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Verweile doch Augenblick…

 

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Gefangen in einer Zeitschleife ist die weibliche Figur in „Cronofobia“ von Francesco Rizzi. Ein mysteriöser Mann, den man zunächst für einen Stalker hält, eine nicht weniger mysteriöse Frau, die unterdrückte Wut und Nichtakzeptanz ausstrahlt, ihre Wege kreuzen sich nicht zufällig und der Grund für das Zusammentreffen ist auch nicht unschuldig, ganz im Gegenteil. Ein langsamer Film, in dem die Figuren sich in einem merkwürdigen Tanz aus schlechtem Gewissen und Ausnutzung bewegen, um dann ebenso langsam auseinander zu driften, der eine vielleicht befreit von seinem schlechten Gewissen, die andere möglicherweise befreit aus ihrer Zeitschleife. Eine Geschichte von Zeit und Identität und von Augenblicken, die nicht verweilen sollten.

Nach einem amoklaufenden Arbeiter, einem Schüler mit seltsamen telephonier Präferenzen, jetzt also Joel Basman als Motti Wolkenbruch in „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Michael Steiner. Motti aus einem traditionell jüdischen Elternhaus, der sich den Film lang müht seinen Weg im Leben zu finden. Er wandelt sich vom fleissigen Studenten, mit stereotypisch hängenden Schultern, zum T-Shirt tragenden Rebellen, der mit seiner nicht jüdischen Kommilitonin ins Bett geht, nachdem er in Israel von einer dunkelhaarigen Schönheit entjungfert wurde. Der Film, wenn gleich durchaus nett, bedient einfach alle Stereotypen, die man sich zu dem Thema ausdenken kann, und ist dennoch nur die Geschichte eines Erwachsenwerdens. Schade auch, dass die eigentlich gute Idee, den Protagonisten aus der Situation heraus sich direkt an Zuschauer zu wenden, nicht durchgehalten wird, damit wäre etwas mehr Selbstreflexion und auch Tempo in die Geschichte gekommen.

 

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Ganz zum Schluss dann der wirklich innovativste, radikalste und avantgardistischste Film des Festivals: „Das Höllentor von Zürich“ Cyrill Oberholzer. Der Film spielt mit Kameraeffekten, Fehlfarben, und Computerbildern, die Bildausschnitte, Perspektiven und Schnittfolgen sind von Danny Boyds „127hours“ 1:1übernommen, und auch die Situation des Feststeckens, allein und in aussichtsloser Lage entspricht dem Original. Bloss dass alles von Anfang an in rauschhaftem Wahnsinn daherkommt, und eine junge Frau mit einem Finger im Abfluss ihrer Badewanne stecken bleibt, statt in einer Felsspalte. Daraus wird eine Art Trip, der in seiner Bildstruktur und Bildgestaltung eine grandiose Übersetzung der psychedelischen Filme der 60ger und 70 Jahre ist, aber eben mit den visuellen Spielereien, die heute machbar und (aus)denkbar sind. Eine echte Entdeckung, ein gelungener, anstrengender Film auf den man sich einlassen muss. Der Film soll demnächst frei im Internet verfügbar sein.

Der Prix de Soleure ging an den schönen Film „Immer und ewig“ von Fanny Bräuning, der Publikumspreis an „Gateways to New York“ von Martin Witz, der Dokumentarfilm erzählt vom Schweizer Architekten Othmar H. Amman, der 1904 nach Amerika ausgewandert ist, und dort ein Revolutionär der Baukunst wurde.

 

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Insgesamt bot die diesjährige Ausgabe der Filmtage eine solide Auswahl, auch wenn wenig wirklich herausragend war. Es bleiben die Dokumentarfilme deutlich stärker als die Spielfilme und wie in allen eher kleinen Filmländern sind gerade im Spielbereich die Koproduktionen extrem wichtig. Das Festival sollte dringend an den Tonanlagen der diversen Spielstätten arbeiten, weil topfig-dünn klingender Ton, oder leichte Echos in Dialogpassagen sind nicht nur unangenehm, sie sind auch extrem unfair oder respektlos gegenüber der Arbeit, die in der Tonbearbeitung steckt.

 

 

 

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Die Festival Direktorin Seraina Rohrer war zufrieden mit den diesjährigen Zuschauerzahlen, die 55. Ausgabe findet vom 22. bis 29. Januar 2020 statt.

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Das Ich und der Rest der Welt – vom Erinnern

 

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Und dann ist über Nacht der Schnee gekommen, erst zart und hübsch und dann nass und dicht, die Hoffnung auf Sonne von der Leinwand wird erstmal nicht erfüllt.

Gens du Lac“ von Jean Marie Straub, muss man das mögen? Ein Text vorgelesen, wie für ein Diktat in der Grundschule, überdeutlich, ohne Rhythmus, dazu statische Bilder, oder gar nur eine schwarze Leinwand, um kurz nach neun am Morgen ist das schwer zu mögen. „La séparation des traces“ von Francis Reusser, taucht ein in Vergangenes, holt die persönliche Lebens-und Filmgeschichte hervor, anhand von Filmausschnitten, dazu Bildern einer Reise zurück, durchs Heute, ein bisschen melancholisch, ziemlich eitle, kokettierend mit dem Verfall und der eigenen Wichtigkeit; kann man mögen, oder auch einfach nur hinnehmen, als ein Film, der anderen vielleicht etwas bedeutet.

 

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Ein wichtiger, ein toller Film, einer, der sich Zeit nimmt, ein Problem zu zeigen, zu betrachten, zu analysieren und auch ins Gewissen zu reden: „Eldorado“ von Markus Imhoof. Seine persönliche Geschichte mit dem Flüchtlingsmädchen Giovanna, das seine Eltern während des 2. Weltkriegs aufnahmen, und die, der Krieg kaum vorbei, ins zerstörte Italien zurückgeschickt werden musste, umrahmt Imhoofs Betrachtung zu heutige Fluchtgeschichten. Er dreht auf einem Boot der italienischen Marine, das Flüchtlinge aus dem Mittelmeer fischt, verarztet, erstversorgt, und doch nichts weiter tun kann. Zeigt wie illegale Flüchtlinge in Italien in mafiösen Strukturen versklavt werden, wie ihre unterbezahlte Arbeit letztlich in ihren Heimatländern für noch mehr Fluchtgründe sorgen. Erzählt von Flüchtlingen, die in der Altenpflege arbeiten, aber zurück müssen, ohne Asylstatus, während an Robotern gearbeitet wird, die in der Pflege den Mangel an Helfern ausgleichen sollen. Sachlich und organisiert zeigt er das alles, in Bildern die Zeugnis ablegen, die auch dann schöne, gute Bilder sind, wenn man fast nicht hinschauen möchte. Ein grosser Kinodokumentarfilm, der sein Thema von allen Seiten zeigt, und doch auch einen persönlichen roten Faden behält. Imhoff bekam dafür letzte Woche den Bayerischen Filmpreis.

