„Der Faschismus hat viele Gesichter“

Will Donald Trump Edward Snowden exekutieren? Oliver Stone über Demokratie in Amerika – San Sebastian-Tagebuch_2016_04

„I am reporting, what I saw.“

Oliver Stone

„Als er zum Präsidenten gewählt werden wollte, sprach Barak Obama noch von Transparenz. Die Überwachung der Bürger, die Ausweitung der Geheimdienste und ihrer Macht, das werde er unterbinden ‚that’s not the american way.‘ verkündete er in seinen Reden. Jetzt, acht Jahre später, hat er als Präsident die Überwachungs-Politik von George W.Bush noch mehr als verdoppelt. The United States of America are the most massive global surveillance state, a way beyond Stasi.“ Oliver Stone redet sich langsam warm. Bei der Pressekonferenz zu seinem neuen Film „Snowden“ über den berühmtesten Whistleblower der Welt, der jetzt beim Filmfestival von San Sebastian seine Europapremiere erlebt, und zeitgleich in vielen europäischen Ländern startet, macht Stone klar, dass er seinen Film auch als eine sehr aktuelle Botschaft an das weltweite Kino-Publikum versteht.

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Heute kann Snowden im demokratischen Westen keine Zuflucht mehr vor den vielen Armen der US-Geheimdienste mehr erhoffen. „In den USA wird er kein faires rechtstaatliches Verfahren erhalten, und noch nicht einmal einen öffentichen Prozess – jedenfalls solange die Antiterrorgesetze in Kraft sind, die durch keine demokratische Regel gedeckt sind.“ Oliver Stone macht seinen Pubkt unmissverständlich klar: Die USA sind kein demokratischer Staat, kein Staat, der sich an rechtsstaatliche Prinzipien hält, sondern ein autoritäres Willkürregime. Die USA sind nicht besser, als Staaten wie Kuba, China oder die Türkei. Und ihre europäischen Verbündeten sind Satrapen und Erfüllungsgehilfen. „Als ein Geschöpf der Sechziger Jahre bin ich weiterhin schockiert, dass ausgerechnet Rußland das einzige Land auf der Welt ist, dass Snowden schützt, und das ihn überhaupt schützen kann.“

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Auf die tendenziös formulierte Frage eines lateinamerikanischen Journalisten, ob denn im Kampf gegen die ISIS nicht das Vorgehen von NSA, CIA und FBI gerechtfertigt sei, reagier Stone scharf und klar, und erhält Beifall im Saal, als er antwortet: „Solche Sprüche haben die Deutschen seinerzeit in den Dreißiger Jahren auch gehört. Das erste, was die Nazis ihnen damals sagten, war: ‚Wir bringen Euch mehr Sicherheit.'“ Heute drohe ein neuer Totalitarismus. „Der Faschismus hat viele Gesichter. Aber es gibt nie irgendeinen Grund, unsere Bürgerrechte zu opfern.“

Im Namen angeblicher Gefahren reagierten auch demokratische Regierungen heute mit extremistischen Antworten: „Ich will erst einmal den Beweis sehen, dass unsere Sicherheit tatsächlich auf dem Spiel steht. Die Regierung soll ihren Job machen. Das hat sie vor dem 11.September 2001 nicht gemacht. FBI und CIA haben es vermasselt. Sie haben die Zeichen nicht erkannt, weil sie in der Flut der Daten ersoffen sind. Diese Geheimdienste sind nicht sehr intelligent („This intelligence doesn’t seem so intelligent to me.“).

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Kann ein solcher Film etwas bewirken? Und was? Gibt es aus Stones Sicht überhaupt Hoffnung, dass sich die Verhältnisse wieder bessern? „Wir müssen irgendwo anfangen“ antwortet Stone auf derartige Fragen; die Situation sei ernst, jeder werde überwacht. Die Bürger der USA müssten jedoch verstehen, „dass der derzeit Weg Amerikas zu seiner Selbstzerstörung führt.“

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Mit den aktuellen Präsidentschaftswahlen in den USA habe sein Film und das Timing des Starttermins aber nichts zu tun. „Keiner der Kandidaten hat irgendetwas über den „surveillance act“, über das Überwachungsgesetz gesagt.“ Aber gegen Ende seines Films zitiert Stone kurz Donald Trump, den rechtspopulistischen Kandidaten der Opposition. Der hatte den Fall Snowden mit einer für ihn typischen extremen Forderung kommentiert: „There is still a thing called execution.“

Rüdiger Suchsland

Facetten der Gewalt

Zur Themen-Retrospektive „The Act of Killing“ – San Sebastian-Tagebuch_2016_03

„We aren’t madmen or sadists, gentlemen. Those who call us Fascists today, forget the contribution that many of us made to the Resistance. Those who call us Nazis, don’t know that among us there are survivors of Dachau and Buchenwald. We are soldiers and our only duty is to win.“

(Der französische Colonel Phillippe Mathieu in „The Battle of Algiers“, 1966)

Dänische Soldaten, eine EU-Eingreiftruppe irgendwo im Herzen der Neuen Kriege. 2010 begleitete der dänische Dokumentarfilmer Janus Metz Pedersen eine dänische Einheit nach Afghanistan und zeigte dabei, wie nahe unserem Alltag die Kriegs-Gewalt inzwischen wieder gekommen ist. Sein oscarnominierter Dokumentarfilm „Armadillo“ wurde bald zum frühen Klassiker des Kinos des 21. Jahrhunderts. Ein Film, der belegt, wie in den 15 Jahren seit dem 11.September 2001 längst vergessene, vergangen geglaubte Weltanschauungs- und Religionskämpfe in unsere Gesellschaften zurückgekehrt sind, wie sich der Westen hat hineinziehen lassen, in archaische Gewaltkonflikte. Aber v on wem reinziehen lassen? Von sich selbst. Der eigenen Blödheit.

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„The Act of Killing. Kino und globale Gewalt“ – so heißt jetzt die große thematische Retrospektive beim Filmfestival in San Sebastian. 32 Filme laufen da, alle recht neu – der früheste stammt aus dem Jahr 2000 und kommt aus Deutschland: „Die innere Sicherheit“ von Christian Petzold spürte eher den Folgen vergangener Gewalt nach, als er eine dreiköpfige Familie zeigt, die offenbar seit Jahren im Untergrund lebt; RAF oder so, Strandgut des Kalten Kriegs. Der Film ist gealtert, aber ganz gut. Bestimmte Manierismen wirken nicht mehr neu und aufregend, sondern nur noch manieriert. Julia Hummer funktioniert nicht so gut, finde ich, jedenfalls hatte ich sie viel besser in Erinnerung, Richy Müller und Barbara Auer aber schon. Was der Film in der Retro zu suchen hat, kann man nur damit beantworten, dass ja irgendwie alles Gewalt ist.

Tatsächlich geht es im Kino eigentlich immer um Gewalt. Insofern muss man eher klarmachen, wovon die Retrospektive nicht handelt. Hätte ich 32 Filmen zum Sujet auswählen sollen, hätte ich überlegt, ob es nicht besser wäre, nur Dokumentarfilme oder nur Spielfilme zu zeigen. Ich hätte Exploitation und B-Filme gezeigt, Torture-Porn, Thriller, bestimmt einen Film von Fincher und einen von De Palma und einen Takashi Miike und einen Park Chan-wook. Asien wird hier bemerkenswert ausgeblendet, denn Oppenheimers Indonesien-Filme zählen da nicht mit. Dafür der unvermeidliche Loznitsa.

Die Retrospektive ist mir also viel zu glatt, viel zu brav, viel zu erwartbar. Bieder. Andererseits ist es problematisch jetzt Fehlendes einzufordern, anstatt über das zu schreiben, was zu sehen ist. Das ist gut, nur halt sehr willkürlich zusammengestellt.

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Es geht also nicht allein um sichtbare Gewalt, sondern um Latenz, gesehene Gewalt. Das Problem dieser Retrospektive ist zweierlei: Wenn man parallel den Wettbewerb anguckt, begegnen einem in fast jedem Film in diesem Jahre zum irrsinnig krasse Gewaltdarstellungen. Mehr als einmal habe ich gedacht: Wozu braucht ihr dann denn noch eine Retrospektive? Das Thema ist zu allgemein. „Globale Gewalt“, hm. es geht dann noch vor allem um die neuen Kriege.

Ich hätte es, und dies ist das zweite Problem, interessanter gefunden, wenn man die aktuellen Filme mit früheren konfrontiert hätte. Da hätte man gemerkt, wie sich Gewaltdarstellungen wandeln, wie die Gewalt selbst sich wandelt, und das, was heute als Gewalt empfunden wird.

