Locarno 2018 Preise und Statistik

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Auf Grund der vielen Filme mit starken, originellen und facettenreichen Frauenfiguren entstand subjektiv der Eindruck, dass dieses Jahr mehr Regisseurinnen im Programm vertreten waren. Nach stupidem nachzählen ist das Ergebnis leider ernüchternd:

Im Hauptwettbewerb kommen 3 Regisseurinnen auf 15 Filme, und da ist schon ein Regie- Paar mitgezählt, bei den Cineasti del presente sieht es nur minimal besser aus: 16 Filme, 5 Regisseurinnen, das ist immer noch zu wenig. Und auch in den Jurys der beiden Wettbewerbe besteht ein Ungleichgewicht zugunsten der Männer, auch das ist schade. Es geht nicht darum um jeden Preis Frauenquoten zu erzwingen, aber wenn man auf die Statistik schaut, dann sieht das eben nicht gut aus.

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Insgesamt gab es weniger Ehrenpreise auf der Piazza Grande, was vielleicht etwas weniger glamourös aussieht, aber angenehmer ist für diejenigen Zuschauer, die vor allem wegen der Filme kommen. Auch die abendlichen Zuschauerzahlen scheinen etwas niedriger zu sein, die 8.000 wurden an keinem Abend erreicht.

Auch in diesem Jahr zerbarsten unter lautem Knacken immer wieder die höchst unbequemen Stühle auf der Piazza, ihre Reste ergaben morgens malerischen Stuhlschrott.

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Ausser einem Film, der auch erst um Mitternacht lief, gab es keine weiteren Hinweise für zarte Gemüter, die durch Filme eventuell schockiert werden konnten.

Und damit soll es dann auch genug der Statistik sein.

 

 

 

 

Die Preise

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Gleich vorneweg, die beiden Goldenen Leoparden, Hauptwettbewerb: „A Land imagined“ von YEON Siew Hua und Cineasti del presente: „Chaos“ von Sara Fattahi habe ich leider verpasst!

Die Entscheidungen, besonders der Jury für die Pardi di Domani, erscheinen schwer nachvollziehbar, das allerdings konsequent, was dann vielleicht am einfachsten unter: (Kunst) Geschmäcker sind verschieden einzustufen ist.

Der wunderschöne Film „Sibel“ hat „nur“ von den Parallel Jurys, dafür aber gleich drei Preise bekommen,unter anderem den FIPRESCI und den Preis der Jugendjury und ist damit zusammen mit Goldleopard „A Land Imagined“ der Film mit den meisten Preisen.

Das Publikum auf der Piazza Grande hat sich für Spike Lees „BlaKkKlansman“ entschieden, was Anbetracht der vielen eher seichten Komödien eine gute Wahl ist, besser wäre nur „Ruben Brandt, Collector“ gewesen, aber ein Film der erst nach Mitternacht läuft hat, glaube ich, den Publikumspreis noch nie gewonnen.

Alle Preis sind auf der Festivalseite zu finden: https://www.locarnofestival.ch

Am Schluss und zum Abschied von Carlo Chatrian wurde es dann doch noch etwas schwermütig, Festivalpräsident Marco Solari lobte Chatrian in den höchsten Tönen, während dieser aussah, als würde er sich lieber irgendwo auf der Bühne vor der grossen Leinwand verstecken wollte.

Wer die künstlerische Leitung dann übernehmen wird, ist immer noch nicht bekannt, auch wenn einige Namen kursieren, die aber reines „Kaffeesatzlesen“ sind. Sicher ist nur, die 72. Ausgabe starte am 7.August 2019.

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Locarno 2018 Rituale

 

Schirme statt Fächer

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Plötzlich kommt der Regen, nicht nur Abends oder Nachts, sondern mitten am Tag, und in Sturzbächen.

Eine Regisseurin auf Strandurlaub an der mexikanischen Pazifikküste, aber nach drei Tagen wird ihr das Strandleben zu langweilig, nein, das is nicht die Geschichte die erzählt wird, sondern ihr Ursprung. Aus dieser Langeweile entstand “Fausto“ von Andrea Bussmann, gedreht in und um eine Bucht in Mexiko. Mit Goethes Faust vage im Hinterkopf und einer Reihe von seltsamen Sagen und Mythen, die sich um den Ort ranken, mischt sie reale und fiktive Geschichten, lässt sie von anderen Urlaubern in die Kamera erzählen, als hätten sie diese Geheimnisse aus grauer Vorzeit herübergerettet. Dazu ein Off- Erzähler, der der Ort selbst zu sein scheint, und Bilder deren Verfremdung auch dadurch zustande kommen, dass zunächst digital, und bei teils wenig Licht, gedreht

wurde, und dieses Material dann auf 16 mm vom Computerbildschirm abgefilmt wurde. Ein seltsames Stück Poesie ist daraus geworden, von dem man nicht behaupten kann etwas verstanden zu haben, dass aber dennoch seinen Reiz hat.

Gangbyun Hotel“ von HONG Sangsoo ist vielleicht kulturell zu weit weg um decodiert zu werden. Vielleicht ist der Film aber auch schlicht nicht jedermanns Sache. Die Schwarz-Weiss Bilder sind, jedes für sich genommen, durchaus reizvoll, aber die darin agierenden, oder besser: hauptsächlich redenden, Figuren machen es zusehends schwer dem Film wohlwollend zu folgen. Zu belanglos scheinen die Dialoge, die ein alter Dichter mit seinen Söhnen, diese untereinander, oder eine junge Frau mit einer Freundin, führen. Die Wege der beiden Gruppen, kreuzen sich mal hier, mal dort in einem sonst leeren Hotel, und am Ende gibt es einen Toten. Schwierig.