Film als Ausdrucksmittel für Privates, für Geschichten, die jeder mit sich herumträgt, auch dies eine Art gemeinsamer Nenner in diesem Jahr. Auch „Les sœrs“ von Peter Entell spricht von Privatem, davon, wie sich zwei Schwestern Jahrzehnte nachdem sie durch Adoption getrennt wurden, wiederfinden. Eine Geschichte direkt vor seiner Kamera, ist doch die eine Schwester die Kindheitsfreundin seiner Frau. Die Geschichte ist berührend, als Zuschauer fühlt man sich den drei Frauen Nahe, trotzdem ist der Film bildlich,filmisch, eine Enttäuschung, das ist schade.

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Mit kleinem Budget und ohne weitere Förderung hat Hans Kaufman „Der Büezer“ realisiert. Die Geschichte eines lieben Kerls, der eigentlich nur gern ein bisschen mehr Geld und eine nette Freundin hätte. Aber auf dem Bau, wo er als Installateur arbeitet herrscht ein rauher, sexistischer Umgangston, beim Versuch eines Dates per Tinder verschwindet die Dame, nachdem sie gehört hat, dass er nur ein einfacher Arbeiter ist. Eine junge Frau, die er zufällig trifft, entpuppt sich als Mitglied einer religiösen Gruppe, und der Väterliche Freund als Zuhälter minderjähriger Migrantinnen. Nach der Verzweiflung folgt die Wut, und die bricht sich in bester Taxi Driver Manier ihren Weg. Spannend ist das vor allem wegen des Spiels von Joel Basman, der von zart, schüchtern und zurückhaltend zum „Tier“ mutiert, um dann in eine Art leuchtende Ruhe zurückzufinden. Und nach der Vorstellung animierte er dann noch den gesamten Saal, dem Regisseur ein Geburtstagslied zu singen.

 

Verwandeln und Verändern

Wer hat bloss erfunden, Dokumentarfilme, besonders welche mit Naturaufnahmen, mit Monumentalmusik zu übergiessen, wie eine Torte mit Zuckerguss? Ein grosser Teil der Freude an Christian Freis „Genesis 2.0“ geht in solcher Musik unter. Dabei hat der Film alles, um sogar komplett ohne Musik auszukommen, grossartige Aufnahmen im sibirischen Polarmeer, bei der Beobachtung der Mammutstosszahnjäger, Landschaft, Gesichter, Details, alles ein echte Augenweide. Parallel dazu erzählte er von von Hochtechnologie und Molekularbiologie und Forschung. Verbunden sind beide Ebenen durch den Fund eines intakten Mammuts vor einigen Jahren, und dem daraus resultierenden Wunsch, das Mammut in der Petrischale neu zu erschaffen. Eine archaische, lebensfeindliche Welt, und eine ethisch nicht immer verantwortungsvolle Welt, da die Suche nach dem Auskommen der Nordsibirischen Jäger, hier das grosse Geld in Koreanischen, Chinesischen aber auch Amerikanischen Labors. Schlecht möchte einem werden, wenn die Chinesische PR Dame stolz erklärt, dass durch die Recherchen in ihrem Labor, die Geburten von Kindern mit Down Syndrom verhindert werden können, aber auch das Missverhältnis zwischen dem Verdienst der Stosszahnjäger und dem Preis für aus diesem Elfenbein erzeugten Objekten ist haarsträuben. Arbeit 2.0 und Wirtschaft 2.0 gehorchen mehr denn je nur der Gewinnmaximierung. Wäre alles toll, wenn dieses furchtbare Musiksosse nicht wäre!.

 

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Vier Damen, zwischen Mitte 60 und Mitte 70, aktiv, lebensbejahend, aber entweder geschieden oder verwitwet, das sind die Protagonistinnen in „Les Dames“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Alle sind sie auf die eine oder andere Art in einer Aufbruchphase, auf der Suche nach dem was das Leben noch zu bieten hat, nicht gewillt sich auf den Schrotthaufen zwischenmenschlicher Beziehungen werfen zu lassen. Im Verlauf des Films werden sie auf verschiedenste Art fündig, die eine macht Frieden mit sich, die andere findet eine Liebe ungeahnter Qualität, alle sind am Ende ein Stück weiter in der immerwährenden Entwicklung des Ichs gekommen; das ist schön zu beobachten.

Von einem extrem gestörtem und verstörendem Mutter-Tochter Verhältnis erzählt „Sashinka“ von Kristina Wagenbauer. Die Mutter säuft und spielt, und kompensiert den Mangel in ihrer Beziehung zur Tochter mit überbordender und künstlicher Fröhlichkeit, die Tochter hat wohl schon lange versucht sich fern der Mutter ein eigenes Leben zu schaffen, versteckt aber in einer massiven Essstörung die dysfunktionale Beziehung. In den 24 Stunden, die der Film zeigt schaukeln sich Emotionen, Ablehnung und Zuneigung hoch um gleich wieder tief zu fallen, und man schätzt sich glücklich keine solche Familie zu haben. Toll gespielt von beiden Darstellerinnen.

In „Zauberer“ von Sebastian Brauneis sind eigentlich alle Figuren komplett gestört, die Geschichte verbindet lose diverse Personen, ihre Schicksale kreuzen sich, oder laufen, zumindest kurzzeitig, im selben geographischen Raum parallel. Der Film ist extrem künstlich, überspitzt mit eigentümlich hohl klingendem Ton (was eventuell an der Vorführung liegen könnte) und teils unterschwellig, teils offensichtlich grausam und brutal, insgesamt ein eher wirrer Film, den einige Zuschauer auch während der Vorstellung verlassen haben.

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Noch ein Festivaltag, schwer zu sagen welcher Film wirklich preiswürdig ist, zumal  für den Prix de Soleure zum Beispiel nur 9 Filme nominiert sind.