Vor drei Wochen hatte ich in Venedig in den „Classics“ Pontecorvos „The Battle of Algiers“ wiedergesehen. Toller Film. Der wurde einerseits damals bestimmt als ziemlich brutal empfunden, während heute die Konstruiertheit der Film-Brutalität viel deutlicher hervorsticht. Andererseits tun sich einem heutigen Zuschauer ungeahnte Parallelen zur Gegenwart auf: Der Tugendterror der FLN, die asketische Strenge der Revolutionäre, die zwar Linke waren, aber auch schon Islamisten, für die Religion ein Mittel ist, um ein Volk zu mobilisieren. Die Burka als Schutz vor Kontrollen, für Waffen- und Bombentransporte. Der Antiterrorkrieg, der selbst zum Terror wird.

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Die Frage nach der Gewalt wird in Spiel- wie Dokumentarfilm gestellt. Sie ist im Baskenland, wo der Terror der ETA noch lange nicht vergessen ist, und ein radikaler, mitunter gewalttätiger Nationalismus weiterhin blüht, von besonderer Aktualität. „La pelota vasca“, „Das baskische Ballspiel“ heißt ein großartiger Essayfilm, der 2003 bei diesem Festival Premiere hatte und der ebenfalls in der Retrospektive läuft. Der Baske Julio Medem, als Spielfilmregisseur weltbekannt, erzählt hier mit ruhiger, sicherer Hand die politische Kulturgeschichte seiner Heimat, und versucht den Terror und den gewalttätigen Nationalismus aus diesen Wurzeln zu erklären: Provinzielles Ressentiment, die Unsicherheit einer verspäteten Nation, die im 20. Jahrhundert reich wurde, aber politisch unterdrückt ist. Und der schamlose Populismus der Regionalparteien – es kommt einem deutschen Zuschauer überraschend vieles bekannt vor, an diesem baskischen Spiel.

Rüdiger Suchsland

Draculas Kutscher

Männer mit Trenchcoats: John Le Carre in Spanien – San Sebastian-Tagebuch_2016_02

„In the game of evolution, the winners are always the specialists.“

(aus: „El hombre de mil caras“)

Am Sonntag sind Wahlen in Berlin. Da wird sowieso Schlimmes bei herauskommen, insbesondere bei der Kulturpolitik. Ginge es nur um diese, dann müsste man nicht nur bei der Berliner Senatswahl FDP oder CDU wählen. Denn diese beiden Parteien haben zumindest noch einen Kulturbegriff. Bei allen anderen meint Kultur nach meinem Eindruck meistens nicht mehr als irgendetwas zwischen Multikulti-Stadtteilfest und dem Verbot, Praktikanten unter Mindestlohn zu bezahlen. Das sind ja auch alles schöne Dinge, es hat aber mit Kultur nichts zu tun. Grün ist echt langweilig, Jamaika in Berlin wäre aber mal lustig, nur ist das völlig außer Reichweite. Wen man für ihre Kulturpolitik in jedem Fall nicht wählen darf, ist die Berliner SPD. Da erinnere ich nur: DFFB, Humboldt-Forum, Berlinale, BE und Volksbühne. Zynismus und Dummheit geben sich Hand in der Entscheidung Chris Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf zu ernennen.

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Wer das nicht glauben will, dem empfehle ich einfach, die immer mal wieder im Netz verfügbare ARTE-Sendung „Durch die Nacht mit…“ anzugucken, in diesem Fall „Durch die Nacht mit Chris Dercon und Matthias Lilienthal“. Da unterhalten sich die beiden recht schamlos über ihre Technik das Publikum zu verar… veralbern. Sie decouvrieren sich selbst. Und dann sagt der eine zum anderen Sätze wie „Mach was mit Hunden. Du musst was mit Hunden machen.“ Die Ahnungslosigkeit dieser Typen schreit zum Himmel und erschüttert zugleich.

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„Draculas Kutscher“, das könnte ein passender Spitzname für Tim Renner sein, den sogenannten „Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten“ in Berlin. Nur bleibt die Frage: Wer ist dann Dracula? Chris Dercon oder doch der Regierende Bürgermeister Michael „wie heißt der nochmal“ Müller.

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„Draculas Kutscher“ ist jedenfalls der Spitzname für Juan Alberto Belloch. Der war Mitte der 90er Jahre zuerst Justiz- und dann in Personalunion Innenminister in Spanien, der mächtigste Minister in der sozialdemokratischen Regierung von Felipe Gonzalez. Er ist eine der Hauptfiguren in den spanischen Polit-Thriller „El Hombre de mil Cajas“ („Der Mann mit den tausend Gesichtern“) von Alberto Rodriguez. Dieser Minister wird gezeigt als ein schamloser Karrierist, ein Mann, der klug genug ist, nie irgendwelche Papiere anzufassen. Er sagt immer nur: „Summarize!“

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Der Film beginnt mit einem Insert: „This is a true story. Like all true stories, it contains a few lies. This is the story of a liar.“

Eine so oder so wahnwitzige Geschichte. In deren Zentrum Francisco „Paco“ Paesa steht, ein Waffenhändler, der in den 80ern für den spanischen Geheimdienst arbeitete. Die hätten ihn mal besser korrekt bezahlt, denn als das nicht geschieht, rächt er sich. Er hilft dem korrupten Ex-Guardia-Civil-Offizier Luis Roldan, der auch Kronzeuge im Verfahren um die illegale versteckte (Antiterror-)Regierungseinheit GAL war, unterzutauchen und außer Landes zu gehen. Später dann hat Paco Roldan in Absprache mit ihm an Spanien ausgeliefert, für 300 Millionen und Immunität – aber erst nachdem er ihn um sein Vermögen von 1,5 Milliarden erleichtert hat. Draculas Kutscher verkündete dann in der Presse: „Wir haben nie irgendeinen Deal gemacht.“ Was er nicht wusste: Paco hatte auch die Regierung ausgetrickst, und ein paar Tage später musste Superminister Belloch dann als zweites Minister-Opfer von Paco, nach Innenminister Antonio Assuncion, zurücktreten.

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Ich werde alt. Ich nehme im Kino die Zeiten ohne Handy und Computer und Internet und mit richtigen Autos, nicht so Auto-Scooter-Schüsseln aus Plastik, als Gegenwart wahr.

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Ein schöner Film, schön altmodisch. Ein bisschen wie eine gute John-LeCarre-Verfilmung: Männer in Anzügen. Männer mit Trenchcoats. Männer mit Zigaretten. Männer in Autos. Richtigen Autos, wie gesagt. Schöne alte Mercedes-Limousinen. Große Teile spielen in Paris, in Montparnasse.

Eine Komödie der Korruption und des Alltagszynismus, die naseweise hübsche Sätze enthält, wie „Nobody said, getting rich was cheap“, oder „What is the safest place in France? The Israelian Embassy“. Oder „Dein Land ist das Geld.“ Oder der Dialog: „Warum kann Spanien nicht so eine Demokratie sein, wie Frankreich, England und Deutschland?“ – „Weil es hier so viele Spanier gibt.“

Roldan allerdings wirkt in dieser latenten Komödienstimmung zu sympathisch, zu niedlich. Man vergisst, dass dies ein Mann ohne Scham war, ohne Anstand und so richtig wird auch nie klar, wo der Mann eigentlich das viele Geld her hat.

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Paco selbst täuschte nach der ganzen Angelegenheit seinen Tod vor, wohl auch, um der Rache der Regierung zu entgehen, der offenbar in Spanien alles zuzutrauen ist. Die meisten seiner Mitwisser wurden ermordet. 2004 tauchte Paco dann aus dem Reich der Toten wieder auf. Bis heute lebt er von den Millionen im schönen Paris. Wie gesagt: Eine wahnwitzige Geschichte.