Ein fast verlassener Kibbuz im Norden Israels, drei Brüder, und die verspätete Beerdigung des Vater, das ist die Ausgangslage in „Hatzlila“ von Yona Rozenkier. Kriegstraumata, Ängste, Schuldzuweisungen und allgegenwärtig der mögliche Tod im Kampfeinsatz, und obendrauf, als wäre das alles nicht schon schwer genug zu (er)tragen, Männlichkeitsrituale. Kein Wunder also, dass es zwischen den drei ungleichen Brüdern zu immer harscheren Streitereien kommt. Und selbst die wenigen Auswege, die es gibt, müssen mühsam erkämpft werden.

Es gilt noch ein Kurzfilmprogramm nachzuliefern:

Ellen Hertzler hat ein Jahr lang alle Spammails gesammelt und macht daraus in „Hi I need to be loved“ einen extrem witzigen Film. Zunächst sieht man das Casting von Schauspielern, die einzelne Passagen aus den Spammails vorlesen, die drei Ausgewählten führen diese Spammail-Texte dann in jeweils passender Szenerie auf, mal lakonisch, mal herzzerreissend, mal obszön.

Lunar-Orbit Rendezvous“ von Mélanie Charbonneau ist eine kleine, wunderhübsche und lustige Liebesgeschichte. Ein als Astronaut verkleideter Student fährt mit der Asche seiner Mutter an einen See, eine junge Frau schliesst sich ihm an, geht auf seine absurden Geschichten von Raumfahrt und Wunscherfüllung ein. Und auch wenn am Ende der See gefroren ist, finden beide eine Lösung dem Wunsch der Mutter zu entsprechen und dabei auch noch eine hoch romantische Nacht zu erleben.

Man muss „Smert menya“ von Mikhail Maksimov nicht verstehen, um von diesem Film hingerissen zu sein. Realbilder und darüber gelegte videospielartige Animationen ergeben eine rasante, verträumte Geschichte, die einfach Freude macht. Im Katalog ist nachzulesen, dass in allegorischen Bildern von der Ermordung eines orthodoxen Priester in den 1990ger Jahren berichtet wird.

Auf Grund des Wetters, sicherheitshalber die Piazza Filme dann doch lieber im regengeschützeten Fevi anschauen, immerhin gibt es am Abend zwei Filme. Zuerst eine weitere italienische, mehr oder weniger romantische, Komödie, „L’Ospite“ von Duccio Chiarini. Für Guido bricht eine sichergeglaubte Welt zusammen als seine Freundin ihm eröffnet „Zeit für sich“ zu brauchen. Und so zieht er von Sofa zu Gästebett, bei Eltern, Freunden und Kollegen, und muss mit Erstaunen feststellen, dass es in allen Beziehungen irgendwie hakt und knirscht. Einige lustige Momente und zum Glück kein zuckeriges Happy End.

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Der bisher sensationellste Film fängt dann gegen Mitternacht an „ Ruben Brandt, Collector“ von Milorad Kristić. Ein Animationsfilm, der alle Genregrenzen umwirft, Actionfilm, Gentelman-Gauner-Komödie, Film Noir, Spionage- und Agentenfilm, dazu soviele Referenzen an Filme, Bilder und geschichtliche Fakten, dass man den Film sehr viel öfter sehen muss, um sie alle zu finden. Gekonnt wird mit Codes und Chiffren gespielt, und dabei entsteht nicht etwa eine Kette von Zitaten für Nerds, sondern ein eigenständiges, brillantes Gesamtkunstwerk. Schlicht: atemberaubend.

 

 

Sperriges

 

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Auch die dritte Vorstellung von „Alles ist gut“ von Eva Trobisch findet vor vollen Zuschauerrängen statt, echter Enthusiasmus kam nicht auf. Eine Frau, die sich nicht wehrt, nicht wenn im Restaurant das falsche Essen kommt, und auch nicht, als ein Betrunkener Bekannter sie vergewaltigt. Sie erträgt was ihr widerfährt, fast möchte man meinen sie sitzt es aus, alles ist gut. Dabei gibt sie anderen sehr wohl Ratschläge wie sie sich wehren können oder sollen, übernimmt sogar für sie die Initiative, nur bei sich selber verharrt sie in dieser seltsamen Starre, unbeweglich, abwartend. Als sie dann doch endlich für sich selbst zu handeln beginnt, ist ihr bisheriges Leben bereits in Trümmern, und ihre Reaktion schiesst über’s Ziel hinaus. Nicht ganz überzeugend, aber auch hier wieder eine differenzierte Frauenfigur.

Ärgerlich hingegen ist „Wintermärchen“ von Jan Bonny. Der Film banalisiert auf unangenehme Weise Rechtsterrorismus, indem er dessen Ursachen auf sexuelle Frustrationen und fundamentale Langeweile am Leben reduziert. Die Gruppe aus zwei Männern und einer Frau, deren Leben sich um, vögeln, schiessen und saufen dreht, gefilmt in extrem unruhigen Bildern und das alles auf 125 Minuten gezogen verschenkt ein Thema, das man auch in Spielfilmen zeigen sollte, aber nicht indem man es auf so wenige Komponenten reduziert, und dabei Hinweise verteilt, mit denen an den NSU verwiesen wird. Das ergibt keinen politischen Film, sondern eine ungute Verharmlosung realer Taten.

Der südafrikanische Film „Siyabonga“ von Joshua Magor hat einige recht sperrige Passagen, aber auch viele Interessante Seiten. Erzählt wird, wie ein Schauspieler aus einer Township vom bevorstehenden Filmdreh eines englischen Teams hört, und sich auf den extrem mühsamen Weg in die nur 16km entfernte Stadt macht, um dort den Regisseur zu treffen. Ausser einige Längen ist dabei eine seltsam anrührende Reisegeschichte entstanden, an deren Ende eventuell neue Perspektiven für den jungen Schauspieler stehen.

