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17 Preiskategorien, 17 goldene Nüsse und ein Bundesminister

 

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Der letzte Film ist ein wahres Schwergewicht, „Garten“ von Peter Schreiner. Die Kamera in konstantem Fluss, die Schnitte fliessend, die harten Schwarz-Weiss Kontraste gnadenlos enthüllend. Hier wird jede Falte zum Krater, jede Oberfläche gibt ihre Geheimnisse preis, im Gegensatz zu den Akteuren, die in extrem artifiziellen Dialogen kommunizieren. Der Zuschauer ist fast dauerhaft Dunkel getaucht, die langsam fliessenden Bewegungen zwingen zu schauen, zu hören, allein, das Begreifen ist eher schwierig. Der Film hat, vor allem bildlich, seinen Reiz, ist aber insgesamt schwer zu fassen, was möglicherweise gar nicht unerwünscht ist. Auch hier ist die Einordnung in eine Kategorie unscharf, „Garten“ läuft als Spielfilm, obwohl er sicher eher experimental-innovativ genannt werden sollte.

Prinzipiell ist die Einteilung in Kategorien nicht wichtig, aber wenn man schon einteilt, also auch für jede Gruppe eine eigene Jury hat, sollte man vielleicht feiner trennen. Auch die Entscheidung, dass Filme bis 65 Minuten noch Kurzfilme sind, könnte überdacht werden. Es macht in der Konzeption, in der Dramaturgie einen sehr grossen Unterschied, ob man ein Thema, eine Geschichte in 3, 10 oder 65 Minuten erzählt, diese Arbeiten dann miteinander zu vergleichen klingt nicht wirklich richtig.

 

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Die Jurys haben entschieden, die Preise sind vergeben, und das dieses Jahr tatsächlich in Anwesenheit, und, bei den beiden Hauptpreisen, durch den zuständigen Bundesminister. Warum das erwähnenswert ist? Weil Kultur-und EU-Minister Blümel im letzten Jahr nicht erschien, obwohl das österreichische Filmschaffen in sein Ressort fällt und der österreichische Film, zumindest im EU-Ausland, sehr gut da steht. Viele Gründe also, trotz grosser Differenzen zwischen Kultur und Regierungspartien, anwesend zu sein. Gut, nun war er ja da, die Intendanten betonten, dass von ihrer Seite die Türen zu konstruktivem Gespräch offen stünden.

Im Verlauf dieser Festivalwoche wurde immer wieder betont, wie wichtig es auch weiterhin ist, einen freien, also gebührenfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben und zu behalten, auf die Frage angesprochen, ob er bereit wäre jetzt dort auf der Bühne zuzusagen mit den Film-und Fernsehmachern zusammenzustehen, wich er allerdings, relativ ungalant, aus. Nun, das war irgendwie zu erwarten, aber schade ist es trotzdem.

 

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Trotz intensiven Kinobesuchs, mal wieder die beiden Hauptpreise nicht gesehen!

Grosser Preis Spielfilm für „Chaos“ von Sara Fattahis,

Grosser Preis Dokumentarfilm für The Remains – Nach der Odyssee“ von Nathalie Borgers.

Der Preis für den besten Film Innovativ-Experimental-Animation klingt nach der Jurybegründung sehr spannend, und auch der kurze Ausschnitt sah interessant aus, aber, leider : Wreckage takes a holiday“ von Jennifer Mattes, verpasst.

Die beiden Kurzfilmpreise gingen an „Ene Mene“ von Raphaela Schmid und „Remapping the origins“ von Johannes Gierlinger, beides sehr schöne Filme (Blog_1 und 2).

Auch die beiden Kamerapreise gehen in Ordnung, Spielfilm Bildgestaltung für Klemens Hufnagel für die wirklich sehr schönen Bilder in „Bewegungen eines nahen Bergs“ und Bildgestaltung Dokumentarfilm an Christiana Perschon für „Sie ist der andere Blick“. (Blog_1 und 3)

Es haben, trotz der ungünstigeren Startbedingungen, mehr Frauen als Männer Preise bekommen, besonders was die Regiepreise angeht ist das erfreulich.

Alle Preise sind auf der Webseite der Diagonale zu finden.

Der Österreichische Film spielt weiterhin an der Spitze des europäischen Filmschaffens mit, die Filme laufen auf vielen Festivals, was auch an der Zahl der „nur noch“ Österreich Premieren abzulesen war. Auch wenn die Zahlen des vergangen Jahres an den Kinokassen rückläufig waren, Österreich hat eine aktive, rege Filmindustrie, die man nicht unterschätzen soll.

Diagonale Termin 2020: 17. bis 22. März 2020

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Unscharfe Grenzen

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Langsam macht sich dann doch ein filminduzierter Tunnelblick breit, der Fokus ist starr auf die kommende Vorstellung gerichtet, der Rest der Welt verschwimmt in nebensächlicher Unschärfe.

 

Über die Sinnhaftigkeit, Filme in Kategorien einzuteilen, nachzudenken, bietet sich nicht nur wegen der Überlappungen oder Unschärfen in den Kurzfilmprogrammen an. Sondern auch der neue Film von Sebastian Brameshuber „Bewegungen eines nahen Berges“, der seine Uraufführung als Dokumentarfilm hatte, und in Graz als Spielfilm läuft. Die Gruppen zu mischen, würde eventuell einen grössere Freiheit der Form(en) erlauben, und eine Festlegung der Genres im Vorfeld unnötig machen.

Bewegungen eines nahen Berges“ ist formal, wenn man so will, und inhaltlich sicher, ein Dokumentarfilm, beobachtend, dokumentierend im besten Sinn des Wortes. Ein Nigerianer, der mit Schrottautos handelt, sie zerlegt, wiederverwertet, sie als Kleinteile oder als Ganzes wieder verkauft. Ein einsame Tätigkeit ist das, ein Mann, Werkzeug, Autos, Staub, tagein, tagaus, nur manchmal bricht das dokumentarische, ein zweiter Nigerianer scheint mit in der Werkstatt zu arbeiten, die Stimmung wird surreal. Diese kleinen Momente der Inszenierung, sind es wohl, die die Positionierung als Spielfilm bewirkt haben. Ob man diesem schönen, ruhigen Film damit wirklich einen Gefallen tut ist fraglich.