Rüdiger Suchsland

Über den Wolken

Phasen, Schmerzen und das Lied vom Tod – San Sebastian-Tagebuch_2016_01

„Ich veröffentliche, das heißt, ich versuche die Bedingung, in der ich mich befinde, zu ändern. Ich tue es mit vielen Zweifeln und viel Vorsicht. Zugleich ist dieses Publizieren meine einzige Rechtfertigung vor den anderen und vor mir selbst. Es ist auch meine Hoffnung, nicht umsonst gelebt zu haben.“

(Vilem Flusser)

San Sebastian ist ein schönes und gutes, oft großartiges Festival. Mehr noch aber: Es ist eine sehr schöne und großartige Stadt. Darum fahre ich seit vielen Jahren gern hierher. Der Hauptwettbewerb ist anständig, und qualitativ viel besser, als der von Locarno, das ja als Festival nur in Deutschland gern derart in den Himmel gehoben wird. Im zweiten Wettbewerb kann man immer was entdecken, und man begegnet ein paar Filmemachern, die man später in den Wettbewerben von Cannes und Venedig wiedertrifft. Allein Grund genug hierherzufahren, sind die Retrospektiven. Früher waren es drei, seit ein paar Jahren sind es nur noch zwei, aber das reicht ja. Eine vollständige Autorenretro; die ist in diesem Jahr Jacques Becker gewidmet – mal sehen. Ich kenne von ihm nur einen Film, weiß dass er einen guten Ruf hat, von der Nouvelle Vague aber auch nicht übermäßig geschätzt wurde, jedenfalls weniger als andere. Die zweite Retro ist eine thematische Schau. In diesem Jahr geht es unter der Überschrift „The Act of Killing“ um „Gewalt im Kino“. Da läuft sehr viel, 32 Filme, alle recht neu, auch sehr viel Erwartbares, aber doch ein paar Sachen, die ich schon immer mal sehen wollte.

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Früh am Freitagmorgen, die Stadt war noch im Halbdunkel, ging es los. Zu früh aufgestanden, noch früher aufgewacht. Das fängt ja schon wieder gut an. Fahrt nach Tegel. Im Flieger vor mir ein älteres Paar. Sie liest „emotion“, er „Spiegel Geschichte“:“Die wilden sechziger Jahre“ – das ist seine Jugend, denke ich. Ich erhasche die Schlagzeile: „Wir glauben an das Kino“. Bei ihr kann ich lesen: „Eine neue Energie war da. sie wußte jetzt wer sie ist. Setze Dich gegen die Angst durch, sonst ist es zu spät.“

Wahrscheinlich ist das immer so, bei jeder Lektüre. Es geht um Selbstbestätigung.

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Ich habe mir keine Zeitung gekauft. Im Gepäck unter anderem von Ilse Aichinger: „Film und Verhängnis“. Eine Autobiographie in Form einer persönlichen Filmgeschichte; sehr empfehlenswert. Ein Buch, das ich schon mal vor 15 Jahren oder so, zwar sehr gern gelesen, aber auch nur quergelesen habe, für eine Rezension. Dass ich eigentlich schon vor ein paar Monaten hätte lesen wollen. Für „Hitlers Hollywood“ kommt es nun zu spät.

Erstmal schöne Sätze wie der hier: „Der Nachmittag brach an, die bessere Tageszeit.“

Dann aber auch, sehr schnell, Doppelbödiges: „Auch an dem Tag, an dem der zweite Weltkrieg begann, war ich im Kino.“ Oder „Es war gefährlich nach der Wochenschau und ihren Siegesmeldungen zu kommen, nicht nur für diejenigen, denen es ohnehin nicht erlaubt war, ein Kino zu betreten.“

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Ilse Aichinger erzählt auch von ihrer „Ingmar Bergman-Phase“. Stimmt, so etwas hatte ich auch: Visconti-Phase. Bertulucci-Phase. Truffaut-Phase. Greenaway-Phase. Die Wenders-Phase war eher eine Pflichtübung, weil ich dachte, das muss man gucken und muss es auch gut finden, wenn man „von Kino was versteht“; wenn man ein Kulturmensch sein will. Wollte ich „ein Kulturmensch sein“?  Jetzt, wo ich das hinschreibe, zweifle ich dran. Später meine Film-Noir-Phase. Meine Hongkong-Phase. Überhaupt Asien.

Eine Godard-Phase hatte ich nie, auch keine Antonioni-Phase, und doch gehören beide zu den Filmemachern, die mir am meisten bedeuten. Ich überlege, ob ich heute noch „eine Phase“ habe. Wann ich zuletzt so „eine Phase“ hatte? Asien und Frankreich bedeuten mir sehr viel. Älteres italienisches Kino, das neue aber gar nicht. Dann eher Lateinamerikaner. Alte Filme, vor allem aus den 30er, 40er, 50er Jahren immer mehr. Darum finde ich Retrospektiven wie die in San Sebastian immer interessanter. Als die Filmschule, die ich nie hatte.

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Meine Berliner Schule-Phase ist inzwischen vorbei, komplett, ich merke, wie gelangweilt ich inzwischen bin, beim Gedanken an die meisten dieser Filme. Die Angst vor Aussagen und gesellschaftspolitischen Positionen. Botschaften solle man mit der Post verschicken, war aus dieser Gruppe schon vor zehn Jahren zu hören. Das ist in jeder Hinsicht Blödsinn. Davon abgesehen: Wer verschickt heute denn noch was mit der Post?

Für mich ist Christian Petzold einer der Fixsterne am deutschen Kinohimmel. So wie Til Schweiger. Und wie Dominik Graf. Fixsterne helfen der Orientierung. An ihnen kann man sich ausrichten, weil man sich auf sie verlassen kann. Wer sich mit dem deutschen Kino der Gegenwart auseinandersetzt, kann jedenfalls diese drei nicht ignorieren. Wer wäre da noch zu nennen? Oskar Roehler und Fatih Akin vielleicht noch. Die Filme von Dominik Graf mag ich. Die von Til Schweiger nicht. Die von Christian Petzold sind verlässlich. Man kann sich ihnen anvertrauen.

Vielleicht wird Maren Ade bald auch so ein Fixstern. Jenseits dieses „Wir-sind-Toni-Erdmann“-Hypes, haben ihre Filme etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares, eine große Qualität. Sie repräsentieren etwas von dem Deutschland in dem wir leben. Darum müsste es gehen.

Heute Abend bekommt sie in San Sebastian den Preis der Internationalen Filmkritik, den „Prix fipresci“ für dfen besten Film des Jahres. Über 400 Filmkritiker haben abgestimmt, zuerst unter allen Filmen des Jahres, dann unter den drei meistgenannten. Ich war auch für „Toni Erdmann“.

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Flug über die Pyrenäen. Irgendwo da unten ist das Grab Walter Benjamins.

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Als Aichinger auf Sergio Leones berühmtesten Film “ C’era una volta il West“ zu sprechen kommt, denke ich auf einmal: Dass ausgerechnet die Deutschen dem Film den neuen Titel „Spiel mir das Lied vom Tod“ gaben. Die hatten es gerade nötig.

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Kurz darauf, der Sinkflug hat gerade begonnen, völlig unvermittelt ein stechender Schmerz im Kopf, vorne rechts. Genau so, wie mir das schon öfters andere erzählt haben: „Wie wenn jemand mit einer spitzen Nadel reingestochen hat.“ Oder wie ein Wespenstich. Aber das kann ja nicht sein in 10.000 Meter Höhe. Das rechte Auge tränt, wenn ich Stirn oder Kopfhaut berühre, tut’s noch mehr weh. Kurzer Gedanke: Ein Schlaganfall, wie mein Vater. Aber dann wäre es schlimmer. Eine Gesichtsrose. Vielleicht bekomme ich jetzt in meinem Alter plötzlich Migräne? Oder ein gerissener Muskel, ein gerissener Nerv? Angeschwollen ist nichts. Allmählich alles nach. Aber den ganzen Tag habe ganz leichte Lähmungen auf der rechten Stirnseite.

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Stopover in Madrid. Erstmal auf die Toilette, Blicke in den Spiegel, nichts zu sehen, kaltes Wasser macht auch nichts besser oder schlechter. Im Café treffe ich dann Janine Jackowski, die Produzentin von Maren Ade. Sie fliegt an deren Stelle zur Preisverleihung, weil das Kind der Regisseurin gestern krank geworden ist. Nicht ganz zu vergleichen, aber ich erinnere mich, dass Caroline Link seinerzeit nicht zur Oscarverleihung geflogen war – da war auch die Tochter krank. Familie geht vor, auch das ist eine eher neue und wie mir vorkommt besonders deutsche Entwicklung. Nicht jede Filmemacherin anderer Länder hätte genauso entschieden.

Janine bleibt dann auch noch nicht mal bis zum Empfang von German Films am Sonntag. „Zuviel zu tun“, sagt sie, obwohl sie noch nie hier war, und schon so viel von der Schönheit der Stadt und des Festivals gehört hat. Das ist mir schon öfters aufgefallen: Dass Filmemacher die Festivals nie genießen, genießen können. Dabei ist das und die Gespräche wie Zufallsbegegnungen mit dem Publikum doch der Sinn des Ganzen.