Der vorletzte Abend auf der Piazza bringt eine epische Geschichte aus dem Kolumbien der 1970ger Jahre: „Pájaros de Verano“ von Cristina Gallego und Ciro Guerra. In sechs Kapiteln wird der Einstieg eines Wayuu Clans im Norden des Landes in die Anfänge des Drogengeschäft gezeigt. Anfangs noch extrem traditionsverbunden, entfernen sich einzelne Mitglieder der Familie im Verlauf immer mehr von ihrem alten Sozialgefüge. Der Reichtum, von dem zunächst alle profitieren erweist sich als tückisch und zerstörerisch, Mord und Vernichtung nehmen immer schärfer Formen an, bis von der Familie nur noch ein einzelnes, von allen Traditionen abgeschnittenes, Mädchen übrig bleibt. Das Prequel zu allen Drogenkartellfilmen, die man so kennt, nannte die dänische Co-Produzentin den Film, auf jeden Fall tolle Bilder, interessante Darsteller, sowohl Laien als auch Profis, und ein angenehmer Erzähfluss. Wobei auch an diesem Abend die grosse Begeisterung von Seiten der Zuschauer ausblieb.

Wer dann welche Preise bekommen hat, wird sich morgen zeigen.

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Locarno 2018 Bilderreisen

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Fernes und Nahes

Reisen bildet, zumindest wenn man neugierig genug ist und die Augen öffnet. Wenn man dann von so einer Reise mit offenen Augen Bilder mitbringt, die dann andere neugierig machen, dann ist das um so schöner. Der Dokumentarfilm „Closing Time“ von Nicole Vögele ist ein traumhaftes Beispiel für diese Mischung aus Neugierde, Beobachtungsgabe und Gefühl für’s Erzählen. 2 Stunden lang schaut man gebannt dem nächtlichen Treiben in einem Geschäftsviertel von Taipeh zu, kommentarlos, dafür mit einer spannenden Tonmischung. Kleine Geschäft, Imbissbuden, Strassenverkehr, streuende Hunde, Markthalle, wie in einem langsam fahrenden Karussell fährt der Film die einzelnen Stationen immer wieder an, zeigt mal sehr nah Details, dann wieder einfach, still eine Totale, in der sich der Zuschauer verliert wie in einem Hieronymus Bosch Bild, immer mehr Einzelheiten gibt es zu entdecken. Über die Zeit lernt man so auch die Menschen in ihren Läden kennen, einfach so, durchs anschauen, mit viel Ruhe. Bis der Film gegen Ende dem Koch der Imbissbude ein letztes Mal zum Markt folgt, von wo er aber nicht zurück fährt, sondern plötzlich die Stadt verlässt, Ziel unbekannt, vom Karussell abspringt. Ein toller Film, wenn man sich auf eine Bilderreise einlassen kann.

Auch auf „Tegnap“ von Bálint Kenyeres muss man sich einlassen, und frei von der Suche nach dem Warum der Geschichte bleiben. Ein Bauunternehmer kommt zu einer seiner Baustellen in Marokko, anscheinend weil es dort Probleme mit Genehmigungen gibt, sehr schnell wird klar, Marokko ist für ihn ein Ort aus der Vergangenheit. Die Lösung des Problems mit der Baustelle rückt in den Hintergrund, statt dessen begibt er sich auf die Suche nach einer Frau, die ihn 20 Jahre zuvor dort verlassen hat. Wie einer Fata Morgana taumelt er in der Wüste den verschiedensten Spuren entgegen, wird bestohlen und bedroht, trifft Bekannte aus seiner Vergangenheit, aber nie die Frau, die er immer besessener sucht, Ende offen.

Das Kurzfilm Programm ist für dieses Mal durchweg gut, sogar sehr gut.

Kaukas“ von Laurynas Bareise erzählt vordergründig von der Suche nach einem kleinen Mädchen, das mit dem Hund der Grossmutter nicht vom Spaziergang zurückgekommen ist. Der darunterliegende Konflikt, die Scham der Grossmutter, eine dunkelhäutige Enkelin zu haben, erschwert die Suche. Bedrückend dank sparsamer, beiläufiger Gesten und Sätze. Auch „Sashleli“ von Davit Pirtskhalava beeindruckt durch das was nicht gezeigt wird, wodurch das Ungesagte, Ungesehene umso stärker wird. Ein Mann stiehlt Holz, um im Zimmer seines kleinen Sohnes für Wärme zu sorgen. Die Konsequent dieser Tat- dass durch diese fehlende Holzabsperrung ein Mitschüler in den Tod stürzt – erzählt der Film in feinen, kleinen Szenen, die von tiefer Traurigkeit aber auch von einer Solidarität der Hausgemeinschaft getragen werden. In „Malo se sjećam tag dana“ von Leon Lučev, geht es um verlorene Erinnerung. Zwei Ereignisse am gleichen Tag zwingen einen Mann sich zu entscheiden, welchen Tag er – für sich, für seine Erinnerung – lebt, den Todestag seines Vaters, von dem er am Telephon erfährt, oder den Geburtstag der 10 jährigen Tochter, eine Entscheidung, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird.

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Am Abend auf der Piazza Grande dann leichte Unterhaltung in Form einer italienischen Komödie: „Un nemico che ti vuolo bene“ von Deis Rabaglia. Ein Professor der Astrophysik, mit erweiterter, chaotischer Familie, trifft zufällig auf einen Auftragskiller, dem er, nicht ganz freiwillig, eine Kugel aus dem Körper fischt. Dieser möchte sich dafür mit dem Umbringen eines Feindes bedanken, aber hat der Professor überhaupt Feinde? Viel Komödie, viel Familienstreit, und ein Killer, der so gefährlich dann doch nicht ist, und eindeutig zu viel Musik. Für Freunde der -sehr- leichten Unterhaltung, oder für einen Sonntag Nachmittag auf dem Sofa.