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Wie die Zeit (ver)geht

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In diesem Jahr funktioniert die Filmtage App, mit der man seine Filme für den kommenden Tag reservieren kann, gut, allerdings sollte man dafür pünktlich um 8:30 starten, denn spätesten um neun, sind viele der Spätnachmittag-und Abendfilme bereits ausgebucht. Da macht es dann weiter nichts, in die Frühvorstellungen zu gehen. Das morgendliche Kurzfilmprogramm ist schon relativ gut besucht, und bietet thematisch gemischtes Allerlei. Immer wieder Thema: alte Freunde, Jugendfreundschaften, die sich ins weitere Leben ziehen, und dann doch nicht mehr so ideal und frei funktionieren. In „love a little“ von Beatrice Minger brechen drei Freunde auf, einen nicht näher benannten Schatz auszugraben, den sie als Teenager verbuddelt hatten. Aus der einstigen Leichtigkeit sind komplexe, ballastbeladene Strukturen geworden. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Vergangenes vielleicht besser begraben bleibt. Das ganze ist hübsch gedreht, aber etwas geschwätzig. In „Krähen schiessen“ von Christie Hürzeler gibt es eine Bildebene, in der Krähen in einem winterlichen Park umherfliegen, und einen narrative Ebene, in der es um nie sichtbare Menschen in diesem Park geht, interessant und experimentell vor allem die oft verrückten Aufnahmen der Vögel und eine wilde Geräuschspur. Nichts für Vogelphobiker. Dunkle Räume, eine melancholische Stimmung und viel nackte Männerkörper in „Tendresse“ von Maxime Rappaz. Ein junger Mann in einem Sexclub, er scheint zum ersten Mal dort zu sein, schleicht zunächst scheu durch die Dunkelheit, und taut langsam auf; die titelgebenden Zärtlichkeit ist allgegenwärtig. Zauberhaft die beiden jungen Männer in „La Visite“ von Alice Fargier, sie stromern durch ein Museum für wissenschaftlich-technische Spielereien, singen, spielen, und erzählen im Off von sich, vom anderen, von ihre Freundschaft, und warum „behindert“ ihrer Ansicht nach, keine gültige Beschreibung ihres Seins ist.

Für das Mittagsprogramm ist es schon schwierig einen Platz zu finden, und dass fast gleichzeitig zwei weitere Filme in den Sälen nebenan anfangen, macht das Gewusel komplett. Eine kleine Bulldogge und drei durchgeknallte Kleindealer, die durch neuen Vertriebswegen mit weniger Risiko mehr Geld machen wollen. “Tomatic“ von Christophe M. Saber ist genauso schräg wie die Geschäftsmodelle, die den Dreien vorschweben. Haschisch in Schokoautomaten, Ecstasy in Kondommaschinen, und die Dealer verkaufen „nur“ das dafür benötigte Münzgeld gegen grosse Scheine. Selbstverständlich funktionieren die Pläne nicht, aber das Scheitern ist sensationell.

Nicole Foelster interviewt in „Eigentlich vergangen“ von 1997 bis 2017 ihre Grossmutter, die nach dem Krieg, als sogenannte Spätaussiedler, aus dem Osten geflüchtet ist. Eine nette alte Dame, ein wenig eigensinnig, Schicht für Schicht entpackt sich dennoch ihre Geschichte, und die hat durchaus Schattenseiten. Die Bildauswahl, aus qualitativ sehr verschiedenem Material, mit Brüchen und Fehlbildern, ergibt auch künstlerisch eine spannende Spurensuche.

Lamaland (Teil1)“ von Pablo Sigg, eine Allegorie auf das Vergehen, Zeit die fliesst indem sie stillsteht. Zwei uralte, schmutzstarrende Zwillingsbrüder, im paraguayischen Dschungel, die Reste dessen was von Nietzsches Schwester und ihrer Idee von einer Arischen Kolonie übriggeblieben ist. Leben und Tod scheinen dort einfach zwei Daseinsformen zu sein, gleichwertig, gleich wahrscheinlich,gleichgültig. Wie in Zeitlupe schleichen sie durch ihre Tage, während drumherum das Grün und der Schmutz wuchern.

Me dasht‘ Me dasht‘ Me dasht’“ von Ilir Hasanaj, was so viel wie: „wollen, brauchen, lieben“ heisst, bezeichnet recht umfassend das Projekt einer gemischt Kosovarisch- Schweizerischen Künstler Gruppe, die eine Performance zum Thema „was glaubt ihr“ plant. Eine Entdeckungsreise von Zürich nach Prishtina und über Belgrad zurück nach Zürich, bei der die sehr jungen Künstler nicht nur ihren Ausdruck finden müssen, sonder sich auch mit sich und ihren Lieben konfrontiert sehen. Und dann ist da noch der Bruder des Regisseurs, der weder mit Kunst noch mit sich etwas zu tun haben will, aber dennoch die Reise mitmacht, und gegen seine eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Ein dokumentarisches, interkulturelles Roadmovie, eine Spurensuche zu möglichen Wurzeln und Kunst im Wandel.

Der soweit persönlichste Film ist “Immer und Ewig“ von Fanny Bräuning. Schon früh erkrankte ihre Mutter an MS, mittlerweile ist sie seit vielen Jahren komplett auf Hilfe angewiesen und vom Hals abwärts gelähmt. Für den Film begibt sich die Regisseurin mit ihren Eltern auf eine Reise im behindertengerechten Campingbus durch Griechenland. Für den Vater kam und kommt es nicht in Frage, seine Frau in ein Heim abzuschieben, wie er das nennt, und so kümmert er sich, auf eine ganz eigene, manchmal fast freche Art um sie. Der Film schafft es, eine Ehe, eine Liebe und ein Familienleben in aller Normalität zu zeigen, auch wenn sich einige Gespräche auch darum drehen, wie es alles anders hätte sein können, oder sein könnte. Kein Film, der Mitleid heischt, sondern der zeigt wie diese Familie in genau dieser Situation funktioniert und sich entwickelt, mit Aufs und Abs. Das restlos ausverkaufte Kino gab minutenlangen Beifall.

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Festivalwermutstropfen: nach 22:30 werden die Bürgersteige in Solothurn hochgeklappt, die Bars der Kinos habe während der Abendvorstellung dicht gemacht, die Restaurants schmeissen die letzten Gäste raus, und nur einige Bars, in denen es entsprechend voll und laut ist, bieten noch Zuflucht.