Ein weiteres Kurzfilmprogramm, diesmal unter der Rubrik Innovativ, auch hier gibt es Unschärfen. Lydia Nsiah dreht für „to forget“ Urlaubsimpressionen auf überlagertem Filmmaterial, der Effekt ist Konservieren der Flüchtigkeit, die Idee, Bilder auf Reisen zu sammeln, um sie zu bewahren, verkehrt sich in den Beleg für deren Vergänglichkeit. Das sieht spannend aus, ist mit einer immer intensiver werdenden Tonkollage unterlegt, und regt zum Nachdenken an. Auch „animistica“ von Nikki Schuster hat bei aller Abstraktion auch sehr viel Dokumentarisches. Der Film streift 7 Minuten lang in Makroaufnahmen, Überblendungen und Animationen über wachsende Pilzsporen, Tierkadaver, verrottende Blätter, unterlegt mit schmatzenden, mampfenden Tönen. Schräg und auch interessant. „Antarctic Traces“ von Michaela Grill. Sie filmt in der Antarktis, Meer, Pinguine, Seeelefanten, man könnte das alles idyllisch finden, würden nicht darüber Erlebnisberichte verschiedener Zeugen der Ausbeutung der Gegend seit dem Ende des 18.Jahrhunderts liegen. Gruselig hört sich das an, und immer gruseliger werden auch die Bilder, die die verrosteten Reste dieser Industrie zeigen. Der Kontrast von Texten zu Bildern ist brutal und eindringlich. Schade nur, dass oft die Bilder aussehen, als wären sie in 30f/sec gedreht und in 25f/sec bearbeitet und vorgeführt.

 

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Der Dokumentarfilm „You only die twice“ von Yair Lev bietet in der Basis eine spannende Identitätssuche, ist aber sehr konventionell und uninspiriert gemacht. Der israelische Filmemacher macht sich auf die Suche nach einem Mann, der unter dem Namen seines Grossvaters gelebt hat. Die Suche führt von Israel, nach Österreich, mit einem Abstecher nach Kroatien, in Archive und Meldestellen, und immer schwebt die Sorge, der „Dieb“ könnte womöglich ein Nazi gewesen sein, der sich die jüdische Identität nach dem Krieg zugelegt hat. Am Schluss war alles viel komplexer, die Identität verhalf dem polnisch-jüdischen Schulfreund des Grossvater, der schon vor dem Krieg auswanderte, die Nazizeit , wenn auch versteckt, zu überstehen. Die Realität ist wunderbar schräg und verrückt, der Film sieht aber aus wie eine sehr x-beliebige Fernsehreportage, mit eher matschigen Bildern, uninteressanten Bildausschnitten und viel zu viel beliebiger Musik.

Im Laufschritt quer durch Graz zur Österreich Premiere von „Kaviar“ von Elena Tikhonova. Der Film ist leidlich komisch dafür ziemlich albern. Ein stereotypisch dümmlicher Wiener will ebenso stereotypisch saufenden russischen Oligarch in Wien übers Ohr hauen. Dafür braucht er Hilfe von dümmlichem Freund (Anwalt) und korruptem Jagdpartner (Politiker). Gewürzt mit viel Bling-Bling, eifersüchtiger Ehefrau (des Möchtegern Betrügers) und schon rennen diverse Gruppen hinter den Oligarchen-Millionen her und versuchen sich gegenseitig zu betrügen. Um wirklich lustig zu sein, ist der Film zu langsam und die Witzchen zu dünn und vorhersehbar. Gut, im Publikum wurde immer wieder quietschend gelacht, der Film kommt im Juni in die Kinos, es sei den Machern gegönnt.

Nachdem die warme Nachmittagssonne abendlicher Kälte gewichen ist, gibt es dann noch ein letztes Kurzdokumentarfilmprogramm, diesmal mit thematischem Schwerpunkt, Musik.

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Frech, grossartig und witzig: „ Notes on Noise 01 Hoffmann’s Hymn“ von Norbert Pfaffenbichler, neben-und übereinander und zeitlich versetzt formt ein Gebilde aus Latex, das wohl ein Mund mit Rachen darstellt, einzelne Töne. Zusammengenommen ergibt das eine eigentümliche Klangkomposition und optisch ein Vexierbild. „In trout we dust“ von Dieter Kovačič ist enttäuschend. Das Portrait zweier Experimentalmusiker ist schlecht gedreht, auch hier scheint mit der falschen Bilderzahl gearbeitet zu werden, unrhythmisch geschnitten, der Ton bei den Interviews zu laut, und unsauber abgeschnitten; eher ein Rohschnitt, denn ein fertiger Film, und mit 34 Minuten dafür auch zu lang. Ganz im Gegensatz, der Musikclip „Electro Guzzi – MINEY MICK“ von Lisa Kortschak und Gregor Mahnert, sehr schön gedreht, und mit wenigen einfachen Mitteln entsteht ein rhythmisch extrem komplexes Kunstwerk. Am Ende des Programms, 54 Minuten reinste Freude. „Under the Underground“ von Angela Christlieb führt filmisch durch ein Chaos an Elektroschrott, Maschinen, technischem Gerät, mal funktionierend , mal eher dekorativ. Die Kellerräume sind Proberaum, Tonstudio, Bastlerwerkstatt und Wohnraum von Janka Industries. Underground im doppelten Wortsinn, das messihafte Durcheinander findet ganz natürlich seine Entsprechung im Bildfluss, bleibt dabei aber doch sehr genau strukturiert, wie vermutlich das Chaos im Keller, für seine Bewohner strukturiert ist. Ein Gesamtkunstwerk, aus Inhalt und Form. Für solche Filme lohnt es sich, um 23 Uhr nochmal ins Kino zu gehen, auch wenn Augen und Sitzfleisch laut protestieren.

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Mehr Leerstellen

Warum Filme machen, wenn einem das Erzählen in Bildern nicht am Herzen liegt? Warum pausenlos reden, wenn man Bilder zur Verfügung hat, die etwas zu sagen haben?