 

 

Obsessionen

Familien bleiben ein wesentlicher Hintergrund für Geschichten, Familien sucht man sich nicht aus, Familien bieten wenig Raum für grosse Kompromisse, man ist nicht Teilzeit-Familienmitglied, wodurch auftretende Probleme schnell sehr gross, sehr dramatisch werden, mit oft nur noch sehr wenigen Auswegen. „Glaubenberg“ von Thomas Imbach wirft den Zuschauer von Anfang an in einen Strudel von Gefühlen, mischt Tagträume mit Realität und spaltet diese in ein Heute und ein Gestern, alles von einem fabelhaften Schnitt so organisch zusammengefügt, dass man einfach mitgerissen wird. Lena liebt ihren Bruder Noah, ihre Liebe ist dabei keineswegs geschwisterlicher Natur, und nimmt im Verlauf des Film immer wirrere, obsessive Züge an. Super gespielt, sehr schön gedreht und definitiv genial geschnitten und dazu noch ein sehr schöner Soundtrack.

Auch in „Trote“ von Xacio Baño stehen familiäre Strukturen im Zentrum der Geschichte. Umrahm vom alljährlichen „rapa de bestas“ dem Einfangen der wildlebenden Pferde und kennzeichnen der Fohlen, zeigt die Geschichte, den verkrusteten Alltagstrott, indem sich die Familie befindet. Daran ändert auch nichts, dass die Mutter bei einem Autounfall getötet wird, den die Tochter, möglicherweise verschuldet hat, auch in dieser Familie beherrscht die Sprachlosigkeit, der Mangel an Verständnis den Alltag. Die raue Schönheit des Galizischen Dorfes biete zusätzlich visuelle Dichte. Der Protagonist in „Dead Horse Nebula“ von Tarik Aktas leidet an so etwas wie einem „Totes Pferd Trauma“ nachdem er in seiner Kindheit eines im Strassengraben entdeckt hat. Dieser sowohl komische wie auch absurde Prolog der Geschichte dient, unausgesprochen, als Basis für das Verhalten des Erwachsenen, der so gar nicht in die Rolle des Tiere tötenden Machos passen will. Ein weiterer Film, in dem scheinbar nicht viel passiert, in dem es keine „Message“ gibt, und der doch so schön anzuschauen ist, und im Kopf so viel erzählen kann.

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Aufgeschnappt von einer Zuschauerin:

„ es gewinnen sowieso nie die Filme, die man gut findet“, noch ist es nicht so weit, aber wer weiss, manchmal können Jurys einen doch überraschen.

Locarno 2018 Schönheit in Grau

Halbzeit beim Festival

Mittlerweile haben sich zu den Fächern auch die Regencapes gesellt, zumindest an den Abende gibt es plötzlich immer wieder heftige Gewitter, also Fächer weg, Cape übergestreift, und weiter geht’s.

DSC08360.JPGDie allgegenwärtigen Taschenkontrollen sind lästig, besonders wenn man immer wieder diskutieren muss, um eine Aluflasche mit Wasser ins Kino zu bekommen. Das letztes Jahr eröffnete PalaCinema hat die Probleme mit den wartenden Zuschauern zumindest verbessert, Drängelgitter draussen und verschiedene Türen für die 3 Säle helfen den Pulk zu strukturieren. Und wie oft zur Halbzeit wird Carlo Chatrians Stimme heiser, Begeisterung ist anstrengend für die Stimmbänder.

Amerika jenseits der grossen Städte und des Glamours kommt nicht so oft vor in Filmen. Aber genau dort, in einer ländlichen, trüben und auch ärmlichen Gegend siedelt Kent Jones die Geschichte von „Diane“ an. Eine Frau, die immer für andere da ist, sich um Nachbarn kümmert, die todkranke Cousine besucht, in der lokalen Suppenküche arbeitet, immer ein nettes Wort hat, für jeden, sich alles anhört und sich zwischendrin noch vor Sorge um ihren drogensüchtigen Sohn zerreisst. Sie ist eine Art Alltags-Superheldin, immer zur Stelle aber irgendwie unauffällig, selbstlos bis zur Selbstaufgabe. 80 Minuten lang ist dies ein wunderbarer Film, alle Handlungsstränge sind erzählt, und der Zuschauer könnte mit den Bildern im Kopf einen weiteren Verlauf für sich erfinden. Aber irgendwer hat wohl gemeint jeder lose herumliegende Fadenfitzel müsste zu Ende gesponnen werden, und damit verliert der Film in der letzten Viertel Stunde erheblich, zu viel Redundanz, zu wenig Platz für Phantasie.

Die Armut und Verwahrlosung in „Ray and Liz“ von Richard Billingham springt einem von der Leinwand fast spür-und riechbar entgegen. Am Stadtrand von Birmingham spielt die autobiographische Familiengeschichte, eine Art visueller Sozial-Autopsie in spannenden Bildern. Extreme Detailaufnahmen, mal von krabbelndem Getier, von zitternden Fingern am Glas, oder Teilen von Gesichtern, um dann wieder einen Schritt zurück, und in ruhigen, sehr exakt in 4:3 kadrierten Bildern die Szenen zu betrachten. Es entsteht so ein Gefühl für die Situation der Figuren, Anteilnahme ist möglich, (ab)werten bleibt aus.