 

 

 

 

 

Dimensionen

Auch der Sonntagmorgen bietet eher den Anblick einer verschlafenen Kleinstadt, denn eines vor Filmschaffenden brummenden Treffpunkts; die Kinos sind allerdings gut besucht.

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Sinn und Unsinn von 3D Kino zu diskutieren ist vermutlich müssig, der 3D Film „Womb“ des Choreographen Gilles Jobin, ist eher ein Beispiel gegen den Gebrauch von 3D. Der experimentelle Tanzfilm, will mehr als er bietet, zwingt er doch dem Zuschauer die Perspektive aus den Sitzreihen auf, bleibt also im Theater, auch wenn immer mal wieder Füsse der Tänzer ins Publikum ragen. Da wo ein „2D“ Film durch Perspektiven und Winkel dem Zuschauerhirn das Material gibt, den Raum in seiner Ausdehnung zu sehen und damit seine Dreidimensionalität zu kreieren, beschneidet Jobin den Zuschauer, trotz 3D Technik. Der zweite Film im Programm „Project Memory Scan“ von Hans Peter Scheier ist ein grosses Vergnügen. Der Film setzt sich zusammen aus eigenen alten (und nie benutzten) Filmszenen, Photos, Schnipseln und Computereffekten, umrahmt und zusammengehalten von einer Handlung, die den Film als Science Fiction Dystopie zum Thema „Big Brother“ gestaltet. Ein Horrorszenario entwickelt sich, in dem per Injektion von Nanopartikeln und eines Serums Erinnerungen ausgelesen werden können, das ganze als Werbeclip für die Finanzierung des Projekts gestaltet. Grausam und lustig, beängstigend und nachdenklich stimmend.

Ein weiterer Film aus der Rubrik „alte Freunde“ oder „was wurde aus..?“ ist „La preuve scientifique de l’existence de Dieu“ von Frédéric Baillif. Eine Gruppe Rentner, alles ehemalige 68ger Aktivisten, findet sich erneut zusammen, um für eine Volksinitiative für ein Verbot des Waffenexports zu agieren. Obwohl ein Spielfilm, spielen echte 68er Aktivisten, ihre private Erfahrung als Basis für die neue Fiktion. Dem Regisseur gelingt es die Laiendarsteller glaubhaft in seiner Geschichte agieren zu lassen, und dabei trotzdem Anleihen in ihrer Biographie, auch in Form alter Filmaufnahmen der Gruppe, zu nehmen. In der Erzählebene mischen sich das aktuelle, 16:9 Drehformat, mit dem 4:3 Drehmaterial das von den Rentnern in der Geschichte gedreht wird, um mit einem Film für ihre Sache zu kämpfen. Zwei Realitäten ergeben ein Ganzes, das sehr frech und lustig geworden ist, ohne den Grundgedanken des Kampf gegen Waffenexporte aus den Augen zu verlieren. Immer wieder gab es schallendes Gelächter während des Films und ein Applausfeuerwerk am Ende.

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Nach dem leibhaftigen Gott, schlecht gelaunt und wohnhaft in Brüssel, nun ein depressiver Gott mit dickem Bauch, wohnhaft auf Fehmarn. In Kerstin Polte „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden“, frisch mit dem Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnet, verwirrt und entwirrt der griesgrämige „Kerl“ die Geschicke einer Familie, in der nichts wirklich gut läuft. Es gibt die (alt)kluge 11jährige, ihre alleinerziehende Mutter, die ihren Platz in der Welt immer noch sucht, den pingeligen, langweiligen Grossvater und die Grossmutter, die frisch von ihrer Alzheimer Erkrankung erfahren hat; die einen laufen davon, die anderen hinterher, und alle enden in Gottes heruntergekommener Pension auf der Insel. Dank der frisch und spontan agierender Schauspieler kommt dabei ein fröhlicher Film, mit einer Prise Tragik, heraus.

Ein eher freudloser Film ist „Zone Rouge“ von Cihan Inan. Und schon wieder treffen ehemalige Schulfreunde aufeinander; die Nacht nach ihrem 25jährigen Abiturtreffen verbringen sie im Haus einer Mitschülerin. Es wird lange 90 Minuten viel geredet, aber wenig gesagt, die Beziehungen innerhalb der Gruppe waren scheinbar schon in der Schule von Neid und Eifersucht geprägt, aber was wie wo genau, bleibt im Gerede versteckt, auch das böse Geheimnis, das sie teilen, bleibt so nebulös, wie das zweite, hinterher geworfene Geheimnis uninteressant ist. Der kalte Regen draussen hebt dann die Stimmung auch nicht mehr.

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Ideale, Idealisten, Realität und was das alles mit Kunst zu tun hat

 

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Zum 54. Mal finden sie statt, die Solothurner Filmtage, die Werkschau des Schweizer Filmschaffens, 165 kurze und lange Filme wird es in sechs Tagen zu sehen geben, Filmdebüts, Premieren, Uraufführungen, Bekanntes und Unbekanntes.

Filme, die vielleicht gegen die „Denkfaulheit, Phantasielosigkeit und die Kleinmut“, von der Bundesrat Alain Berset bei seiner Eröffnungsrede sprach, helfen können.

Filme au jeden Fall, die immer mit einer gossen Portion Idealismus auf den Weg geschickt werden, und die im malerischen Solothurn eine perfekte Kulisse finden.

 

Eröffnungsfilm «Tscharniblues II» Aron Nick, 20 Jahre nach „Tscharniblues“, der in Solothurn überraschende Erfolge feierte, geht Aron Nick, der Sohn eines der sechs Protagonisten von damals, auf die Suche nach dem was geblieben ist. Was ist passiert mit den Freunden, mit ihren Idealen, ihrer Sicht auf die Welt, wer sind sie geworden, und wollten sie das werden? Er nimmt dafür Ausschnitte aus dem 40 Jahre alten Film, und setzt die Jungs von damals, den Männern von heute gegenüber. Ein sehr ehrlicher Film über Freundschaft und das Selbstbild, aber auch über den Austausch zwischen den Generationen. Ein Film der nahegeht, weil seine Akteure sich öffnen und Einblick erlauben ins Damals und ins Heute. Dem Premierenpublikum gefiel das. Ein Festivaleinstieg, der auf Gutes hoffen lässt.