Mit Janine spreche ich ein bisschen über den auch für sie erstaunlichen Erfolg des Films. Und die vielen, die sich jetzt drauf setzen wollen, die es natürlich schon immer gewusst haben. Mir gehts eher so, dass mich der Erfolg für diese Regisseurin und diese Produzentin und ihre Firma freut. Aber ich habe Sympathie für die, die den Film vorher nicht einschätzen konnten. Wie soll man das auch ahnen? Hätte mir auch passieren können.

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Nach Ankunft dann die üblichen Dinge, die am ersten Tag noch zu erledigen sind: Zimmer beziehen, Akkreditierung und Kataloge holen – es gibt hier außer dem recht nutzlosen Hauptkatalog ein sehr nützliches Buch für jede Retro -, und dann noch das fahrrad. wie in Venedig ist man auch hier mit dem Fahrrad am besten unterwegs.

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Dann der Eröffnungsfilm. Die Französin Emmanuelle Bercot erzählt in „La Fille de Brest“ von einer Ärztin, die allein gegen alle, und ein bisschen wie Julia Roberts in „Erin  Brokovich“ gegen das Gesundheitssystem kämpft, und einen Skandal aufdeckt, der Menschenleben kostet. Nach zwei Stunden dachte ich, das dies ein sehr durchschnittlicher Film sei, aber da waren erst 40 Minuten vorbei. Langatmig und irgendwie armselig – wie man mit so etwas eröffnen kann, ist mir schleierhaft, denn es ist gar keine Frage, dass hier noch viel bessere Filme laufen werden. Die Regisseurin hat sich nicht getraut, einen unspektakulären Film zu drehen, und daher alles mit untauglichen Mitteln und Pseudospannung aufgepeppt. Das geht ja los.

Rüdiger Suchsland

Darlings, Hype und Ephemeres

Venedig_2016_12: Warum nur? Warum Lav Diaz? Das Weltkino tritt zur Zeit auf der Stelle

„What I recognize accross all eight movies, was lack of compromise, imagination, original vision, daring…“ Originell, gewagt, kompromisslos – für ihn sei dies der beste Film gewesen, sagte Jurypräsident Sam Mendes auf der Abschlusspressekonferenz in Venedig, und meinte damit nicht etwa den Sieger, sondern Tom Fords Wettbewerbeitrag „Nocturnal Animals“, der einen der beiden Jurypreise bekommen hatte. Ein kleiner Affront, der ebenso wie die Teilung des Preises für die beste Regie zwischen den sehr ungleichen Filmemachern Amat Escalante aus Mexiko und Andreij Konchalowsky aus Rußland Bände sprach.

Offenbar war die Jury in diesem Jahr sehr gespalten in ihrem Geschmack und zwischen Künstleregos wie Laurie Anderson, Joshua Oppenheimer und eben Sam Mendes, der am Ende der Preisverleihung den Hauptpreis verkündete: „The Golden Lion for best film, goes to „The Woman who left“ by Love Diaz.“

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Es ist schon seltsam und auch ein bisschen absurd: Nach zwölf Tagen eines außerordentlich vielfältigen Wettbewerbs, mit Filmen, die die Grenzen zwischen Genre- und Autorenkino mehr als einmal durchbrochen haben, die in vielen Fällen zumindest versuchten, neues Terrain fürs Kino zu erschließen, gewinnt ausgerechnet der Film, der mit am deutlichsten für klassisches Autorenkino steht: Mit einfachsten Mitteln, zum Teil mit Laien gedreht und in Schwarzweiß. Aus den Filmen im Wettbewerb stach „The Woman who Left“ vom philippinischen Regisseur Lav Diaz vor allem durch eines heraus: Seine Länge von fast vier Stunden.

Dagegen, die brave Ordnung des Kinobetriebs ein bisschen durcheinanderzuwirbeln, ist nichts zu sagen. Und ein Opernbesuch dauert ja oft viel länger. Man fragt sich allerdings, was das Werk des Phillipinos eigentlich so großartig macht, dass seine Filme zur Zeit auf nahezu jedem größeren Festival auftauchen, und dort auch noch Hauptpreise gewinnen: In den letzten zwei Jahren in Locarno, bei der Berlinale und nun der Goldene Löwe in Venedig.

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Denn auch „The Woman who Left“ steht vor allem Simplizität in jeder Hinsicht, beiläufig und aus der Hüfte gefilmt, nicht besonders poetisch, sondern vor allem „Arte Povera“ die dem internationalen Autorenkino und dem Industriefilm Hollywoods und seinem Glamourbetrieb eine lange Nase dreht. Aber Lav Diaz kann sich zur Zeit eben alles leisten, er ist der neueste Darling der internationalen Autorenfilmszene, die offenbar gerade von sich selber derart gelangweilt ist, dass die Provokation um ihrer selbst willen schon ausreicht, um Erfolg zu haben.

Warum nur? Warum Lav Diaz? Am Nachmittag war ich mit meiner türkischen Freundin und Kollegin Nil auf der Architekturbiennale gewesen. Da gibt es einen tollen Raum zur „ephemeren Architektur“, deswegen fällt mir jetzt dieses Wort ein: Lav Diaz macht ephemere Filme, Filme die schon wieder verschwinden, wenn man sie gerade erst gesehen hat. In der Vorstellung, die ich gesehen habe, sind die Hälfte der Kollegen in der ersten Stunde von fast vier Stunden rausgegangen. Nicht aus prinzipiellem Desinteresse. Sondern weil man das alles schon kennt und es nicht wirklich spannend ist. Weil es einschläfernde Filme sind. Einer der Hauptgründe für den Lav-Diaz-Hype der letzten Jahre ist der, dass kaum einer diese Filme gesehen hat.

Dieser Film wird auch mit einem Goldenen Löwen nicht ins Kino kommen. Aber so funktioniert eben der Hype, den es natürlich auch in der Kunstszene nicht weniger gibt, wie anderenorts.

Ist wirklich noch mehr dahinter? Allein die Menge der Filme, die dieser Regisseur derzeit Jahr für Jahr in die Welt wirft, und ihre jeweilge Länge – unter dreieinhalb Stunden geht nämlich für diesen Regisseur gar nichts -, spricht schon dafür, dass hier einer gar nicht mit übermäßig viel handwerklicher Sorgfalt oder intellektuellem Aufwand arbeiten kann – es muss also wohl ein Genie vom philippinischen Himmel gefallen sein.

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Zumindest in einer Hinsicht repräsentierte „The Woman who Left“ aber genau den Trend des diesjähtigen Venedig-Jahrgangs: Die Hinwendung zu historischen Themen, die fast ein bisschen eine Flucht des Kinos vor der Stellungnahme zur Gegenwart wirkt.

„The Woman who Left“ spielt nämlich im Jahr 1997 und interessiert sich vor allem für die Tode von Prinzessin Diana und von Mutter Theresa und eine Kidnapperserie in Manila – und die Frage, wie dies die Hauptfiguren hier mitnimmt.

Aktuell brennendere Stoffe, die nicht in vergangenen Zeiten, sondern direkt in der Gegenwart spielen, gab es im Wettbewerb wenig. Am ehesten noch im Erwachsenenmärchen „La Region Salvaje“ des Mexikaners Amat Escalante. Nicht einfach „ein Märchen“, sondern ein sehr sinnliches Märchen. Und im Film der in den USA lebenden Iranerin Ana Lily Amirpour, die eine dystopische Kannibalenliebesgeschichte erzählt, auf die sich zu wenige der professionellen Festivalbesucher einlassen wollten – der Jurypreis hierfür eine gleichwohl sehr verdiente Auszeichnung.

Diese Filme versöhnen nicht, sondern spalten das Publikum.

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Der Trend zum Historischen ist, so interessant das im Einzelnen sein mag, als Gesamttrend besorgniserregend. Warum muss man, wenn man über politisches Charisma redet, eigentlich über Kennedy reden? Und dann noch über Jackie?

Man könnte auch über Obama einen Film machen, oder über Putin – aber die kann natürlich nicht Nathalie Portman spielen.

