Do not go gently (aus dem Theatiner)

Kaum überkam uns zum Filmfest-Finale das große „with a whimper, not a bang“-Gefühl, entschlossen sich die Gäste des Festivals zu einem vehementen „do not go gently into that good night“!

Es mag Filmfest sein – aber das Theatiner bleibt eine uneinnehmbare Bastion des militanten Bildungsbürgers und seiner Welt- und Selbstsicht. Es hätte jenseits eines entsprechenden AfD-Äquivalents keinen besseren Film geben können für dieses psychische Extremsporterlebnis Kinogehen als Lucas Belvauxs Front National-Spielfilm CHEZ NOUS: Struwelpeter ist nix dagegen, wie hier die allein für sich in Anspruch genommene moralische Überlegenheit frontverteidigt wird!

Das Dunkel senkt sich grad im Saal,
da kommen Heribert und Karl
grad eben noch hereingeschneit –
kein Platz in Sicht mehr weit und breit.
Da donnert’s aus der Loge streng:
„Und ist der Gang auch noch so eng:
Wie dreist, hier noch im Raum zu stehen!
Schickt Euch doch an, DORT hinzugehen!“

Der freche Platzanweiser Franz
versteht wohl seinen Job nicht ganz:
Nur weil da welche spät einfleuchten
versucht er, ihren Weg zu leuchten.
Er hält das Lichtlein gut versteckt.
Glaubt er, so würd‘ es nicht entdeckt?
„Lösch er die Lampe, aber fix!
Sie gleißet so, ich sehe nix!“

Auch Lieschen ließ den Handyschein
strahlen in den Saal hinein.
„Lieschen, lass das Handy sein!
Steck es in die Tasche ein!“
Lieschen tut dies voller Scham
worauf laut von hinten kam:
„Ach, nun sieht auch sie es ein!
Im Kino darf sowas nicht sein!“

Der freche Franz, der Platzanweiser
wurd inzwischen noch nicht weiser:
Er will doch glatt darauf bestehen,
zur Platzsuche voranzugehen.
„Verdammt nochmal, nun weiche doch!
Was Bessres finde ich mir noch.
DORT will ich sitzen, mittendrin!
Ihr – lasst mich rein! Sonst seid Ihr hin!“

Doch bietet sich am Reihenrand
dem späten Drängler Widerstand.
Hier sitzt der Recke der Moral
und stellvertretend für den Saal
stöhnt er erziehend auf, ganz laut.
Doch die Kritik wird gleich zerhaut
durch Dränglers messerscharfen Witz:
„Ich weiß! GANZ schlimm, dass ich Besitz
von diesem leeren Platz ergreife
und Sie dabei am Beine streife.“

Mit nur geringem Blutvergießen
kann doch der Film dann letztlich schließen.
Wer sind die zwei, die sich da trauen,
so still und heimlich abzuhauen?
„Die Edel- und der Willmann glauben,
sie dürften uns der Sicht berauben
auf den Monsieur le Regisseur,
den man grad hat im Kreuzverhör.
Seit kaum erst einer halben Stund
tut man ihm seine Fehler kund.
Wie kann man schon den Saal verlassen?!
Soll’n sie den nächsten Film verpassen!“
„Stellt ihnen Beine!“ „Blafft sie an!“
„Ich halt sie auf!“ „Nein, ich bin dran!“

Leicht traumatisiert, aber immerhin an Leib und Leben unversehrt den engen Sitzreihen des Theatiner doch entkommen (jedenfalls, sobald die Beine wieder durchblutet waren), stolperten wir schon ins nächste Abenteuer:

Wie naiv der Glaube, beim Filmmakers Live Gespräch mit Nastassja Kinski könne ja soviel nicht passieren, schließlich handle es sich nicht um ihren Vater!

Beinahe wäre auch nicht viel passiert – als bei ihrem Auftritt die Kameras der professionellen Photographen anhuben zu einem kleinen Wetterleuchten, sprang die überrascht scheinende Kinski sofort in den Bühnenrandschatten und bat darum, in diesem Rahmen von allen Abbildungsversuchen geschützt zu bleiben. Sonst könne sie auch gleich wieder gehen.

Kurz beginnt das Gespräch dann doch, bei auf Frau Kinskis Wunsch gedämpftem Licht. Aber keine Minute später entlädt sich in der Black Box schon das zweite Gewitter von Respektlosigkeit, moralischer Überheblichkeit und aggressiver Zurechtweisung. Einige filmen doch per Handy mit; andere fühlen sich zum Hilfssheriff berufen und weisen lautstark auf diese Zuwiderhandlung hin; die Saalstimmung steht sofort auf „Kriegsbereit!“; Kinski erhebt sich nun wirklich und geht; die Festivalleiterin entspannt mit einem übertrieben barschen „Und keine Zwischenrufe!“ aus dem Dunkel des Zuschauerraums die Atmosphäre nicht gerade – und ruft erst recht den nächsten Streiter auf den Plan, die Entfernung des schuldigen Publikums aus der Black Box zu fordern.