Nach soviel Grau blendet nicht nur die Sonne vor dem Kino, sondern auch die üppige, bunte Fröhlichkeit der drei Freundinnen auf einem Segelboot zwischen kroatischen Inseln in „Likemebest“ von Leonardo Guerra Seràgnoli. Überfröhlich, ausgelassen und hochgradig Handy-und Socialmedia süchtig sind die drei. Und damit sind auch schon die Probleme vorprogrammiert, für ein Like mehr vergessen sie alle Regeln der Freundschaft und des zivilisierten Miteinanders, gnadenlos wird gefilmt und photographiert, und ebenso gnadenlos gepostet.Und was wie eine fröhliche Abiturreise beginnt bewegt sich immer mehr Richtung Drama epischen Ausmasses. Auch Dank der drei tollen jungen Schauspielerinnen schaut man sich das bei allem Schaudern gerne an. Gewidmet ist der Film übrigens allen Mobbing-und Cybermobbingopfern.

Bisher gab es noch kein Kuzfilmprogramm, bei dem alle Filme gut waren, also wieder nur eine „Best of“ Auswahl.

Rekonstrukce“ von Jiri Havlicek und Ondre Novák zeigt zunächst den öden und kargen Alltag in einem Gefängnis, ein junger Häftling bei der Arbeit, beim Sport, rauchend und redend, distanzierte Bilder, ein Ort dessen Funktion sich in den graphischen Bildern widerspiegelt. Dann wird parallel die Rekonstruktion des Falls gezeigt, der denn Mann ins Gefängnis gebracht hat. Akribisch muss er den brutalen Mord an einem Obdachlosen nachstellen, die extreme Brutalität wird durch die sehr dunkel gehaltenen Bilder und die technischen Anweisungen noch brutaler und noch unverständlicher.

Eine schwarze Kommöde ist „The silence of the Dying Fish“ von Vasilis Kekatos. Auf dem Weg zur Arbeit erfährt ein Mann, dass seine eigen Beerdigung für den übernächsten Tag in der Zeitung angekündigt wird. Alle seine Versuche zu belegen, dass er sehr wohl am Leben ist, und es sich nur um eine Irrtum handeln kann, helfen nichts. Da muss er durch. Schräg!

Lose basierend auf Kafkas „ein Brudermord“ und angesiedelt im nächtlichen und titelgebenden „Grabavica“ erzählt Manel Raga Raga eine Geschichte, die wohl so alt wie die Menschheit ist, und dabei immer noch aktuell ist. Dunkle Bilder, zwei Jungs raufen, ein Messer kommt ins Spiel, an einer anderen Stelle, zwei Männer, einer am Boden, ein Messer. Nicht ein Mord wird hier erzählt, sondern die Essenz, das Wiederkehren des Motivs, das ist beeindruckend, gerade in seiner Schlichtheit.

Am Abend gibt es nicht nur einen Ehrenleoparden für Kyle Cooper, sondern es wird auch des 70.Geburtstag der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte gedacht, und bei strömendem Regen hält UN Kommissarin für Menschenrechte Kate Gilmore eine flammende und bewegende Rede. Dazu passt Spike Lees neuer Film „BlacKkKlansman“, der spannend und witzig ist, und einem dennoch das Lachen wieder in den Hals zurück treibt, ob seiner Aktualität.

 

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Es baucht mehr Animationsfilme

3 Programme mit insgesamt 17 Kurzfilmen und es sind nur 6 der Rede Wert, keine so tolle Ausbeute.

Je sors acheter des cigarettes“ von Osman Cerfon erzählt in simpsonshafter Art, wie ein Junge überall in der Wohnung auf versteckte Männer stösst, sie sind im Schrank genauso wie in der Waschmaschine, und scheinen mit ihm, und nur mit ihm, zu interagieren. Bis er auf ein altes Familienbild stösst, das ein Geheimnis lüftet und ihn von seinen Geistern befreit.

Chinesischen Tuschezeichnungen gleich begeben sich drei Renees auf die Suche nach sich, und bewegen sich dabei in sich selbst und um sich selbst. „Reneepoptosis“ von Renee Zhan ist zauberhaft, intelligent und lustig.

Man sollte Mädchen nie unterschätzen, „Fuck you“ von Anette Sidor zeigt das charmant, frech und sehr selbstbewusst; was ein umgeschnallter Gummipenis so alles bewirken kann…

Der Kurzfilm „Como Fernando Pessoa Salvou Portugal“ von Eugène Green gehört zur Programmschiene Signs of Life, in der dieses Jahr erstmals auch ein Preis vergeben wird. Green erzählt wie ein Werbespruch für eine Cola in den 1920 Jahren in Portugal die Behörden auf den Plan ruft, und nachdem von einem Jesuiten bewiesen wird, dass in der Cola böse Geister wohnen, beschlossen wird sämtliche Flaschen zu vernichtet und der Handel unterbunden werden muss. Allein die Szene in der der Jesuit die Austreibung vornimmt, durch heftiges Schütteln und dann Öffnen der Flasche, ist sensationell. Ein grosser, grober Spass.

Weiter mit der Kurzfilmauswahl, aber zurück zu den Leoparden von morgen.

Juliette Riccaboni erzählt eine sehr schöne Geschwistergeschichte in „Les îles de Bissogne“. Nachts auf einem LKW Parkplatz unterhalb einer Autobahn, eine junge Prostituierte wird um ihr Geld geprellt, ihr Bruder eilt zur Hilfe, irgendetwas scheint mit ihm nicht zu stimmen, aber erst Stück für Stück erschliesst sich, dass er geistig nicht ganz auf der Höhe ist. Die Beziehung zwischen beiden ist liebevoll, aber stark von der Schwester dominiert, bis der Bruder sexuelle Neigungen zu ihr entwickelt. Beziehungsgeflechte, Abhängigkeiten und Sprachlosigkeit, ein stilles Drama.

SELFIES“ von Claudius Gentinetta zeigt in rasanter Folge Selfies in immer groteskeren Situationen, die Bilder sind übermalt, verfremdet, und offenbaren den gesamten Wahnsinn, der hinter der ständigen Nabelschau verborgen ist.