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Hinter allem Preisverteilen, Freude und Ärger und nicht zuletzt hinter der jungmädchenhaften Begeisterung der meist nicht mehr ganz jungen weiblichen Fans von Lav Diaz belegt der diesjährige Wettbewerb wie schon der von Cannes (der der Berlinale sowieso) vor allem eines: Sie wissen es nicht! Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Das Weltkino tritt auf der Stelle, der alte Autorenfilm regrediert (Kusturica! Wenders!!), der junge tritt auf der Stelle und variiert ein paar ausgeleierte Stilmittel. Die besten unter ihnen finden Mischformen wie Amirpour und Escalante, oder ersticken alle Kritik durch Virtuosität und betäuben den Zuschauer durch handwerkliche Perfektion – wie man, ganz ehrlich jetzt, François Ozons Film beschreiben muss, der sehr gescheit ist und gut gemacht, aber auch letztlich nichts bringt, und genausogut auch nicht existieren könnte.

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Hanns-Georg Rodek hat dazu einen interessanten Text in der „Welt“ geschrieben. Entscheidender Absatz: „Die Auswahl bezeugte profunde Ratlosigkeit, möglicherweise nicht die des Festivaldirektors Alberto Barbera (dessen Vertrag bis 2020 verlängert wurde), sondern einer ganzen Branche. Seit der Jahrhundertwende sind Geschäftsmodelle zerstört, Kundengewohnheiten umgepolt, Techniken revolutioniert worden, und Venezia 73 fühlte sich wie eine Versammlung der Weitermacher an, ohne Vision, ohne Mut.“

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Bleibt noch eines anzumerken: Kein einziger Preis für irgendeinen italienischen Film.

Rüdiger Suchsland

Frühstücksreis und abends Preis

Venedig_2016_11: Eine gespaltene Jury vergibt die Preise bei der „Mostra Internazionale di Cinema“ – Gedanken während der Preisverleihung

Man soll halt nicht so negativ denken. Die Juryergebnisse waren dann alles in allem zwar nicht super, aber erfreulicher, als von mir zuvor befürchtet (und erwartet).

Gerade der Anfang der Preisverleihung am Samstagabend verlangte aber starke Nerven: Der Portugiese, der den Schauspielerpreis in der Orrizonti-Sektion bekam, sabbelte geschlagene zehn Minuten über das Leben der armen Portugiesen, und den bösen Euro – mag alles stimmen, gehört hier aber nicht hin und bringt der Sache auch nichts.

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Diesen Film hatte ich nicht gesehen. Sehr wohl aber den spanischen Film „Tarde para la Ira“, für den die Hauptdarstellerin den Preis bekam. Das hat mich gefreut, weil der Film – eine Kriminalstory um einen Bankräuber, der nach acht Jahren aus dem Gefängnis kommt, und von einem Mann als Geisel genommen wird, der gute Gründe hat, sich zu rächen – weil dieser Film einer der unterhaltsamsten und handwerklich besten im diesjährigen Festival war. Kleiner Schönheitsfehler: Das ist ein richtiger Männerfilm, in dem auch die weibliche Hauptrolle eigentlich nur eine Nebenrolle ist. Dafür redete die Dame dann auch gefühlte zehn Minuten, und unser unvergleichlicher Freund Ugo Brusaporco, schimpfte laut: „Impossibile, impossibile.“ Das ging ja schon mal gut los.

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Dann gab es den Orrizonti-Spezialpreis der Jury, und den bekam Reha Erdem für „Big Big World“, der am Tag zuvor auch den „Bisato de Oro“ gewonnen hatte, den Ugo und seine Freunde – also glücklicherweise auch ich – bereits am Freitag Tag zuvor vergeben hatten. Im Film sucht ein Geschwisterpaar vor der Welt in einem Wald Zuflucht – lakonisch und sehr effektiv erzählt, dabei berückend und poetisch geht es um die Freiheit und ihre Grenzen. Reha sagte einfach „Merci beaucoup!“ und ging von der Bühne. Applaus im Saal für die kurze Rede, er hätte auch sagen können: Schluss mit dem Gelaber!

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Und weiter: Preis für Beste Regie im „Orrizonti“ an das großartige belgische Generationsdrama „Home“ – super! Über den Film hatte ich bereits ausführlich geschrieben. Der beste Film war laut der Jury „Libera mi“, ein italienischer Dokumentarfilm über Exorzisten in Sizilien, den ich dann am Abend noch nachgeholt habe. Unglaubliche, ungesehene Bilder aus dem Sizilien der Gegenwart! in den nächsten Tagen schreibe ich was drüber.

Kurz gesagt: Die Preise trafen genau die Richtigen. Fast. Denn auch dem argentinischen „Kékszakállú“ von Gastón Solnicki hätten wir noch etwas gewünscht.

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Dann die Wettbewerbsjury: Gleich der allererste Preis, Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin, ging an Paula Beer. Nachdem Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ allgemein durchgefallen war, gab es damit doch noch einen Preis für eine Deutsche: Die zwanzigjährige Beer bekam ihn sehr verdient für ihre Hauptrolle in François Ozons „Frantz“, einer deutsch-französischen Liebesgeschichte über den Gräbern des Ersten Weltkriegs – vor Freude brach sie noch auf der Bühne in Tränen aus. Danach dankte sie dann – gut sie war gerührt – nicht etwa dem Regisseur oder der Jury, sondern ihrer Casting-Agentin und ihrem Coach und ihren Agenten – und das ist dann leider wieder so typisch deutsch im schlechten Sinne. Komischerweise dankt nie ein Schauspieler aus Frankreich oder Italien oder irgendeinem anderen Land Casting-Agenten und Schauspielcoachs. Aber so ist das halt bei uns… Sagt ja auch was über die hiesige Filmszene.

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Mit dem „Special Jury Award“ an Ana Lily Amirpour hätte ich nie gerechnet. Amirpour ist halt deine coole Frau, und darum sagte sie dann so schnoddrig wie schon am Dienstag bei der Pressekonferenz: „I guess that’s it, thank you, find a dream.“ Auch das sagt fast alles. Mir ist’s sympathischer.

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Als der Preis fürs Beste Drehbuch dann an Larraíns „Jackie“ ging, wusste man, dass einer der Favoriten bereits aus dem Feld geschlagen war: Denn in Venedig kann jeder Film nur einen Preis bekommen. Gut so, dachte ich, als dann Larraíns Bruder mit dem altkatholischen Namen Juan De Dios Larraín auf der Bühne stand und arg glatt daherredete.

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Die Schauspielpreise „Copa Volpi“ ließen dann weitere Hauptpreiskandidaten purzeln: Oscar Martinez hielt eine Rede, die man nach einem Film wie „El Ciudadano Illustre“, der sich über Reden bei Kulturereignnissen lustig macht, eigentlich nicht mehr halten kann. War aber lustig. Und er hat vier Töchter, denen er namentlich einzeln dankte. Emma Stone für „La La Land“ war nur per Videobotschaft (noch nicht einmal live) vertreten, wie zuvor schon der Drehbuchautor von „Jackie“. Es reißt allmählich ein, dass alle Amis nur noch über Video da sind. So könnte man auch ein ganzes Festival veranstalten, und wir schauen dann von zuhause zwei Wochen lang Streams. Man sollte es so machen, dass nur die noch einen Preis kriegen, wenn sie auch kommen. Das würde manche Entscheidungen erleichtern.

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Dann der Regiepreis. Geteilt! Auch noch zwischen Amat Escalante und Andreij Konchalowsky. Größer konnten die Unterschiede nicht sein. Konchalowsky redet auf Italienisch vom „grande patria russia“, die so viel geopfert hat. Oh je!

Und dann der Goldene Löwe für Lav Diaz. Jubel und Buhs im Saal. Oh je oh je…

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Am vorletzten Abend habe ich übrigens etwas Lustiges erfahren. Lav Diaz mag offenbar keine Hotels, darum hat er sich mit seiner Entourage ein paar Zimmer gemietet, in einer Wohnung, die während des Festivals komplett vermietet wird. Sie liegt im ersten Stock, direkt über der „Bar Maleti“ in der wir jeden Abend irgendwann sitzen. So kommt Kees, einer der angeblich drei Holländer, die in Venedig sind, zu der Erfahrung, zusammen mit Lav Diaz zu wohnen.

Kees erzählt, dass der Meister sehr früh aufsteht, vielleicht Jet-Lag-bedingt, und dass ihm seine Assistentinnen morgens zum Frühstück Reis kochen.

Rüdiger Suchsland

Wer gewinnt den Goldenen Löwen?