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Und gleich mit der ersten Frühvorstellung wird das Hoffen belohnt:

Der Animationsfilm „Lachfalten“ von Patricia Wenger bricht mit leichten Strich poetisch-surreal eine Lanze für die Empathie, herzerwärmend und lustig.

Subito – Das Sofortbild“ von Peter Volkart, erzählt interessant, witzig und umfassend von den Anfängen der Polaroid Photographie über deren Fall ins Vergessen und den Wiederaufstieg in unserer analogfeindlichen Welt. Wunderbare Archivaufnahmen kombiniert mit Interviews, mit Werbeclips und Bildern diverser Künstler, für die die Polaroidkamera DAS Medium war und ist, ihrer Kunst den besten Ausdruck zu verleihen. Schön und originell nicht nur auf Grund des Bildmaterial, sondern komplex und beeindruckend durch Schnitt und geniale Vertonung.

 

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In kaum einem Moment ist man so verletzlich und „nackt“, wie vor dem Spiegel beim Haare schneiden, gleichzeitig ist dieser sehr intime Moment zwischen Friseurin und Kunde oder Kundin, fast möchte man sagen traditionellerweise, auch ein Augenblick grosser Offenheit. Diese Kombination nutzt „Im Spiegel“ von Matthias Affolter, um von Obdachlosen und ihrem Leben auf der Strasse zu erzählen. Genaugenommen, sie selbst erzählen zu lassen, während ihnen die Haare geschnitten werden. Entstanden ist dabei ein Film der Persönliches offenlegt, Geschichten, die oftmals einen ähnlichen Anfang haben, eine Kindheit, die alles andere als behütet und liebevoll war. Die Obdachlosen erzählen wie und wieviel sie mögen, haben eine Stimme, während die Kamera sie auch auf der Strasse, im Wohnheim oder im Krankenhaus begleitet. Das alles geht sehr behutsam von sich, und gibt den Menschen ein Maximum an Würde, während es den Zuschauer manchmal beschämt. Im reichen Europa leben weiterhin zuviele Menschen auf der Strasse. Schöne Bilder , ein guter Erzählrhythmus, leider zu viel Musik, die der Atmosphäre nichts hinzufügt, und dadurch eher nervt als freut. Am Ende viel Beifall für den Film und noch mehr Beifall für die anwesenden Protagonisten.

Frühkindliche Traumata, dazu der Selbstmord des Bruders, und eine völlig unzureichende Fähigkeit mit emotionalem Stress umzugehen, führen im beeindruckenden „Der Läufer“ von Hannes Baumgartner zur Katastrophe. Nach einer wahren Geschichte zeichnet er die Entwicklung eines jungen Mannes vom Koch und Langläufer, mit gelegentlichen Wutausbrüchen, zum immer brutaler agierenden Handtaschendieb, der letztlich eines seiner Opfer ermordet. Es gibt eine Parallelität in der Entwicklung des braven Läufers, der immer besser wird und des brutalen Aggressors, dessen Untaten immer schlimmer werden, ein Paralleluniversum aus dem es keinen Ausweg mehr geben wird. Das sehr eindrückliche Spiel von Max Hubacher und die manchmal nervöse Kamera kreieren eine dichte, böse Atmosphäre.

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Besonders schön und erfreulich, dass vor Langfilmen unter 90 Minuten Kurzfilme gezeigt werden, so etwas würde auch in Kinos ausserhalb von Festivals sicher gut ankommen.

Schweizpremiere und am gleichen Abend Vorstellung beim Sundance hat der Kurzfilm „All Inclusive“ von Corina Schwingruber Ilić. Sie erzählt kurz, bündig und in tollen Bildern vom Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff, dokumentarisch und satirisch, wer danach noch eine Kreuzfahrt machen will, ist selber Schuld. Danach „Pearl“ von Elsa Amiel, ein Film der Details, des Glitzern und der grossen Unschärfen. Die Lebensentscheidung für die Karriere als Bodybuilderin und gegen das Leben mit ihrem Kind, auf dem engen Raum eines Luxushotels. Man kann die Geschichte kitschig finden, oder sich hineinziehen lassen, in eine fremde, irreale Welt, in der dann doch, für kurze Zeit ein Ausbrechen möglich wird, eine weitere, dritte Option. Beeindruckende Kamera, spannender Schnitt und ein ganz junger Darsteller, der mühelos die Leinwand erobert.

Auch bei den Filmtagen sind wieder einmal nur 30% Prozent der eingereichten Filme von Regisseurinnen, damit dieser Missstand sich ändert, werden die Solothurner Filmtage diese Woche die Gender-Charta des Swiss Women’s Audiovisual Network unterzeichnen, und damit eine Verpflichtung eingehen, das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Filmbranche zu beheben. Ein wichtiger und guter Vorstoss, in einem Land, dass gerne ausgelacht wird, weil es eines der letzten war, das Frauenwahlrecht anzunehmen. Man kann solchen Initiativen nur Erfolg wünschen, da es anscheinend ohne sie oder ohne „Quoten“ nicht geht.

Lachende Erben

Seismograph des deutschen Films – Notizen vom Festival Max-Ophüls-Preis 2019, Folge 1; Montag, 14.01.2019

Von Rüdiger Suchsland

„Die Stadt, in der ich geboren bin, heißt Saarbrücken, liegt an der Saar und hat im Lauf der letzten Jahrhunderte mehrere Male die Nationalität gewechselt. Die Geschichte warf sie, ähnlich wie Elsass-Lothringen, alle paar Generationen zwischen Frankreich und Deutschland hin und her, woraus sich meine etwas leichtfertige Einstellung zu nationalen und politischen Problemen erklärt.“

Max Ophüls (1902-1959) am Anfang seiner Memoiren „Spiel im Dasein“

Es wurde auch höchste Zeit. In diesem Jahr, zum 40. Jubiläum des Festivals, probieren wir mal, auch aus Saarbrücken einen täglichen Festival-Blog zu schreiben. Risky Business, denn der wichtigeren Dinge, wie der Ablenkungen gibt es genug, und in diesem Jahr noch ein paar mehr. Wie gesagt: 40 Jahre wird das Festival Max-Ophühls-Preis.