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Ein weiteres Kurzfilmprogramm, in dem Filme laufen, deren Bilder und Texte oder Ideen nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, das ist ermüdend. Was entsteht ist „Schwafelkino“. Jemand redet, beliebige, nicht mal gut gemachte Bilder laufen währenddessen über die Leinwand, so wie in „Mária Vörösben(Mary in Red)“ von Eszter Katalin. Ein Ort in Ungarn, ein Kloster, das lange, als von Nonnen geführtes, Frauengefängnis fungiert hat, heute ist es ein staatliche Männergefängnis, in dem der Stacheldraht, mit dem sich Europa abschottet, von Häftlingen hergestellt wird. Das ist an sich ja nicht unspannend, aber der durchgehende Off und On Kommentar, verbindet sich weder mit der Geschichte des Ortes, noch mit den uninspirierten Bildern. Da werden 30 Minuten sehr lang. „Das Bild Das Nichts Anzubieten Hat“ von Bruno Siegrist trägt seine Problematik schon im Titel, und doch ist alles noch viel schlimmer. Eine lange Fahrt am Gebäudekomplex des BND vorbei, im Vordergrund , unscharf der Zaun, es entstehen dadurch interessante Verformungen, dieses Bild hätte in der Tat etwas zu bieten. So weit, so gut, danach dann eine viertel Stunde lang analoger Weissfilm mit Schrammen und Flecken, immer das selbe Stück hintereinander, und dazu wieder Schwafelfilm. Betrachtungen zu Bildästhetik, zum Unterschied von Digital-zu Analogbild, aber auch zum Ort, an dem jetzt die BND Zentrale steht, beliebig, informativ wie ein Wikipediaeintrag. Und dann, die selbe Fahrt wie zu Anfang, bloss rückwärts abgespielt, die Verformung dadurch modifiziert, spannend, ansprechend oder intellektuell fordernd ist nichts davon. Zum Glück endet das Programm mit:„Remapping the origins“ von Johannes Gierlinger, der in interessanter, komplexer Weise vom polnischen Bialystok erzählt. Dem Ort, an dem das Esperanto erfunden wurde, wo Dziga Vertov geboren wurde, einem Ort, der früher, sehr viel früher, für Vielfalt der Kultur und des Lebens stand. Auch hier Off-Kommentar, Gedanken, aber sie bauen ein Spannungsfeld mit den gedrehten Bildern, lassen Leerstellen, in denen die Reflexionen sich setzen können, nehmen wider Fahrt auf, verbinden, vernetzen, kreieren Neues, sind filmisch, erzählen ohne zu belehren, und doch lernt man.

Die Rubrik Projizierte Weiblichkeit zeigt unter dem Titel „Es hat mich sehr gefreut“ Kurzfilme der Österreichischen Feministischen Avantgarde, Matuschka, Christanell, Lassnig, um nur einige zu nennen. Ein prallvolles Programm, mit verstörenden, lustigen, intelligenten Filmen, phantasievoll und originell, handwerklich ansprechend und manchmal sogar sexy.

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Und dann geht der Festivaltag tatsächlich sehr schön weiter.

Auf Nikolaus Geyrhalter ist Verlass, wenn man eindrucksvolle Dokumentarfilme sehen will. Sein neuer Film „Erde“,der in Berlin Weltpremiere feierte, ist da keine Ausnahme. Wie riesige Wunden muten die Betriebsspuren verschiedener Grossbaustellen, Marmorsteinbrüche, Braunekohle-oder Kupferminen an. Bagger, laut und dinosauriergross bewegen sich fast wie Spielzeug, während ameisenhafte Männer Sprengladungen anbringen, und der Erde weitere Wunden und Narben zufügen, Berge abtragen oder aushöhlen. Alles in schönster Ruhe und mit interessanten Bildern gedreht, so dass der Blick schweifen und verweilen kann. Ein Film, der nachdenklich macht, nicht zuletzt auch, weil die meisten Arbeiter der diversen Baustellen, bei aller Begeisterung für ihre, gut bezahlte, Arbeit, auch durchaus kritisch den damit verbundenen Raubbau sehen.

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Der zur Zeit spannendste österreichische Spielfilmregisseur ist wohl Peter Brunner. Sein jetzt dritter Langfilm „To the night“ ist ein wirklich gewaltiges Kinoereignis. Beeindruckt durch seine Bildsprache, in der Details und Nahaufnahmen für ungewöhnliche (Ein)blicke sorgen, der Erzählfluss hat etwas Mäanderndes, und stellt so auch schon mal die Kontinuität der Zeit in Frage, um gleich darauf die Frage nach Zeitlichkeit als irrelevant zu entlarven. Faszinierende Geschichten entstehen so, originell, eigenwillig, fordernd, auch wenn die Komponenten aus denen die Handlung besteht bekannt sind. Eine Liebesgeschichte, vor einem Hintergrund aus roher Gewalt, Trauma, Obsession und Drogen, ein Hauptdarsteller der blitzschnell von unendliche zart zu rasend wechselt, ein Leben ganz am Rand eines unausweichlichen Abgrunds, zerrissen, und wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Atemlos machen solche Filme, versöhnen mit dem oft gleichen Einerlei, und lassen hoffen, dass noch mehr solcher aussergewöhnliche Filme im Programm stecken.

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Provozieren, aufrütteln, bewegen, überraschen

 

„Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft“ mit diesem ebenso lapidaren wie wahren Satz begannen die beiden Diagonale Intendanten, Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, ihre Eröffnungsrede. Der Satz ist nicht nur für sich genommen fast banal wahr und ein politisches Statement, er gehört auch zum neuen, von Johann Lurf gestalteten, Diagonale Trailer. Seit langem wieder ein Trailer, der visuell fordert, anspricht, gewitzt gemacht ist, bei dem man in den kommenden Tagen immer wieder neue Aspekte entdecken können wird, der aber eben auch eine politische Ebene mit einbringt.

In der ausverkauften Helmut List Halle wurde also launig, wenn auch ein bisschen langatmig, eröffnet. Es gab die Rede der Intendanten, mittlerweile routiniert ohne dabei an Charme zu verlieren, die Verleihung des Grossen Diagonale Schauspielpreis an die wunderbare Birgit Minichmayr, auch dies Anlass zu (film)politischen Kommentaren, und dann den Film, mit dem diese Woche des österreichischen Kinos beginnt:

Der Boden unter den Füssen“ von Marie Kreutzer. Die Geschichte zweier ungleicher Schwestern, hier die labile, schizophrene „Grosse“, dort die organisierte, strebsame „Kleine“, die eine, nach einem Selbstmordversuch, in der Psychiatrie, die andre hin und herjettend auf dem Weg zur grossen Karriere als Unternehmensberaterin. Dazwischen Zweifel, Selbstzweifel, Paranoia, geschwisterliche-und lesbische Liebe. Drei grossartige Schauspielerinnen tragen den Film, und sorgen dafür, dass der Zuschauer nicht den Boden unter den Füssen verliert. Obwohl es irgendwann in der Mitte des Films schwierig wird den Machenschaften und Intrigen der Unternehmenssanierer zu folgen, zu viel, zu lang, zu wenig auf den Punkt. Um die geradewegs ins „Burn-Out“ steuernde Schwester zu verankern, wäre weniger mehr gewesen. Dafür wünscht man sich an manchen Stellen etwas mehr Verankerung im Privaten, um das emotionalen Chaos zwischen den Figuren klarer zu zeichnen. Kurzzeitig mischt sich gar ein Horror-Aspekt mit herein, das Telephon, das alle klingeln hören, aber ist am anderen Ende wirklich die kranke Schwester, oder ist alles nur Einbildung? Kann sich eine schwankende Innenwelt auf die Aussenwelt übertragen? Oder möchte die Geschichte kurz komplett das Genre wechseln? Insgesamt ist der, auf 35 mm gedrehte, Film auf jeden Fall sehenswert und ein vielversprechender Einstieg in die Festivaltage.