Venedig_2016_10: Viel Geschichte, wenig Gegenwart; wer sollte gewinnen und wer wird es? – eine vorläufige Bilanz vor der Preisverleihung beim Filmfestival in Venedig

Nathalie Portman, seit ihrer Kindheit und dem Film „Leon der Profi“ ein Hollywood-Star, ist in Venedig nicht nur als Jacqueline Kennedy zu sehen, und eine Favoritin auf den Schauspielpreis an diesem Wochenende (wir berichteten). Portman spielt auch in einem zweiten Venedig-Film die Hauptrolle, der von der Macht der Bilder erzählt: „Planetarium“ der dritte Spielfilm der im Prinzip großartigen, auch persönlich sehr geschätzten Französin Rebecca Zlotowski, erzählt, frei im Umgang mit Details, aber im Kern nahe an der historischen Wahrheit, eine vollkommenen vergessene Episode der französischen Kinogeschichte in den 30er Jahren und der berühmten Pathé-Studios im Schatten von Antisemitismus und Faschismus. In diesem flirrenden Epochenportrait spielt Portman eine Amerikanerin, die in Paris gemeinsam mit ihrer Schwester als Medium in Varietés auftritt – und vom Film angeworben wird. Ein faszinierender Einblick in die Welt vor dem Zweiten Weltkrieg.

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paradise

Diese Welt spielt – als Erinnerung an glücklichere Zeiten – auch eine Rolle in „Paradise“ vom 79-jährigen Russen Andrei Konchalowsky. Dieser von vielen hier, vor allem Italienern und Russen allzu erwartbar abgefeierte, aus meiner Sicht extrem fragwürdige Film erzählt von einer Handvoll Menschen im Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen einem adeligen SS-Führer (Christian Clauss) und einer russischen Prinzessin (Julya Vysotskaya), die aus dem französischen Exil in einem deutschen Vernichtungslager landet. Es ist nicht Liebe, eher eine sado-masochistische Abhängigkeit zwischen beiden, die in den sicheren Untergang führt, und hart am Rand der Geschmacklosigkeit entlangleitet, diesen Rand mehr als einmal überschreitet. Vom Faschismus als Verführungsmaschine zu erzählen, ist immer riskant, aber unbedingt den Versuch wert. Nur ist das den Italienern Visconti („Die Verdammten“), Pasolini („Saló“), Cavani („Nachtportier“) und Wertmüller „Die sieben Schönheiten“) schon vor Jahrzehnten um einiges besser gelungen. Denn Konchalowsky schwankt unentschieden zwischen Annäherung an die Erfahrungen seiner Figuren und Distanzierung. Auch mischt sein episodisch gehaltener Film viel zu viele Themen krude durcheinander: Russisches Exil nach 1917, Resistance, Adel in Deutschland, Völkermord, Lageralltag, Korruption im Krieg – sogar esoterische Erfahrungen wie das Gefühl einer „dämonischen Präsenz im Raum“, als eine Hauptfigur zur Audienz bei Himmler geladen ist. Schließlich wirken seine farblosen, in digitalem Grau in Grau gehaltenen Bilder seltsam aseptisch und distanzieren zusätzlich.

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Geschichte und „bedeutende“ Themen ziehen immer. So ist Konchalowsky – wie auch der Chilene Pablo Larraín mit „Jackie“ über die Kennedy-Witwe – einer der Favoriten bei der Preisverleihung am heutigen Abend. Zu denen gehört auch der Franzose Stephane Brizé, dessen schüchterne Maupassant-Verfilmung zwar eine recht zähe Angelegenheit ist, die so vor sich hin mäandert, und alles ausgespart, was die Erzählung vom unglücklichen Leben einer Landadeligen im frühen 19. Jahrhundert interessant macht – und sich leider gerade in diesem Nicht-Zeigen gefällt.

Diese Filme scheinen gute Jury-Kompromisse zu sein, zumal Entscheidungen in Venedig selten radikal sind, und in der diesjährigen Jury mit Sam Mendes, Laurie Anderson und Joshua Oppenheimer Amerika dominiert, und Vertreter experimenteller Mischformen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion. Aber auch die Deutsche Nina Hoss und ihre französische Kollegin Chiara Mastroianni entscheiden mit über den Goldenen Löwen.

Von dieser Jury erwarte ich nicht viel Gutes. Aber man kann sich ja täuschen. Vielleicht muss der Venezuelaner Lorenzo Vigas, der letztes Jahr gewann, ja heute Abend seine Schulden an Mexiko zurückzahlen…

Am Ende weiß man sowieso nie vorher, was in so einer Jury passiert,

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Insofern: Was sollte passieren? Mein persönlicher Goldener Löwe geht an Amat Escalante für „La Region Salvaje“, der „Große Jurypreis“ Ana Lily Amirpour für ihre US-Dystopie „The Bad Batch“, die nur den einen Fehler hat, dass sie sich zu ernst nimmt. Und der Regiepreis an François Ozon.

Und was wird passieren? Worst Case wäre ein Goldener Löwe an Larraín. Zweitschlechte Lösung an Konchalowsky, drittschlechteste an Brizé. Ich persönlich glaube, dass Brizé gewinnt, oder Larraín, dem ich aber noch eher den Regiepreis zutrauen.

Einziger echter Trost: Preise sind sowieso überschätzt. Richtig gute Filme brauchen sie nicht, vor der Filmgeschichte setzen sie sich oft durch. Und schlechten Filmen können sie auch nicht helfen. Deswegen wäre jeder Preis für Larrain schlecht: Weil dieser Film noch der beste ist, und dann das Volk glaubt, das tauge wirklich etwas.

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Überhaupt quoll der Wettbewerb zumindest gefühlt gerade zum Schluss von Historischem über: Brizé, Konchalowsky, Larraín, Ozon, Lav Diaz.

Aktuell brennendere Stoffe, die nicht in vergangenen Zeiten, sondern direkt in der Gegenwart spielen, gab es im Wettbewerb wenig. Am ehesten noch im heiter-melancholischen „Ein illustrer Bürger“ aus Argentinien über einen Nobelpreisträger, der sein Heimatdorf besucht. Ansonsten war die Jetztzeit vor allem metaphorisch präsent: In humanistischer Science-Fiction wie „Arrival“ von Denis Villeneuve, im Erwachsenenmärchen „La Region Salvaje“ des Mexikaners Amat Escalante. Doch diese Filme versöhnen nicht, sondern spalten das Publikum – schwer zu glauben, dass sich eine Jury auf sie einigen kann. Oder gewinnt doch das Musical „La La Land“, das den Reigen vor elf Tagen eröffnete?

Über alle Preise hinweg werden Escalantes Märchen, Villeneuves poetische Spekulation, und Ana Lily Amirpours apokalyptische Love-Story „The Bad Batch“ diejenigen Filme sein, die im Gedächtnis bleiben von einem Jahrgang voller Vielfalt, aber ohne die ganz großen Meisterwerke, ebenso wie über echte Schwachpunkte.

Rüdiger Suchsland

Das deutsche „Vertigo“

Venedig_2016_09: Ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte: „Opfergang“ – das umstrittene Melodram des NS-Regisseurs Veit Harlan war in der Mostra erstmals seit Jahren und frischrestauriert wieder auf der Leinwand zu sehen.

„Die Sonne sinkt. Nicht lang dürstest Du noch verbranntes Herz. Verheißung ist in der Luft. Aus unbekannten Mündern blästs mich an. Die große Kühle kommt.“ – „Sehr schön“ – „Ja, sehr schön.“

(Dialogpassage aus „Opfergang“, die erste Zeile ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche)

Eine blonde Frau im weißen Badeanzug. Sie sitzt auf einem Schimmel und reitet ohne Sattel im vollen Galopp auf dem Strand einer Meeresküste entlang. Zu stürmischer Musik, die diese Bewegung noch anzuheizen, zu beschleunigen scheint. In der Hand hält sie Pfeil und Bogen, sie zielt und schießt einen Pfeil ins Schwarze einer Zielscheibe. dann macht sie kehrt und wiederholt das Kunststück, die Musik setzt nicht aus. Danach reitet sie mit ihrem Pferd durch die Brandungswellen ins Meer hinein, durch den Wellenkamm. Der Kamerawinkel wechselt und filmt die Reiterin von Halboben. Man sieht, dass das Pferd ein paar Augenblicke lang die Bodenhaftung verloren hat, schwimmt…

opfergang

Ein anderes Bild zeigt das Gesicht der gleichen Frau später im Liegen. Überblendet wird ihr Gesicht mit dem eines herrschaftlichen schmiedeeisernen Gartentores, hinter dem ein Mann auf einem ruhig stehenden Pferd sitzt; er scheint zu grüßen mit einer merkwürdig steifen, mechanisch wirkenden Bewegung seines linken Armes. Dann verschwindet der Mann, das Tor öffnet sich wie von Geisterhand und ein Sonnenaufgang über einer Meeresküste wird sichtbar. Die Musik dazu ist diffus, sphärisch, und verstärkt den phantastischen Eindruck der Szene, die nicht aus dieser Welt zu stammen scheint…