Es liegt nicht unbedingt nahe, in jeder Hinsicht. Jetzt, wenn wir das schreiben, sitzen wir noch auf dem Weg zum Festival im Zug. Von Berlin dauert die Fahrt fast sieben Stunden, darum kommt er erst Viertel nach Sieben in Saarbrücken an. Weil die Eröffnung um 19.30 Uhr losgeht, wird es nachher ganz schön hektisch werden: Mit dem Taxi ins Hotel, Koffer ins Zimmer und dann wieder mit dem Taxi auf die andere Seite der Stadt, zum Saarbrücker Cinestar, wo die Eröffnung stattfindet.

Das Hotel ist das „Leidinger“ [http://www.leidinger-saarbruecken.de/] und nicht nur das erste Haus am Platz, was in Saarbrücken etwas weniger bedeutet, als in Paris oder Moskau, aber immerhin. Hier befindet sich auch seit Urzeiten und über alle Umbauten und Verschiebungen von Rezeption und Frühstückraum hinweg, das Festivalzentrum. Vor allem ist das „Leidinger“ auch insofern das eine von mehreren Herzkammern des Festivals, weil direkt nebenan das Saarbrücker „Filmhaus“ liegt, dessen Leiter Albrecht Stuby vor 40 Jahren das Filmfestival gründete; weil hier ein paar Empfänge stattfinden, und weil hier viele andere Gäste wohnen, die man dann im Hotel beim Kaffee interviewen kann.

Als ich vor zwei Jahren von der Eröffnung nach Hause kam, hielt direkt vor mir eine ziemlich dicke dunkle Limousine. Ich konnte erst nicht sehen, wer ausstieg, aber dann stand ich hinter ihnen an der Rezeption. Es waren der damalige Justizminister Heiko Maas und Nathalia Wörner. Das war überraschend und gar nicht unsympathisch weil man in Saarbrücken offenbar auch als Minister auf Leibwächter verzichten kann.

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Das „Festival Max-Ophüls-Preis“ ist nicht nur das allererste Filmfestival des Jahres, sondern es ist auch das wichtigste Treffen der Nachwuchsfilmemacher des deutschsprachigen Kinos, also aus Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik.

Gerade in den letzten Jahren, zuerst unter der Leitung einer Doppelspitze, seit 2017 dann geleitet von Svenja Böttger ist Saarbrücken trotz kleinerer provinzpolitischer Querelen ein immer stärkeres Festival geworden. Als Ort für Entdeckungen hat es die übrige Konkurrenz hinter sich gelassen. Ja, auch das Münchner Filmfest. Denn dort gibt es zwar eine „deutsche Reihe“. In der laufen, wenn es hoch kommt, auch mal so viele Filme wie in Saarbrücken – in diesem Jahr 16 Spielfilme. Aber in Saarbrücken gibt es auch noch einen eigenen Dokumentarfilmwettbewerb. 12 dokumentarische Werke konkurrieren hier um die hochdotierten Preise. Daneben gibt es außerdem Wettbewerbe für Kurzfilme und für „mittellange“ Filme (30 bis 60 Minuten). Dies ist bestimmt ein Format über dessen Sinn man streiten kann, weil diese Filme fast nirgendwo gezeigt werden können, außer hier. Aber man muss eben auch sagen: In den letzten paar Jahren habe ich die eindrucksvollsten Filme in der Regel in dieser Sektion gesehen.

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Das Gute an diesem Festival ist gerade die unprätentiöse Atmosphäre – nein: kein roter Teppich – und die Tatsache, dass man sich hier auf Anfängerarbeiten konzentriert. Bei den kurzen und mittellangen Filmen hab ich schon öfters Filme von jemandem gesehen, der später sehr gute Langfilme gemacht hat.

Und daneben wird in der Fülle der vier Wettbewerbe, zu denen noch jene Filme kommen, die am Rande in Retrospektiven oder Nebenaufführungen laufen, und der Debatten-Panels am Vormittag, die augenblickliche Stimmungs- und Interessenslage ganz gut erkennbar, so etwas wie Zeitgeist.

Was ist der Stand des deutschen Kinos, was sind erste Themen und Tendenzen, die das Filmjahr womöglich prägen werden? Um solche Fragen zu beantworten, dafür ist Saarbrücken seit jeher ein recht verlässlicher Seismograph.

So läuft in diesem Jahr unter anderem ein Zombiehorrorfilm und der Film einer Comic-Künstlerin. Eröffnet wird heute Abend mit einer Weltpremiere des Films „Das Ende der Wahrheit“. Regisseur Philipp Leinemann ist eine der interessantesten Genrefilmregisseure Deutschlands. Sein Polizeifilm „Wir waren Könige“ verschwand 2014 zwar schnell in der Versenkung, war aber trotzdem (deshalb?) einer der besten Genrefilme der letzten Zeit.

„Das Ende der Wahrheit“ ist ein Politthriller mit Ronald Zehrfeld in der Hauptrolle. Und es geht um den BND. Vielleicht ist Heiko Maas ja heute Abend auch wieder da.

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Die Preise sind aber auch recht hoch dotiert und viele, sodass man insgesamt wenn man Glück hat auf fast 50.000 Euro Preisgeld kommen kann.

Max-Ophüls-Preis heißt das Festival, weil vor 40 Jahren, 1979, bei der genaugenommen ersten, in der offiziellen Zählung 0ten Nummer des Festivals eine Retrospektive von Ophüls gezeígt wurde, der damals gerade 20 Jahre tot war, und eben aus Saarbrücken kommt.

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In einer Filmreihe zum Jubiläum unternimmt das Festival einen Parcours durch das deutschsprachige Kino der letzten 40 Jahre, und zeigt unter anderem Christian Petzolds heute fast vergessenen Debütfilm „Pilotinnen“; oder auch „Ex“ von Mark Schlichter, bei dem 1995 unter anderem Christiane Paul, Florian Lukas, Rolf Peter Kahl und Anna Thalbach zu sehen waren – ein wilder Berlin-Film, der die Hauptstadt so zeigt, wie sie heute nicht mehr existiert: Jung und wild, im Taumel des Rausches und außer Kontrolle; ein Leben auf der Überholspur.

Dazu läuft auch ein Klassiker aus der Zeit des Aufbruchs der Schwulenbewegung: „Westler“ aus dem Jahr 1985 stammt von Wieland Speck der über ein Vierteljahrhundert die Sektion Panorama der Berlinale leitete, und damals von einer Ost-West-Liebe vor dem Mauerfall erzählte.

Saarbrücken, soviel ist sicher, ist also auch in diesem Jahr ein Festival, das sich lohnt.