Zum Abschluss des Abends wurde dann doch auch noch dem Hedonismus gefrönt, mit Gemüsepfanne, alkoholischen Getränken und Musik.

 

Der Blick der Frauen? Auf Frauen schauen?

Frauen im Film(Geschäft), wie bei vielen Festivals zur Zeit, stellt sich auch in Graz die Frage, ob und in welcher Art Frauen im Film präsent sind, bei flüchtigem durchzählen im Katalog ist auf jeden Fall das Verhältnis Regisseure zu Regisseurinnen beklagenswert schlecht. Aber immerhin gibt es in diesem Jahr eine Programmschiene „Weiblichkeitsbilder“. In Diskussionen, alten und neuen Filmen wird die „Weiblichkeit im österreichischen Film“ beleuchtet. Ein Anfang, immerhin. Aber schon bei den Juroren zeigt sich, dass es eine, wenn auch leichte, Überzahl an Männern gibt, da hilft es dann auch nicht, dass in den beiden Hauptjurys jeweils eine Festivaldirektorin, Eva Sangiorgi, Viennale und Seraina Rohrer, Solothurner Filmtage, sitzt. Aber auch das, ein Anfang.

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Ein Schaustück für die, auch manipulative, Macht der Filmmontage, die bildlichen Analogien zwischen der Schafherde und den Flüchtenden im Spätsommer 2015 könnten fast böse Absicht suggerieren, aber darum geht es in „Refugee Lullaby“ von Ronit Kerstner nicht, ganz im Gegenteil. Ein Aussteiger, Schäfer, Kind jüdischer Kommunisten, wird auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise zum freiwilligen Helfer. Und so wie er seine Schafe durch die Wiesen lenkt, und sich rührend um jedes versprengte Lamm kümmert, sammelt er entlang der ungarisch-österreichischen Grenze, müde und erschöpfte Flüchtlinge ein, und fährt sie mit seinem Auto bis zur Grenze. Die aus den Nachrichten bekannten Bilder kontrastieren mit der fast idyllischen Einfachheit seiner Behausung, kontrastierende und changierende Analogien. Ähnlichkeiten auch inhaltlicher Natur, spiegeln sich die Fluchtgeschichten seiner Familie mit denen der Familien, die heute flüchten. Umrahmt und unterlegt ist alles von jiddischen Liedern, die der Schäfer irgendwann für sich entdeckt hat, und weiter entwickelt. Alte und neue Lieder, die er beim Autofahren singt, aber auch als Wiegenlieder für Schafe und weinende Kleinkinder einsetzt. Die Kamera ist leider nicht durchgängig schön, was dann manchmal schon schade ist.

In Graz werden die Kurzfilme in drei Kategorien geteilt: Innovativ-Spiel- und Dokumentarkurzfilm, was dann aber Musikvideos in der Rubrik Kurzspielfilm zu suchen haben erschliesst sich nicht, zumal wenn diese nicht mal annähernd narrativ sind. Aus dem Programm 2, drei besonders schöne Filme, in denen es um Familie und den Umgang miteinander geht. „Kalb“ von Franz Quitt, „Schwestern“ von Florian Moses Bayer und „Ene Mene“ von Raphaela Schmid, in allen drei Filmen geht es um Familien, und deren Umgang miteinander. “Kalb“ kommt gänzlich ohne Dialog aus, und zeigt kurz und warmherzig die Beziehung zwischen Enkel und Grossvater, ein schweigsames Einverständnis, bei dem beide von einander profitieren, zwei bäuerliche Arbeitstage mit der selben Routine aber komplett verschiedenem Ausgang. „Schwestern“ spielt mit sich anbietenden Klischees, ohne diese zu bedienen. Die Schwestern treffen sich anlässlich des Todes der Mutter in ihrem Heimatdorf, die die blieb, und die die in die Stadt ging. Die Sicht darauf wie das Begräbnis zu gestalten ist könnte nicht weiter voneinander entfernt sein. Der Streit eskaliert, wie er nur unter Geschwistern eskalieren kann, aber genau so und ohne jegliches Einmischen vertragen sie sich wieder und finden einen Weg, der beide zufrieden stellt. Das offensichtliche Klischee, das nicht bedient wird? Eine der beiden Schwestern ist schwarz, aber dieser Umstand bleibt, bis auf einen ganz kurze Situation, rein visuell, wird nicht inhaltlich, und verdichtet dadurch das gezeigte geschwisterliche Band. „Ene Mene“ erzählt vom Umgang mit dem Tod, und zeigt, dass die kleine Schwester einen bedeutend pragmatischeren Weg der Verarbeitung bietet und lebt, als ihre trauernde Mutter, das ist nett und unprätentiös gemacht.

Auch bei Kurzdokumentarfilmen muss man die Frage stellen, ob ein Film, der nicht fiktional ist, schon ein Dokumentarfilm ist. Ausser „Das Buch Sabeth“ von Florian Kogler, der ein bewegendes und lustiges Portrait der russischen Künstlerin Elisabeth Netzkowa Mnatsakanjan zeichnet, sind alle Filme im Kurzdokumentarfilmprogramm 2 eher als experimentell zu bezeichnen. Sie zeigen Bilder, die mit den unterlegten, oder als Schrifttafeln eingefügten Texten nur bedingt zu tun habe, private Briefe, die ein Innen nach aussen kehren wollen, ohne das Aussen, den Zuschauer, zu erreichen. Das ist anstrengend, aber nicht fordernd, das kann nicht die Provokation sein, die man sich wünscht. „Das Buch Sabeth“ im Gegenzug ist charmant, witzig, warmherzig und zeigt eine fabelhafte alte Dame, die in ihrer aktiven Zeit Klavierspielerin, Malerin, Dichterin und Übersetzerin war. Ihre Wohnung ist voller Erinnerungen, die sie Stück für Stück ans Licht zieht, und sich in Anekdoten und kleinen Frechheiten verliert.