Nur dem souverän servilen Moderator – den da der größte Nastassja Kinski-Fan gewiss nicht mehr um seinen Job beneidete – ist zu verdanken, dass es dann doch noch ein längeres und, bei aller bleibenden Grundanspannung, auf eine sehr seltsame, so naive wie intensive Weise rührendes Gespräch wurde. (Oder sagen wir: Eher ein mäandernder Monolog. Nicht im klassischen Interview-Sinne informativ, doch auf seine Art ein faszinierender Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit.)

Und zum Glück gibt es dann doch noch Traditionen und Werte, die die deutsche Zivilgesellschaft zuverlässig und friedlich vereinen zu mögen: Als Kinski die TV-Detektivrolle ihres einstigen Schauspielerkollegen Peter Falk nicht einfallen will, souffliert wirklich das gesamte Publikum einstimmig und wie ein einstudierter Chor auf Einsatz:
„Columbo!“

(Anna Edelmann & Thomas Willmann)

Das Verschwinden, oder: The End is Nighy

 

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Die „Oskarsäulen“ sind da, das Ende naht! Die Deko für die Preisverleihungen und Lastwagen voller Wein werden vor die HFF gekarrt. Die Studenten aus der Caféteria verbannt. Im mühevollen Streben, dem innewohnenden Schimmer des Sichtbetons in seiner ganzen Schönheit zur vollen Geltung zu verhelfen.

Und doch fühlt es sich weniger an, als stünde ein glänzender, krönender Abschluss bevor. Sondern eher, als würden immer größere Teile des Filmfests einfach im Nichts verschwinden.

Immmer mehr der dieses Jahr ohnehin überhandnehmenden weißen Lücken wuchern im Timetable – es sind nicht länger bloß einzelne Uhrzeitschienen, sondern halbe Tage, in denen sich kein anschaubarer Film findet. (Und der Grund dafür sind nicht allein persönliche Vorlieben – außer einer mangelnden Heißliebe zu deutschen Fernsehfilmen.) Die einst halbstundenfressenden Riesenschlangen vor den Ticketcountern haben sich anscheinend zum Verdauungsschlaf ins Unterholz verkrochen – jedenfalls herrscht dort nun gähnende Leere. Vormals angekündigte Filmmakers Live Veranstaltungen führen nurmehr ins 404. Oder verschieben, wie die von Bill Nighy, ihren Beginn immer weiter nach hinten. Nach Woody Harrelsons Fahndungsplakat wird noch immer gesucht. Es häufen sich die Ansagen bei den Vorstellungen, gestern seien die Filmemacher noch live dagewesen, doch hätten justament die Stadt verlassen. Selbst den Hinweis auf den achtstelligen Ticketcode zur Publikumspreisabstimmung wird man morgen schon missen – wie ein Linienflug ohne Schwimmwestendemonstration.

Die Dringlichkeit, sich hier zu befinden, lässt nach in den Herzen aller.

Und am Sonntag versinken dann auch wieder die Oskarsäulen in ihren Kisten in den Jahresschlaf.

(Anna Edelmann & Thomas Willmann)

Finding Woody

Wir wissen nicht genau, wann Woody Harrelson verschwunden ist. Bei der anfänglichen Präsentation der diesjährigen Filmfest-Plakatmotive war er noch dabei. (Die Sonnenbrille! Als Festival-Vorgabe unerschöpflicher Quell immer neuer Inspiration für hoffnungsvolle Plakatdesigner!)

Doch seit davon tatsächlich seit Wochen die Werbewände, Trams, Busse, Infoscreens, Gullydeckel, Zigarettenschachtelwarnhinweise der Stadt vereinnahmt sind, ward er nicht mehr gesehen.

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Was hat wohl dazu geführt, dass er ausgeschlossen wurde aus dem illustren Kreis von Audrey Hepbrun in CRAZY IN ALABAMA, Wynona Rider in WAYNE’S WORLD und Alain Delon in DEEP END? War er zu eindeutig zu erkennen – so dass selbst die Rechteinhaber von NATURAL BORN KILLERS es gemerkt haben? Wollte man verhindern, dass von neuem Pressevorführungsmodus, Ticketschlangen, dem trostlosen HFF-Bunker genervte Menschen auf falsche Ideen kommen?

Unsere Vermutung: Dieses Mysterium steht in Verbindung mit jenem Suchspiel, von dem wir die Festivalmoderatoren raunen hörten. Dass nämlich sich, wie eine aus der Art geschlagene Baumgattung im Festivalwald, eine Genrefilm-Reihe, gar ein kleines, geheimes „Genre-Filmfestival“ verberge im Programm. Wir glauben: Der eine Ort in München, wo das NATURAL BORN KILLERS-Motiv hängt, ist die Zugangstür zu diesem wundersamen Kaninchenbau, dieser Gruft mit den Überresten der Mitternachtsschiene, wo einem Filme voller Sex, Gewalt und guter Laune gezeigt werden.