Locarno 2018 Preise und Statistik

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Auf Grund der vielen Filme mit starken, originellen und facettenreichen Frauenfiguren entstand subjektiv der Eindruck, dass dieses Jahr mehr Regisseurinnen im Programm vertreten waren. Nach stupidem nachzählen ist das Ergebnis leider ernüchternd:

Im Hauptwettbewerb kommen 3 Regisseurinnen auf 15 Filme, und da ist schon ein Regie- Paar mitgezählt, bei den Cineasti del presente sieht es nur minimal besser aus: 16 Filme, 5 Regisseurinnen, das ist immer noch zu wenig. Und auch in den Jurys der beiden Wettbewerbe besteht ein Ungleichgewicht zugunsten der Männer, auch das ist schade. Es geht nicht darum um jeden Preis Frauenquoten zu erzwingen, aber wenn man auf die Statistik schaut, dann sieht das eben nicht gut aus.

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Insgesamt gab es weniger Ehrenpreise auf der Piazza Grande, was vielleicht etwas weniger glamourös aussieht, aber angenehmer ist für diejenigen Zuschauer, die vor allem wegen der Filme kommen. Auch die abendlichen Zuschauerzahlen scheinen etwas niedriger zu sein, die 8.000 wurden an keinem Abend erreicht.

Auch in diesem Jahr zerbarsten unter lautem Knacken immer wieder die höchst unbequemen Stühle auf der Piazza, ihre Reste ergaben morgens malerischen Stuhlschrott.

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Ausser einem Film, der auch erst um Mitternacht lief, gab es keine weiteren Hinweise für zarte Gemüter, die durch Filme eventuell schockiert werden konnten.

Und damit soll es dann auch genug der Statistik sein.

 

 

 

 

Die Preise

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Gleich vorneweg, die beiden Goldenen Leoparden, Hauptwettbewerb: „A Land imagined“ von YEON Siew Hua und Cineasti del presente: „Chaos“ von Sara Fattahi habe ich leider verpasst!

Die Entscheidungen, besonders der Jury für die Pardi di Domani, erscheinen schwer nachvollziehbar, das allerdings konsequent, was dann vielleicht am einfachsten unter: (Kunst) Geschmäcker sind verschieden einzustufen ist.

Der wunderschöne Film „Sibel“ hat „nur“ von den Parallel Jurys, dafür aber gleich drei Preise bekommen,unter anderem den FIPRESCI und den Preis der Jugendjury und ist damit zusammen mit Goldleopard „A Land Imagined“ der Film mit den meisten Preisen.

Das Publikum auf der Piazza Grande hat sich für Spike Lees „BlaKkKlansman“ entschieden, was Anbetracht der vielen eher seichten Komödien eine gute Wahl ist, besser wäre nur „Ruben Brandt, Collector“ gewesen, aber ein Film der erst nach Mitternacht läuft hat, glaube ich, den Publikumspreis noch nie gewonnen.

Alle Preis sind auf der Festivalseite zu finden: https://www.locarnofestival.ch

Am Schluss und zum Abschied von Carlo Chatrian wurde es dann doch noch etwas schwermütig, Festivalpräsident Marco Solari lobte Chatrian in den höchsten Tönen, während dieser aussah, als würde er sich lieber irgendwo auf der Bühne vor der grossen Leinwand verstecken wollte.

Wer die künstlerische Leitung dann übernehmen wird, ist immer noch nicht bekannt, auch wenn einige Namen kursieren, die aber reines „Kaffeesatzlesen“ sind. Sicher ist nur, die 72. Ausgabe starte am 7.August 2019.

Locarno 2018 Rituale

 

Schirme statt Fächer

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Plötzlich kommt der Regen, nicht nur Abends oder Nachts, sondern mitten am Tag, und in Sturzbächen.

Eine Regisseurin auf Strandurlaub an der mexikanischen Pazifikküste, aber nach drei Tagen wird ihr das Strandleben zu langweilig, nein, das is nicht die Geschichte die erzählt wird, sondern ihr Ursprung. Aus dieser Langeweile entstand “Fausto“ von Andrea Bussmann, gedreht in und um eine Bucht in Mexiko. Mit Goethes Faust vage im Hinterkopf und einer Reihe von seltsamen Sagen und Mythen, die sich um den Ort ranken, mischt sie reale und fiktive Geschichten, lässt sie von anderen Urlaubern in die Kamera erzählen, als hätten sie diese Geheimnisse aus grauer Vorzeit herübergerettet. Dazu ein Off- Erzähler, der der Ort selbst zu sein scheint, und Bilder deren Verfremdung auch dadurch zustande kommen, dass zunächst digital, und bei teils wenig Licht, gedreht

wurde, und dieses Material dann auf 16 mm vom Computerbildschirm abgefilmt wurde. Ein seltsames Stück Poesie ist daraus geworden, von dem man nicht behaupten kann etwas verstanden zu haben, dass aber dennoch seinen Reiz hat.

Gangbyun Hotel“ von HONG Sangsoo ist vielleicht kulturell zu weit weg um decodiert zu werden. Vielleicht ist der Film aber auch schlicht nicht jedermanns Sache. Die Schwarz-Weiss Bilder sind, jedes für sich genommen, durchaus reizvoll, aber die darin agierenden, oder besser: hauptsächlich redenden, Figuren machen es zusehends schwer dem Film wohlwollend zu folgen. Zu belanglos scheinen die Dialoge, die ein alter Dichter mit seinen Söhnen, diese untereinander, oder eine junge Frau mit einer Freundin, führen. Die Wege der beiden Gruppen, kreuzen sich mal hier, mal dort in einem sonst leeren Hotel, und am Ende gibt es einen Toten. Schwierig.

Ein fast verlassener Kibbuz im Norden Israels, drei Brüder, und die verspätete Beerdigung des Vater, das ist die Ausgangslage in „Hatzlila“ von Yona Rozenkier. Kriegstraumata, Ängste, Schuldzuweisungen und allgegenwärtig der mögliche Tod im Kampfeinsatz, und obendrauf, als wäre das alles nicht schon schwer genug zu (er)tragen, Männlichkeitsrituale. Kein Wunder also, dass es zwischen den drei ungleichen Brüdern zu immer harscheren Streitereien kommt. Und selbst die wenigen Auswege, die es gibt, müssen mühsam erkämpft werden.