 

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In „Sie ist der andere Blick“ portraitiert Christina Perschon in eigenwilliger filmischer Handschrift Künstlerinnen, die in den 60ger und 70ger Jahren gegen Vorurteile und gesellschaftliche Konventionen zur feministischen und künstlerischen Avantgarde wurden. Malerinnen, Filmemacherinnen, Photographinnen, grosse Namen, die auch heute noch gross sind: Linda Christanell, Margot Pilz, Karin Mack, Lore Heuermann. Manches in dieser Dokumentation funktioniert hervorragend, wie gleich zu Anfang, die in 16mm gedrehten Passagen, in denen Leinwände grundiert werden, immer wieder, immer weiter, und immer abstrakter werdend, darunter von allen Künstlerinnen erste Interviews, die Geschichte ihrer Anfänge. Als Rahmen dient allen Künstlerinnen dasselbe, leere Atelier, das sie mit sich und ihrer Kunst „bespielen“. Manchmal wünscht man sich nur, etwas genauer zu sehen was sie zeigen, worüber sie reden, wie bei den Photos, von denen Karin Mack spricht, sie bleiben in der Totale, und werden nur kurz Richtung Kamera gehalten. Auch Renate Bertelmanns Kautschukobjekte wären aus der Nähe sicher schön anzusehen. Und ob einem gefällt, wenn Interviews einfach hart zusammengeschnitten werden bleibt wohl Geschmackssache. Spannend und interessant ist der Film dennoch.

Nils Olger arbeitet sich in „Eine eiserne Kassette“ minutiös durch die Nazi Vergangenheit seines Grossvaters. Anhand von Photos, die er nach dem Tod des Grossvaters erstmals zu Gesicht bekommt, rekonstruiert er das letzte Kriegsjahr. Akribisch fährt er zu den Schauplätzen, die er auf den Bildern findet, vergleicht, untersucht, redet mit Zeitzeugen, oder mit deren Nachkommen. Er bleibt dabei gleichzeitig distanziert, und doch persönlich betroffen, der Grossvater der Kindheit verblasst hinter den Aufdeckungen, es bleibt nur der SS-Mann, der zumindest geschwiegen hat, und eine Grossmutter, die allzu leicht relativiert.

 

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(c) ch.dériaz Peter Schernhuber

Die Diagonale und Graz sind eigentlich immer mit ersten warmen Tagen verbunden, noch ist da, wie bei den Filmen Luft nach oben, aber das ist ja auch erst der Anfang.

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Verweile doch Augenblick…

 

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Gefangen in einer Zeitschleife ist die weibliche Figur in „Cronofobia“ von Francesco Rizzi. Ein mysteriöser Mann, den man zunächst für einen Stalker hält, eine nicht weniger mysteriöse Frau, die unterdrückte Wut und Nichtakzeptanz ausstrahlt, ihre Wege kreuzen sich nicht zufällig und der Grund für das Zusammentreffen ist auch nicht unschuldig, ganz im Gegenteil. Ein langsamer Film, in dem die Figuren sich in einem merkwürdigen Tanz aus schlechtem Gewissen und Ausnutzung bewegen, um dann ebenso langsam auseinander zu driften, der eine vielleicht befreit von seinem schlechten Gewissen, die andere möglicherweise befreit aus ihrer Zeitschleife. Eine Geschichte von Zeit und Identität und von Augenblicken, die nicht verweilen sollten.

Nach einem amoklaufenden Arbeiter, einem Schüler mit seltsamen telephonier Präferenzen, jetzt also Joel Basman als Motti Wolkenbruch in „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Michael Steiner. Motti aus einem traditionell jüdischen Elternhaus, der sich den Film lang müht seinen Weg im Leben zu finden. Er wandelt sich vom fleissigen Studenten, mit stereotypisch hängenden Schultern, zum T-Shirt tragenden Rebellen, der mit seiner nicht jüdischen Kommilitonin ins Bett geht, nachdem er in Israel von einer dunkelhaarigen Schönheit entjungfert wurde. Der Film, wenn gleich durchaus nett, bedient einfach alle Stereotypen, die man sich zu dem Thema ausdenken kann, und ist dennoch nur die Geschichte eines Erwachsenwerdens. Schade auch, dass die eigentlich gute Idee, den Protagonisten aus der Situation heraus sich direkt an Zuschauer zu wenden, nicht durchgehalten wird, damit wäre etwas mehr Selbstreflexion und auch Tempo in die Geschichte gekommen.

 

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Ganz zum Schluss dann der wirklich innovativste, radikalste und avantgardistischste Film des Festivals: „Das Höllentor von Zürich“ Cyrill Oberholzer. Der Film spielt mit Kameraeffekten, Fehlfarben, und Computerbildern, die Bildausschnitte, Perspektiven und Schnittfolgen sind von Danny Boyds „127hours“ 1:1übernommen, und auch die Situation des Feststeckens, allein und in aussichtsloser Lage entspricht dem Original. Bloss dass alles von Anfang an in rauschhaftem Wahnsinn daherkommt, und eine junge Frau mit einem Finger im Abfluss ihrer Badewanne stecken bleibt, statt in einer Felsspalte. Daraus wird eine Art Trip, der in seiner Bildstruktur und Bildgestaltung eine grandiose Übersetzung der psychedelischen Filme der 60ger und 70 Jahre ist, aber eben mit den visuellen Spielereien, die heute machbar und (aus)denkbar sind. Eine echte Entdeckung, ein gelungener, anstrengender Film auf den man sich einlassen muss. Der Film soll demnächst frei im Internet verfügbar sein.

Der Prix de Soleure ging an den schönen Film „Immer und ewig“ von Fanny Bräuning, der Publikumspreis an „Gateways to New York“ von Martin Witz, der Dokumentarfilm erzählt vom Schweizer Architekten Othmar H. Amman, der 1904 nach Amerika ausgewandert ist, und dort ein Revolutionär der Baukunst wurde.

 

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Insgesamt bot die diesjährige Ausgabe der Filmtage eine solide Auswahl, auch wenn wenig wirklich herausragend war. Es bleiben die Dokumentarfilme deutlich stärker als die Spielfilme und wie in allen eher kleinen Filmländern sind gerade im Spielbereich die Koproduktionen extrem wichtig. Das Festival sollte dringend an den Tonanlagen der diversen Spielstätten arbeiten, weil topfig-dünn klingender Ton, oder leichte Echos in Dialogpassagen sind nicht nur unangenehm, sie sind auch extrem unfair oder respektlos gegenüber der Arbeit, die in der Tonbearbeitung steckt.