Auch die Meeresküste sehen wir noch einmal: Zwei Reiter, der gleiche Mann, und eine andere blonde Frau, reiten im ruhigen Schritttempo nebeneinander her. Sie tragen Reitkleidung und Handschuhe, die Frau wirft einen blutrote Rose auf den Strand. Sekunden später umspielt die Brandung die Rose, einmal, zweimal,. dann spült sie sie ins Meer…

Ikonische Bilder des deutschen Kinos. Unbekannt den meisten, vergessen auch von vielen, die sie mal sahen. Aber im Unterbewussten dieses Kinos, seiner Filmemacher und seines Publikums möglicherweise weiter und stärker wirkend, als man glauben und wahrhaben möchte. Bilder von „großen Gefühlen“, wenn auch fragwürdigen und vielleicht nur behaupteten; Dokumente eines Kinos des Exzess‘, in dem auch die Bilder immer wieder ein paar Augenblicke lang die Bodenhaftung verlieren. Kino als Taumel, als Stimme aus dem Reich des Unbewußten, ein „deutsches „Vertigo“.

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Wer kennt diesen Film? Er gilt als einer der wichtigsten und allerbesten deutschen Spielfilme des 20. Jahrhunderts. Auf der Liste der 100 besten Filme aller Zeiten setzte ihn der „Spiegel“ vor 20 Jahren auf Platz sechs. Das war ein Akt offener Frivolität, des Camp und der Provokation, erst recht, wenn man nachliest, wer da offenbar an einem schönen feuchtfröhlichen Abend, diese Liste zusammengestellt hat. Objektiv Unsinn, war die diese Provokation offenbar nötig, hat aber trotzdem nicht gefruchtet.

Jetzt erst, 21 Jahre später wurde Veit Harlans „Opfergang“ aus dem Jahr 1944 beim Filmfestival von Venedig in restaurierter Fassung wieder aufgeführt. Kurz nach der Uraufführung bei den jetzigen Filmfestspielen wird er auch wieder im Kino gesehen werden können, und bei Concorde auf DVD/BlueRay erscheinen.

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Es ist hier jetzt nicht der Ort und nicht der Zeitpunkt, über unseren Umgang mit dem NS-Kino, über berechtigte und unberechtigte Vorbehalte und über bezeichnende Verdrängung zu reden. Aber die Aufführung in Venedig kann zumindest dafür als Signal genommen werden, dass international ein wenigstens historisches Interesse daran besteht, dass das NS-Kino sichtbar bleibt, oder wieder wird, dass man es nicht in irgendwelchen Archivkellern vergammeln lässt, oder gar in „Giftschränken“ verschließt, sondern zugänglich macht, historisch-kritische DVD-Fassungen herstellt.

Bezeichnend war auch, dass zur Vorführung in Venedig fast nur die üblichen Verdächtigen kamen, historisch interessierte und über den Tellerrand des Tagesgeschäfts hinausblickende Kollegen wie Ellen Wietstock, Daniel Kothenschulte und Hans Georg Rodek, der meines Wissens der einzige war, der seinerzeit Irene von Meyendorff, die vergleichsweise unbekannte Dritte in dieser Dreiecksgeschichte, mit einem Nachruf würdigte.

Die übrigen Redakteure und die Kollegen vom Radiofeuilleton habe ich nicht entdeckt. Leider keine große Überraschung.

Rüdiger Suchsland

(Mehr zu diesem Film wie zu seiner Restauration in den nächsten Wochen bei artechock).

Im Traumreich der Sinne

Venedig_2016_08: Reha Erdems berückender „Big Big World“ in Venedig ist nicht ganz von dieser Welt

„Könnten hier Wölfe sein?“ „Gibt es hier Schlangen?“ fragt die Schwester. Nein, sagt der Bruder. Tatsächlich sehen wir gleich darauf, wie eine Antwort auf die Frage, eine Schlange, die sich durch das Schilf schlängelt. Tiere spielen eine zentrale Rolle in diesem Film. Eine Schildkröte am Ufer. Reiher über dem Wasser. Ein Fisch im Fluß. Amseln und Drosseln, auch mal ein Habicht über den Bäumen. Käfer und Insekten auf den Pflanzenhalmen, Ameisen in der Erde, eine Spinne im Moos. Ein weißer Ziegenbock, der regelmäßig in völlig unvermuteten Augenblicken zwischen den Bäumen auftaucht. Der ganze Wald ist belebt: Es zirpt und quakt, raschelt und knackt. Und immer wieder mal ist auch die Schlange zu sehen.

world

Eine seltsam unschuldige Landschaft, dabei keineswegs ein Paradies, aber sehr faszinierend: Hinter der Provinzstadt in den Bergen des weiteren Umlands von Istanbul liegt sie. Von Schilf umgeben, gibt es dahinter einen Fluß, der sich gelegentlich zu einem See erweitert, und dahinter einen tiefen Wald. Ein Ort irgendwie fernab der Welt, trotzdem nicht von ihr unberührt.

Hierin haben sie sich zurückgezogen Zuhal und Ali, die sich selbst Mi-Mi und Kum-Kum nennen. Ein Bruder und eine Schwester. Zwei Waisen. Hänsel und Gretel, die gingen in den Wald…

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„Papa!“ ist das erste Wort des Films. Es wird auch das letzte sein. Wir sehen Ali, irgendwo in den Vorstädten von Istanbul lebt der Jüngling ein tristes Leben. Er arbeitet in einer Motorwerkstatt, die zweite Szene zeigt, dass er wenig Geld hat, bald darauf verstehen wir: Sein Motorbike ist sein ein und alles, und er hat ein Händchen für Motoren. Er versucht seine Schwester Zuhal zu erreichen, die lebt bei einer Familie, und die will Ali nicht zu ihr lassen. Als am nächsten Tag Alis Chef etwas von einer „Imam-Heirat“ erzählt, verstehen wir mit ihm: Auch die Schwester soll zur Zweitfrau eines viel älteren Mannes werden, hilflos, quasi eine Gefangene. Waisen sind gefügige, hilflose Objekte in der türkischen Gesellschaft. Ali wird das nicht zulassen, er will und wird sie retten. Mit einem Messer sticht er seinen Weg gegen jeden Widerstand frei, ein in seiner Beiläufigkeit wahnsinniger Akt, befreit die Schwester. Beide fahren auf dem Motorbike davon, zusammen in die Freiheit, da ist der Film noch keine 15 Minuten alt.

Ein cooler packender Anfang für einen lakonischen Film, der ungemein effektiv erzählt ist.

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Wow! Gerade als ich in meinen letzten Venedig-Kommentaren ein bisschen miesepetrig zu werden drohte, kommt dann so etwas! „We’ll find a place. It’s a big big world.“ sagt er. Dann gehen sie in den Wald. Wir wissen nicht wie er auf diesen Ort kommt, das spielt auch alles gar keine Rolle. Wichtig ist der Augenblick, das Dasein dieser beiden Menschen in der Natur und das Zusammenspiel des Paradiesischen mit dem Konkreten, des Symbolischen mit dem Realen, des Beiläufigen mit dem Konsequenten.

Alles hat zwei Ebenen. Natürlich könnten die Schlangen mehreres bedeuten. Darin, in der Beiläufigkeit des Erhabenen, und der Verbundenheit von Natur und Mensch erinnert „Big Big World“ an große Vorbilder: Wir müssen hier an Terrence Malick und sein „Badlands“ denken, aber auch an „Au Voleur“ von Sara Leonor, und Christophe Ruggias „Les Diables“.

Die Story eskaliert: Ali verdient Geld, geht zum Jahrmarkt, sieht dort Aytul, eine singende blonde Lolita, geht zu einer Prostuituierten, die ihn bestiehlt. Zuhal wird gelegentlich schlecht. Ist sie schwanger? Sie schläft auch mal halb im Wasser liegt, zwischen Nebelschwaden, sie isst immer diese roten Beeren, die bestimmt nicht gut für sie sind. Ein Selbstzerstörungs- und Todestrieb.Zuhal ist ganz klar traumatisiert. Der Film macht auch ganz subtil dieses ganze Sexualität-Unschuld-Geschwisterliebe-Ding auf – Eros und Zivilisation.

