüffende Blickwinkel findet. Der Film ist ein Mäandern oder Variieren des immer gleichen Themas: in unserer Welt sind Codes, Passwörter, günstige Tarife für Internet, Telephon oder Krankenversicherung so wichtig und allgegenwärtig, die Konkurrenz entsprechend gross, und das einzige womit man sich darin, zu Werbezwecken, abheben kann, ist auf gute alte Emotionen zu setzten. Die Kombination von beidem ist dann die Waffe der Wahl für Betrug und Raub, der umso schwerer zu stoppen ist, als dass alle Beteiligten permanent in diesem Netz aus Codes, Passwörtern, Tarifen hängenbleiben. Auch wenn der Film an manchen Stellen etwas unfertig oder ungelenk wirkt, ist er ein guter erster Langfilm.

Ohne die Sturzbäche von Regen wäre dieser Tag uneingeschränkt als Erfolg zu verbuchen.

 

DSC_0685

(c) ch.dériaz

Tag_7 Das Nichts und alles andere

Gemeine Regenwolken hängen weiterhin über Locarno, also Regenschutz überwerfen und ab ins trockene Kino. „In praise of Nothing“ von Boris Mitić ist laut Katalog ein satirischer Dokumentarfilm. Er ist vor allem eine bewundernswerte Recherche- und Schnittarbeit, denn kein einziges Bild wurde selbst gedreht, alle stammen aus verschiedensten Filmen, zusammen erzählen sie die Geschichte des Nichts, das in unsere Welt geflüchtet ist um sich umzusehen. Das Nichts sucht und kommentiert, findet sich vielerorts, findet sich ausgenutzt, missverstanden, umgedeutet. Das Nichts spricht in Reimen und mit der Stimme von Iggy Pop! Ein grosses, tolles Nichts ergibt das.

Das Programm der Leoparden von Morgen ist dann weniger erfreulich. In „Jeunes hommes à la fenêtre“ von Loukianos Moshonas lässt die Vergrösserung eines Scans der leeren Scannerplatte zwei Studenten über Ängste, Träume und Dasein philosophieren, wobei sie dabei immer mehr abschweifen und sich immer weniger zuhören, am Anfang hat das ganze noch relativ viel Witz, aber der Spass dauert dann mit zu wenig Varianten im Bild zu lang. „British by the Grace of God“ von Shaun Robert Dunn zeigt ein nicht mehr taufrisches Ehepaar, beim Feiern, beim Flirten, Sex im Auto. Sie haben etwas verzweifelt enthemmtes, viel Alkohol, Verzweiflung in den Augen, aber ein einzige kurze Einstellung ändert für den Zuschauer den gesamten Kontext des Films. Während die Eltern mit Freunden im Wohnzimmer saufen, gehen zwei kleine Kinder auf Erkundungstour durch die Wohnung, öffnen Türen, blicken in Zimmer, hinter einer Tür sieht man die Beine des Teenagersohns von der Decke baumeln. Die Kamera geht zurück ins Wohnzimmer, wie nebensächlich ist dieser kurze Schnitt, erzählt aber im Kopf des Zuschauers eine neue, ganz andere Geschichte, die des Danachs.

Ein eher experimenteller Dokumentarfilm ist „Did you wonder who fired the gun“ von Travis Wilkerson. Wilkersons Suche nach den Schatten in der Vergangenheit seiner Familie erzählt von Rassismus, Mord und sexueller Gewalt, Schatten, die in den USA keineswegs nur der Vergangenheit angehören. Schwarz-Weiss Bilder des Ortes in den Südstaaten, aus dem seine Familie stammt, wo sein Urgrossvater einen Schwarzen erschiessen konnte, ohne sich je dafür verantworten zu müssen, schöne Bilder von trostlosen Orten sind das, dazu die Gedanken bei seiner Suche nach Wahrheit, eindringlich gesprochen, aber auch wütend, weil auch heute fast nichts herauszufinden ist. Das alles ist sowohl extrem persönlich, als auch allgemeingültig, und wird damit umso erschreckender.

DSC07811

(c) ch.dériaz

Da der Regen eine Pause einzulegen scheint geht es auf die Piazza, wo es dann prompt doch noch mal zu regnen beginnt, aber pünktlich zu Beginn der Ehrungen ist es wieder trocken. Das Festival ehrt sich zunächst mal selbst, mit einem kurzen filmischen Rückblick auf die letzten 70 Jahre. Einen Leoparden für die Tessiner Maskenbildnerin Esmé Sciaroni und einen Leoparden für den Schweizer Produzenten Michel Merkt. Spät fängt also das indische Epos, das eigentlich eine Schweizerisch-Französisch-Singaporische Koproduktion ist, an. „The song of the scorpions“ von Anup Singh ist ein Drama um verschmähte Liebe, Vergewaltigung, Mord und Rache, angesiedelt zwischen malerischen Sanddünen und archaisch anmutenden Dörfern. Gewaltige Bilder ergibt das, weite Landschaften, warme Erdfarben, aber vieles an den Aktionen und Reaktionen bleibt unverständlich, vielleicht fehlen einfach erzählerische Chiffren, vielleicht ist Indien in seiner Erzählweise zu „exotisch“, um aus dem Gesagten und vor allem, dem Nichtgesagten Schlüsse ziehen zu können. Der Tag endet also etwas ratlos, aber immerhin trocken.