 

 

 

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Die Festival Direktorin Seraina Rohrer war zufrieden mit den diesjährigen Zuschauerzahlen, die 55. Ausgabe findet vom 22. bis 29. Januar 2020 statt.

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Das Ich und der Rest der Welt – vom Erinnern

 

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Und dann ist über Nacht der Schnee gekommen, erst zart und hübsch und dann nass und dicht, die Hoffnung auf Sonne von der Leinwand wird erstmal nicht erfüllt.

Gens du Lac“ von Jean Marie Straub, muss man das mögen? Ein Text vorgelesen, wie für ein Diktat in der Grundschule, überdeutlich, ohne Rhythmus, dazu statische Bilder, oder gar nur eine schwarze Leinwand, um kurz nach neun am Morgen ist das schwer zu mögen. „La séparation des traces“ von Francis Reusser, taucht ein in Vergangenes, holt die persönliche Lebens-und Filmgeschichte hervor, anhand von Filmausschnitten, dazu Bildern einer Reise zurück, durchs Heute, ein bisschen melancholisch, ziemlich eitle, kokettierend mit dem Verfall und der eigenen Wichtigkeit; kann man mögen, oder auch einfach nur hinnehmen, als ein Film, der anderen vielleicht etwas bedeutet.

 

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Ein wichtiger, ein toller Film, einer, der sich Zeit nimmt, ein Problem zu zeigen, zu betrachten, zu analysieren und auch ins Gewissen zu reden: „Eldorado“ von Markus Imhoof. Seine persönliche Geschichte mit dem Flüchtlingsmädchen Giovanna, das seine Eltern während des 2. Weltkriegs aufnahmen, und die, der Krieg kaum vorbei, ins zerstörte Italien zurückgeschickt werden musste, umrahmt Imhoofs Betrachtung zu heutige Fluchtgeschichten. Er dreht auf einem Boot der italienischen Marine, das Flüchtlinge aus dem Mittelmeer fischt, verarztet, erstversorgt, und doch nichts weiter tun kann. Zeigt wie illegale Flüchtlinge in Italien in mafiösen Strukturen versklavt werden, wie ihre unterbezahlte Arbeit letztlich in ihren Heimatländern für noch mehr Fluchtgründe sorgen. Erzählt von Flüchtlingen, die in der Altenpflege arbeiten, aber zurück müssen, ohne Asylstatus, während an Robotern gearbeitet wird, die in der Pflege den Mangel an Helfern ausgleichen sollen. Sachlich und organisiert zeigt er das alles, in Bildern die Zeugnis ablegen, die auch dann schöne, gute Bilder sind, wenn man fast nicht hinschauen möchte. Ein grosser Kinodokumentarfilm, der sein Thema von allen Seiten zeigt, und doch auch einen persönlichen roten Faden behält. Imhoff bekam dafür letzte Woche den Bayerischen Filmpreis.

Film als Ausdrucksmittel für Privates, für Geschichten, die jeder mit sich herumträgt, auch dies eine Art gemeinsamer Nenner in diesem Jahr. Auch „Les sœrs“ von Peter Entell spricht von Privatem, davon, wie sich zwei Schwestern Jahrzehnte nachdem sie durch Adoption getrennt wurden, wiederfinden. Eine Geschichte direkt vor seiner Kamera, ist doch die eine Schwester die Kindheitsfreundin seiner Frau. Die Geschichte ist berührend, als Zuschauer fühlt man sich den drei Frauen Nahe, trotzdem ist der Film bildlich,filmisch, eine Enttäuschung, das ist schade.

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Mit kleinem Budget und ohne weitere Förderung hat Hans Kaufman „Der Büezer“ realisiert. Die Geschichte eines lieben Kerls, der eigentlich nur gern ein bisschen mehr Geld und eine nette Freundin hätte. Aber auf dem Bau, wo er als Installateur arbeitet herrscht ein rauher, sexistischer Umgangston, beim Versuch eines Dates per Tinder verschwindet die Dame, nachdem sie gehört hat, dass er nur ein einfacher Arbeiter ist. Eine junge Frau, die er zufällig trifft, entpuppt sich als Mitglied einer religiösen Gruppe, und der Väterliche Freund als Zuhälter minderjähriger Migrantinnen. Nach der Verzweiflung folgt die Wut, und die bricht sich in bester Taxi Driver Manier ihren Weg. Spannend ist das vor allem wegen des Spiels von Joel Basman, der von zart, schüchtern und zurückhaltend zum „Tier“ mutiert, um dann in eine Art leuchtende Ruhe zurückzufinden. Und nach der Vorstellung animierte er dann noch den gesamten Saal, dem Regisseur ein Geburtstagslied zu singen.

 

Verwandeln und Verändern

Wer hat bloss erfunden, Dokumentarfilme, besonders welche mit Naturaufnahmen, mit Monumentalmusik zu übergiessen, wie eine Torte mit Zuckerguss? Ein grosser Teil der Freude an Christian Freis „Genesis 2.0“ geht in solcher Musik unter. Dabei hat der Film alles, um sogar komplett ohne Musik auszukommen, grossartige Aufnahmen im sibirischen Polarmeer, bei der Beobachtung der Mammutstosszahnjäger, Landschaft, Gesichter, Details, alles ein echte Augenweide. Parallel dazu erzählte er von von Hochtechnologie und Molekularbiologie und Forschung. Verbunden sind beide Ebenen durch den Fund eines intakten Mammuts vor einigen Jahren, und dem daraus resultierenden Wunsch, das Mammut in der Petrischale neu zu erschaffen. Eine archaische, lebensfeindliche Welt, und eine ethisch nicht immer verantwortungsvolle Welt, da die Suche nach dem Auskommen der Nordsibirischen Jäger, hier das grosse Geld in Koreanischen, Chinesischen aber auch Amerikanischen Labors. Schlecht möchte einem werden, wenn die Chinesische PR Dame stolz erklärt, dass durch die Recherchen in ihrem Labor, die Geburten von Kindern mit Down Syndrom verhindert werden können, aber auch das Missverhältnis zwischen dem Verdienst der Stosszahnjäger und dem Preis für aus diesem Elfenbein erzeugten Objekten ist haarsträuben. Arbeit 2.0 und Wirtschaft 2.0 gehorchen mehr denn je nur der Gewinnmaximierung. Wäre alles toll, wenn dieses furchtbare Musiksosse nicht wäre!.