Wir wissen, von der Kamera, dass sie beobachtet werden. Aber von wem? Vom Ziegenbock und dem Wild? Von der wirren Alten, die sich im Wald herumtreibt, von einem Geisteskranken, der auch da irgendwo ist?

Irgendwann bricht der Wahnsinn aus, und am Ende können wir nicht sicher sein, ob er wieder eingefangen ist.

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Berückend und poetisch geht es um die Freiheit und ihre Grenzen. Der Film gewann den „Bisato“, den Preis der unabhängigen Filmkritik für die beste Regie.

Einmal mehr ist es Reha Erdem („Bes Vakit“, „Hayat Var“, „Jin“) gelungen, und zu überraschen. Nicht zm ersten Mal folgt er in seinem Film den Wegen junger Menschen und bringt eine Erfahrung auf die Leinwand, die gleichzeitig unbedingt realistisch ist, und märchenhaft, voller Poesie und Zärtlichkeit. Eine Liebesgeschichte in deren Zentrum eine universale Liebe steht: Die für die Freiheit.

Erdems Stil ist musikalisch, visuell, er hat einen großartigen Sinn für Timing und Tempo, und findet Bilder, die man nicht wieder vergessen kann.

Rüdiger Suchsland

Die 3 Dimensionen des 3-D-Films

Venedig_2016_07: Wenn das Weiß kein Weiß mehr ist – 3-D-Filme von Wenders und Dominik.

Filmkritik ist auch die Kunst, sich selbst beim Sehen zuzuschauen. Selten habe ich das so bewusst getan, wie den beiden 3-D-Filmen im offiziellen Venedig-Programm, Wim Wenders Handke-Verfilmung „Die schönen Tage von Aranjuez“ und insbesondere „One More Time With Feeling“ von Andrew Dominik.

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Dominik, ein Australier in Hollywood, ist der Regisseur von „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ (2007), und „Killing them Softly“ (2012), einer, der sich viel Zeit nimmt, sich scheinbar überaus gründlich mit seinen Themen befasst. Bei seinem neuen Film handelt es sich um einen Dokumentarfilm über den Musiker Nick Cave. Als Dokumentarfilm ist das Ganze auch recht geglückt. Was natürlich vor allem an Cave liegt. Der macht exzellente Musik, die in vielen Sessions gezeigt wird, und sagt dazwischen kluge oder interessante Sachen: „I just don’t believe in the narration any more.I just don’t think, life is a story. I try to do a fractured narrative.“ Und weiter „Most of us din’t want to change. Why should we? What we do most is sort of modifications of the design-model. But what happens, when an event occurrs?“ Das passt gut zu der Frage, „Was ist Kunst?“, die sich ein wenig durch viele Venedig-Filme zieht. Cave bezweifelt „the functionary role of accidents in art.“ Was etwas Magisches passiert, habe das nichts mit Wissen zu tun.

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Untergründig geht es im Film sehr stark um den Unfall-Tod von Caves Sohn Arthur, darum, wie die Familie damit umgeht. Vieles bleibt aber unausgesprochen, zu vieles. Denn wenn man einfach nicht weiß, dass Caves Sohn gestorben ist – und es gibt solche Menschen – dann wird man es aus dem Film erst nach 70 Minuten raunender Andeutungen von „Abgrund“, „Trauma“, „Dunkelheit“, „Schmerz“ und ähnlichem erfahren. Zu lange schleicht Dominik um den heißen Brei herum. Für Musikfans ist dies aber trotzdem eine sehenswerte Erfahrung.

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Aber 3-D. Zu den klugen Sachen, die Cave sagt, gehört auch dieser Satz: „This ridiculous 3-D-Kamera. So this is just a directorial tactic to get us all pissed off.“ Das einzige Mal, als es Szenen-Applaus im Saal gab.

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Wie gesagt: Filmkritik ist auch die Kunst, sich selbst beim Sehen zuzuschauen. Also schaut doch bitte mal endlich hin, Leute! 3-D! 3-D sind nicht drei Dimensionen. Sondern es sind zwei Flächen, zwei 2-D-Filmebenen, die nach mathematischem Prinzip asynchron gerechnet werden, um den Eindruck des Dreidimensionalen zu erzeugen. Zwei Bilder überlagern sich, aber nicht wie eine Überblendung.

Die Behauptung, dies habe irgendetwas mit unseren Sehgewohnheiten zu tun, ist pure Ideologie. Ideologie, um uns eine Technik zu verkaufen. Und um uns unsere vorhandenen Sehgewohnheiten madig zu machen, sie zu delegitimieren, sie in Frage zu stellen.

Auch eine Beobachtung: Das Weiß ist kein Weiß mehr. Entweder ist es ein gleißendes Hellgelb, als ob es sich um eine Überbelichtung handelte. Oder es ist ein helles Grau. Genauso wie das Schwarz immer ein dunkles Grau bleibt. Das Gegenteil des Schwarzweiß von Giglio Pontecorvo in dessen „Battle of Algiers“, den man hier sehen konnte, das auch unscharf ist, oder in dem die Kontraste einfach verschwinden.

Ist es eigentlich noch nie jemand aufgefallen: Die Untertitel machen die Leinwand zum Aquarium. Sie sitzen immer vorne am Bild, und machen jene „vierte Wand“ sichtbar, mehr noch: spürbar, die man 110 Jahre versuchte, vergessen zu lassen.

Nächste Beobachtung: Das Licht bei 3-D ist überhaupt nicht unter Kontrolle. Lichtpunkte schwirren im Raum, immer wieder, vollkommen unmotiviert. Ein Beispiel: Einmal spiegelt sich im Film das Licht auf dem Glas eines Bilderrahmens. Die 3-D-Kamera begreift das nicht, sondern hält das Licht für einen Körper. So steht nun das gleiche Licht plötzlich im Raum quasi vor dem Bilderrahmen. Dann spiegelt sich auch noch in der Brille das Saal-Licht von der Notbeleuchtung und die Reflexion des Filmlichts im Saal.

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Es gibt drei mögliche Arten, einen 3-D-Film anzusehen. Alle verraten einem etwas über den Film und über 3-D. Man kann ihn erstens konventionell mit 3-D-Brille gucken. Das Resultat ist in jedem Fall scharfer than life. Zweitens kann man ihn ohne Brille sehen. Längst nicht alles ist unscharf, aber alles ist heller. Plötzlich gut beleuchtet, und wieder leuchtend. Die dritte Möglichkeit, einen 3-Film zu sehen, ist: Mit Brille, aber immer einem zugehaltenen Auge. Da hat man einen grauschleirigen Film, der am ehesten dem 2-D Filmerlebnis entspricht.

Was für ein Schwachsinn!

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Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass man eine Brille aufsetzen muss, wenn man ins Kino geht. Aber erst recht erstaunlich, was gute Regisseure alles in Kauf nehmen, Die Mühe, die Cave in seine Musik verwendet, verwendet der Film nicht in die Bilder.

Dass ausgerechnet so einer wie Wenders nun diesen 3-D-Fimmel hat, überhaupt diesen Technik-Fetischismus, werde ich nie verstehen: Einer, der kommt von einem Verständnis des Kinos als direkten, bodenständigen Erlebnisses, beiläufig, alltäglich, nah an den Menschen, Straßenkunst wie Straßenmusik – und nun mitten im Kunst-Jetset; Kino als bürgerliche Hochkultur. Bäh, Pfui.

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Bei Wenders‘ neuem Film setzt man die Brillen auf, und dann gleich wieder ab. Denn im feuchten Klima von Venedig beschlägt die Brille. Danach dann Unschärfen und Flimmern – es stimmt eben etwas nicht.

Was 3-D vor allem mit dem Kino macht: es nimmt das Leuchten raus. Man merkt es, wenn man die Brille mal absetzt – was man bei Wenders gut kann, denn dieser Film ist eh nur ein Hörbuch. Richtig unscharf sind da nur die Untertitel. Der Vordergrund ist nur ganz leicht verzerrt, der Rest aber ist flirrend, vibrierend, und es sieht gleich besser aus. Wie Impressionismus.

3-D wird zur Farce – aber das ist keine ironische Geste von Wenders. Nimmt man die Brille ab, sieht man Seurat und Manet – da wird es visuelle Kunst. Der Vordergrund ist nur ganz leicht verzerrt, der Rest aber ist flirrend, vibrierend, und es sieht gleich besser aus.

Rüdiger Suchsland