Eine Plastilinpuppe, Stopmotion und Pantomime sind die Komponenten aus denen „HIER“ von Loïc Kreyden besteht. Ein Tag im Leben des Regisseurs, reduziert auf die Puppe, deren pantomimischen Bewegungen und den Tönen all dessen, was nicht im Bild ist, wunderbar.

Ein weiterer Film in dem widrige – soziale wie persönliche – Situationen überwunden werden: „Temporada“ von André Novais Oliviera. Neuer Job, neue Stadt, und der Ehemann soll nachkommen, aber alles kommt anders. Der Ehemann nutzt die Gelegenheit und verschwindet, und die Frau lernt mit sich und ihrem Leben klar zu kommen. Die brasilianische Sonne hübscht die triste Kulisse etwas auf, kann aber nie ganz davon ablenken. Manche Szenen wirken arg statisch, mit langen, etwas hölzernen Dialogen, aber insgesamt ein überzeugender Film, mit einer weiteren starken und präsenten Frauenfigur jenseits von „blond-29-durchtrainiert“ .

 

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Auf der Piazza Grande gibt es den Schweizer Film „Le vent tourne“ von Bettina Oberli. Angekündigt wird eine Frau, die sich emanzipiert, zu sehen ist aber eher eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines Ökobauernpaares. Autonom soll der kleine Berghof sein, auch vom Strom, und so kaufen die beiden ein Windrad. Mit dem Windrad kommt allerdings auch ein Ingenieur, der den Aufbau leitet, und für emotionale Unruhe sorgt. Alles nicht so sehr neu und originell als Ausgangslage, und die Konflikte werden auch in diesem Setting nicht anders gelöst als sonst. Hübsch aber nicht übermässig aufregend, dass es dazu ab der Hälfte gegossen hat ist dann auch schon egal.

Warum es also mehr Animationsfilme baucht? Weil sie – fast immer – sofort für gute Laune und ein Lächeln sorgen.

Locarno 2018 Licht gewordene Träume

 

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Das wichtigste Accessoire dieser Tage ist der Fächer, kaum jemand, der ohne anzutreffen ist, vor den Kinos, in den Cafés, aber auch in den Kinos, überall das grosse Fächern.

Da kommt ein Film in kühlem Betongrau und sanftem Grün gerade recht.

Jioa qu de niao“ (Suburban Birds) von QIUQ Sheng spielt mit der Zeit, in einer modern- trüben Vorstadtsiedlung hat sich unerklärlicherweise der Boden abgesenkt, ein Team von Ingenieuren versucht die Ursachen zu ergründen, misst und rechnet, rätselt, und langsam verschiebt sich die Zeit. Der Film wechselt in die Zeit, als die Siedlung noch in Planung war, eine Bande Kinder stromert zwischen den alten, maroden Häusern, und den noch nicht fertigen Neubauten. Komponenten, Konstellationen, einzelne Gegenstände aus der -möglichen- Gegenwart, tauchen in der -vermutlichen- Vergangenheit auf, Situationen wiederholen sich, und unmerklich streifen die beiden Zeiten aneinander, kreuzen sich, verlassen sich wieder, kehren zu einander zurück. Ein Tanz aus Heute und Gestern, gleichzeitig, oder auch nicht, verbunden, untrennbar, und, vielleicht, der Grund für die Bodenabsenkung. Starke Bilder, ruhiger Erzählfluss, surreal und ein bisschen märchenhaft.

Starke Filme in der heutigen Kurzfilm Vorstellung, zunächst die schöne, und lustige Parabel vom Kreislauf, der Zeit, der Dinge, des Lebens. Grosse Themen, in „Circuit“ von Delia Hess mittels Animation zu einem wunderbaren Film verdichtet.

Dann die verspielte, phantasiegeladene Geschichte, die eigentlich von Kummer und Schuldgefühlen spricht: „EVA“ von Xheni Alushi, in der eine Pfütze im Bad zum Eingang in eine andere Welt wird. Und schliesslich „Fait divers“ von Léon Yersin. In der Nachbarwohnung eines Studenten wird die Leiche eines Mannes gefunden, der anscheinend seit zwei Jahren dort tot gelegen hat, unbemerkt. Beunruhigt über dieses Schicksal recherchiert der junge Mann, und macht eine unglaubliche Entdeckung, mit der sich ein Kreis schliesst, den man als Zuschauer so nicht kommen sah. Spannend, gewitzt und toll gemacht.

Da es in den Kinos doch kühler auch draussen ist, wenn auch nicht viel, weil sie immer nur zwischen zwei Vorstellungen durch Klimaanlagen gekühlt werden, gleich weiter zum nächsten Film: „Sibel“ von Çağla Zencirci und Guillaum Giovanetti. Ein Dorf in den türkischen Bergen, abgelegen, raue Bedingungen, und archaische Sitten, und mit der Besonderheit, dass die Menschen dort über weitere Distanzen mittels Pfeifsprache kommunizieren. Auch die stumme Sibel kann sich so mitteilen, was allerdings nichts daran ändert, dass sie ausgeschlossen wird, von allen ausser ihrem Vater, sie macht Angst, sie bündelt Vorurteile und Aberglauben, und das nur scheinbar auf Grund ihrer Behinderung. Sibel ist eine wilde, mutige und unabhängige Frau, die in den verkrusteten Strukturen das sieht, was sie sind: Fesseln, Fesseln aus denen sie sich befreien muss, will und wird. Eine strake Frauenfigur in einem tollen Film, der mit langem, euphorischem Applaus belohnt wurde.