 

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Vier Damen, zwischen Mitte 60 und Mitte 70, aktiv, lebensbejahend, aber entweder geschieden oder verwitwet, das sind die Protagonistinnen in „Les Dames“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Alle sind sie auf die eine oder andere Art in einer Aufbruchphase, auf der Suche nach dem was das Leben noch zu bieten hat, nicht gewillt sich auf den Schrotthaufen zwischenmenschlicher Beziehungen werfen zu lassen. Im Verlauf des Films werden sie auf verschiedenste Art fündig, die eine macht Frieden mit sich, die andere findet eine Liebe ungeahnter Qualität, alle sind am Ende ein Stück weiter in der immerwährenden Entwicklung des Ichs gekommen; das ist schön zu beobachten.

Von einem extrem gestörtem und verstörendem Mutter-Tochter Verhältnis erzählt „Sashinka“ von Kristina Wagenbauer. Die Mutter säuft und spielt, und kompensiert den Mangel in ihrer Beziehung zur Tochter mit überbordender und künstlicher Fröhlichkeit, die Tochter hat wohl schon lange versucht sich fern der Mutter ein eigenes Leben zu schaffen, versteckt aber in einer massiven Essstörung die dysfunktionale Beziehung. In den 24 Stunden, die der Film zeigt schaukeln sich Emotionen, Ablehnung und Zuneigung hoch um gleich wieder tief zu fallen, und man schätzt sich glücklich keine solche Familie zu haben. Toll gespielt von beiden Darstellerinnen.

In „Zauberer“ von Sebastian Brauneis sind eigentlich alle Figuren komplett gestört, die Geschichte verbindet lose diverse Personen, ihre Schicksale kreuzen sich, oder laufen, zumindest kurzzeitig, im selben geographischen Raum parallel. Der Film ist extrem künstlich, überspitzt mit eigentümlich hohl klingendem Ton (was eventuell an der Vorführung liegen könnte) und teils unterschwellig, teils offensichtlich grausam und brutal, insgesamt ein eher wirrer Film, den einige Zuschauer auch während der Vorstellung verlassen haben.

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Noch ein Festivaltag, schwer zu sagen welcher Film wirklich preiswürdig ist, zumal  für den Prix de Soleure zum Beispiel nur 9 Filme nominiert sind.

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Wie die Zeit (ver)geht

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In diesem Jahr funktioniert die Filmtage App, mit der man seine Filme für den kommenden Tag reservieren kann, gut, allerdings sollte man dafür pünktlich um 8:30 starten, denn spätesten um neun, sind viele der Spätnachmittag-und Abendfilme bereits ausgebucht. Da macht es dann weiter nichts, in die Frühvorstellungen zu gehen. Das morgendliche Kurzfilmprogramm ist schon relativ gut besucht, und bietet thematisch gemischtes Allerlei. Immer wieder Thema: alte Freunde, Jugendfreundschaften, die sich ins weitere Leben ziehen, und dann doch nicht mehr so ideal und frei funktionieren. In „love a little“ von Beatrice Minger brechen drei Freunde auf, einen nicht näher benannten Schatz auszugraben, den sie als Teenager verbuddelt hatten. Aus der einstigen Leichtigkeit sind komplexe, ballastbeladene Strukturen geworden. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Vergangenes vielleicht besser begraben bleibt. Das ganze ist hübsch gedreht, aber etwas geschwätzig. In „Krähen schiessen“ von Christie Hürzeler gibt es eine Bildebene, in der Krähen in einem winterlichen Park umherfliegen, und einen narrative Ebene, in der es um nie sichtbare Menschen in diesem Park geht, interessant und experimentell vor allem die oft verrückten Aufnahmen der Vögel und eine wilde Geräuschspur. Nichts für Vogelphobiker. Dunkle Räume, eine melancholische Stimmung und viel nackte Männerkörper in „Tendresse“ von Maxime Rappaz. Ein junger Mann in einem Sexclub, er scheint zum ersten Mal dort zu sein, schleicht zunächst scheu durch die Dunkelheit, und taut langsam auf; die titelgebenden Zärtlichkeit ist allgegenwärtig. Zauberhaft die beiden jungen Männer in „La Visite“ von Alice Fargier, sie stromern durch ein Museum für wissenschaftlich-technische Spielereien, singen, spielen, und erzählen im Off von sich, vom anderen, von ihre Freundschaft, und warum „behindert“ ihrer Ansicht nach, keine gültige Beschreibung ihres Seins ist.

Für das Mittagsprogramm ist es schon schwierig einen Platz zu finden, und dass fast gleichzeitig zwei weitere Filme in den Sälen nebenan anfangen, macht das Gewusel komplett. Eine kleine Bulldogge und drei durchgeknallte Kleindealer, die durch neuen Vertriebswegen mit weniger Risiko mehr Geld machen wollen. “Tomatic“ von Christophe M. Saber ist genauso schräg wie die Geschäftsmodelle, die den Dreien vorschweben. Haschisch in Schokoautomaten, Ecstasy in Kondommaschinen, und die Dealer verkaufen „nur“ das dafür benötigte Münzgeld gegen grosse Scheine. Selbstverständlich funktionieren die Pläne nicht, aber das Scheitern ist sensationell.

Nicole Foelster interviewt in „Eigentlich vergangen“ von 1997 bis 2017 ihre Grossmutter, die nach dem Krieg, als sogenannte Spätaussiedler, aus dem Osten geflüchtet ist. Eine nette alte Dame, ein wenig eigensinnig, Schicht für Schicht entpackt sich dennoch ihre Geschichte, und die hat durchaus Schattenseiten. Die Bildauswahl, aus qualitativ sehr verschiedenem Material, mit Brüchen und Fehlbildern, ergibt auch künstlerisch eine spannende Spurensuche.

Lamaland (Teil1)“ von Pablo Sigg, eine Allegorie auf das Vergehen, Zeit die fliesst indem sie stillsteht. Zwei uralte, schmutzstarrende Zwillingsbrüder, im paraguayischen Dschungel, die Reste dessen was von Nietzsches Schwester und ihrer Idee von einer Arischen Kolonie übriggeblieben ist. Leben und Tod scheinen dort einfach zwei Daseinsformen zu sein, gleichwertig, gleich wahrscheinlich,gleichgültig. Wie in Zeitlupe schleichen sie durch ihre Tage, während drumherum das Grün und der Schmutz wuchern.