Es gilt noch ein Kurzfilmprogramm nachzuliefern:

Ellen Hertzler hat ein Jahr lang alle Spammails gesammelt und macht daraus in „Hi I need to be loved“ einen extrem witzigen Film. Zunächst sieht man das Casting von Schauspielern, die einzelne Passagen aus den Spammails vorlesen, die drei Ausgewählten führen diese Spammail-Texte dann in jeweils passender Szenerie auf, mal lakonisch, mal herzzerreissend, mal obszön.

Lunar-Orbit Rendezvous“ von Mélanie Charbonneau ist eine kleine, wunderhübsche und lustige Liebesgeschichte. Ein als Astronaut verkleideter Student fährt mit der Asche seiner Mutter an einen See, eine junge Frau schliesst sich ihm an, geht auf seine absurden Geschichten von Raumfahrt und Wunscherfüllung ein. Und auch wenn am Ende der See gefroren ist, finden beide eine Lösung dem Wunsch der Mutter zu entsprechen und dabei auch noch eine hoch romantische Nacht zu erleben.

Man muss „Smert menya“ von Mikhail Maksimov nicht verstehen, um von diesem Film hingerissen zu sein. Realbilder und darüber gelegte videospielartige Animationen ergeben eine rasante, verträumte Geschichte, die einfach Freude macht. Im Katalog ist nachzulesen, dass in allegorischen Bildern von der Ermordung eines orthodoxen Priester in den 1990ger Jahren berichtet wird.

Auf Grund des Wetters, sicherheitshalber die Piazza Filme dann doch lieber im regengeschützeten Fevi anschauen, immerhin gibt es am Abend zwei Filme. Zuerst eine weitere italienische, mehr oder weniger romantische, Komödie, „L’Ospite“ von Duccio Chiarini. Für Guido bricht eine sichergeglaubte Welt zusammen als seine Freundin ihm eröffnet „Zeit für sich“ zu brauchen. Und so zieht er von Sofa zu Gästebett, bei Eltern, Freunden und Kollegen, und muss mit Erstaunen feststellen, dass es in allen Beziehungen irgendwie hakt und knirscht. Einige lustige Momente und zum Glück kein zuckeriges Happy End.

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Der bisher sensationellste Film fängt dann gegen Mitternacht an „ Ruben Brandt, Collector“ von Milorad Kristić. Ein Animationsfilm, der alle Genregrenzen umwirft, Actionfilm, Gentelman-Gauner-Komödie, Film Noir, Spionage- und Agentenfilm, dazu soviele Referenzen an Filme, Bilder und geschichtliche Fakten, dass man den Film sehr viel öfter sehen muss, um sie alle zu finden. Gekonnt wird mit Codes und Chiffren gespielt, und dabei entsteht nicht etwa eine Kette von Zitaten für Nerds, sondern ein eigenständiges, brillantes Gesamtkunstwerk. Schlicht: atemberaubend.

 

 

Sperriges

 

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Auch die dritte Vorstellung von „Alles ist gut“ von Eva Trobisch findet vor vollen Zuschauerrängen statt, echter Enthusiasmus kam nicht auf. Eine Frau, die sich nicht wehrt, nicht wenn im Restaurant das falsche Essen kommt, und auch nicht, als ein Betrunkener Bekannter sie vergewaltigt. Sie erträgt was ihr widerfährt, fast möchte man meinen sie sitzt es aus, alles ist gut. Dabei gibt sie anderen sehr wohl Ratschläge wie sie sich wehren können oder sollen, übernimmt sogar für sie die Initiative, nur bei sich selber verharrt sie in dieser seltsamen Starre, unbeweglich, abwartend. Als sie dann doch endlich für sich selbst zu handeln beginnt, ist ihr bisheriges Leben bereits in Trümmern, und ihre Reaktion schiesst über’s Ziel hinaus. Nicht ganz überzeugend, aber auch hier wieder eine differenzierte Frauenfigur.

Ärgerlich hingegen ist „Wintermärchen“ von Jan Bonny. Der Film banalisiert auf unangenehme Weise Rechtsterrorismus, indem er dessen Ursachen auf sexuelle Frustrationen und fundamentale Langeweile am Leben reduziert. Die Gruppe aus zwei Männern und einer Frau, deren Leben sich um, vögeln, schiessen und saufen dreht, gefilmt in extrem unruhigen Bildern und das alles auf 125 Minuten gezogen verschenkt ein Thema, das man auch in Spielfilmen zeigen sollte, aber nicht indem man es auf so wenige Komponenten reduziert, und dabei Hinweise verteilt, mit denen an den NSU verwiesen wird. Das ergibt keinen politischen Film, sondern eine ungute Verharmlosung realer Taten.

Der südafrikanische Film „Siyabonga“ von Joshua Magor hat einige recht sperrige Passagen, aber auch viele Interessante Seiten. Erzählt wird, wie ein Schauspieler aus einer Township vom bevorstehenden Filmdreh eines englischen Teams hört, und sich auf den extrem mühsamen Weg in die nur 16km entfernte Stadt macht, um dort den Regisseur zu treffen. Ausser einige Längen ist dabei eine seltsam anrührende Reisegeschichte entstanden, an deren Ende eventuell neue Perspektiven für den jungen Schauspieler stehen.

Der vorletzte Abend auf der Piazza bringt eine epische Geschichte aus dem Kolumbien der 1970ger Jahre: „Pájaros de Verano“ von Cristina Gallego und Ciro Guerra. In sechs Kapiteln wird der Einstieg eines Wayuu Clans im Norden des Landes in die Anfänge des Drogengeschäft gezeigt. Anfangs noch extrem traditionsverbunden, entfernen sich einzelne Mitglieder der Familie im Verlauf immer mehr von ihrem alten Sozialgefüge. Der Reichtum, von dem zunächst alle profitieren erweist sich als tückisch und zerstörerisch, Mord und Vernichtung nehmen immer schärfer Formen an, bis von der Familie nur noch ein einzelnes, von allen Traditionen abgeschnittenes, Mädchen übrig bleibt. Das Prequel zu allen Drogenkartellfilmen, die man so kennt, nannte die dänische Co-Produzentin den Film, auf jeden Fall tolle Bilder, interessante Darsteller, sowohl Laien als auch Profis, und ein angenehmer Erzähfluss. Wobei auch an diesem Abend die grosse Begeisterung von Seiten der Zuschauer ausblieb.

Wer dann welche Preise bekommen hat, wird sich morgen zeigen.

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