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Die dunklen Wolken haben es dann doch geschafft, sich in Regen zu verwandeln, der bringt zwar keine Abkühlung, vor allem wenn man sich auf der Piazza unter ein Regencape rettet um den Abendfilm zu sehen. Aber gut 2000 Zuschauer störte das alles nicht, und so wurde der Filmtitel auch irgendwie das Motto des Abends: „Was uns nicht umbringt..“ von Sandra Nettelbeck. Menschen um die 50, lose miteinander verbunden weil ihre Wege auf die eine oder andere Weise in der Praxis eines Psychologen zusammenlaufen. Befindlichkeiten, Probleme, Dramen, fehlende oder zu grosse Lieben, werden in verwobenen Szenen und in teilweise schräg-witzigen Dialogen behandelt, ein Ping-Pong Spiel von bekannten Sätzen, zu einem bunten Mosaik neu zusammengesetzt. Ein wenig zu lang, aber durchaus charmant.

Und am Ende hatte der Regen doch weniger Durchhaltevermögen als das Publikum.

 

 

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Immer wieder Familie….

 

 

Der Tod eines Familienmitglieds bringt nicht nur Trauer, sondern verschiebt auch nachhaltig die fragile Balance, die zwischen den Weiterlebenden herrscht. In María Alché

Debütfilm „La famila sumergida“ scheint nach dem Tod ihrer Schwester nur Marcelas Welt aus dem Gleichgewicht zu sein, ihre Kinder üben weiter Unabhängigkeit, nur um im nächsten Moment, mit inneren oder äusseren Blessuren, zurück zur Mutter zu laufen, der Ehemann muss auf Dienstreise, und dann steht auch noch ratlos ein Kumpel der Tochter in der Wohnung. Und so gerät ihre Welt immer mehr in ein stolperndes Rotieren, mit Tagtraummomenten, in denen uralte Verwandte auftauchen um Klatsch und Tratsch aus der Vergangenheit dem Chaos hinzufügen. Aber wie der Schleudergang einer Waschmaschine, stoppt das Rotieren, langsam, stockend kommt die Welt wieder in eine Bahn, in der es sich leben lässt, verändert zwar, aber doch wieder ausgewogen. Eine starke Figur sehr beeindruckend gespielt.

Auch Radu Muntean schafft interessante, starke Frauenfiguren in „Alice T.“ auch wenn die titelgebende Alice ein ausgemachtes Ekelpaket ist. Ein echter Alptraumteenager, sie lügt und brüllt, oder heult, schmeichelt und manipuliert, je nachdem was gerade die besser Methode erscheint sich und ihren Willen ins Zentrum zu setzen. Auch ihre ungewollte Schwangerschaft setzt sie für sich ein, mal als Opfer, mal als coole Frau, die alles kann, Hauptsache die Welt dreht sich um sie. Sensationell das Spiel der jungen Andra Guti, der die ruhigen Bilder, mit wenigen Schnitten, aber einer organisch bewegten Kamera einen perfekten Raum zur vollen Entfaltung bieten.

Nach so vielen guten, coolen, originellen Frauenfiguren geht dann am Abend mit „The Equalizer 2“ von Antoine Fuqua ein echter Samstagabend-Blockbuster mit (Macho) Held auch noch. Für einen Actionfilm gibt es viele lange, sehr ruhige, erzählerische Passagen, die dann immer wieder kurz aber heftig in wilde Action übergehen, gut gemachte Unterhaltung.

Locarno 2018 Pathos und Komödie

Chatrians letztes Programm für Locarno

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Carlo Chatrian (c) ch.dériaz

Gefühlt hat er gerade erst angefangen in Locarno, mit seiner noch etwas zurückhaltenden, fast etwas schüchternen Art, mit Programmen, die seine grosse Kinobegeisterung widerspiegeln, mit (Star)Gästen, die ihm wahrhaftig am Herzen lagen, und mit jährlich wachsendem Selbstvertrauen ohne dabei an Charme zu verlieren. Objektiv ist diese 71 Ausgabe des Filmfestivals von Locarno, die sechste und letzte unter Chatrians künstlerischer Leitung, man wird ihn also ziehen lassen, schweren Herzens, und hoffen, dass er im grauen Berlin auch seine Filmleidenschaft einbringen können wird. Schade ist es trotzdem, er passte in seiner freundlich-unangepassten Art gut zu Locarno, dem A Festival, das immer etwas weniger ernst genommen wird in im „Ranking“ der grossen Festivals.

Wenn Eröffnung und schweizerischer Nationalfeiertag zusammenfallen, wird es immer etwas pathetischer in den Reden, und so mischten sich in die Ansprachen des Festivalpräsidenten Marco Solari historisch-politische Bezüge zu seinem jährlichen Aufruf, der Freiheit Raum zu geben. Auch ein wenig Wehmut schwingt schon mit, selbst wenn er betonte, dass während des Festivals weder vom Abschied Chatrians und erst recht nicht von dessen Nachfolge die Rede sein wird.

Und so waren die dunklen Gewitterwolken, die sich am Abend über der Leinwand der Piazza Grande auftürmten, auch mehr Dekoration, denn Bedrohung, der Regen blieb aus, das Lachen übernahm den Abend.

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Den Anfang machte „Liberty“ von Leo McCarey, dem eine Retrospektive gewidmet ist, 23 Minuten Spass mit Laurel und Hardy, begleitet von Live Musik, die mit viel Witz und Musikalität dem Film zusätzliche Tiefe gab.

In Welturaufführung dann „Les beaux esprits“ von Vianney Lebasque, eine familienfreundliche, leichte Geschichte um ein Basketballteam, das zu den Paralympics fährt, aber mangels ausreichender Spielerzahl die Mannschaft mit nicht geistig Behinderten aufstockt. Der Film ist erfreulicherweise weder ein Sport(ler)Film, noch eine belehrende Inklusionsgeschichte, sondern viel mehr eine Art „Buddy-Movie“ in dem eine inhomogene Gruppe zusammenwächst,und dabei jede Menge Spass hat.