Me dasht‘ Me dasht‘ Me dasht’“ von Ilir Hasanaj, was so viel wie: „wollen, brauchen, lieben“ heisst, bezeichnet recht umfassend das Projekt einer gemischt Kosovarisch- Schweizerischen Künstler Gruppe, die eine Performance zum Thema „was glaubt ihr“ plant. Eine Entdeckungsreise von Zürich nach Prishtina und über Belgrad zurück nach Zürich, bei der die sehr jungen Künstler nicht nur ihren Ausdruck finden müssen, sonder sich auch mit sich und ihren Lieben konfrontiert sehen. Und dann ist da noch der Bruder des Regisseurs, der weder mit Kunst noch mit sich etwas zu tun haben will, aber dennoch die Reise mitmacht, und gegen seine eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Ein dokumentarisches, interkulturelles Roadmovie, eine Spurensuche zu möglichen Wurzeln und Kunst im Wandel.

Der soweit persönlichste Film ist “Immer und Ewig“ von Fanny Bräuning. Schon früh erkrankte ihre Mutter an MS, mittlerweile ist sie seit vielen Jahren komplett auf Hilfe angewiesen und vom Hals abwärts gelähmt. Für den Film begibt sich die Regisseurin mit ihren Eltern auf eine Reise im behindertengerechten Campingbus durch Griechenland. Für den Vater kam und kommt es nicht in Frage, seine Frau in ein Heim abzuschieben, wie er das nennt, und so kümmert er sich, auf eine ganz eigene, manchmal fast freche Art um sie. Der Film schafft es, eine Ehe, eine Liebe und ein Familienleben in aller Normalität zu zeigen, auch wenn sich einige Gespräche auch darum drehen, wie es alles anders hätte sein können, oder sein könnte. Kein Film, der Mitleid heischt, sondern der zeigt wie diese Familie in genau dieser Situation funktioniert und sich entwickelt, mit Aufs und Abs. Das restlos ausverkaufte Kino gab minutenlangen Beifall.

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Festivalwermutstropfen: nach 22:30 werden die Bürgersteige in Solothurn hochgeklappt, die Bars der Kinos habe während der Abendvorstellung dicht gemacht, die Restaurants schmeissen die letzten Gäste raus, und nur einige Bars, in denen es entsprechend voll und laut ist, bieten noch Zuflucht.

 

 

 

 

 

Dimensionen

Auch der Sonntagmorgen bietet eher den Anblick einer verschlafenen Kleinstadt, denn eines vor Filmschaffenden brummenden Treffpunkts; die Kinos sind allerdings gut besucht.

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Sinn und Unsinn von 3D Kino zu diskutieren ist vermutlich müssig, der 3D Film „Womb“ des Choreographen Gilles Jobin, ist eher ein Beispiel gegen den Gebrauch von 3D. Der experimentelle Tanzfilm, will mehr als er bietet, zwingt er doch dem Zuschauer die Perspektive aus den Sitzreihen auf, bleibt also im Theater, auch wenn immer mal wieder Füsse der Tänzer ins Publikum ragen. Da wo ein „2D“ Film durch Perspektiven und Winkel dem Zuschauerhirn das Material gibt, den Raum in seiner Ausdehnung zu sehen und damit seine Dreidimensionalität zu kreieren, beschneidet Jobin den Zuschauer, trotz 3D Technik. Der zweite Film im Programm „Project Memory Scan“ von Hans Peter Scheier ist ein grosses Vergnügen. Der Film setzt sich zusammen aus eigenen alten (und nie benutzten) Filmszenen, Photos, Schnipseln und Computereffekten, umrahmt und zusammengehalten von einer Handlung, die den Film als Science Fiction Dystopie zum Thema „Big Brother“ gestaltet. Ein Horrorszenario entwickelt sich, in dem per Injektion von Nanopartikeln und eines Serums Erinnerungen ausgelesen werden können, das ganze als Werbeclip für die Finanzierung des Projekts gestaltet. Grausam und lustig, beängstigend und nachdenklich stimmend.

Ein weiterer Film aus der Rubrik „alte Freunde“ oder „was wurde aus..?“ ist „La preuve scientifique de l’existence de Dieu“ von Frédéric Baillif. Eine Gruppe Rentner, alles ehemalige 68ger Aktivisten, findet sich erneut zusammen, um für eine Volksinitiative für ein Verbot des Waffenexports zu agieren. Obwohl ein Spielfilm, spielen echte 68er Aktivisten, ihre private Erfahrung als Basis für die neue Fiktion. Dem Regisseur gelingt es die Laiendarsteller glaubhaft in seiner Geschichte agieren zu lassen, und dabei trotzdem Anleihen in ihrer Biographie, auch in Form alter Filmaufnahmen der Gruppe, zu nehmen. In der Erzählebene mischen sich das aktuelle, 16:9 Drehformat, mit dem 4:3 Drehmaterial das von den Rentnern in der Geschichte gedreht wird, um mit einem Film für ihre Sache zu kämpfen. Zwei Realitäten ergeben ein Ganzes, das sehr frech und lustig geworden ist, ohne den Grundgedanken des Kampf gegen Waffenexporte aus den Augen zu verlieren. Immer wieder gab es schallendes Gelächter während des Films und ein Applausfeuerwerk am Ende.

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Nach dem leibhaftigen Gott, schlecht gelaunt und wohnhaft in Brüssel, nun ein depressiver Gott mit dickem Bauch, wohnhaft auf Fehmarn. In Kerstin Polte „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden“, frisch mit dem Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnet, verwirrt und entwirrt der griesgrämige „Kerl“ die Geschicke einer Familie, in der nichts wirklich gut läuft. Es gibt die (alt)kluge 11jährige, ihre alleinerziehende Mutter, die ihren Platz in der Welt immer noch sucht, den pingeligen, langweiligen Grossvater und die Grossmutter, die frisch von ihrer Alzheimer Erkrankung erfahren hat; die einen laufen davon, die anderen hinterher, und alle enden in Gottes heruntergekommener Pension auf der Insel. Dank der frisch und spontan agierender Schauspieler kommt dabei ein fröhlicher Film, mit einer Prise Tragik, heraus.

Ein eher freudloser Film ist „Zone Rouge“ von Cihan Inan. Und schon wieder treffen ehemalige Schulfreunde aufeinander; die Nacht nach ihrem 25jährigen Abiturtreffen verbringen sie im Haus einer Mitschülerin. Es wird lange 90 Minuten viel geredet, aber wenig gesagt, die Beziehungen innerhalb der Gruppe waren scheinbar schon in der Schule von Neid und Eifersucht geprägt, aber was wie wo genau, bleibt im Gerede versteckt, auch das böse Geheimnis, das sie teilen, bleibt so nebulös, wie das zweite, hinterher geworfene Geheimnis uninteressant ist. Der kalte Regen draussen hebt dann die Stimmung auch nicht mehr.