Wenn uns jetzt bitte noch jemand das geheime Klopfzeichen verraten würde… Wir bringen auch Bier!

(Anna Edelmann & Thomas Willmann)

 

Eine kurze Einstellung: THE RAID

The Raid

Ein echter Actionfilm ist wie ein gutes Musical: Es geht um die Nummern. Die Kunst des Drehbuchs besteht darin, ihrer Abfolge Motivation, Struktur, Rhythmus zu verleihen. Sie besteht in der originellen Kombination und Variation von Vertrautem und Überraschendem.
Die Attraktion ist der menschliche Körper – außergewöhnliche Körperbeherrschung und kreative Zerstörung.

THE RAID geht so: Eine Spezialeinheit der indonesischen Polizei. Ein Hochhaus voller Bösewichter. Und dann Level um Level, Etage um Etage nach oben.
Immer wieder zuckt man bei THE RAID freudig mit einem „Heilige Scheiße!“ zusammen: Es gibt noch immer neue Methoden, auf der Leinwand Menschen um Leib und Leben zu bringen! Man glaubt ja gar nicht, was man mit Kühlschränken, Neonröhren und Türschwellen alles anstellen kann…

Ob Feuergefecht oder Martial Arts-POW! de deux Mann gegen Mann: THE RAID ist ein ECHTER Actionfilm. Wohltuend handgreiflich. Und, mit Verlaub: Einfach geil.
Yippie ki-yay, bajingan!

Anna Edelmann & Thomas Willmann

Holla, die Waldfee!

Der Filmfest-Trailer und die „Five Stages of Grief“

1. Denial

Die erste Sichtung bei der Pressekonferenz:
Wir waren grad in die eben ausgeteilte Programmübersicht vertieft. Haben nicht richtig hingeschaut. Das war jetzt keine blumenbekränzte Libellenfee im Chiffon-Nachthemdchen, die aus einem Waldsee aufsteigt und aus ihrem Nabel einen wabbeligen Wasserknödel gebiert, oder? In dem dann das Filmfest-Logo erscheint, weil… Weil… WEIL HALT!

Nein, nein, Sinnestäuschung! Die Kollegen schütteln auch alle ihren Kopf.

2. Anger

Der Clip ist auf YouTube:


Waldsee. Check.
Wasserfee. Check.
Waberwasserknödel. Check!

Das ist deren verdammter Ernst.
Das sollen wir uns vor jedem Film des Festivals anschauen.
Visuelles Waterboarding!
Wartet nur! Bis die dauernde Zwangs-Sichtung des triefenden Trailers das Faß zum Überlaufen bringt…

3. Bargaining

Zum ersten Mal auf großer Leinwand:
Es wird nicht besser.
Aber größer.
Und unausweichlicher.

Aber vielleicht kann man das Festival überreden, ihn nur vor 3-D Filmen zu zeigen? In 3-D. Wo er ja viel besser zur Geltung käme.
Oder ihn wenigstens wieder mit der vertrauten Trailer-Musik der letzten Jahre unterlegen? (Die, zu der wir immer „The Bad Touch“ von der Bloodhound Gang gesungen haben.)
Oder, okay: Ihr hört auf, ihn zu zeigen – wir hören auf, über Trailer zu reden und besprechen brav endlich Filme. (Ähem)

4. Depression

Heute ist Montag, das Filmfest dauert noch bis Samstag:
Inzwischen haben wir den Trailer rund ein Dutzend Mal gesehen.
Jetzt noch fünf weitere Tage.
Mal rechnen. Das macht noch ungefähr 25 Mal.
Fünfundzwanzig Mal.

Kann man auf nachlassende Sehstärke im Laufe des Festivals hoffen?

5. Acceptance

Dienstag.

Man muss bedenken: Das Filmfest musste für den Trailer nichts bezahlen. Vermutlich hatte halt die verantwortliche Firma noch dieses Rendering-Demo rumliegen, an das man ein Logo ankleben konnte.
Und langsam empfinden wir es als sportliche Herausforderung, die Ersten zu sein, die im Trailer das verborgene Missing Link zum Filmfest entdecken:
Ist es die BDM-Frisur, die eine Hommage an das Werk Leni Riefenstahls darstellt?
Ist es die Kreuzigungsstellung der Füße, die auf „The Last Temptation of Christ“ verweist?
Wird hier schon insgeheim der Festivalfilm „Die Libelle und das Nashorn“ beworben? Aber wo ist dann das Nashorn…?

Hey, könnten wir bitte den Trailer nochmal sehen?!

Anna Edelmann & Thomas Willmann