 

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Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne….“

…das gilt auch für den ersten Festivaltag, alles offen, ein Katalog voller neuer Filme, Auswahl aus dem Vollen also.

 

Mit Kurzfilmen zu beginnen scheint eine gute Idee, erweist sich aber dann zunächst als Flop. „El Labirinto“ von Laura Huertes Millán erzählt von einem Drogenbaron, dessen Haus eine Kopie des „Denver Clan“ Anwesen war. Die Kamera streift durch die Ruine des früheren Glanzes, unterschnitten mit kurzen Schnipseln der TV-Serie, unterlegt mit der kommentierenden Erzählerstimme eines alten Landarbeiters. Alles etwas konfus, am ehesten experimentelle Anthropologie. „ 3 anos depois“ von Marco Amaral verwirrt, aber das mit interessanten, schönen Bildern und einem eigenwilligen Schnittkonzept, das immer genau das bildlich hervorhebt, das gerade nicht im Zentrum des Inhalts steht, wodurch sich eine Verschiebung in der Zeitebene  andeutet. Überragend dann „Saras intime betroelser“ von Emilie Blichfeldt, ein Film der von Minute zu Minute verrückter wird. Zunächst träumt sich die Studentin Sara in kitschig, erotische Abenteuer, aus denen ihr klingelndes Handy sie jäh in die graue Realität ruft. Eine Realität, in der für eine mollige, wenn auch selbstbewusste junge Frau, das Leben ein Kampf mit und gegen Dämonen ist, die ihr dann auch prompt aus dem Spiegel in Form einer knurrenden, hohläugigen Version ihrer selbst entgegen treten. Und dann meldet sich auch noch quengelnd, fordernd und bettelnd ihre Vagina zu Wort, sie will mehr Aktion! Verschiedene Farben, für die diversen Realitätsebenen und zusätzlich Animation auf den Realbildern ergeben einen frechen, witzigen und wunderbar feministischen Film.

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Aufwachsen in einem Ökodorf im Chile der 90ger Jahre ist die Basis für den schönen Film „Tarde para morir joven“ von Dominga Sotomayor. Während die Erwachsenen sich in ihren Träumen von einem alternativen Leben bewegen und sich manchmal dort verlieren, versucht die junge Sophia ihren Platz zwischen Kindheit und Erwachsensein zu finden. Um sie herum, als äusserer Ausdruck ihres inneren Durcheinanders, die lauten Vorbereitungen zum Jahreswechsel, der mögliche Besuch ihrer Mutter, und eine erste Liebe, die dann doch nur eine Enttäuschung mit sich bringt. Ein eher langsamer Film, mit einer sensationellen jungen Darstelerin, Demian Hernandéz, in einer wunderbar kargen Landschaft.

Der Abendfilm auf der Piazza Grande „L’ordre des médecins“ von David Roux, ist dann wieder eher konventionell. Erzählt wird wie sich ein junger Arzt damit abfinden muss, dass Sterben auch in seiner Familie zum Leben gehört, er muss erkennen dass seine Arbeitsethik auch für ihn gelten muss, er muss das Sterben der Mutter zulassen. Die Bilder sind schön, interessant bisweilen das Spiel mit Unschärfen, die Darsteller beeindrucken zum Teil mit sehr reduzierten Mitteln, aber wirklich bewegt hat der Film das Publikum nicht.

Der erste Tag brachte zwei zauberhafte Filme, das Festival ist noch lang und der Katalog birgt immer noch viele Versprechen auf spannende Filme.

FFM 2018: It’s a Mad, Mad, Mad Amanda World

Wir würden nie an den Fährtenleserqualitäten von Ihnen und Ihrem Elektrozebra zweifeln, liebe Leserschaft. Und gehen freilich davon aus, dass sie den versteckten Michael Madsen aufgestöbert haben. Aber nur um sicher zu gehen, dass wir alle den gleichen gefunden haben, hier unsere Auflösung:

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Gell, jetzt sehen Sie ihn auch?! (Links unten.)

Das Filmfest aber hat dann doch noch einen draufgesetzt: Nur weil Madsen nicht live da war, heißt das nicht, dass wir ganz ohne wunderbaren Auftritt eines coolen Tarantino-Alumnus im Carl-Amery-Saal (vormals: Vortragssaal der Bibliothek) auskommen mussten. Diesmal mit deutlich mehr Vorwarnung, aber doch im eher überschaubaren Kreis von Kennern & Liebhabern.
Amanda Plummer war’s, die uns da verzückte. Nicht im klassischen Interview, sondern in einem offenen Gespräch mit Regisseur Linus de Paoli (bei dem de Paoli 80% des Texts und Plummer 80% der Präsenz hatte), ohne Videoaufzeichnung, ohne großes Festivalgedöns drumrum. Plummer zieht, sobald sie auf der Bühne ist, die Schuhe aus, kauert und kuschelt sich auf den Stuhl, schlürft einen Kaffee – es ist so nah an Wohnzimmer, wie man in dem garstig unpersönlichen Mehrzwecksälchen kommt.
Plummer wirkt wie eine anarchische Fee – ein fragiles Wesen, nicht ganz von dieser Welt, das in unsere Realität geflattert ist, um daselbst ein bisserl mit der Schrotflinte aufzumischen. Es ist, ohne übertrieben viel Worte, ein unglaublich energetisierendes Plädoyer für Kunst als disruptive Kraft, und irgendwie fürs Menschsein allgemein.
Einer dieser überraschenden Nachmittage, für die man das Filmfest München dann doch immer wieder liebt.

Anna Edelmann & Thomas Willmann